Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 608 L»r. Llocvs MocvenscvrM. Nr, 37 das Unangenehme ihrer Situation zu erfassen und besucht die bulgarischen Staatsschulen. Vermögen diese übrigens ganz modern eingerichteten Schulen auch die Eigenart der spaniolischen Juden, welche in der Familie ihre Wurzeln hat, nicht völlig auszumerzen, so bilden sie doch die erste Stufe zu einer im Aufsteigen begriffenen Assimilationsleiter. Diese Assimilations-Bestrebungen verfangen bei den spaniolischen Juden umso mehr, uls sie im Großen und Ganzen für allgemein jüdische Fragen wenig Verständnis haben und sich selbst gerne von den anderen Juden absondern. Wir haben schon oben erwähnt, daß die Juden in Bulgarien politisch frei sind. Die bulgarische Regierung ist bisher noch nicht in die Lage gekommen, dem Lande jenes national einheitliche Gepräge zu geben, aus welchem in der Regel der nationale Chauvinismus und mit ihm der erbitterte Haß gegen andere Nationalitäten zu entstehen Pflegt. Dieser politischen Auffaffung entspricht es auch, daß in Bulgarien die Juden, Katholiken, Protestanten, Griechen, Rumänen u. A. ihre eigenen Schulen besitzen. Es mag bei dieser Gelegenheit die Tatsache erwähnt werden, daß, während die anderen Religions-Genossenschaften und Nationalitäten im Lande ihre Schulen aus eigenen Kräften gründen und erhalten, die Juden teils aus Jndiffereutismus, teils aus Mittellosigkeit gezwungen sind, ihre Schulen durch die Pariser Alliance Jsraelite Universelle erhalten und demzufolge auch geistig beeinfluffen zu laffen. Das Familienleben der Spaniolen ist ein weit tieferes, als dasjenige der deutsch-polnischen Juden. Dort besteht noch die Vater-, beziehungsweise Großelternherrschaft, die auf die Familie einen woltuenden Einfluß ausübt. Die Spaniolen sind gewöhnt, ihre Bedürfnisse auf das Mindestmaß zu beschränken. Anspruchslos und arbeitsam, mäßig und streng sittlich, waren sie durchwegs geeignet, sich seit ihrer Vertreibung aus ihrer spanischen „Heimat" zu erhalten. Im Uebrigen sind sie gegen alle Erscheinungen und Vorgänge indifferent. Diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß das Geselligkeits- und Vereinswesen unter ihnen niemals geblüht hat. Erst die zionistische Bewegung hat auf diesem Gebiete Wandel geschaffen. Die größere Zahl der bulgarischen Spaniolen find Proletarier. Luftmenschen gibt es eine Unmenge. Man findet unter ihnen die verschiedenartigsten Berufe: vom Stiefelputzer und Lastträger bis zum Bankier. Reiche Juden mit Millionenvermögen gibt es fast gar keine. Die materielle Lage des Proletariats ist hier eine besonders prekäre. Von einem gesunden Mittelstände kann kaum gesprochen werden. Die unzähligen Lastträger, Fuhrleute, Hausierer, Verkäufer von Nahrungsmitteln, alten Kleidern rc., deren Geschäftsläden die freie Straße, oder im besten Falle eine Hauseinfahrt bilden, sind genau so arm, wie die vielen kleinen Gewerbetreibenden. Eine in europäischem Sinne aufzufassende intellektuelle Schichte gab es bis vor Kurzem nicht unter den bulgarischen Spaniolen. Erst in den letzten Jahren begannen sie sich den fteien Berufen zuzuwenden, und während sie sich früher fast ausschließlich dem Handel und Gewerbe widmeten, findet man heute schon eine ziemlich große Anzahl Aerzte, Advokaten und selbst Offiziere unter ihnen. Die Aschkenafim, zumeist aus Ungarn, Rußland, Rumänien und Oesterreich eingewanderte Juden, unterscheiden sich in ihren Sitten gründlich von ihren spaniolischen Glaubensgenossen. Sie find sowohl in ihrer religiösen Auffassung, wie auch in gesellschaftlicher Beziehung viel freier, man könnte fast sagen europäischer, als die Spaniolen. Diese Verschiedenheit in den Sitten und in der Umgangssprache hat einen Antagonismus zwischen diesen „zweierlei Juden" geschaffen, der oft zu den unerquicklichsten Reibereien führt. Die Spaniolen verachten geradezu die „Tedeschi", als leichtsinnige Schwelger, mit denen sich ein Spaniole, der etwas auf Tradition und Familiensinn hält, nicht verschwägern wird. Andererseits machen sich die Aschkenafim über die Engherzigkeit und Verschlossenheit der Sephardim gerne lustig. Die eiugewanderten „Aschkenafim" haben es während der kurzen Zeit ihrer Anfiedlung in Bulgarien verstanden, sich die Achtung sowohl der Regierungskreise, als auch des bulgarischen Volkes zu verschaffen. Viele von" ihnen nehmen als Aerzte, Ingenieure, Apotheker, Advokaten, Lehrer,, Universitäts- Professoren, höhere Staatsbeamte und Industrielle hervorragende soziale Stellungen ein. L - . . In jüngster Zeit hat sich die Stimmung der Bulgaren gegen die Juden stark verschlechtert. Auch in, Bulgarien spielt sich jetzt dasselbe Schauspiel ab, wiein allen-- „europäischen" Ländern: so lange es an Intellektuellen mangelt^ Giaren. die eingewanderten Juden als Lehrmeister und kulturelle Bahnbrecher willkommen und geachtet. Nun da die Lehrlinge, ihrer Meister entraten zu können glauben, beginnt, sich der alte Judenhaß wieder zu regen, die Juden werden .aus ihren Stellungen langsam verdrängt und neue ihnen, nicht eröffnet. Die Aschkenafim haben vor den Sephardim kaum mehr etwas voraus. Vielleicht gelingt es dem gleichen Leide, was so manchen Versuchen bisher mißlungen ist: Die wirkliche Verbrüderung der Stammesbrüder, der Sephardim und Aschkenafim. Leo Herzberg-Fränkel Unser hochgeschätzte Mitarbeiter, Schriftsteller Leo H e r zberg-Fränkel, jubilierter Sekretär der Handels-, und G.ewerbekammer, in Brody, einer der treuesten Söhne des jüdischen Volkes, feiert am 14. d. M. in Teplitz-Turn in Böhmen in voller geistiger und körperlicher Frische seinen achtzigsten Geburtstag. Herzberg-Fränkel hat sich schon in jungen Jahren literarisch betätigt, war Mitarbeiter von Bäuerles „Theaterzeitung", von Saphirs „Humorist" und Kurandas „Grenzboten", gehörte der Redaktion der „Reichszeitung" und des „Oesterreichischen Lloyd" an und stand in innigen Beziehungen zu F i s ch h o f, Kuranda, Ludwig August Frankl und K o m p e r t. Sein novellistisch-ethnographisches Werk „Polnische Juden" erlebte zahlreiche Auflagen. Herzberg-Fränkel war ein Hauptmitarbeiter an der großen' Jüdischen Encyklopädie, die in New-Dork erschienen. Seit länger als zwei Menschenalter wirkt er unermüdlich .für politischen Fortschritt nnd geistige Aufklärung unseres Volkes in Galizien, für seine ökonomische und soziale Hebung. Die Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift" danken seiner Feder viele genußreiche Stunden und im.Namen dieses Lesekreises fühlen wir uns gedrängt, dem greisen; Schriftsteller und jüdischen Patrioten zu seinem achtzigsten Wiegenfeste unsere herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Ein Zwischenfall bei den Salzburger Hochschulkursen. Bei einer Veranstaltung, der Ferialkurse, dem Ball der Salzburger Damen, begann man plötzlich auf jüdische Hörer und Mitglieder der Ferialkurse, die eingeladen, worden waren, einzudringen und sie aus dem Saal zu drängen. Daraufhin erklärten sich die anwesenden Juden solidarisch und verließen das Lokal, wobei Dr. v. Hofmannsthal in ihrem Namen erklärte, daß sie es nicht mehr als Ehre betrachten können, länger in einer Gesellschaft zu bleiben, die das Gastrecht derart verletze. Der Vorfall hat hier großes Aufsehen erregt und wird allgemein mißbilligt. Emil Freiherr von Kubinzky. Am 26. August ist in Wien der Großindustrielle Ejnil Freiherr von Kubinzky im 64. Lebensjahre gestorben. Ehe er die Augen schloß, wurden ihm die. Tröstungen der katholischen Religion gespendet. Beigesetzt wurde er provisorisch auf der katholischen Abteilung des Zentralfriedhvfes in Wien. Wir würden kaum Gelegenheit nehmen, von dieser Tatsache in unserem Blatte zu sprechen und unseren Lesern mitzuteilen, daß wieder ein Sproß einer altjüdischen Prager Familie der allein seligmachenden Kirche sich zugewendet hat- Allein es gehen uns aus Wien von . sicherlich,' gut informierter Seite Berichte zu,, welche diesem Fall eine zumindest interessante Fär-