Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Lwco s Mocverrscvrin. Sette 813 schenkels für die minder zu empfinden. Schon brach die Dämmerung ein, als Chawa in das dem Kazmierz angrenzende Dorf kam. Ueber einen Graben gehend, hörte fie ein lautes Schnarchen und unweit sah sie ein Pferd, das über das Feld einen umgekippten Wagen schleppte. Sie dachte sich gleich, daß der besoffene Franck in solch fürsorglicher Weise den brieflichen Gedankenaustausch fördert, zugleich aber fielen ihr deffen Peitschenschläge ein und flugs rannte fie von dannen. Du wärst, lieber Leser, im Irrtum, wenn Du meintest, daß unter dem Einflüsse dieser Szene Chawa darüber nachdachte, welchen Kaprizen des Zufalls unsere Korrespondenz ausgesetzt ist. Nicht im Geringsten; fie dachte ganz einfach darüber nach, wie glücklich dieser Franck ist, da er Briefe austrägt und in Polanowka einen Rubel für den Weg bekommt. Als fie einen Lichtschimmer im Fenster ihres Hauses bemerkte, empfand sie einen angenehmen Schauder, der ihren Körper durchrieselte. Seit Langem kehrte fie nicht mit so reichlichem Verdienst heim, seit Langem konnte fie nicht eine solch auserlesene Mahlzeit ihren Kindern bereiten wie heute. Hauptsächlich freüte es fie, daß der zehnmonatliche Jak, den man den ganzen Tag mit Kartoffeln beruhigte, endlich einmal etwas seinem Alter Entsprechendes essen werde. Um die Zeit nicht zu verlieren, lief sie vorerst auf den Ringplatz, kaufte einen Liter Mehl, für drei Groschen Butter, ein Viertel Milch und eine Feige. Schon von der Ferne hörte sie das verzweifelte Geschrei der Kinder. Die Mutter einer anderen Gesellschaftsschichte würde sicherlich erschrecken, in der Meinung, es sei in ihrem Hause ein Unglück geschehen. Chawa wußte, daß es nur der Chor der vier hungerigen Mägen sei. „No, still, still mein Kleinchen," ries fie, ins Zimmer tretend, in dem zwei Knaben in den Ecken schluchzten und das Mädchen den am meisten schreienden Jak zu besänftigen sich mühte. Chawa küßte ihn, legte ihm in den Mund eine Feige, unter die drei andern verteilte sie das nicht angebissene Bretzel und beruhigte so das ganze Nest. „Wo ist der Vater?" fragte fie die älteste Tochter. „Ist weggegangen eine Trauung geben, wird aus der Hochzeit sein." „Hat er nichts gekocht?" „Hat nichts gegessen." Noch war keine Stunde verstrichen, als die behendige Chawa mit ihren Kindern zum seltenen Mahl — Klößchen mit Kartoffeln und mit Butteraugen verziert — sich niederließ. Die Klößchen waren der wichtigste Leckerbissen dieses Mahles, denn das Budget der gewöhnlichen Tagesausgaben, das sich auf fünfzehn Groschen täglich beschränkte, gestattete nicht einen derartigen Luxus. Kartoffeln, Gerstengrütze, das waren die gewöhnlichen Nahrungsartikel in der Familie der Rubine. Welch ergötzlichen Traum Chawa in dieser Nacht träumte, dies zu schildern ginge über meine Kräfte. Es war der Traum eines Glücklichen, der aus der Lotterie gewonnen, eines Bettlers, der einen Sack Goldes gefunden, oder, wie ich es sagte, einer Wölfin, die einen kaum angebissenen Ochsenschenkel in die Erde vergraben hat. „Wo treibst Du Dich herum?" brummte tagsdarauf Symcha. „Du hast keinen Mann, hast keine Kinder, gehst Dir spazieren. Etwas verdient?" Chawa schwieg, um ihr Vermögen nicht zu verraten, damit der Mann, der schon seit drei Jahren von der Anschaffung einer neuen Bekesche träumte, ohne welche er seine bürgerliche Würde nicht anständig zur Schau tragen konnte und die das Haus aufzufrischen hätte, diese Gelder nicht für sich einstecke. „Du bist eine vornehme Frau," sagte er weiter, „Du kaufst für Dich Störe." „Was wird's mit dieser Hälfte werden, wer wird's nehmen? „Werd's schon verkaufen," sprach Chawa kurz und entfernte sich, mit sich den Rest des Fisches nehmend. Fast alle Häuser hatte sie besucht, als fie aber im Gedanken die Ereigniffe des verstrichenen Tages Revue passierte, kam ihr, dank des Vorfalles mit Franck, die Post in den Sinn. Zwar deckte Chrzonstkiewicz die Ausgaben der Wirtschaft durch Kredtt und bezahlte nicht die Schulden, aber zeitweise, wenn er hatte, hauptsächlich, wenn irgendeine Bäuerin ihrem beim Militär dienenden Manne Geld schickte, da kargte er nicht mit Ausgaben für's Haus und bezahlte bar. Anfangs fürchtete sich Chawa vor einer Streiterei mit Franck, dann aber beruhigte fie sich, indem fie sich sagte, daß Franck gegenüber dem Herrn Chrzonstkiewicz nicht derselbe sei, wie auf dem Wege nach Pulaw. Sie ging. Das Posthaus stand am Kazmierz, auf einem hohen Berge, wahrscheinlich deßhalb, damit die zwei Gäule des Herrn Chrzonstkiewicz, eingespannt in das extrapostalische Fahrzeug im Galopp von der Stelle einhertraben und dem Paffagier wenigstens für einen Augenblick demonstrieren, daß fie nicht so phlegmatisch find, wie fie ausschauen. Chawa war noch am Fuße des Berges, als die greuliche, donnernde Flüche schleudernde Stimme des Postmeisters hörbar wurde. In einem solchen Augenblicke mit einen Stör ankommen, war nicht ratsam, aber nicht zu erfahren, um was es sich handle — unangenehm. Deßwegen schlich sich Chawa nach einem Augenblicke des Nachdenkens in ein Gebüsch und begann unter deffen Schutz vorsichtig den Berg hinaufzugehen. Nach jedem Schritte erkannte fie umso deutlicher die Ursache des Streites. »In Fesseln sollte man Dich Wersen," schrie Chrzonstiiewicz, „wo hast Du die zwei Briefe hingetan, Verbrecher? Warum ist der ausgeschnitten? Wo warst Du bis Früh? Glaubst Du, Hallunke, daß ich für Dich verantworten werde? Faulen wirst im Kriminal und die Welt nicht sehen, ja, faulen wirst Du, Hund . . . ." Diesen Worten folgten Schläge, ein schreckliches Gebrüll, ein Ringen und endlich das Fallen eines Körpers, der das Gebüsch zerteilte und auf die hinter diesem versteckte Chawa fiel. Es war dies Franck, der sich vor den Nachstellungen des Postmeisters flüchtete. Die Jüdin schrie aus und lief, aus einer natürlichen Erregung heraus, dem Verfolger entgegen. „A, der Dieb," rief Chrzonstkiewicz keuchend, als er fie erblickte, und an der Stelle stehen bleibend, sagte er, „ich werd' ihn noch kriegen." „Was hat er gestohlen?" fragte Chawa zitternd. „Die Post, die Briefe zerschnitten, verloren oder vernichtet. O, das wird ihm nicht geschenkt," schrie Chrzonstkiewicz, mit dem Stocke auf die Erde schlagend. „Andreas! Geh in die Stadt und bring' ein Buch Papier, sofort schreibe ich den Rapport." Während Andreas um Papier ging und sein Herr sich in die Kanzlei einschloß, um über den Rapport nachzudenken, schlich sich Chawa in die Küche ein. Gekränkt über das Borgefallene, konnte die Posthalterin anfangs von nichts anderem reden, aber sachte ließ fie sich doch auf die Fischangelegenheit hinüberleiten. „Ich würde schon kaufen," sagte fie, „wenn mir Fercio Geld geben sollte. Aber ich fürchte, dieser Schelm hat die Post beraubt, vielleicht war auch etwas für uns, ein großer Schaden. . . ." „Er hat geraubt," tröstete Chawa, „er wird ins Kriminal kommen. No, eine Kränkung, aber was find die Herrschaften daran schuld?" „Wie viel Pfund find in dem Stücke?" „Fünfundzwanzig oder mehr. Ich werde nicht teuer verkaufen." Plötzlich öffnete sich die Türe und herein fiel Chrzonstkiewicz. „Hast Du Zeit, Symchowe?" fragte er. „Warum?" „Der Herr Kaps aus Uscionsz schrieb mir gestern, daß man ihm sofort einen Brief bringe, wenn er ankommen sollte.. Dieser Gauner ist erst heute mit der Post gekommen, ich habe