Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 624 Dr. Zötocv's MllocvenscvrlN. Nr. 36 die Opem „Der Landfrieden, „Königin Marietta", „Das steinerne Herz", „Gringoire", „Schach dem König", „Der Husar", „Das Ballett-Champagnermärchen", viele Orchesterstücke, Sonaten, Lieder und anderes. In seinem gastfreundlichen Hause verkehrten durch ein Bierteljahrhuudert alle hervorragenden Künstler, die Wien besuchten. Brahms, Goldmark und Rubinstein waren Stammgäste.. In Ignaz Brüll verliert die musikalische Welt einen der ehrlichsten Meister der musikalischen Kunst, verliert speziell Wien einen der liebenswürdigsten und begabtesten Künstler, das Judentum einen feiner besten Söhne. Der deutsche Naturforschernud Aerztetag. Dresden, 17. September. Der heutige zweite Tag der deutschen Naturforscher- und Aerztctagung brachte wieder eine große Reihe interessanter Vortrage in den einzelnen Abteilungen. Die Anwendung von Marmorek-Sernm. In der Abteilung fü innere Medizin referierte Oberarzt Doktor Schenker (Aarau) über seine Beobachtungen in der Tuberkulosetherapie bei der Anwendung von Marmorek-Serum und kam auf Grund seiner Wahrnehmungen zu folgenden Schlüffen: Das Serum Marmorek hat bei Tuberkulose eine antitoxische Wirkung auf den menschlichen Organismus. Das erkennen wir aus der Abnahme, respektive Verschwinden der Tuberkelbazillen im Auswurf der Lungenschwindsüchtigen und im Harnsediment bei Harnblase- und Nicrentuberkulose solcher, welche mit Marmorek-Serum behandelt wurden. Besonders günstig wirkt das Serum bei Lungentuberkulose ersten und zweiten Grades, sowie bei Knochen- und Bauchfelltuberkulose. Tuberkulose leichteren Grades können somit ganz gut ambulatorisch behandelt werden. Bei Lungentuberkulose im dritten Stadium hatte ich so gute Erfolge, wie mit keinem anderen Mittel. Wenn es auch nicht immer heilend wirkt, so kann es doch die Krankheit zum Stillstand bringen und eine Weiterzerstörung des Körpers temporär hemmen. Deshalb kann und soll man das Serum Marmorek in weiter vorgeschrittenen Fällen versuchen, wenn einigermaßen noch Aussicht auf Besserung ist. Je schwerer und hartnäckiger der Krankheitsprozeß ist, desto länger mutz das Serum verabfolgt werden. Die publizierten Mißerfolge kommen wahrscheinlich vom zu frühen Sistieren oder von der unrichtigen Anwendung des Marmorek-Serums her. Auch bei Mischinfektionen erfolgt in vielen Fällen Besserung. Da, wo ausgedehnte, schwere Zerstörungsprozeffe schon vorhanden sind, da wird das Marmorek-Serum nicht mehr helfen. Das Marmorek-Serum, rektal angewendet, hat keine schädlichen Nebenwirkungen. Wie bei anderen Infektionskrankheiten, gegen welche man spezifische Gegenmittel hat, so müffen auch hier die allgemeinen Lebensbedingungen zur Genesung, respektive Besserung günstig gestellt werden. Eine rationelle Pflege und Ernährung des Kranken ist da absolutes Erfordernis. Freiluftkulturen, besonders Sonnenbäder sind notwendig. Will man mit Marmorek-Serum schöne Erfolge erzielen, so soll man die Freilustkur (Heliotherapie) nicht außer acht lassen. Einen wesentlichen Nachteil bat das Marmorek-Serum noch, und das ist sein Geldpreis, denn die Tuberkulose ist eine Volkskrankheit. Es kostet ein Flacon von fünf Kubikzentimeter Marmorek-Serum zwei Mark, und injiziert man einem Patienten pro Tag zehn Kubikzentimeter, macht das vier Mark oder für fünfzig Einlaufe zweihundert Mark. Hier muß noch Remedur geschaffen werden. Ich glaube nicht, daß wir nun im Marmorek-Serum das Non plus ultra zur Bekämpfung der Tuberkulose haben. Und Marmorek glaubt es offenbar auch selbst nicht; denn immer und immer noch ist er bestrebt, dasselbe zu verbessern. Falsche Auslegungen Sachverständiger bei Ritualruordauklagen. Professor Dr. Kenyeres (Klausenburg) hielt einen Vortrag über falsche Auslegungen Sachverständiger bei einer Ritualmordanklage der Vergangenheit. Wie die Strafprozesse von Könitz und Polna beweisen, ist der Aberglaube des Ritualmordes noch immer nicht erloschen. Die allgemeine Aufklärung, die ihn aus der Welt schafft, wird sicher noch lange auf sich warten laffen. Bis dahin hat die Wissenschaft die Pflicht, einesteils eventuell vorkommende, verdächtige Fälle der Wahrheit gemäß zu klären, andernteils die Fälle der Vergangcnhest. die eventuell als Beispiele herangezogen werden könnten, zu beleuchten. Von großer Bedeutung in dieser Beziehung ist das Werk des Reichstagsabgeordneten Karl v. Eötvös, welcher den weltberühmten Prozeß von Tisza-Eszlar in aktenmäßiger Klarstellung enthält. Vortragender erläutert einen von Eötvös erwähnten-Fall aus der Vergangenheit. Im Jahre 1764 verschwindet ein Knabe von stuf Jahren und wird am dritten Tage al- Leiche im Walde gefunden. Der Verdacht eines Rttualmordes wird besonders dadurch bestärkt, daß Sachverständige am Körper hebräische Buchstaben erkennen. Der Verdacht ist so stark, daß bei zwei Verdächtigten auf ein Verhör unter Zsirtteranwendung erkannt wird. Einer beendet im Laufe der Untersuchung fein Leben im Kerker, der andere und die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Der Vortragende beweist an einem Oelgemälde, welches seinerzeit von der Leiche verfertigt wurde, daß die verdächtigen Zeichen einfach Leichenerscheinungen sind. In einem weiteren von Eötvös erwähnten Fall folgerten die Sachverständigen einfach daraus, daß die Kopfschlagader leer gefunden wurde, auf das Blutabzapfen. Auch im Prozesse von Tisza-Eszlar ließen sich die sachverständigen Aerzte durch Leichenerscheinungen irreführen. Der Verteidiger E tvös hat mit bewunderungswertem Scharfsinn die Fehler der Sachverständigenbeweise entdeckt und die Revision ihrer Tätigkeit erwirkt. Zur Geschichte des Zionismus. Als ein interessanter Beitrag zur Geschichte des Zionismus wird der „Voff. Ztg." folgender Brief mitgeteilt, den der Reichsfreiherr von Monstr, über den nichts näheres bekannt ist, unterm 15. Februar 1785 an Moses Mendelssohn gerichtet hat. Er macht hierin den etwas utopistischen Vorschlag einer jüdischen Ansiedelung auf einem freien, reichsunmittelbaren Territorium, dessen Lage nicht näher angegeben wird. „Ihre Nation, mein Herr, ist in der ganzen Welt mehr oder weniger unterdrückt; in keinem Lande genießt sie bürgerliche Rechte, in allen ist Ihnen die Zuziehung zu öffentlichen Aemtern und Geschäften versagt. Wollen nun etwa hundert Familien Ihrer Nation zu mir kommen, so sollen sie die Hälfte des zur Stadt bestimmten Grundes erb- und eigentümlich gegen einen mäßigen Grundzins und eine dem Werte des Grundes proportionierliche Summe haben; die andere Hälfte gebe ich Christen, weil Ihre Leute sich mit vielen Sachen nicht abgeben, die doch notwendig sind. Die Landeshoheit und einige Vorzüge behalte ich. Keine Lasten, Akzisen und dergleichen nie: eine, Art von Magistrat, welcher aus einer gleichen Anzahl Juden und Christen bestehen soll und in welchem ich den Vorsitz behalte, soll alles bestimmen, was zur Unterhaltung der öffentlichen Bedienungen und Gebäude erfordert wird. Kurz ver Punkt und die ganze innere Verfassung, welche die Rechte der Untertanen und des Herrn auf ewig bestimmt,, soll festgesetzt werden, sobald ich mit einer gewissen Anzahl Familien kontrahieren kann; denn mit einzelnen würde ich mich nicht einlassen. Ich rechne, daß 300 bis 400 Häuser Platz hätten; die Hälfte also für Juden. Zum Handel ist wohl keine bessere Gelegenheit in Deutschland; Freiheiten werden nirgends mehr gegeben werden. ... Reichtum verlange ich nicht dadurch zu erlangen, nur Gelegenheit, einige Menschen glücklich zu machen und die Gewißheit der Welt zu geben, daß doch noch ein Fleckchen auf dem Erdboden ist, wo wahre Freiheit ist, wo der Mensch denken und sagen darf, was er will " Mendelssohn bleibt demgegenüber etwas skeptisch. Er will den Plan einer Gesellschaft aufgeklärter Freunde, zu denen auch Dohm zählt, anvertrauen. Er halte freilich eine öffentliche Bekanntmachung des Planes für geraten. „Ich setze voraus", meint Mendelssvhniweiter,' „ddß-Sie von ' Seiten des Kaisers und des Reiches gesichert sind und von keiner benachbarten Macht etwas zu befürchten haben, und daß Sie dafür die Gewähr zu leisten imstande sind, so werden Sie Subjekte genug finden, die sich Ihnen in die Arme werfen und die Bedingungen, welche Sie ihnen vorschreiben, herzlich gern annehmen werden." Monstr spinnt seine Pläne noch eine Weile fort, ohne sie jedoch zur Ausführung bringen zu können. „Die Ehre." Der feinsinnige Marburger Aesthetiker Dr. Hermann Cohey hat der soeben erschienenen 2. Auflage seines viel beachteten Werkes „Die Ethik des reinen Willens" u. a. ein Kapitel über die Ehre eingefügt, dem wir die nachstehenden Ausführungen entnehmen: „Unter allen Angriffen auf die Ehre dürfte kaum einer tiefer und innerlicher den Angegriffenen verletzen, als der Judenhaß in seinen verschiedenen Formen und Nuancen. Shakespeare hat daher auch geglaubt, die Reaktion dagegen als einen weltgeschichtlichen Affekt verewigen zu dürfen. In der Tat, für einen Juden, der auf Grund geschichtlichen Verständnisses den Anteil kennt und mit natürlicher Pietät würdigt, welchen der Gedanke des Prophetismus an der Erziehung des Menschengeschlechts hat und in alle Ewigkeit haben wird; für ihn, als Kulturmenschen, kann cs keinen tieferen Schmerz geben, als der durch den Undank gegen den ewigen Juden verübt wird. Würde das Vaterland in ähnlicher Weise verleumdet, so würde dieser Schmerz der gleiche werden. Hier handelt es sich nicht um die Ehre einer atavistischen Gemeinschaft, sondern um eine solche, welche als eine echte Vertretung der sittlichen Allheit sich fühlt; freilich, in wie weit diese durch die Religion vertreten werden kann. Es tritt unvermeidlich auch hier der Konflikt zwischen Religion und Ethik ein. insofern der Staat allein die Allbeit zu vertreten hat, während die Religion in Rücksicht auf ihre angebliche Wahrheit Allheit bedeuten will. Indessen vermag der Staat doch auch nur dadurch Allheit zu bedeuten, daß er konzentrisch dem Staatenbunde der Menschheit eingeordnet ist. Das aber ist der Sinn der Religion der Propheten, und darauf beruht der Fortbestand des Judentums, daß es den Staatenbund der Menschheit vorbereitet in der messianischen Idee der vereinigten Menschheit. Es ist nicht die Anhänglichkeit an einen Stamm und an eine tausendjährige geschichtliche Besonderheit, welche das geschichtliche Rätsel von dem Fortbestände des Judentums zu erklären vermöchte; sondern es ist die Kraft der Ueberzeugung, daß eine Art von wahrhafter Allheit durch diese geschichtliche Idee vertreten wird. Aus dieser Allheit stammt die Ehre, die der