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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-13 · 37 (13.9.1907) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 606 Nr. LLo^s WochenzchrU. Gemeinde umhergingen, um dann den Inhalt gleichmäßig an alle zu verteilen. Dieser Bittgang wurde als die beschwerlichste Sache empfunden, zu der die „Füchse" gezwungen wurden; auch von den Foppereien — oft derber Art - der Scholaren des Mittelalters hatten die jüdischen Füchse noch ein reichliches Teil zu genießen; auch hier wurde der Jüngstangekommene durch eine offizielle Tracht Prügel bei seiner Aufnahme in die Genossenschaft symbolisch auf die ihn erwartenden Kümmerniffe des Berufes und Kränkungen des Schicksals vorbereitet . . . Bt.i der dritten Einnahmequelle der Filehner Bochurim wurde ich zu einer speziellen Leistung herangezogen. Bei Hochzeiten pflegten die Scholaren von jeher dem Bräutigam einen schriftlichen Glückwunsch darzubringen, und sie empfingen dafür ein Geschenk zum allgemeinen Besten der Studentenschaft. Früher wurden diese Glückwünsche hebräisch, zu meiner Zeit aber deutsch abgefaß*. Es waren Gedichte, aber immer Akrosticha auf die Namen der Braut und des Bräutigams, bei denen die Kalligraphie der Initialen eine Hanptzierde war. Von den Aktendeckeln meines Vaters her war ich der berufene Kalligraph; aber auch verfaßt habe ich einigemal diese Gedichte, die einzigen in meinem Leben, und ich habe damit den Tribut an die Muse ein für allemal bezahlt! Mein Freund zeichnete sich dadurch aus, daß er auf Freitische verzichtete, nur in unserem Hause war er der gern gesehene Gast zu jeder festlichen Mahlzeit. Es ist kaum zu sagen, wie gering die materiellen Bedürfnisse dieses Menschen waren, und dennoch gab es zwischen der mit unsäglicher Rastlosigkeit gesuchten geistigen Nahrung sogar Freuden selbstbereiteter Mahlzeit, bei der ich nicht selten sein Gast war. Eier, Schokolade und eine Flasche Dünnbier wurden uns zum lukullischen Mahl! Immer wiederholen muß ich, daß es dabei an Scherz und vollem Frohsinn niemals fehlte. Von der Bienenewsigkeit dieses meines Lehrers ist es schwer, sich eine treffende Vorstellung zu machen. Was er alles gelesen hatte, könnte eine stattliche Bibliothek, füllen. Dabei zwang ihn die peinlichste Sparsamkeit, die ihm notwendigen Handbücher statt sie zu kaufen — abzuschreiben! — um sie zu besitzen. Gesenius' hebräische Grammatik und das ganze hebräisch-chaldäische Wörterbuch besaß er von seiner eigenen Hand kopiert. Ein solcher Mensch mußte hinter die Erfindung der Buchdruckerkunst zurückgreifen, weil gerade er leidenschaftlich bestrebt war, sich ihre Erzeugnisse anzueignen . . . Ohne Lehrer und ohne Führer! Wenigstens 40 Predigten von Schleicrmacher und die ganze Predigtsammlung von Kley hatte er, weil sie ihm in jüdischer Kursivschrift geläufiger waren, in dieser abgeschri, den. Und alle diese Mühen und alle diese Schatze hatten keinen anderen Zweck oder keine andere Absicht als die innere geistige Bereicherung der Person. Diese und diese allein zu suchen war ja das alle Erbteil der Juden, die sich in so entsagungsvoller Hingebung mit der Thora befaßten, um ihrer selb st willen:! —u Wie ein Gotteshaus entsteht. (Zur Einweihung des Tempels in Döbling.) Die Ueberschrift stört fast. Wir Juden haben eigentlich keine Gotteshäuser. Synagoge, das griechische Synonim für „Beth hachnethet", bedeutet Lehrhaus, Versammlungslokal. Eigentlich sollte die moderne Synagoge eine Vereinshalle darstellen. Die modernen Reformen des Gottesdienstes haben Schönes geschaffen und Schöneres verschüttet. Und Vieles von dem Schönen ist in seinem Werte zweifelhaft. Man stilisierte den Kult — auf die Gefahr hin, daß er dem christlichen ähnle. Böse Menschen behaupten sogar, diese Aehnlichkeit sei angestrebt worden. So entstanden die gothischen Synagogen, denen der Archllell Zwang antun mußte, damit sie im Grundriß oder Zierrat nicht die Kreuzesform ausweisen. Denn die Gothik stammt vom Kreuze und strebt zu ihm zurück. 9fcv 37 Dieses neue Haus in Döbling zeigt die Form der Halle schon von Außen, ein ganz einfacher, moderner Hallenbau, im Innern mit vielen Feinheiten neuzeitlicher Raumkunst. Und doch ein jüdischer Tempel, nicht nur weil zur Weihe des Hauses Fahnen in den jüdischen Farben vom Firste wehen, nein weil Helle und Freudigkeit sich mit Anspruchslosigkeit paaren. Denn die jüdischen Feste kennen kein düsteres Zeremoniell, sie sind Gedenk- und Freudentage eines innig empfindenden Volkes von Landwirten^ das keine Mysterien in seinem Gottesdienste verlangte. Nur der Versöhnungstag ist streng. Wer aber möchte einen langen Tag in hartgegliederten himmelanstrebenden Domkirchen verleben? Bauet weite helle, freudige Hallen für unsere Synagogen und stellet sie in grünende Gärten, wie in Döbling. Das Symbol des Judentums äußere sich in der Ornamentik. Im „Bezalel", der neuen jüdischen Kunstschule zu Jerusalem, feiert die hebräische Ornamentik ihre Auferstehung, bei jüdischen Bauten wird man künftig dessen gedenk sein müssen. * * * Noch ist der Bau profan, der letzte Wurf der Kelle ist kaum ausgeglichen und der scharfe Hauch von Kalk und Mörtel beizt die Nerven. — Ein leises Klingeln zittert vom Eingang her, ernste Männer tragen die Thorarollen in den noch ungcheiligten Schrein. Einige der Träger schreiten stolz, andere demütig wie bedrückt von der Würde der alten Pergamente. Nun entsteht vor unseren Augen ein Gotteshaus; es mag auch als Vereinshaus gelten. In diesen gerollten Büchern finden wir alles: die Stammrolle unseres Geschlechtes, die Geschichte des Volkes, die Romane unserer Voreltern und ihre Gesetzestafeln. Unsere Gesetze find die der ganzen modernen Kulturwelt geworden. Um uns die Priorität der Weltmoräl zu rauben, hat man viele Tausende dieser Bücher aus Pergament verbrannt und sehr häufig mußten deren Besitzer mit auf den Scheiterhaufen. Ich weiß nicht, ob die zwei alten Herren, die fast eingehüllt sind in die gestickten Gewänder der Thora, von derselben Empfindung bedrückt werden, die jede solche Rolle in mir auslöst. Doch braucht der Jude zu reflektieren? Haben nicht das Leid ungezählter Jahre, das Zittern vor dem Pöbel, die Sorge ums tägliche Brot, die Angst vor der Proletarisierung die Stirnfalten als Erbe mitgegeben, seine Gestalt geprägt, sein Blut verdünnt, seine Nerven geschwächt? Wahrlich, die Gottcslehre lastet schwer auf den Schultern unserer alten Männer. Zart und leise schwingt der erste Ton zur Höhe, der erste Laut in der ewig schönen unsterblichen Sprache des königlichen Harfners „Ma tobu oholecho Jaakof“. „Wie schön find deine Zelte Jakob". In Döbling, dieser Zitadelle der Assimilation, hat man den Gesängen Davids eine neue Konzerthalle gebaut, in dieser Residenz der Halb- und Ganzgetauften erklingt nun die Hymne der Zionsburg. „Wie schön sind deine Zelte Jakob!" Sind sie denn noch schön? Und wenn sie schön sind, warum entlaufen ihnen so viele Stammesgenossen? Nicht jene meine ich, die offen übertreten, Renegaten finden sich überall, nein die halben, lauen, gleichgiltigen, die innerlich Abgefallenen, jene die mit geheimen Entsetzen an diesem Tage ersehen, daß diese alte Religion, dieser uralte, nationale Kult noch immer nicht sterben wolle. Auch feiner Organisierte gibt es, die in solch einem neuen Bau eine neue Stätte der Absonderung fürchten. Wie oft soll es denn nachgewiesen werden, daß wir nur durch Absonderung eine Annäherung der anderen erreichen können, daß wir durch die Anbiederungen der liberalen Epoche, dem Antisemitismus starke Impulse zugeführt haben! Je stolzcr wir uns bekennen, desto sicherer werden wir unsere christliche Umgebung gewinnen. Das Phänomen dieses unbezwinglichen Volkes kann nur dann mit sich versöhnen, wenn es bewußt dargestellt und nicht fatalistisch ertragen wird. Die Einigkeitsstreber vergessen aber auch, daß die Mannigfaltigkeit reizvoll und naturnotwendig ist.

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