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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-13 · 37 (13.9.1907) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 610 Wr. Llocv s MocdenscvrlN. Nr. 37 niffe dieser Länder und der Lage der dortigen Juden und ihrer Aussichten für die Zukunft unternimmt. Der Ausschuß danke Herrn Dr. Nathan dafür, daß er bereit ist, die Institute des Hilfsvereins im Orient zu besichtigen und Vorschläge für eine weitere Ausgestaltung des Schulwerkes und der humanitären Institutionen des Hilfsvereines zu machen. Herr Dr. Nathan wird schon von der Reise aus fortlaufend Beobachtungen aus dem Orient dem Ausschüsse einsenden. Unter Vertagung aller anderen Anträge, die aus den Balkauländeru und der europäischen und asiatischen Türkei Vorlagen, wurden für das hebräische Gymnasium in Jaffa, durch dessen Begründung einem lebhaften Bedürfnis entsprochen worden ist, 1600 Franks zur Anschaffung von Büchern und Instrumenten bewilligt. Zur Ausbildung einer palästinensischen Kindergärtnerin in Deutschland — an Kindergärtnerinnen vom Fach ist ein großer Mangel in Palästina — und zur Unterstützung eines Arztes, der sich in Palästina niederlaffen will und der spezielle Kenntniffe auf ophtalmologischem Gebiete hat — was für den Orient von besonderem Wert ist — wurden entsprechende Beiträge gewährt. * * -i- Wir erhalten von dem Hilfsverein der Deutschen Juden nachstehende Zuschrift: Auf 7 Telegramme, die der Hilfsverein der Deutschen Juden nach Odeffa an verschiedene seiner Vertreter geschickt hatte, um über die dortigen Pogrome genaue Nachrichten zu erhalten, empfing er anfangs nicht eine einzige Antwort. Erst am Mittwoch abend lief das folgende bezeichnende Telegramm ein: „Telegraphische Nachrichten zu geben, wird uns unmöglich gemacht, briefliche Mitteilungen folgen." Diese wenigen Worte find für die Lage in Odessa außerordentlich bezeichnend. Sie beweisen, daß die Regierungsorgane so gut wie jede Kommunikation der schwer heimgesuchten Stadt mit der Außenwelt systematisch abzuschneiden versuchen. Für Kenner der Verhältnisse in Odcffa unterlag es übrigens keinem Zweifel, daß man nunmehr mit neuen Pogromen zu rechnen haben wird. Daß der Baron Kaulbars, der Generalgouverneur von Odeffa, der Protektor des Schwarzen Hundert ist, war seit langem bekannt, und obgleich der Ministerpräsident Stolypin einige schüchterne Versuche unternommen hatte, den General Kaulbars zu entfernen, so erwies sich dies doch bei der mächtigen Protektion, die der Generalgouverneur von Odessa genießt, als unmöglich. Diese Protektion beruht darauf, daß die Schwester des General Kaulbars, eine Gräfin Stackelberg, zu dem intimen Kreise der Kaiserin gehört, mit der sie zusammen fingt. Solange das Stadtoberhaupt von Odeffa Grigoriew seines Amtes waltete, verhinderte dieser aufgeklärte und tatkräftige Mann die schlimmsten Ausschreitungen. Nachdem es gelungen war. ihn zu entfernen und durch einen Kiewer Gendarmerieoffizier, Nowitzki, dem der schlechteste Ruf voranging, zu ersetzen, war man darauf gefaßt, daß neue Pogrome in Odessa ausbrechen und den Ruin der schon bisher schwer geschädigten Stadt weiter steigern würden. Grigoriew ist abberufen, der neue Stadthauptmann Nowitzki noch nicht eingetroffen, so ist die Stadt Odeffa in der Gewalt der schwarzen Hundertschaften. Daß diese Banden Herren der Stadt sind, zeigt folgender ausführlicher Bericht, der dem Hilfsverein über die Vorgänge zugeht. Jede Möglichkeit, auf telegraphischem Wege, irgend welche Berichte über die Vorgänge der letzten Tage in Odessa zu übermitteln, war ausgeschloffen. So weit sich die traurigen Vorgänge übersehen laffen, seien sie nachfolgend geschildert: Die bevorstehende Beerdigung des bei einer Bombenexplofion ums Leben gekommenen Polizeisekretärs Welbin vom Petropwalowski-Revier, die am Sonntag stattfinden sollte, rief eine Panik in der jüdischen Bevölkerung hervor, da man wußte, daß derartige Beerdigungen immer als Anläffe für Judenhetzen dienen. Die Befürchtung war nicht unbegründet. Als der Leichenzug sich von der Gradonatschalnitzeska-Straße zum christlichen Friedhofe bewegte, hörte in den entlegenen Stadtteilen jeder Verkehr auf. Zum Unglück fiel die Beerdigung mit der Gedenkfeier der im Jahre 1905 während des Pogroms getöteten Juden zusammen. Die Juden, die sich zu dieser Feier auf den jüdischen Friedhof begaben, waren die ersten, die den Gewalttaten der sogenannten Gelbblusenmänner (Hooligans) zum Opfer fielen. Die Hooligans versuchten die Tore des jüdischen Friedhofes zu sprengen und begannen bald auf die Juden loszuschießen, wobei ein gewisser Israel Sabsai getötet und eine ganze Anzahl anderer verwundet wurde. Der Getötete und die Verwundeten wurden in das jüdische Krankenhaus . gebracht. Auch dorthin schickten die Hooligans ihnen Schüffe nach. Die Kugeln flogen durch das Fenster des Krankenhauses. Zu gleicher Zeit begannen auf dem Jolkutzymarkte Ausschreitungen der schwersten Art. Dort wurde kein Mensch verschont. Ein alter, 66jähriger Jude, Namens Hirsch Siegelmann, wurde mit Kautschukknütteln grausam geschlagen und, als er niederfiel, trat man mit Füßen auf ihn herum. Dort wurden auch die Juden Lewitin, Isaak Cohn, Abraham Loewy, sowie viele andere durch Messerstiche verwundet. Die Polizei blieb völlig untätig. Der stellvertretende Polizeimeister Kislakowski begab sich zwar in das jüdische Krankenhaus, wo er die Verwundeten und ihre Angehörigen zu beruhigen suchte, und besichtigte auch die Leichen der Getöteten, Sabsai und Sandler, aber er tat nichts, um dem Pogrom selbst ein Ende zu machen. Das Schießen auf den Straßen dauerte noch bis 11 Uhr nachts an. Gestern Morgens setzten die Gelbblufenmänner ihre Greueltaten fort. Schon am frühen Morgen sprang eine Gruppe Hooligans in den Straßenbahnwagen auf der Linie Torgowaja-Malorossiyska und fiel über die dort befindlichen Juden her. Nach der Beerdigung der Schutzleute, die bei der Explosion getötet worden waren, verteilten sich die Hooligans in kleine Gruppen und zogen in alle Teile der Stadt. Auf der Prochorowska-Straße hörte man bereits Schüsse fallen. Bald wurden vier Juden mit Schußwunden ins jüdische Krankenhaus gebracht. Die Hooligans passierten ungestört die Preobraschenska- Straße und gelangten in die Hauptstraßen Odessas, Richeliesnka und Deribassowska. Ueberall auf ihrem Wege mißhandelten und verwundeten sie die Juden, die ihnen in den Weg kamen. Auch Läden und Wohnungen blieben nicht verschont. Sie zerschlugen Fensterscheiben, zerstörten Ladeneinrichtungen und schossen auf die Leute, die sich in den Läden zu verbergen suchten. Der Obsthändler Barbalat wurde dabei schwer verwundet, ebenso ein christlicher Buchhalter Namens Dobrowolski, den man irrtümlich für einen Juden hielt. Ins jüdische Krankenhaus wurde ferner ein Anzahl Juden gebracht, die Brandwunden aufwiesen, so Wolf Polokow, Perzachis, Samuel Jachis und Andere. Einen erschütternden Eindruck machte im Krankenhause die Einlieferung der verwundeten Kinder, vier Knaben und Mädchen von vier bis acht Jahren. Die Polizei ließ die Hooligans ruhig ihre ruchlose Arbeit verrichten. An einigen Orten gab sie sich den Anschein, als suche sie die Hooligans zu zerstreuen, sie ließ es aber sofort wieder zu, daß sie sich an derselben Stelle wieder versammelten. Der stellvertretende Stadthauptmann Nabokow bat den Rabbiner Dr. Awinowitzki, der bei ihm über die Greueltaten Klage führte, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen und ihr zu erklären, er habe die energischesten Maßnahmen getroffen, um solche „vereinzelte" Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Als ob er von all dem Furchtbaren, was geschehen, keine Ahnung hätte, bat er gleichzeitig, der Rabbiner möchte ihm (dem stellvertretenden Stadthauptmann) über die Vorgänge Berichte liefern. Auch am Dienstag und Mittwoch dauerten die Ruhestörungen fort. An diesen Tagen wurden die kleinen Judengäßchen vom Mob schwer heimgesucht. Militärpatrouillen standen bei den Untaten dabei, ohne einzuschreiten. In einer Synagoge im Stadtteil Moldawanka wurden sämtliche Fenster zer-

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