Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 612 Dr. Llocv's Mlocvenscdrm. Nr 87 aber war die Beteiligung der befreundeten Verbindungen, die aus allen Richtungen herbeigeeilt waren. Es waren vertreten: die jüdischakademischen Verbindungen „Jvria" (Wien), „Unitas" (Wien), „Veritas" (Brünn), die Ferialverbindungen „Achiwah" (Ungarisch- Hradisch), „Hermonia" (Gaya). „Maffada" (Prerau) „Giskallah" (Proßnitz)..„Afftd" (Kremsier). Als Vertreter des innerösterreichischen Distriktskomitecs war Dr. Kubisch—Wien erschienen. Der * cand. pbil. Hugo Ster» hielt die Eröffnungsrede, in der er in formvollendeter Werse einen Rückblick auf die fünf Wnkungsjahre der Verbindung hielt. Nachdem das Bundeslied der „Gamala" verklungen war, hielt A. H. Viktor Koh« die Festrede. In dieser äußerst imposanten Rede legte er die Prinzipien und den gegenwärtigen Stand des Zionismus auseinander, widerlegte alle Einwände unserer Gegner und übte auf die andächtig lauschenden Zuhörer einen mächtigen Eindruck aus. Im Namen der israelitischen Kultusgemeinde sprach Kultusvorsteher Dr. Köru«, der in vornehmer Weise die jüdische Jugend zu ihren Idealen beglückwünschte. Einen glänzenden Eindruck machte die feinpointierte Rede des langjährigen Gönners der „ Gamal a", Herrn Dr. JosefWrnter aus Ung.-Hradisch.sJn der ihm eigenen forn'.vollendeten Weise trat Herr Dr. Winter für den Zionismus ein und erntete langanhaltenden wohlverdienten Beifall. Im Namen der ständigen Verbindungen sprach Bb. cand. med. Theodor Koh« („Unitas"), für die Ferialverbindungen Bb. cand.jur. Karl Souuenfeld (..Achiwab). Zum Schluß sei noch der Damentoast des Bb. etud. ing. Julius Golbschmibt erwähnt, der in launiger Weise den Ueberaang zum inoffiziellen Teile besorgte. Der darauf folgende Tanz hielt die Anwesenden bis in die spaten Morgenstunden beisammen. — „Der am 3. September a. c. abgehaltene Wahlkonvent ergab folgendes Resultat: eand. ing. Siegfried Steinitz, *, cand. phil. Gustav Drechsler **, cand. pdit. Siegfried Holz ***." Pikse«. Der Inhaber der in Prag, Obstmarkt, bestehenden Tuch-Firma Kohn & Komp, hat am ersten Neujahrstage bei einem jüdischen Kaufmann in Pilsen eine Pfändung vorgenommen und es bewirkt, daß letzterer am Neujahrstage den Konkurs anmelden mußte. Der betreffende Herr hat sich überdies gerühmt, daß er vvrkommendenfalls auch am Jomkipur-Tage das Gleiche tun würde. Grotz - Euzersdorf. (Konstituierung des Kultusgemeinde - Vorstandes.) Donnerstag den 5. d, M. trat der am 21. August l. I. neugewählte Kultusausschuß zu seiner Konstituierung zusammen. Es wurden gewählt: Als Präses: Herr Heinrich Reichsfeld, Getreide- Händler; als Vorstand-Stellvertreter: Herr Moritz Mandl, Getreidehändler: als Beirat: Herr Moritz Mandler, Viehhändler, sämtlich aus Groß-Enzersdorf. Als Ausschußmitglieder verblieben die Herren: Markus Rosenbaum Getreidehändler und Moritz Neumann, Viehhändler. Der Besitz des Minjan- Vereines in Groß-Enzersdorf übergeht infolge Uebereinkommens mit der Kultusgemeinde in das Eigentum derselben, worauf sich benannter Verein nach seinem 24jährigen Bestände auflöst. Berlin. (Verband der Deutschen Juden.) Die Hauptversammlung findet in diesem Jahre, wie schon kurz mitgeteilt, am 13. Oktober 1907, in Frankfurt a. M. statt. Samstag den 12. Oktober soll gegen Abend in den Räumen der Frankfurt-Loge eine Vorbesprechung der anwesenden Delegierten stattfinden, der sich in dem großen Saale derselben Loge eine Begrüßungsfeier und Bewirtung anschließen wird. Sonntag den 13. Oktober beginnt frühmorgens die Arbeit mit einer gemeinschaftlichen Sitzung der Korrespondenten des Verbandes, worauf um 11 Uhr die Hauptversammlung selbst in den Räumen des Saalbaues eröffnet wird. Auf der Tagesordnung stehen nunmehr, nachdem Herr Dr. Nathan durch eine Auslandsreise am Erscheinen verhindert ist, folgende Vorträge: 1. Geh. Rat Professor Dr. Cohen, Marburg: „Religiöse Postulate". 2. Professor Dr. Philippson, Berlin: „Staatsinteressen und Judenpolitik". Korreferent Rechtsanwalt Dr. Loeb, Mainz. Die Hauptversammlung ist eine öffentliche. Am Abend der Hauptversammlung werden die Teilnehmer zu einem Festmahl im großen Saal der Frankfurt-Loge nochmals zusammentreten. Die Einladungen werden in den nächsten Tagen verschickt; eine erfreuliche Beteiligung steht zu erwarten. Feuilleton. Chama Itttiun« Von Aleksander Smientochowski. (Fortsetzung.) . Er kritzelte einige Worte auf ein Billet, händigte es der Jüdin ein und entfernte sich. Wäre Chawa die Frau Lot's, und über Pulaw müßte ein Schwefelregen fallen, hätte sie auch nicht früher den Verkauf erledigen und davonrennen müssen. Es gibt Wesen, denen durch einen Verdienst von einigen Rubeln Flügeln an die Arme anwachsen. Chawa begann, als sie den Rückweg antrat, zu lachen, klatschte in die Hände, erzählte sich was Angenehmes und bekundete eine Freude, wie wenn sie zur Ehrung der verdienten paar Rubeln wahnsinnig werden müßte. Jedoch das Fleisch verlangt seine Rechte, wenn auch momentane Betäubung dessen Bedürfnisse zurückdrängt. Die Jüdin hatte, abgesehen von einigen trockenen, von gestern übriggebliebenen Kartoffeln, seit Früh nichts im Munde gehabt und der Tag ging bereits zur Neige. Von Hunger entkräftet, ermüdet von ganztägigem Herumlaufen, verspürte sie in den Füßen eine fürchterliche Mattigkeit. Doch sie raffte sich auf und schlenderte mit schwerer Mühe dem nächsten Dorfe zu. Hier trat sie in die Karezma (Dorsschenke) ein. Hinter dem Tische saß Franck neben einem jungen, unbekannten Manne, mit dem er ein Postpaket durchmusterte und mit Branntwein bewirtete. Der in der Nähe stehende Jude, der Karczmarz, schaute vergnügt diesem fröhlichen Schmause zu. „Manche Menschen vom Postdienst," sagte der schon angeheiterte Franck zu seinem Genossen, „haben in den Fingerspitzen ein solches Gefühl, womit sie sofort erkennen, ob in einem Briefe Geld drin ist." „In diesem muß es welches geben," antwortete der Genosse, „dickes, fettes. Vielleicht soll man's durchklopfen?" „No!" Chawa, mit ihren Gedanken beschäftigt, hatte diese Szene nicht genau beobachtet und ging, nachdem sie sich zwei Bretzel gekauft hatte, aus der Karezma, setzte sich auf einen Klotz und begann zu essen. Durch das offene Fenster drang an ihr Ohr ein lautes Lachen und einmal sogar eine für sie unverständliche Drohung Francks. „Ich würde sie schon zeichnen." Nach einer Weile entfernte sich Franck besoffen aus der Karezma und torkelte zu seinem Wägelchen, aus das er mit großer Mühe hinaufkletterte. „Hej, Jüdin, fährst mit?" schrie er. „Nein." sagte Chawa. Franck lachte laut auf, fuchtelte einige Peitschenhiebe über ihre Schultern, dann schlug er auf das Pferd und rief noch bei der Abfahrt: „Du Scheusal, glaubst etwa, daß ich mich an Dich heranmachen werde?!" Chawa schrie vor Schmerz auf, rief ihm einige Flüche nach, einen Augenblick weinte sie, zuletzte steckte sie das Bretzel ein, weil sie in ihrem Schmerz den Appetit verloren hatte, und machte sich auf den Weg. Worüber sie auf dem Wege nachgedacht hatte, wäre schwer zu sagen. lieber den Teil des Störs zuhause, über die beiden verkauften, über die Reisekosten, über die hungrigen Kinder, über eine reichliche Mahlzeit für sie, über das Austragen der Briefe, über Franck, über seine Peitsche .... Vielleicht hat ihr Mann allein sie nicht beschäftigt. An dem Gesichte Chawas konnte man's merken, daß ihr Gehirn ununterbrochen arbeite, aus ihrem Munde fielen abgerissene Ziffern einer Groschenrechnung. Wir, die wir das Geheimnis ihres Störenhandels kennen, werden uns darüber nicht wundern. Hat doch Chawa an diesem Tage, abzüglich des Betrages von der Kassierin, drei Rubel Reingewinn gehabt. Drei Rubel reinen Gewinnes. Man muß eine Wölfin s.'iu, um die Freude über die Erlangung eines solchen Ochsen-