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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-13 · 37 (13.9.1907) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37 Dr. Bloches WortzrnjÄrrM Seite 605 In Bezug auf Beredsamkeit muß ich noch anfügen: in der jüdischen Gemeinde gab es sieben oder acht Vereine, welche verschiedene, wohltätige Zwecke verfolgten, aber alle waren sie darin gleich, daß sie an ihrer Spitze einen jüdischen Gelehrten hatten, der am Sonnabend nachmittag populär wissenschaftliche Vorträge (Schrifterklärung) hielt; bei diesem suchte man auch sonst Belehrung, Rat, auch in Familienangelegenheiten, und wenn es not tat. Hilfe. Sie spendeten eine Art von Seelsorge, welche den eigentlichen Rabbinen fern lag. Mir erschien mein Vater weitaus als der beste Redner. Allgemein genoß er diesen Ruf, und zugleich pries man ihn als den klügsten Rater und den eifrigsten Helfer. Jetzt weiß ich genau, daß mein Vater ohne alle Kenntnis der Regeln der Rhetorik dieselben auf das Feinste und Taktvollste befolgte. Daß er immer nur aus der Sache sprach, niemals gefallen, sondern immer nur belehren und erheben wollte, das merkten wohl auch die einfachsten Leute, die seinen Worten mit einer durch alle Jahre sich gleichbleibenden Andacht lauschten. Aus der Tiefe seines reinen Herzens und seines erleuchteten Gemütes quoll die schlichte und doch ergreifende, ja oft auch witzige Rede. Ein redenreicher, Herz und Sinn aufregender Tag ist mir im Gedächtnis geblieben. Der einzige Vetter meines Vaters, der mit ihm wie ein Bruder lebte, ward als Rabbiner nach K u r n i k berufen. Die vierundzwanzig Stunden von Sabbathmittag bis Sonntagmittag waren der Abschiedsfeier geweiht. Nachmittag in der Synagoge hielt der Abziehende, dann der Rabbiner einen Vortrag. Später, bis tief in die Nacht, waren alle Gelehrten, alle vornehmen Juden der Stadt, auch manche Freunde, die gekommen waren, beim schlichten Mahle vereinigt. Die in die Zeit fallende Gebete (Vesper- und Abendgebet) wurden mit einer erhöhten andächtigen Feierlichkeit verrichtet, als ob der heiligste Festtag wäre. Alle übrige Zeit aber, neben dem Beten und Essen, war mit Reden ausgefüllt, in denen freilich ganz nach jüdischer Art die rein persönlichen Beziehungen nur gestreift, niemals eigentlich besprochen, dagegen allgemeine, religiöse und sittlich ergreifende Gedanken, biblische und talmudische Erzählungen über irgendwelchen Auszug, Trennung von der Heimat erläuternd angeknüpst wurden. Am Sonntag Morgens sammelte sich Alles, was in der Gemeinde beweglich war, um der scheidenden Familie noch Grüße und Wünsche zu bringen. Vormittags im Hause wiederum Rede des Scheidenden, eine zweite des Rabbiners, eine dritte meines Vaters. Was an Gefährten in der Stadt und in den umliegenden Dörfern auszutreiben war, wohl an fünfzig Wagen, gab bis zum nächsten Dorfe das Geleite. Aber schon nach den ersten zehn Minuten wurde angehalten. Der Scheidende, hoch auf seinem Wagen stehend, mußte sprechen. Drei oder Vier antworteten. Die ganze Versammlung hatte die Wagen verlassen und sich um die Redenden gruppiert. Es dauerte ziemlich lange, bis Alles wieder einsaß und so ging es nun bis ans Ende des nächsten Dorfes, wo an einer Mühle gehalten wurde. Hier wiederum Reden bei höchst frugalem Mahle. — Dann kamen einige der für mich zugleich schmerzlich- und frohbewegten Minuten meines Lebens. Der scheidende Vetter meines Vaters war aufgestanden und hatte diesem (und mir) gewinkt, mit ihm zu gehen. Draußen, hinter der Mühle, wollte er von ihm allein den letzten, einsamen Abschied nehmen. Mich hatte er an die Hand genommen und ich fühlte mich begnadet. Kurze hebräische Wechselrede, ein markerschütterndes Hängen an einander — genug! Noch heute, nach fünfzig Jahren, überwältigt mich die Erinnerung, wie diese zwei Männerseelen an einander hingen. (Nach acht Tagen kam ein reitender Bote, um den Vater zu bitten, daß er zum Vetter hinkommen möge, um ihm das Einleben in die neue Gemeinde, das ihm bei der wühlenden Sehnsucht nicht gelingen wolle, zu erleichtern.) Und jetzt bei der wirklichen Trennung mußte der Scheidende noch einmal das Wort ergreifen, weil die Hörer unersättlich waren, seine mächtig ergriffene Seele zu vernehmen, und wiederum wurden die persönlichen Beziehungen nur gestreift, symbolisch verwertet und erhabene religiöse Lehren über Scheiden und Meiden, Schmerz und Trost und über unüberwindliche Liebe kamen zum Ausdruck." Weiterhin berichtet Lazarus, nachdem er eingehend den von seinem Vater beeinflußten Studiengang geschildert: „Bon meinem 14. Jahre an war es noch eine dreifache Art Lektüre, die meinem Geist Stoff und Anregung bot. Da waren die philosophischen hebräischen Schriften des Mittelalters, einschließlich der Uebersetzungen aus dem Griechischen, vorzugsweise des Aristoteles. Auch mit der Geometrie des Enklid habe ich durch die hebräische Uebersetzung derselben die erste Bekanntschaft gemacht. Sodann die deutschen Klaffiker und andere ernste Schriftsteller, mit Vorliebe Herder und Schleiermacher, deren Lektüre wir mit einer Art heiligem Eifer oblagen. Wir, das heißt ich las unter Führung eines älteren Talmudschülers, der wohl über 25 Jahre zählen mochte. Eine ungeheuere Seltenheit, daß er noch nicht verheiratet war. Ein seltsames Schicksal mit einem höchst romantische n Abschluß hatte seine Vereinigung mit dem geliebten Mädchen verhindert. Dasselbe hat sich dann anderweitig vermählt, aber beide starben, viele Meilen von einander getrennt ohne jeglichen Verkehr, am gleichen Tage! — Sein Verlust war vielleicht der tiefste Schmerz, der mich in jenen Jahren getroffen. Es tut mir weh, daß ich seinen Namen nicht mehr weiß, was sich allerdings daraus erklärt, daß alle fremden Talmudschüler, wie die Studenten des Mittelalters und die Handwerksgesellen noch heute, bloß mit ihren Ortsnamen gekennzeichnet werden. Er war eben der Kurniker Bocher und die Anrede lautete nur Bocher. Eigentlich gelernt hatte er lediglich, was der oben umschriebene Studienkreis enthielt. Schon die Lektüre der hebräischen Philosophen lag außerhalb desselben. Aber sein Geist strebte auf eigenen Wegen weit hinaus, und mich ließ er an diesem Streben teilnehmen, soweit meine Jahre es erlaubten. Daß wir ernste und fremde Dinge miteinander trieben, entging meinem Vater nicht, aber er ließ es als eine Sache der inneren Freiheit geschehen. Welche herrlichen Stunden verlebten wir da auf dem Fluge in ferne Höhen mit ungeübten aber kräftigen Schwingen! Welch ein eifriges Suchen und beglücktes Finden! Wie oft habe ich in den folgenden Jahren, wenn ich auf den Wegen methodischer Wissenschaft weiterwandelte, deffen gedenken müffen, den nun die kühle Erde deckte, während er bei Lebzeiten immer im unbestimmten Sinnen und Sehnen eines forschenden, aber ungeordneten Geistes befangen blieb! Er war der Typus des jüdischen Bochers aus dem zweiten Viertel unseres Jahrhunderts, also der Zeit des Ueberganges der Juden und speziell dieser jüdischen Studenten zur Mitarbeit an der allgemeinen Kulturtätigkeit in den ehemals polnischen Provinzen, wie in Oesterreich und Böhmen. Die Bernstein, Kompert, Mosenthal und selbst Auerbach find von derselben Art. Mein Freund und Lehrer wurde an der Schwelle des Ueberganges dahingerafft. Auch darin typisch für Viele, denn eine übermäßig geistige Anstrengung mit aufteibenden Tasten und Tüfteln hat Viele aus diesen Kreisen zugrunde gerichtet. Die überaus kümmerliche Lebensweise mag auch nicht wenig beigetragen haben, dem hitzigen Fieber einen tödlichen Ausgang vorzubereiten. Das an Geist und Gemüt so reiche, objektiver Zweckmäßigkeit aber fernstehende und materiell so überaus dürftige Leben dieser jungen Männer gehört zum Rührendsten, was es gibt. Die Meisten leben von Freitischen bei den Gemeindemitgliedern an Wochentagen und in anderer Form den aus dem Ghetto bekannten Plets (Billets) an Sabbath- und Festtagen. Was sie an barem Geld für das bescheidenste Obdach und die notwendigste Kleidung bedurften (die Bücher fanden sie im Bethamidrasch), das verdienten sie durch Privatunterricht, Nachhilfs- und Vorbereitungsstunden, die fie in begüterten Familien gaben, zum Teil auch durch den Ertrag der Sammelbüchse, mit welcher an jedem Neumond je zwei dieser Bochurim in der

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