Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 36 L,r. Llocv's MocbenscvE Seite 593 Das Flugblatt spekuliert auf die niedrigsten Instinkte des Aberglaubens. Die Russische Korrespondenz erinnert daran, daß solche Anschuldigungen bei dem Tiefstand der russischen Bildung nicht wirkungslos bleiben. In den früheren Cholerajahren find gegen die Juden heftige Ausschreitungen erfolgt. Ein Pogrom bei Kischenew. Berlin. Aus Petersburg wird berichtet: Aus Kischinew wird über eine am 18. August im Flecken Tomaschpol (Gouvernement Podolien) veranstaltete Judenhetze gemeldet: Am Sonntag brach zwischen einem jüdischen Ladenbefitzer und Bauern, welche ihm ein Stück Zeug gestohlen hatten, ein Streit aus, der in eine Prügelei überging. Es sammelte sich bald eine Menge Betrunkener an, die plötzlich das Geschrei erhoben: „Haut die Juden!" Darauf erfolgte in erster Reihe eine völlige Verwüstung der jüdischen Läden. Eine gesonderte Gruppe beschäftigte sich mit dem Prügeln der Juden. Sehr verspätet traf ein Landpolizist mit mehreren Reitern ein, die von der plündernden Menge mit einem Steinhagel empfangen wurden, worauf sie Feuer gaben. Zwei der Plünderer und ein jüdischer Knabe wurden getötet. Nach der Salve flohen die plündernden Bauern, wobei sie einen großen Teil des Eigentums der von ihnen ausgeraubten Juden auf Wagen mit sich führten. Jetzt wird Tomaschpol von 18 Polizisten und mehreren Reiterpatrouillen bewacht. . Berlin. Von dem Deutschen Bureau der „Alliance Isra 6 lite Universelle" werden uns folgende Berichte des nach Casablanca mit Lebensmitteln entsandten Vertreters der Alliance zur Verfügung gestellt: Casablanca, 18. August. Ich habe die Ehre, Ihnen eine Unterredung zu melden, die ich mit dem Platzkommandanten Mangin und dem General Drude, dem Kommandeur der Besatzungstruppen, über die Lage unserer Glaubensgenossen gehabt habe. Ich besuchte zuerst den Kommandanten Mangin. „Die Israeliten", erklärte er mir, „find durch die jüngsten Vorkommnisse heimgesucht worden. Sie kennen die Verluste, die sie erlitten haben. Zahlreiche ehrenhafte Familien find ins Elend gebracht worden, damit einige Spitzbuben sich durch Plünderung bereichern konnten. Ich war am ersten Tage im jüdischen Viertel (Mellah) und habe es mir angesehen. Es hat mich in hohem Maße interessiert. Ich habe keinerlei Vorurteil, denn ich kann mir recht gut erklären, wie Jahrhunderte der Unterdrückung die dortige Bevölkerung erniedrigt und ihr den Anschein der Heuchelei gegeben haben. Ich fühle Mitleid und Teilnahme. In den ersten Tagen nach der Besetzung mußte ich streng sein. Ich habe die Männer zu harten Arbeitsleistungen herangezogen, zur Totenbestattung, zur Straßenreinigung. Das war unumgänglich notwendig, denn in der Stadt gab es keine Araber mehr und die Soldaten waren im. Feuer." „Welches Programm haben Sie den Israeliten gegenüber festgestellt?" „Ich will den Mellah reorganisieren wie die ganze übrige Stadt. Auch hierbei rechnen wir auf Sie. Sie kennen den Geist der Israeliten und haben Einfluß auf sie. Es trifft sich ganz gut, daß Sie das Oberhaupt der Gemeinde bleiben, da alle einflußreichen Personen die Stadt verlassen haben. Wir werden Ihnen die einzuführenden Reformen anzeigen und werden sie gemeinschaftlich mit Ihnen durchführen. Ich werde die gegenwärtige Uebergangsperiode benutzen, um das Judenviertel als solches äufzuheben. Ich werde die Tore fortnehmen und das Quartier gesundheitlich umgestalten. Ich wünsche außerdem durch die Israeliten selbst Reformen einzuführen. Ich bitte Sie deshalb, mir über folgende 4 Punkte Bericht zu geben: 1. Schaffung einer Israelitischen Gemeindeverwaltung. 2. Herstellung von Beziehungen zwischen der Gemeindeverwaltung und der städtischen Zentralverwaltung. 3. Hygienische Vorschriften für den Mellah. 4. Einrichtung einer Polizei. Auf meine Frage nach der künftigen Lage der Israeliten erwiderte der Kommandant: „Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge kann ich Ihnen Unmöglich darüber Auskunft geben. Wenn die Stämme sich unterwerfen, wird der Ausfuhrhandel wieder beginnen, werden die Ladeninhaber und Kaufleute wieder Geschäfte machen. Wenn aber der Kriegszustand andauert, so werden die Armen sich als Arbeiter verdingen müssen, junge Leute werden als Dolmetscher und als Angestellte in den zahlreichen Vorratshäusern dienen können. Unter allen Umständen rechnen wir sehr auf die israelitische Bevölkerung. Ich wiederhole einen Gemeinplatz, wenn ich sage, daß sie sehr nützliche Hilfskräfte zwischen den Arabern und uns abgeben können. Wir fühlen dies heute schon. Sie dienen uns als Dolmetscher und für allerhand Auskünfte. Ich bin überzeugt, daß unter der Okkupation und mit Hilfe Ihrer Schulen die Gemeinde sich umgestalten wird. Unsere hygienischen Vorschriften und unsere Polizei werde in dem Mellah Sauberkeit, Ordnung, gute Haltung, Arbeit schaffen, und der Besuch der Europäer wird die Bewohner aufrütteln und allmählich ihre Gewohnheiten umgestalten." Ich muß hierbei erwähnen, daß diese Worte mit dem Ton besonderer Sympathie gesprochen wurden. Kommandant Mangin, ein Mann von hoher Einsicht, schien mir über die Sitten der hiesigen Israeliten vollkommen unterrichtet. Es ist ein wahres Glück, daß er an der Spitze der Stadt steht. Ich besuchte auch den General Drude. Der General empfing mich sehr schlicht. Er sagte mir, daß er von dem Werk der Alliance wohl gehört habe, sie aber nicht genau kenne. „Ich hoffe", fügte er hinzu, „lange genug hierzubleiben, um die Wiedereröffnung Ihrer Schulen zu sehen.' Auf die Frage nach dem Eindruck, den die hiesigen Israeliten auf ihn gemacht hätten, erwiderte er: „Ich habe Israeliten sehr wenig gesehen. Da ich Tag und Nacht auf dem Felde sein mußte, bin ich noch nicht zur Stadt gekommen. Indessen sehe ich doch die Flüchtlinge, die tagtäglich nach Casablanca zurückkehren. Sie schienen mir klug und geweckt." Und wie wird sich die Lage der Israeliten gestalten? , Darüber fragen Sie mich nicht. Ich habe mit den militärischen Operationen zu tun und überlaffe die Sorge für die Reorganisation der Stadt dem Kommandanten Mangin. Seien Sie überzeugt, daß er alles zu ihrer Verbefferung tun wird. Ich persönlich bin überzeugt, daß die Israeliten durch die Okkupation nur gewinnen können. Die Araber werden ihre Anmaßlichkeit den Israeliten gegenüber ebenso wie gegenüber den Europäern verlieren. Nach Beendigung der europäischen Operation wird der Handel sicher einen großen Aufschwung nehmen, und dabei werden die Israeliten natürlich als Vermittler zwischen Arabern und Europäern dienen." I s. P i s a. Casablanca, 16. August. Ich habe die Ehre, Ihnen die Abschrift zweier an den Kommandanten Mangin gerichteten Briefe und der darauf eingegangenen Antworten zu überreichen. Es ist mir eine Genugtuung, hinzufügen zu können, daß meine Wünsche alle erfüllt worden find. Kommandant Mangin läßt keine Gelegenheit vorübergehen, um sich Ihrem Vertreter gefällig zu erweisen. Js. Pisa. Casablanca, 16. August. An den Herrn Platzkommandanten Mangin. In unserer gestrigen Unterredung hatten Sie mir gesagt, daß Sie israelitische Arbeiter brauchen, teils zur Straßenreinigung, teils zur Beerdigung der Leichen. Sie find zu solchen Requisitionen unbedingt berechtigt. Sie werden aber verstehen, daß diese Taglöhner, die Familien zu ernähren haben, für ihre harte Arbeit bezahlt fein wollen. Ich wage deshalb zu hoffen, daß ich Ihnen diese Tatsache bloß anzuzeigen brauche, um Sie zu bestimmen, daß Sie nach Maßgabe der vorhandenen Mittel die Arbeit der armen Leute entlohnen. Jf. Pisa. Antwort des Kommandanten Mangin. Lieber Herr Pisa! Ich habe Ihren Brief vom heutigen Tage erhalten. Es entspricht nur der Gerechtigkeit, daß die Arbeiter bezahlt werde,'.