Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 696 Dr. JBlOCÖ s Mocbens^brlkt. Nr. 36 großen Saale des Restaurants Klein saßen Kopf an Kopf gedrängt nahezu sämtliche Gemeindemitglieder mit ihren Familien, darunter auch ' die Vertreter der politischen und Kultusgemeinde Ung.- Brod, der Lehrkörper und die akademische Juqend. Nach der Begrüßung durch den Obmann des Festkomitees Herrn Jakob L ö w y, brachte Fräulein Elsa Winter stein einen von Herrn Dr. Berthold Singer verfaßten Prolog mit tiefer Empfindung und klarem Verständnisse zum Vortrage. Hierauf feierte Herr Dr. Berthold Singer in längerer, wohlgesetzter Rede die Verdienste des scheidenden Oberlehrers um Schule, Gemeinde und Gesellschaft während seiner vierzigjährigen Dienstzeit. Er hob hervor, daß die Tätigkeit des Scheidenden auch seitens der Schulbehörden die ihr gebührende Würdigung gefunden, brachte in herzlichen Worten dem Jubilar namens der Schüler und Schülerinnen die besten Glückwünsche zum Ausdrucke und schloß mit dem Wunsche, der Scheidende möge noch lange im Genüsse seines wohlverdienten Ruhestandes bleiben. Stürmischer Beifall lohnte die Ausführungen des Festredners. Sodann überreichte Herr Alfred Taus namens des Festkomitees mit einer kurzen Ansprache ein wertvolles Ehrengeschenk. In tiefbewegten Worten gab Herr Oberlehrer Riesenfeld seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß seine Tätigkeit auf dem Felde der Erziehung und des Unterrichtes keine vergebliche gewesen und die Entwicklung unserer Gemeinde stets mit dem Zeitgeiste gleichen Schritt gehalten habe. Insbesondere freue es ihn, daß unsere Jugend die jungjüdische Bewegung mit Wärme erfaßt und in derselben ihr Ideal und ihren Mannesstolz wiedergefunden habe. Mit dem Danke für die ihm zuteil gewordene Ehrung schloß der Jubilar seine stellenweise von starkem Avplaus unterbrochene Erwiderung Nach einer Rezitation des Herrn Norbert Schön wurde die offizielle Feir geschloffen. Der hierauf folgende inoffizielle Teil deS Festes, in dem Toaste mit heiteren Vorträgen wechselten, hielt eine große Zahl der Festgäste bis in die spätesten Nachtstunden in fröhlichster Laune beisammen. F. Büdeu. In der Nacht auf den 27. v. M. starb hier Herr JUDr..Eduard Bloch im höheren Alter nach einem verdienstvollen, mit eplen Taten reich ausgestatteten Leben. Der Verblichene war der ältere Schwiegersohn des hier durch seinen Wohltätigkeitssinn rühmlichst bekannten Großweinhändlers Herrn Moriz Schreiber und war ein mehrjähriges Mitglied der israelitischen Kultusaemeinde und Ctiewra- Kadischn Baden. An dem am z9. August vom Trauerhause: Braitnerstraße 36, aus am hierortigen israelitischen Friedhofe erfolgten Leichenbegäng-tiffe beteiligten sich die hervorragendsten Vorstandsmitglieder der, Kultusgemeinde und Cbewra-Kadischa, wie in Vertretung der Stadtgemeinde Herr Vizebürgermeister Hotelier Brussati nebst vielen anderen Leidtragenden und Trauergästen, die in einem langen Konhukt dem Leichenwagen folgten. Im Zeremoniensaale am Friedhöfe hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner W. R e i ch an der Bavre die Trauerrede, in welcher er die edlen Charaktereigenschaften des Dahingeschiedenen in beredten und ergreifenden Worten schilderte. Herr Oberkantor M. Seifert exekutierte stimmungsvoll den gesanglichen Teil der Trauerzeremonie, worauf der Verblichene zur Ruhe bestattet wurde. Die mildherzigen Verwandten leisteten an Kranzablösungsspenden K 370.—. Jägerndorf. Se. Ehrwürden Herr Dr. David R udolfer, Rabbiner in Kojetein, wurde zum Rabbiner von Jägerndorf gewählt. Derselbe wird am 1. Neujahrstage sein neues Amt antreten. Der Gemeinde Jägerndorf gratulieren wir zu 'dieser Akquisition. Prosnitz. (Verlobung.) Am 18. August hat sich hier Frl. Kamilla Hönig, Tochter des Herrn Moritz H ö n i g, mit Herrn Julius Ehrlich, Sohn des Herrn Jakob Ehrlich, in Leipnik, verlobt. Berlin .Herrn Sanitätsrat Dr. L. M a r e tz k i, dessen verdienstvolle Wirksamkeit auf mannigfachen Gebieten jüdisch-gemeinnütziger Arbeit über unsere Stadt hinaus aufs vorteilhafteste bekannt ist, wurde der Charakter als Geheimer Sanitätsrat verliehen. Feuilleton. Charrra Rubin. Von Aleksander Smientochowski. (Fortsetzung.) Was tun? Diese Frage ist gleich schrecklich vor den Augen eines Kaufmannes, dessen mit Waren vollbeladenes Schiff auf dem Meere ein Leck bekam, wie vor den Augen der armen Händlerin, von der Niemand die beiden Störe kaufen will. Im Augenblicke solcher Gefahren ist der erste Gedanke: das Kapital retten. Nach Bezahlung der Fischer fehlten Chawa zur eingelegten Summe fünf Gulden. Deshalb durchschallt sie eilig mit einer Hacke einen Stör und trug die Hälfte zur Kassierin/ Erhält sie den ganzen Betrag, so bleiben ihr zwei Rubel Reingewinn, wenn auch der Rest der Fische verfaulen müßte. O, süße Hoffnung, o, seltener Tag des Glückes. Zwei Rübel Verdienst für einige Stunden Herumlaufens. Wohlhabendere als Chawa würden, einen solchen Erfolg vorausgesetzt, mit Fischen handeln. An diesem Tage ist Chawa fast die Erde unter den Füßen zu Wasser geschmolzen. Die Frau Kassierin erklärte nämlich, daß sie fünfzehn Groschen für's Pfund nicht bezahlen wird, nur zehn, und daß sie erst nächstens bezahlen werde. Also hatte Chawa ihre drei Rubel nicht in' der Tasche und die größere Hälfte des Tages keinen Groschen bar verdient. Betäubt von diesem Gedanken, mit dem Ausdrucke einer merkwürdigen Entschlossenheit, ging sie verträumt nach Hause. Es war 1 Uhr nachmittags. Simcha zupfte Rübenblätter und warf sie den Hühnern, die er vergebens hintergehen wollte, vor. Die Kinder saßen in einem Häuflein vor der Wand und kauten unreife Schalen von Erbsenschotten, von denen ihnen der Vater eine Handvoll aus der Stadt mitgebracht hatte. Beim Anblicke der Mutter begannen sie zu schreien. Chawa hob das jüngste zu sich, küßte es und ging ins Zimmer.. „Kauf' ihnen ein Pfund Brot," sagte sie zur Mietfrau, vier Kreuzer aus den Tisch legend — denn „ich muß fort." Und auf das Geschrei der Kinder nicht achtend, lief sie aus dem Hause und, den vor dem Fenster liegenden Stör um den Arm werfend, rannte sie durch die Straße, bte, zur Stadt führte. „Wohin denn Simchowa," fragte sie eine Greisin, die im Hausflur mit einem Strumpf in der Hand saß. „Nach Pulaw, gnädige Frau," sagte Chawa, sich der Greisin nähernd und ihr die Hand küssend. „Trägst einen Stör? Für wen?" „Weiß ich, für wen? Hier kann ich ihn nicht verkaufen. Ich Hab' noch eine Hälfte zuhause." „Ich werd' sie nehmen. Ein Enkel ist zu mir auf die Ferien gekommen mit einem guten Appetit. Aber kannst Du denn eine solche Last nach Pulaw hintragen?" „Ach, gnädige Frau, ich stehe kaum. Noch nichts heute, im Munde gehabt, weiß nicht einmal, ob ich den Kindern werde etwas abkochen können. Was soll man tun? Fische können nicht lange liegen. Ich kaufte drei Störe, einen hat die Unterrichterin genommen zu elf Groschen das Pfund, einen halben die Kassierin zu zehn, den Rest Hab' ich noch und renne nach Pulaw. Bis jetzt habe ich noch nichts verdient, nicht einmal die drei Rubel habe ich beisammen. Und wenn ich die drei Rubel der gnädigen Frau verliere, dann kann ich mit meinen Kindern Steine nagen. Die Greisin, vor der Chawa so offenherzig beichtete, war die Witwe des Gärtners der Fürsten Czartoryski in Pulaw. Nachdem sie die geliebte Herrschaft und nachher den Mann verloren hatte, konnte sie nicht länger im Orte bleiben, der für sie so traurige Erinnerungen hatte, und sie zog auf den Kazmierz, wo sie von ihrem kleinen Vermögen und den Unterstützungen ihrer zahlreichen Verwandten mit einer unverheirateten, gebrechlichen Tochter lebte. Sie hatte vor zwei Jahren jene drei Rubel geliehen, denen Chawa alle ihre Operationen verdankt und die sie wie die Augen im Kopfe hütete. Der sicherste und vorteilhafteste Profit in nächster Zukunft konnte sie nicht vor der Unruhe bewahren, die sie stets empfand, so oft die verzauberten drei Rubel, wenn auch für einen Augenblick oder auch nur teilweise ihren Händen entglitten. Ein unglaublicher Schrecken bemächtigte sich ihrer, sie sah sich an einem Abgrund, der sie mitsamt ihren Kindern hineinzuzerren droht. Von dieser Furcht kommt auch jenes gewaltsame Verlangen, die Störe so schnell als möglich zu verkaufen. Zu den drei Rubeln fehlten ihr noch fünf Gulden. Das charakteristische