Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021749--16692-3041527
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 622 Dr. Llocv's Mscvenscbrm. Nr. 38 Irrdas Zscharrol. Kala« und Peuina. In der Septembernummer lausenden Jahres der Monatsschrift „Die Lyrik", welche in Berlin erscheint, wird von einem der Redakteure, dem Herrn Dr. Hölfch e r, ein neues Buch angezeigt und besprochen. Der Titel des Buches lautet: Judas Jschariot. Eine dramatische Rettung in 5 Akten von Dr. Erich von Beaulie, Osterode a. H. Straßburg im Elsaß und Leipzig, Verlag von Josef Singer, Hofbuchhandlung 1907. Der Rezensent schreibt über das Buch: „Es ist interessant, zu beobachten, wie man heutzutage allenthalben wieder anfängt, sich in der Dichtkunst mit historischen und besonders mit biblischen Stoffen zu beschäftigen. Die Epoche jenes krassen Naturalismus, der uns allmählich die ganze Welt zum Armen-, Siechen- oder Irrenhaus machte, scheint vorüber zu sein. Ueberall bemerkt man ein Zurückschwenken zu idealen und historischen Problemen. Nach der grauen Prosa, die uns Jahre lang umgab, tritt die Poefie wieder in ihre Rechte ein, die Poesie, d. h.: die Kunst, die geheimen Schwingungen der Seele in Worte zu fassen. Jedoch hierbei zeigt sich, daß auch diese verflossene Kunstrichtung nicht ohne Einfluß gewesen ist. Als reife Frucht hat sie uns die intensive geistige Durchleuchtung und Erforschung der individuellen Seele innerhalb ihres Milieus hinterlassen. Die Charaktere, die uns von Jugend auf oftmals in einer bestimmten Beleuchtung bekannt waren, erscheinen jetzt, durch das Auge des Dichters gesehen, in neuem Lichte. Ihre Taten find nicht mehr rein historische Fakta, die wir hinnehmen, ohne darüber zu grübeln, wie sie möglich waren, die wir gewissermaßen nur deshalb gelernt haben, um nun stolz ein Urteil über den Täter abgeben zu können. Ja, fast umgekehrt: ihre Taten, durch die sie erst bekannt, berühmt oder berüchtigt geworden sind, interessieren kaum noch. Wir befassen uns mit dem individuellen Charakter des Täters. Den erforschen wir, sezieren wir und — begreifen nun, weshalb dieser Mensch so handelte, so handeln mußte. Nicht um die Tat gruppiert sich unser Jnteriffe, sondern um den Täter: die Epoche der „Ehrenrettungen" ist da." — — — — — — — — — — — Dr. von Beaulie hat es unternommen, den Judascharakter zu erklären, diesen merkwürdigen Menschen, dessen innerer Zwiespalt uns schon von Kind an bewegt hat. Der Herr findet ihn würdig, sein Jünger zu sein und er — verrat ihn! Wie konnte das geschehen? War Jesus nicht der allwissende Gottessohn, der dem Judas nicht ins Herz schauen konnte? Oder war dessen Gier nach Geld so groß, daß er alles darum preisgab? Oder aber schlummerten in seiner Seele Ideen, so groß, daß der Verstand der Evangelisten nicht an ihre Höhe heranreichen konnte? Dies Letzte nimmt der Verfasser an. Judas begeht seinen Verrat nicht um schnöden Lohn. Er ist ein begeisterter Anhänger des Herrn, schwärmerisch, phantastisch veranlagt. In seiner Seele haben die Weissagungen des Alten Testaments ein Bild von dem Messias geschaffen, das ihm als den großen, mächtigen, alles überwindenden König des neuen Judenreiches erscheinen läßt. Und dieses Bild ist noch plastischer geworden durch die oft mystischen Andeutungen des Herrn von seiner Mission auf Erden. Aber die Wahrheit sieht ganz anders aus. Zwar fällt ein Teil des Volkes dem Herrn zu, aber keineswegs das ganze. Und auch die Macht und Herrlichkeit fehlt. Wunder geschehen wohl und Zeichen, aber keins ist so groß, daß man es für ganz absonderlich halten könnte. Judas beginnt zu zweifeln. Hierzu kommen die Konflikte daheim: Der strenge Vater droht, den abtrünnigen Sohn zu verstoßen; die Geliebte Josephs, die Tochter des Hohenpriesters Kaiphas, scheint unerringbar. solange der Vater in erbittertem Haffe gegen den neuen Propheten verharrt. In diesem Zustande seelischer Erregung und Qual fällt in Judas Seele der Gedanke: Wenn der Herr das größte Wunder beg'nge, wenn er von den Toten auferstünde, dann müßte alles Volk an ihn glauben, auch der trotzige Vater, auch der stolze Kaiphas. Und kaum hat diese Idee einmal in ihm Wurzel gefaßt, da kann er sich nicht mehr von ihr losmachen. Der Schwärmer, der Phantast sieht nur noch das ersehnte Ziel, nichts anderes mehr. Er denkt nur noch: Ich muß das Werkzeug sein, das das herrliche Wunder herbeiführt, das Wunder, das der Herr ihm selber verheißen hat. Und so verrät er seinen Meister. Doch kaum ist die Tat getan, da sieht er seinen grausigen Irrtum ein: der Herr war tot und stand nicht von den Toten auf. Und nun bricht alles mit ihm zusammen, sein Glaube, seine Hoffnung, sein Lebenszweck. Nun kann er nur noch selber Hand an sich legen, um das verpfuschte Leben zu enden. Und wir verdammen nicht mehr den feilen Verräter, wir fühlen nur noch Mitleid mit dieser irrenden Seele, die Rettung ist gelungen." Wahrlich, ein interessantes Buch und eine interessante Besprechung. Interessant ist es aber auch zu wissen, daß die Grundidee dieses dramatischen Werkes, einer von der Geschichte oder Sage gebrandmarkten Persönlichkeit eine Ehrenrettung zuteil werden zu lassen, in der talmudischen Poesie vorzukommen pflegt. So findet sich im Traktat „Baba Batra“, Folio 16 folgender Gedanke ausgedrückt: Der Satan sowohl mit seiner erhobenen Anklage gegen Hiob (Hiob, Kap. 1 u. 2) wie auch Penina, die ihre Rivalin Chana dem I. Buche Samuel, Kap. 1 zufolge kränkte, sie beide taten es in der besten Absicht. Als nämlich der Satan merkte, daß der Weltenkönig den Hiob in solchem Maße lobte, daß anzunehmen war, seine Tugenden übersteigen schon die des Abraham, dachte er bei sich: cs scheint, der Weltenkönig wolle dem Abraham die Freundschaft kündigen und den Hiob vorziehen, und so ließ er sich herbei, auf die mögliche Fehlbarkeit Hiobs hinzuweisen. Penina hinwieder schmerzte es tief, daß ihre Rivalin Chana kinderlos bleiben sollte, und so neckte sie sie immer damit, auf daß sie nicht vergesse, von Gott ein Kind zu erbitten. In diesem Sinne trug Raw Acha vor; da kam der Satan und küßte ihm die Füße dafür, nämlich für diese Ehrenrettung. „Ja, wende sie und wende sie, denn alles ist in ihr." Dieser rabbinische Ausspruch gilt nicht bloß von der Thora, die tatsächlich auch bereits Anregungen zu den schönsten dramatischen Werken gegeben hat, wie z. B.: Hiob zu Goethes Faust, sondern auch vom Talmud kann dies behauptet werden. Auch aus dem Talmud könnte mancher Vorwurf zu den herrlichsten Werken der Poesie und Dramatik geschöpft werden. Mähr.-Weißkirchen, 13. September 1907. Dr. Rabbinowicz. Vom Jahrmarkt des Lebens. Adolf Crvmieex über die Judenkrawalle in Rumänien iw Jahre 186«. Angesichts der Vorgänge in Rumänien dürften die Briefe Ad. Crsmieux', die er im Juli 1866 anläßlich eines Judenkrawalls in Bukarest an den Herausgeber des „Siöcle" richtete, ein besonderes Interesse beanspruchen. Wie heute, so war es auch vor 40 Jahren die sogenannte liberale Partei, die „auf dem Standpunkte des' 15. und 16. Jahrhunderts" stehend die Bewegung gegen die Juden hervorrief. Was jedoch die Gegenwart von der Zeit vor 40 Jahren unterscheidet, ist der Umstand, daß damals fast alle Regierungen der zivilisierten Nationen einmütig gegen diese Verfolgungen Stellung nahmen, während man heute trotz Art. 44 des Berliner Vertrages von 1878 Rumänien gewähren läßt. Damals richtete die englische Regierung an ihren Generalkonsul „zur Beschützung der Juden die dringendsten Instruktionen". Die ftanzösische Regierung depeschierte an den Generalkonsul am 17. Juli: „Benachrichtigen Sie die Juden, daß Frankreich sie unter seinen Schutz nimmt und sagen sie der Regierung, daß Frankreich einem Lande seine Unterstützung nicht gewähren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.