Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Dr Llocv's MocbenscdrlN. Merkmal des Verhältnisses Chawa zum Mütterchen Wlostowicka war die Offenherzigkeit. Sie, die beim Verkauf alle kleinstädtischen Frauen belog, dieser allein sagte sie die aufrichtige Wahrheit. „Zu wie viel hast Du die Störe gekauft," fragte die Alte. „Zu fünf Groschen das Pfund," antwortete Chawa. „Dann verdientest Du." „Bei der Frau Unterrichterin, denn von der Kassierin habe ich noch kein Geld bekommen." „Also geh' meine Liebe, ich weiß nicht, wer jetzt in Pulaw wohnt, doch scheinen viele Herrschaften zusammengefahren zu sein." Chawa küßte der Greifin die Hand und lief davon. Vom Kazmierz nach Pulaw find zehn Werst, es war alfo gar nicht leicht, diesen Weg mit einer Last von fünfzig Pfund auf den Schultern zu machen. Auch der über dem Arm herabhängende Stör schien dieses kühne Unterfangen durch skeptisches Schütteln mit dem Kopfe anzuzweifeln. Nach der dritten Werst ruhte fie aus. Ein vorüberfahrender Bürger, zu ihren Füßen den Fisch erblickend, ließ anhalten. „Was habt Ihr hier?" fragte er. „Einen Stör," sagte Chawa klopfenden Herzens. „E, einen Stör," brummte er verächtlich und fuhr weiter. „Vielleicht macht's in Pulaw Jeder so?" Doch sie raffte sich auf und ging weiter. Nach weiteren zwei Werst machte sie wieder Halt. Sich ihren Sorgen hingebend, bemerkte sie einen nach derselben Richtung fahrenden Wagen, auf dem neben dem Fuhrmann ein auf dem Wege aufgestiegener Jude saß, Der am Kazmierz bekannte Briefausträger, der demissionierte Soldat, der von der Kanzel verfluchte und im Magistrate durchgebläute Säufer, fuhr mit der Post und einem auf eigene Rechnung übernommenen Passagier. „Franck, Franck'" rief sie, warte." „Was?" sagte der Fuhrmann, das Pferd zurückhaltend. „Nimm mich nach Pulaw." „Außer, wenn Ihr den Fisch zuspannt, denn meine Mähre wird uns nicht fortschleppen." „Ist denn das weit? drei Hasenläufe." „Dann springet." „Red nicht, red nicht." „Aber, wo werdet Ihr sitzen, auf Moschko seinen Beinen." „Wird sich für mich auch ein Plätzchen finden." Ohne die Antwort abzuwarten, begann fie hinaufzuklettern. „Zuerst einen Gulden her," schrie Franck. ..Bist dumm, ich werd' Dich nicht bekürzen." Sie fuhren. „Warum fährst Du heute mit der Post?" „Dem Andreas sein Kind ist gestorben," antwortete Franck, „so hat der Herr mich geschickt. Eine Hölle, keine Arbeit." „Zst's denn besser, mit Briefen die ganze Stadt herumzulaufen und zu Fuß in die Dörfer zu gehen?" „Als ob ich laufe. Wer wird seine Stiefel zerreißen. Braucht man einen Brief auf ein Gut hinzutragen, dann suche ich eine Gelegenheit. Ist fie da — gut, nicht — warte ich. Papier ist keine Blume, wird nicht vertrocknen." „Und wenn's dringend ist?" „Für mich ist's nicht dringend, außer der Magen ist leer." „Habt Ihr viele Briefe für die Dörfer?" Der Teufel mag's wiffen. Alle trage ich doch nicht aus, nur die, wo's geschrieben ist, daß man durch einen Boten zustellt, und die sich die Herren von der Post nach Hause zuschicken lassen." „Zahlen sie gut für den Weg?" „O, Dummheiten. Manchmal geben, fie einen Kopeken und manchmal einen Heiden. Ich habe dem von Uscionsz . vorigen Sonntag gesagt, ich bin kein Sperling,, daß er mir Sette 587 Heiden hinschüttet. Der von Polanowka ist ein guter Schlachzize. Gestern hat er einen Rubel für einen Brief gegeben." „Einen Rubel," schrie die erregte Chawa auf. „Ist doch nach Polanowka keine Meile Wegs." „Sechs Werst. Der Mensch hat einige getrunken, dem Posthalter widersprochen, der Posthalter über's Gesicht, ich ihn gut durchgerüttelt. Er sagte, daß er mich hinausjagt — der Hund. No, die Post ist nicht mehr weit, Juden herunter. Chawa sprang vom Wagen. „Vergelts Gott!" sagte fie. „Was, Du Hundebrut, soll ich vielleicht von Deinem Gott Bezahlung verlangen?" „Einen Gulden her." „Franck, bist Du wahnsinnig. Für dies Stückchen Weges einen Gulden." „Wenn Du die zehn Kopeken nicht niederlegst, schneide ich ein Stück vom Fisch ab." Schon zog er ein Meffer aus der Tasche, bereit, seine Drohung auszuführen. „Schelm, was machst Du!" rief verzweifelt die Jüdin, da, da hast Du Räuber. Als er den Stör hin geworfen und von dem Juden das Geld eingezogen fuhr Franck pfeifend weiter. Chawa eilte mit ihrer Last auf demselben Wege und wandte sich dann auf die Allee dem Marischen Institute zu. Hier hoffte fie, am sichersten zu verkaufen. Aber schon bei der Einleitung sah fie sich enttäuscht. Die Wirtschafterin erklärte ihr nämlich, daß fie alle Nahrungsartikel nur zu größeren Mengen beziehe. Gerne würde fie mehrere oder einige Störe nehmen, einer jedoch habe für fie gar keinen Wert. Als Chawa das Institut' verließ, weinte fie bitterlich. Und wenn man fie überall abweist? — dachte fie. Ein Fisch kann nicht lange liegen. Sie schlenderte durch die Straße mit dem Fische auf den Schultern, in der Hoffnung, daß Jemand von den Passanten fie ansprechen wird. Es sammelten sich wirklich viele Neugierige, aber Niemand versuchte zu kaufen. Endlich hielt ein nicht mehr junger Herr an und ftagte: „Für wen ist das?" „Zu verkaufen," sagte Chawa. »Frisch?" „Erst gefangen." „Wie viel wollt ihr für das Ganze?" „Fünf Rubel." „Vier werdet ihr nehmen?" Eine freudige Erregung ergriff Chawa. „Ach, wohlgeborner Herr," flehte fie, „das ist zu wenig. Mich selbst kostet's so viel." „Werdet Ihr nehmen?" „Wohin, soll ich's tragen?" „In dieses Haus, zu Doktor Pryski. Dort wird man's bezahlen." (Fortsetzung folgt.) Owinn malkenu. Aus „Beruria", Gebet- und 'Andachtsbuch. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald. Verlag von Jos. Schlejinger, Wien. Unser Vater, unser König. Sieh, wir nahen voll der Schuld, Herr, um Deines Namens willen BliL auf uns herab in Huld! Laffe Deine Milde walten. Du bist unser Herr allein —, Laffe Deine ewige Liebe Ueber unserm Schicksal sein! Send' in diesem neuen Jahre Segen, Vater, uns und Glück Halte fern von unfern Häuptern Jedes drohende Geschick!