Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-13 · 37 (13.9.1907) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021748--16680-3041514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 37 Dr Blocb’s Mlocdenscvritt. Seite 611 trümmert. Die Zahl der Opfer läßt sich noch nicht feststellen. Die Unruhen dauern noch immer an. Aus den Außenvierteln der Stadt flüchtet die jüdische Bevölkerung in das Innere., wo sie mehr Schutz zu finden hofft. Bei der völligen Untätigkeit der Behörden werden für die Rosch-Haschonah-Tage die schwersten Befürchtungen gehegt. Hoffentlich gelingt es durch die Entrüstung der öffentlichen Meinung Europas die russischen Behörden an ihre Pflicht zu mahnen. Der Zar als „russischer Mann". Berlin. Das „Tageblatt" veröffentlicht einen Brief aus Odessa, . der sich mit den Zuständen, insbesondere mit den Pogroms der letzten Zeit beschäftigt. Dann wird das Folgende erzählt: Vor etwa zwei Monaten kam der Stadthauptmann Grigoriew aus Odessa nach Petersburg, um dem Ministerpräfidenten Stolypin sein Leid zu klagen. General von Kaulbars, der offen mit den Rädelsführern der „echt rusfischen Leute" freundschaftlich verkehrte und deren Huldigungen entgegennahm, begünstigte die ruchlosen Taten des wilden Gefindels und sehe ruhig zu, wie die „echt ruffischen Leute" Menschen in den Straßen überfielen und verletzten. Die Presse, die nichts gegen den Verband schreiben dürfe und ganz geknebelt sei, berichte nicht einmal den zehnten Teil von all den Greueltaten, die begangen werden. Er fügte dem Ministerpräsidenten hinzu, daß seine Autorität allein nicht ausreiche, um Metzeleien zu verhindern, weil General Kaulbars alle seine Befehle, die auf Aufrechterhaltung der Ordnung gerichtet seien, durch Gegenbefehle vernichte. Der Ministerpräsident erwiderte, daß auch er demgegenüber machtlos wäre, weil alle seine Anordnungen nichts nützen. Die Generalgouverneure kümmerten sich nicht um sie. Er wäre aber bereit, Grigoriew eine Audienz beim Zaren zu erwirken. Die Audienz hat auch stattgefunden. Aber der Zar empfing Grigoriew und trug dabei auf seiner Uniform ein Abzeichen des Verbandes der echt russischen Leute. Natürlich berichtete Grigoriew dem Czaren über alles Andere, nur nicht über die Tätigkeit des unter dem Schutze des Zaren stehenden Verbandes. Russischer Fortschritt. In Odessa wird weiter gemordet. Man geht nicht fehl, wenn man diese kleinen Unterhaltungen mit den Wablvorbereitungen zur dritten Duma verbindet. Da die Zahl der Wahlberechtigten um mehr als die Hälfte herabgesetzt worden ist, die Nationen nicht mehr viel zu sagen haben, bleibt bloß übrig, die Juden kräftig einzuschüchtern, damit jene russische Nationalversammlung zustande komme, die unumgänglich benötigt wird, um die Anleihe zu ermöglichen. Der neue Gouverneur von Odessa ist aber keineswegs untätig und niemand darf ihm den Vorwurf machen, er begünstige die Metzeleien. Einen der Mörder, der in einem jüdischen Hause beim Geschäfte ertappt und vor den Gouverneur gebracht wurde, entließ er nach einer väterlichen Ermahnung. Hierauf ließ er durch die allrussischen Freunde mitteilen, die Pogroms würden sofort aufhören, wenn sich die Juden zu einer allgemeinen Geldbuße bereit fänden. Damit ist des Pudels Kern enthüllt; die Herrschaften benötigen Geld. Das ist wenigstens offen, ehrlich und unverhohlen: Geld oder Leben. Dieser offizielle Straßenraub im zwanzigsten Jahrhundert verdient als russisches Kulturbild festgehalten zu werden. Die Forderung wird durch zahlreiche Aufrufe kräftig unterstützt und erweitert. Der Verband der echt rusfischen Leute legt den Juden, die Leben und Besitz haben wollen, nahe, sich mit ihren Lehrern in den Synagogen zu versammeln, alle Revolutionären und alle jüdische Intelligenz zu verfluchen, die Schwärmerei für Gleichberechtigung zu vergessen und einen Bund der Juden zu gründen, mit dem einen Zwecke, die unbegrenzte Selbstherrschaft des Zaren zu erhalten. Das heißt also die Kälber auffordern, für die Verbesserung der Schlächterei zu sorgen. Indessen ist die Börse noch immer geschlossen, die Geschäfte find gesperrt, die Metzeleien werden in der Nacht fortgesetzt, und alles wartet mit Sehnsucht auf den neuen Stadthauptmann, der soeben von Stolypin persönlich informiert wurde. Es wäre zu wünschen, daß der neue Stadthauptmann die allgemeine jüdische Abgabe in Empfang nähme; damit wäre die Wiederherstellung der Ordnung wesentlich gefördert. Palästina-Handelsgesellschaft. Die Palästina-Handelsgesellschaft in Hamburg (G. m. b. H.), Große Reichenstraße 30, ist zurzeit in einer Umwandlung begriffen, die dazu führen soll, daß das Hauptzentrum der Gesellschaft nach Palästina verlegt wird. Am 23. Juni 1904 konstituierte sich die Gesellschaft mit einem eingezahlten Kapital von 100.000 Mark, das bald auf 125.000 Mark ncrmiert wurde. Die Veranlassung ging ursprünglich von der in Jerusalem, Jaffa und Haifa vertretenen Kommiffionsfirma Wilhelm Groß aus, die in Hamburg ein Komitee zusammenbrachte,, au dem sich auch die zionistische „Kommission zur Erforschung Palästinas" und die Jüdische Kolonialbank (Jewish Colonial Trust) beteiligten, während die beabsichtigte Fusion mit der ähnliche Ziele verfolgende Lodzer Interessengruppe (Vogelsohn) nicht zustande kam. Der Beirat, von dem mindestens 4 Mitglieder deutsche Staatsangehörige sein müffen, besteht aus 7 Personen: nach dem Beschluß der letzten Generalversammlung soll die Tätigkeit mehr auf Palästina konzentriert als auf den ganzen Orient verbreitet werden. Die Gesellschaft übernimmt palästinische Produkte in Konsignation und befaßt sich auch mit dem kommisfiousweifen Import und Export der Landesprodukte und Waren aller Art von und nach Palästina. Es kommen zunächst in Betracht Tabak, Mandeln, Sesam, Gerste, Häute, Fi lle, Wolle, Baumwolle, Orangen, Oliven, Oel, Wassermelonen, Weizen, Dari, Johannisbrot. Koloquinten, Rosinen, Lupinen, Bohnen, Erbsen, Linsen, Seide, Honig, Eukalyptusholz, während die vorhandenen oder der Erschließung noch harrenden Bodenschätze wie Phosphat, Asphalt, Schwefel, Kali- und Bromsalze, Petroleum rc. einer späteren Periode Vorbehalten bleiben. Während die Gesellschaft bisher, zumal jktzthin infolge Zahlungseinstellung eines Kunden in Griechenland, verschiedene Krisen durchzumachen hatte, erhofft man von der Verlegung der Hamburger Zentralstelle nach Palästina eine günstige und stetige Entwicklung. Vermischtes. Wien. (Trauung.) Sonntag, den 15. September l. I., l‘/2 Uhr nachmittags, findet im Tempel, II., Tempelgaffe die Trauung des Fräulein Irene B e r m a n n mit Herrn Heinrich Engel, Beamter der israelitischen Kultusgemeinde, statt. Wien. Am Tonnerstag den 5. d. M. fand die feierliche Einweihung des neuerbauten Bethauses der Talmud-Thora. Malzgasse Nr. 16 statt. Der Feier wohnten die Mehrzahl der Mitglieder des Bethauses, sowie eine Anzabl geladener Gäste bei, unter ihnen Se. Ehrw. Herr Rabbiner S. Fürst, Herr Rabbinats-Assessor I. Baumgarten und die Vorsteher der Schiffschul, Markus Boudi, W.Pappeuheim, PH. Back, Frommer; Herr Adolf Schramek, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Adler und Vertreter mehrerer hiesiger Vereine. N.chdem die Thorarollen in das neue Belhaus unter Gesang eines Psalms von Herrn Oberkantor Wittmann gebracht worden sind, wurden die Haka fos um den Almemor gemacht. Die Thorarollen haben getragen Se. Ehrwürden H. Schenk, H. Banmgarten, M. Boudi, der Obmann Simon Buchwald, die Vorsteher des Vereines Hirsch. Kohn, Löwy, Mensch und Herr Schramek. Nacktem Herr Rabbiner S. Fürst das ewige Licht angezündet hatte, hielt Herr Rabbiner Schenk die Festrede, welche aus alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Der Rede folgte die Rezitation des Psalm 30 und das Kaiserlied, worauf die Feier gegen 7 Uhr beendet war. Göding. Die jüdisch-akademische Ferialverbindung „Gamala" in Göding feierte am 14. und 15. August l. I. ihr zehnsemestriges Gründungsfest, das einen wahrhaft glänzenden Verlauf nahm. Als interne Vorfeier fand am 14. August eine sowohl von der Bürgerschaft als auch von auswärtigen Bb. Bb. zahlreich besuchte Festkneipe statt, die sehr animiert war. Besonders hervorzuheben ist die vornehme Leitung durch den *Bb. eauä. phil. Hugo Ster« und die Festrede des Bb. eantl. ing. Siegfried Steinitz. Am IS. August fand im großen Saale des „Hotel Europa" der Festkommers statt, der einen glänzenden Anblick bot. Fast die gesamte jüdische Bürgerschaft Gödings, an ihrer Spitze der Kultusvorsteher Herr Dr. Körner, war erschienen. Der Saal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Besonders imposant

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.