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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-13 · 37 (13.9.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 604 L>r. Llocb's MLocvenscvrrn. Nr. 37 Eine Kritik des achten zionistischen Kongresses. Die verbreitetste, jüdische Zeitung in Westdeutschland, das „Israelitische Gemeindeblatt", äußert sich über den Haager Zionisten-Kongreß in einer Weise, die nicht verfehlen kann, Aufsehen zu erregen. Das Blatt versieht die kritischen Ausführungen ihres Korrespondenten mit folgender Fußnote: „Die Betrachtungen, die Herr Dr. Bernfeld hier an die Verhandlungen des Zionisten-Kongresses knüpft, dürften gerade das besondere Interesse der Nichtzionisten beanspruchen, denn in diesem Artist kommt frank und frei die Meinung eines Mannes zum Ausdruck, der, obgleich er jahrelang an der zionistischen Aktion Anteil nimmt, den Blick sich frei gehalten hat für die Schwachen, an denen die zionistische Bewegung krankt." Aus dem Artikel des Dr. Bernfeld geben wir in Folgendem den Schlußabschnitt wieder: „Auf dem achten Kongreß kamen noch zwei Bestrebungen zum Vorschein. Der gemäßigte politische Zionismus, der die zionistische Bewegung vor einer Verzettelung ihrer Kräfte schützen möchte. Es ist dies die Politik der zielbewußten Arbeit, der Sammlung der Kräfte, der Aufbewahrung der Mittel für einen großen Zweck, der Stärkung ihrer Organisation und der Erhöhung ihrer Werbekraft, der vorsichtigen Gebahrung mit den vorhandenen Mitteln. Diese Wchtung wurde auf dem Kongreß von ehrlichen Männern taktvoll behandelt und selbst Parteiführer, deren Liebe für Palästina Niemand bezweifeln darf, hielten zu ihr. Aber jede ruhige Diskussion wurde durch den Fanatismus der Gegner gestört. Die Leute wollen mit den kleinen, vorhandenen Mitteln sofortige, umfassende Arbeit, ohne Rücksicht auf die Unsicherheit der Lage, ohne Verständnis für die mft diesem unsinnigen Treiben verknüpfte Gefahr, ohne Sinn auch für die auf der Bewegung lastende Verantwortlichkeit. Eine zweite Richtung, die von geistig beträchtlichen Zionisten auf dem achten Kongreß vertreten wurde, zeigte sich in dem Streben nach kultureller Arbeit. Der Zionismus soll keine Phrase sein, soll sich nicht ausschließlich auf die kolonisatorische Tätigkeit in Palästina beschränken, zumal diese große Vorsicht erheischt und in der Hauptsache der Privatinitiative überlassen werden muß. Der kulturelle Zionismus fordert die Vertiefung der nationalen Ideen, die Rückkehr zum Judentum, das Erwachen des geschichtlichen Bewußtseins in den Juden, die Förderung der kulturellen Arbeiten, die Verbreitung der Kenntnis des Judentums und der hebräischen Sprache, die Hebung der hebräischen Literatur, die Erziehung der Jugend zur Liebe des Judentums und des jüdischen Volkes, die Anspannung aller sittlichen Kräfte in den Juden. Es ist dies gewiß eine vernünftige Forderung, die insbesondere den Zionisten als selbstverständlich erscheinen muß. Aber leider wurde sie von den meisten verständnislos angehört oder gar zurückgewiesen. Die Palästinafanatiker gaben die Parole aus: Dies alles gehöre nach Palästina; in der Diaspora habe^ das Judentum keine Daseinsberechtigung. Mit solchem kalten Hohn, mit solcher schnöder Mißachtung habe ich noch keinen Assimilationsjuden in Berlin von unseren Kulturschätzen sprechen hören, wie dies seitens der Palästinafanatiker und der sonstigen Banausen geschehen ist. Aber das Traurigste, was ich auf dem achten Kongreß erlebt habe, war das schamlose Hervortreten des Geschäfts Zionismus, des widerwärtigen Strebertums, wie sie kein Kongreß zuvor gesehen hat. Die zionistische Bewegung hat bereits eine Schar von bezahlten Agitatoren, deren Treiben jeden ehrlichen Zionisten mit Ekel und Abscheu erfüllen muß. Das ist der Krebsschaden des Zionismus, an ihm wird das zionistische Ideal zu Schanden werden. Die Leitung der zionistischen Bewegung, die in den Händen ehrlicher und gutmeinender Männer liegt, ganz gleich, ob ich mit allen ihren Bestrebungen einverstanden bin oder nicht, steht jetzt vor der Aufgabe, vor allem die Bewegung von diesen Elementen zu säubern. Eine sachliche Diskussion wird so lange unmöglich bleiben, als zu den Kongressen gewisse „Interessenten" kommen werden, die bloß ihr Töpfchen an dem Feuer der nationalen Begeisterung wärmen wollen. Noch ist die Bewegung stark genug, um diese Kraftprobe bestehen zu können. Der achte Kongreß wird einen Wendepunkt in der Geschichte des Zionismus bedeuten. Entweder bleibt der Zionismus eine belebende Kraft des jüdischen Volkes oder er wird von den Geschäftszionisten verhöckert." Die Bibel irr der Esperanto-Weltsprache. Auf dem in London stattgehabten Esperanto-Kongreß wurde der Beschluß gefaßt, eine Uebersetzung der Bibel ins Esperanto herauszugeben. Der Begründer der Weltsprache ist ein jüdischer Augenarzt in Warschau, Dr. Zamenhof. Er wird in der nächsten Zeit die Sprüche und das Hohelied und danach die Psalmen in die Esperanto-Sprache übertragen. Aus der Jugendzeit von M. Ka;arrrs. (Zum 15. September, Geburtstag des Philosophen.) Mitgeteilt von Nahida Lazarus. Vor mir liegt ein ungedrucktes Manuskript, meine eigene Niederschrift nach dem Diktat meines Mannes: eine Autobiographie oder vielmehr der Anfang derselben, denn er gelangte nur bis zum Jahre 1850. Die Arbeit an der „Ethik des Judentums" unterbrach den Bericht über sein Leben. Sein Lieblingsschüler Professor Dr. Alfred Leicht *) wurde vom Meister beauftragt, seine Lebensbeschreibung fortzuführen und zu vollenden: eine herrliche Aufgabe, die aber noch in die Ferne gerückt ist. Als eine Art Abschlagszahlung veröffentlichten wir im vorigen Jahre „Moritz Lazarus Lebenserinnerungen", die jedoch nicht ihn selbst, sondern Hunderte bedeutsamer Persönlichkeiten schildern, mit denen er während eines halben Jahrhunderts bekannt und befreundet wurde. Den Wunsch, aus der erwähnten Autobiographie etwas zu spenden, erfülle ich gerne und wähle aus der Fülle zwei kleine Episoden, die sowohl das spezifisch Jüdische wie das rein Menschliche an zwei charakteristischen Gestalten zur Erscheinung bringen: der Kurniker Nav und der KurnikerBocher. Nachdem Lazarus seinen Geburtsort Filehne, sein Vaterhaus und seine erste Kindheit und Schulzeit geschildert, spricht er von den verschiedenen Konfessionen des Städtchens: „Das Verhältnis der Juden zu den Katholiken und Protestanten war nicht bloß friedlicher als zwischen diesen letzten selbst, sondern es war vertraulich. Zur Zeit des Kampfes schütteten fromme Katholiken am liebsten vor den gelehrten frommen Juden ihr Herz aus, wohl wissend, daß sie bei diesen das beste Verständnis und das unbefangenste Mitgefühl fanden. Die stille Vergleichung zwischen den drei Gottesmännern verschiedenen. Glaubens reicht in jene Zeit zurück (Mitte der Dreißiger-Jahre), und genau weiß ich, wie auffällig mir die Tatsache gewesen, daß die katholischen Geistlichen mehr Beziehung zu den jüdischen Gelehrten, dahingegen die jüdischen Schullehrer mehr Berührung zu den protestantischen Kollegen hatten. Der protestantische Geistliche auf der einen und der katholische Lehrer auf der anderen Seite hatten sich immer fern gehalten, und das reizte die Grübelei des jüdischen Knaben, der sich mit Niemandem zu unterreden wagte. Da nun auch die drei Religionsgemeinden des Ortes, die fast zu gleichen Zahlen nebeneinander wohnten, verschiedener Abstammung waren und verschiedene Sprachen redeten (polnisch, deutsch, jüdisch), so mag jenes einsame Sinnen und Suchen, das alltäglich d u r ch o f f e n b a r e Erscheinungen aufger.egt wurde, die tiefste Wurzel der Völkerpsychologie geworden sein, wie die fortgesetzte Beobachtung des verschiedenen Auftretens der drei Bevölkerungsgruppen in fast allen Lebensäußerungen die persönlichen Anfänge einer vergleichenden Psychologie enthielt. *) Er gab 1903 aus Lazarus' Nachlaß „Pädagogische Briefe" heraus und verfaßte 1904 auf Grund authentischen Materiales seine populäre Denkschrift: „Lazarus, der Begründer der Völkerpsychologie". Dieses Werk hat in einer Menge ausgezeichneter Besprechungen die wärmste Anerkennung gefunden und ist unter anderm von Männern wie G. M o n a d, E u ck e n, Wundt warm anerkannt und von der Kritik allgemein als eine wahrhaft dankenswerte Grundlegung einer quellenmäßigen Geschichte der Begründung der Völkerpsychologie bezeichnet worden. Durch die Riesenarbeit der Anfertigung des Registers zu den 20 Bänden der Zeitschrift (für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft), das ein ganzes, das Schlußheft, ausfüllt, hat Prof. Leicht ein außerordentliches Verdienst sich erworben. Durch dieses Register sind diese 20 Bände eigentlich erst richtig dem Studium zugänglich geworden. Der bekannte Professor der Philosophie in Bonn Adolf D'yro ff bemerkt am Schluß seiner ausführlichen Besprechung: „Wir schulden ihm Dank für seine interessante, mit viel Liebe durchgeführte Arbeit! - Redaktion der „Österreichischen Wochenschrift".

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