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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 618 Sr. Mocv s MocvensLvrltt. Sir. 38 Juden zu Jlzstadt-Passau an dem hochwürdigen Sakrament verübt haben", zu glauben. Was man trn stelzigen Stil des Mittelalters mit Kopfschütteln hinnimmt, im Hochdeutsch oes zwanzigsten Jahrhunderts serviert, erregt es physisches Unbehagen. Wir sehen darin einen freundnachbarlichen Wink, gegen einen solchen „Passauer Einfall" rechtzeitig die Tore zu sperren. Hat doch Passau in gleichem Zusammenhang ichon einmal für Oesterreich traurige Bedeutung erlangt. Die Handschrift 350 unserer Wiener Hofbidliothek weiß davon zu erzählen. Im Jahre des Heils 1336 wurden in Pulka, also nicht gar weit von Wien, die Juden von den Priestern der Hostieuschänduug beschuldigt und grausam niedergemetzelt, ohne daß der Bischof von Passau, zu dessen Diözese Pulka gehörte, eingeschritten wäre. Herzog Ulbrecht II. meldet dem Papste Benedict XII. den Vorfall und spricht die Ansicht aus, es sei nur auf den Raub des Judengutes abgezielt worden. Zu Neuburg und Werhatsdorf habe nämlich ein Priester eme nicht geweihte Hostie mit Blut gefärbt und ausgesprengt, die Juden hätten sie geschändet. Em grausiges Judeumordeu war der Erfolg. Als nun nach einiger Zeit diese Hostie von Würmern zerfressen worden, habe derselbe Priester eine andere nicht konsekrierte Hostle gleichfalls mit Blut besprengt und au die Stelle der erstereu gelegt. Hierbei wurde er ertappt, und, dem Bischof von Passau vorgeführt, habe er alles gepanden. Die Hostie werde aber von den Gläubigen, die von dem Betrüge nichts erfahren, noch immer höchlich verehrt. Da nun rn^Liuz, in derselben Diözese, das gleiche Mittel versucht wird, um die Juden zu vertilgen und zu berauben, bittet der Herzog das Oberhaupt der Kirche, hier einzuschreiten. Der Papst erwidert in der Bulle „Ex zelo fidei“, Avignon, den 29. August 1338, er habe dem Bischof von Passau die Untersuchung der Sache aufgetragen. In einer zweiten Bulle befiehlt er dem Bischof, „die Urheber jener so verabscheuenswerten, erdichteten Ruchlosigkeit (tarn detestabilis commentae nequitiae), durch welche die Nieöermetzelung und Beraubung der Juden herbeigeführt worden, mit solcher kanonischen Strenge zu bestrafen, daß ihre Strafe anderen zur Besserung und Abschreckung diene. Die Hostien soll er aus den genannten Kirchen entfernen." Von dem Ausgange der Untersuchung und einer Bestrafung der Mörder und Räuber schweigen die Chronisten. — Diese Judenverfolgungen waren nach bairischem Rezept gebraut. Wenige Monate vorher, am 30. September 1337, hatten in dem bairischen Städtchen Deggendorf die Bürger rm Vereine mit einem Ritter aus der Nachbarschaft unter der gleichen Beschuldigung die Juden Überfällen, ermordet und beraubt. Am 14. Oktober 1338, zwei Monate nach jener Bulle Benedikts XIII., stellt (l) Herzog Heinrich von Landshut den wackeren Deggendorfern eine Urkunde aus, in der er ihnen „seine und seines Landes Huld gar und gänzlich gibt darum, daß sie seine Juden in Deggendorf verbrannt und verderbt haben" und ihnen noch überdies alles, was sie diesen Juden öffentlich oder heimlich abgenommen oder was sie ihnen schuldig waren, als ihr Eigentum zugesichert. Zur Verewigung der Heldentat wurde eine Kirche erbaut, zu der seitdem aus allen Teilen des frommen Vaterlandes zahllose PUger wallfahrteten. Noch im Jahre 1785 zählte man 50.000 solcher Gäste in Deggendorf. Nur einmal drohte der Strom der Pilger und der Weihegabeu zu versiegen. Das war nach dem Tode des Papstes Bouifaz VIII., der den Deggendorfern 1471 einen ganz vorzüglichen Jndulgenzbrief erteilt hatte. Mit vielen Anstrengungen erlangten sie aber von Juuocenz VIII. eine neue Bestätigung. Zum ewigen Angedenken der jüdischen Ruchlosigkeit wurde auch in der Art der „Ostern-" und „Weihnachtsspiele" der Deggendorfer Judenmord dramatisiert. Und dieses Schauerspiel „Der Religionseyfer oder Ausrottung der Juden in Deggendorf anno 1337" ist im 19. Jahrhundert neu aufgelegt und zur Aufführung empfohlen worden! Es schließt salbungsvoll, mit dem Wunsche: „Ehre sei dem Herrn in der Höhe und Friede Euch und allen eifrigen Christen auf Erden!" Ja, noch heute wird in der Deggendorfer Kirche nicht nur ganz, wie in Jlzstadt-Passau, das bei dem „Verbrechen" verwendete Messer, sondern selbst die nunmehr 600 Jahre (!) alte, wohlerhaltene (!!), damals angeblich von den Juden durchbohrte Hostie gezeigt und durch aufregende Bilder für das Fortwuchern der alten Giftsaat gesorgt. Ein Unfug, der vor einigen Jahrzehnten Ludwig Steub zu einer heftigen Polemik gegen den Bischof von München-Freysing in der — damals noch Augsburger — „Allgemeinen Zeitung" auf den Plan rief. Auch im Münchener Nationalmuseum werden, wie wir von vertrauenswürdiger Seite erfahren, aus einem mittelalterlichen Antipendium Juden dargestellt, wie sie von einer Brücke Stücke einer Hostie in den Fluß werfen. -i- * * Vor wenigen Jahren hat in München der Staatsanwalt gegen das öffentliche Feilbieten von Ansichtskarten mit der Blutmär Simons von Trient einschreiten müssen. Die geschäftigen Verbreiter dieses Artikels dürfen wenigstens die Zubilligung guten Glaubens für sich in Anspruch nehmen. Die Akten des merkwürdigen Prozesses „Simon von Trient" harren ja noch immer einer wissenschaftlichen Bearbeitung. Daß aber aus einer Hostie Blut zur Erde geströmt sei, selbst die ausschweifendste Phantasie kann in g u t e m Glauben darauf nicht verfallen! Der Jude, der in der Hostie den Leib Christi schänden sollte, müßte doch erst auf dem Boden des Dogmas von der L-ranssubstantiierung stehen! Ein rein chemischer Vorgang bei der Zusammensetzung stickstoffhaltiger Stoffe, die Erzeugung des Nieroeoeens prodigiosus, eines blutähnlichen Pilzes, mußte, an einer Hostie wahrgenommeu, in Ermanglung eines stichhaltigeren, den Vorwand abgeben, so viel unschuldiges Blut zu vergießen und mit Billigung der höchsten Instanzen unter dem Schein des Rechtes und des religiösen Eifers im vollen Lichte der Oeffentlichkeit Raub und Plünderung zu begehen. Die traurige Renaissance, die auf diesem Gebiete, und nicht vereinzelt, betrieben und gefördert wird, erinnert an die Worte des Römers in „Julius Cäsar" dort, wo das Blutwunder auf dem Kapitol von der abergläubischen Menge eifrig gedeutet wird: „Wenn solche Zeichen Zusammentreffen, mag wohl mancher sagen: Das ist natürlich und dies sind die Gründe. Ich aber sage: es ist V o r b e d e u t u n g!" Caveant consules! „Das Zeichen an der Kruft de» Zaren". Kaum waren während des mandschurischen Krieges die russischen Hooligans mit dem furchtbaren Gemetzel im Ansiedlungsrayon zu Ende, welches das Gefühl aller Kulturmenschen in Starrkrampf versetzte und sogar katholische Bischöfe zu Worten des Mitleids veranlagte, als sich schon, wie nach jeder Heldentat des Antisemitismus, jener jüdische Redner einsand, der sich immer gleich bleibt, um jene Rede zu halten, welche immer dieselbe ist: Wir hätten es mit dem letzten, unwiderruflich letzten Aufflackern der Barbarei zu tun, aber das zwanzigste Jahrhundert werde sich nicht aufhalten lassen in seinem unwiderstehlichen Beginnen, die Kultur zur Generalregentin von Europa einzusetzen. Dieses Schlummerlied des Egoismus, welcher Ruhe haben und sich dafür entschuldigen will, daß der arme Verwandte mehr Trost als Geld bekam, hat sich als ebenso berechtigt erwiesen, wie das Schlummerlied für Kinder, denen die singende Mutter verspricht, daß sie Grafen sein werden. Man glaubte, daß sich der Zarismus im Bösen bekehren werde, wenn er es nicht im Guten täte. Daß das hungerige russische Volk sich ebenso am Blute sättigen werde, wie

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