Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. JSlocö’s MocbenscdrM. Seite 609 bring verleihen. Nach diesen Berichten, die unglaubwürdig erscheinen würden, wenn sie uns nicht, wie gesagt, von verläßlicher Seite übermittelt würden, ist Freiherr von Kubinzly bis zwei Stunden vor seinem Tode noch Jude gewesen. Tatsächlich ist die gesetzlich vorgeschriebene - Erklärung über den Austritt aus-der mosaischen Konfession und den Uebertritt in die römischkatholische vom Todestage datiert, beweist also, daß der Kranke in einem Zeitpunkte konvertierte, in welchem sonst alte Leute dies nicht zu tun pflegen. Dazu kommt, daß Freiherr von Kubinzky angeordnet haben soll, er wünsche auf dem jüdischen Friedhofe in Prag neben seinem Vater beigesetzt zu werden. Diese letzte Willensäußerung steht in einem schreienden Widerspruche zu der Konversion. Die Art der Traueranzeigen, in welchen dem Namen des Toten ein großes Kreuz beigefügt war, hat in Wien, wie in Prag großes Aufsehen hervorgerufen; besonders hier hat man sich erinnert, daß Baron Kubinzky in einer Prager Synagoge an jeder Seelengedächtnisfeier teilnahm und daß sich auf dem jüdischen Friedhofe in Wolschan eine prunkvolle Gruft befindet, die Emil Freiherr von Kubinzky, als sein Vater starb, erbauen ließ. Es ist unbekannt und wird wohl nie einwandfrei festgestellt werden können, ob der Kranke die Einwilligung zu .seiner Taufe erteilt hat. War dies nicht der Fall,. dann war die Anrufung der katholischen Seelsorge von Seite der Familie erfolgt, die seit Jahren bereits außerhalb des Judentums steht. Ein sonderbares Licht auf den Todesfall wirft die Tatsache, daß sich Graf B o o s-W a l d e ck, der Schwiegersohn des Verstorbenen, bei der „Einsegnung" der Leiche von der Familie ab- .sentierte und sich bei den Trauergästen in einem Nebenzimmer aufhielt. Diesem Herrn scheint also auch, die Taufe nicht genügt zu haben, um den Makel des Judentums von der Familie zu nehmen. Da es sich um die Ehre eines Toten handelt, müssen wir es uns versagen, den Fall in einer über das bloße Registrieren hinausgehenden Weise zu besprechen, wir erwarten aber, daß die Familie des Verstorbenen sich von den Vorwürfen reinigen wird, die in allen jüdischen Kreisen Wiens und Prags gegen fie erhoben werden und die wir wohl nicht näher zu bezeichnen brauchen. „Selbstwehr". Bodenbach. Die feierliche Einweihung des neuen Tempels fand Sonntag statt. Das neue Gotteshaus, das sich in der Bergstraße auf der Schäferwand erhebt, ist ein prächtiger Bau, der den überlieferten Tempelstil aufs glücklichste mit modernen Motiven vereinigt. Zu der Feier waren zahlreiche Festgäste und Abordnungen erschienen. Nach einem Choral, den der Tempelchor vortrug, ergriff der Kultusvorsteher Herr Adolf Pächter das Wort zu einer längeren Ansprache, in der er alle Anwesenden begrüßte und den Förderern des Tempelbaues den Dank aussprach. Besonderen Dank spricht der Redner dem Kultusvorsteher-Stellvertreter Herrn S. B r a u n e r, der gleichzeitig als Obmann des Tempelbauvereines wirkte, dem Tempelvorsteher Herrn P i ck, dem israelitischen Frauenverein unter der Leitung seiner unermüdlichen Präsidentin Frau Hofmann aus. Ganz außerordentliche Verdienste um den Tempelbau aber habe sich Herr Rabbiner M. Freund erworben, der sich mit vollem Eifer in den Dienst der Sache stellte. Nach dem Chore „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" nahm Herr Rabbiner Freund das Anzünden des ewigen Lichtes vor. Hieran schloß sich der Einzug der Thorarollen. Nunmehr ergriff Herr Rabbiner M. Freund zur Festpredigt das Wort. Der Redner kennzeichnete die Tempelweihe als das höchste Fest, das die Gemeinde feiern könne. Nicht aus eitler Ruhmsucht, sondern zur Ehre Gottes sei das neue Gotteshaus geschaffen. Es sei bestimmt, eine Stätte des religiösen Geistes zu sein, auf daß das künftige Geschlecht seinem Glauben erhalten werde und ihm begeistert anhänge. Er erbitte dem neuen Gotteshaus den Schutz des Kaisers, empfehle es aber auch dem Schutze der Geistlichkeit aller Konfessionen, dem Schutze der Stadtväter, der Bürger und der Lehrerschaft. Hierauf sprach Herr Rabbiner Freund das erste Gebet im neuen Tempel, in welchem er den Segen Gottes für den Kaiser, sowie für die Schwesterstädte Bodenbach-Tetschen erflehte. Mit der „Volkshymne" schloß die Feier. Zu der Feierlichkeit waren auch zahlreiche telegraphische und briefliche Glückwünsche aus vielen Kultusgemeinden, von Korporationen, als auch Privaten eingetroffen. Hitfsverein der deutschen Juden. Berlin. Am 4. September fand unter dem Borfitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses desHilfsvereins der deutschen Juden statt. Mit lebhaftem Beifall nahm der Ausschuß die Mitteilung des Geschäftsführers im Ehrenamt, des Herrn Dr. Paul Nathan, entgegen, daß die Mitgliederzahl des Hilfsvereins von 13.000 am Ende des Jahres 1906 zur Zeit, also bis September 1907 auf 17.000 gestiegen ist. Die Ausbreitung des Hilfsvereines und die fich immer steigernden vielfältigen Aufgaben, die an ihn herantreten, laffen die Mitarbeit möglichst zahlreicher hervorragender und opferwilliger Persönlichkeiten aus allen Teilen Deutschlands als unumgänglich notwendig erscheinen. Demzufolge wurden für das Zentralkomitee 40 neue Mitglieder und für den geschäftsführenden Ausschuß drei Mitglieder in Vorschlag gebracht; diese einstimmig angenommenen Vorschläge werden dem Zentralkomitee unmittelbar zur Bestätigung vorgelegt werden. Herr Dr. Nathan gab einen Bericht über den Stand des Hilfswerkes für die Opfer der Judenverfolgungen in Rumänien und Marokko. Weitere Mittel für diese Zwecke wurden für eventuelle Erforderniffe bereit gestellt. Die Hilfsaktion für die russischen Juden erfordert nach wie vor dauernd erhebliche Aufwendungen. In dieser Sitzung wuiLe die Subvention für die Auswandererherberge in Königsberg in Preußen, die unter Verwaltung des dortigen Schutzkomitees des Hilfsvereines steht, erhöht; die Subventionen für das Hilfskomitee für jüdische Auswanderer in Basel und für den jüdischen Volksverein in Berlin, die fich beide die Fürsorge für Auswanderer angelegen, sein laffen, wurden erneuert; dem jüdischen Bolksverein wurde außerdem ein einmaliger Beitrag von 200 Mark gewährt. Die jüdische Studentenkaffe „Esrath Achim" in Zürich, die besonders infolge der noch immer tieftraurigen wirtschaftlichen Lage des Zarenreiches durch ruffische Studenten sehr stark in Anspruch genommen wird, erhielt wie im Vorjahre 300 Francs. Für Galizien, woselbst der Hilfsverein der deutschen Juden in engster Verbindung mit der befreundeten Großloge für Deutschland und in Kooperation mit dem Wiener Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien vorgeht. wurden Bewilligungen vollzogen, die den Ausbau des Hilfswerkes speziell auf dem Gebiete der Jugendfürsorge weiterführen. Es wurden Mittel zur Begründung von Kindergärten in T a r n o w und K o l o m e a bewilligt, wo ein besonderes Bedürfnis nach diesen segensreichen Instituten besteht, die fich auch in Galizien aufs beste bewähren und wo tatkräftige und hingebungsvolle Persönlichkeiten die Initiative zur Durchführung dieses schönen humanitären Werkes ergriffen haben. Es wurden ferner dem jüdischen Zweigkomitee für die internationale Bekämpfung des Mädchenhandels zur weiteren Verfolgung seiner Zwecke durch Begründung von speziellen Komitees in Galizien, die dem Mädchenhandel im Lande selbst energisch entgegenwirken sollen, ein Betrag von 800 Mark zur Verfügung gestellt. Eine hebräische Schule in Rzeszow, die in kleinem Rahmen Nützliches leistet, erhielt eine Zuwendung von K 200.—. Für Schüler der Lehranstalt des Herrn Rabbiner Doktor Jung in Ung.-Brod (Galizier und Ruffen) wurden K 600.— Stipendien gewährt. Ein großer Teil der Tagesordnung, die fich auf Bewilligungen für Lehranstalten und andere Institute im Orient, insbesonders in P a l ä st i n a bezieht, wurde zurückgestellt bis zur Rückkehr des Herrn Dr. Nathan von einer Reise, die er nach dem Orient, Bulgarien, der europäischen Türkei, Kleiuafien, Syrien, Palästina zum Studium der wirtschaftlichen Verhält«