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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 690 Dr. Llocb's MocbenscbrLN. 86« vor und übersehen, daß eS gerade der Religionsunterricht ist, der Geist und Gemüt des Kindes bilden und veredeln soll. Was Wunder, wenn unter solchen Voraussetzungen auch das Kind nur mit geringem Interesse diesem Unterrichte folgt. „Kinderfürsorge" ist ein modernes Schlagwort, mit dem die Sorge für das Kind erschlagen wird. Vor lauter Fürsorge kommt das Kind gar nicht zum Lernend Die Eltern, in übergroßer Zärtlichkeit, verweichlichen und verhätscheln das Kind und halten es warm wie eine Treibhauspflanze, .anstatt es frühzeitig abzuhärten, um es gegen Sturm und Wetter widerstandsfähig zu machen. Dann heißt es, das Kind ist blutarm und es wird bald eine Seltenheit sein, einen bausbackigen, kräftig strotzenden, gesunden Jungen in der Schulbank sitzen zu sehen. „Das Kind", seine Nahrung, Kleidung, Hygiene bilden heute . das Thema humanitärer Vereinigungen, geistreicher Abhandlungen und kostspieliger Ausstellungen, allein es ist alles vergebens. Auf der einen Seite übertriebene und verfehlte Fürsorge, auf der anderen können es die Eltern kaum erwarten, das Kind in die Schule zu schicken. Es ist geradezu erschreckend, wie rapid die Altersdispensen an den Wiener Volksschulen zunehmen. Ziffern würden hier mehr sagen als der geistvollste Zeitungsartikel. Die Kinder sehen auch zumeist danach aus. Rasch in die Höhe geschaffen, bleich und blutleer, stehen sie auf dünnen Beinchen, die sie, weil eS auch modern, nackt und kokett zur Schau tragen. Körperlich unentwickelt, ist dann für solche Kinder das Denken eine Anstrengung, und tut es förmlich weh, wenn man es mit ansehen muß, wie dem Kinde während des Sprechens der Gedankenfaden reißt. Nicht genug an dem, verlaffen die Knaben schon von der 4. Klasse die Volksschule und körperlich und geistig noch unreif und unausgebildet, werden sie in die Mittelschule gestellt. „Der Bube muß Minister werden", die Mama sagt es. Ruhe wollen die Eltern haben, darum soll das ganze Erziehungswesen der Schule überantwortet werden. Der Vater ist vom Geschäft, vom Beruf ganz in Anspruch genommen. Die Lebensbedürfnisse wachsen ins Ungeheuere, der Haushalt stellt unerschwingliche Ansprüche, und in dem Bestreben, seinem Kinde den Weg durchs künftige Leben zu ebnen und ihm den späteren Kampf ums Dasein zu erleichtern, richtet er sich und das Kind zugrunde. Herangewachsen, fehlt dann dem jungen Manne jeder Halt, jede Selbständigkeit im Handeln. Ohne Willenskraft und ohne Charakterfestigkeit steht er unsicher im Kampfe, betrachtet er seinen Lebenszweck rm „Ausleben" und, geht es dann auf der schiefen Ebene immer mehr abwärts, so bleibt ihm ja immer noch ein Ausweg, den Kampf rasch zu beenden. Lebensmut und Arbeitsfreudigkeit sind ihm fremde Begriffe, und mit bekannter Sophistik spricht er sich frei von jeder Schuld. Auf die Mithilfe der Mutter in der Erziehung des Kindes ist in gewissen Kreisen schon gar nicht zu zählen. Die Mütter sind heutzutage zumeist leidend und nervös. Aus all dem Gesagten ergibt sich, daß das Schwergewicht der Erziehung unserer Jugend in die Schule verlegt und dem Lehrer überantwortet wird. Umso größer die Verantwortung. Früher hat der Lehrer im Bedarfsfälle im Elternhause Unterstützung gesucht und gefunden. Heute wird die Hilfe des Lehrers angerufen, wenn man es zn Hause mit dem Jungen „nicht aushalten kann". Sonst kümmert sich das Elternhaus das ganze Jahr gar nicht um die Schule, es sei denn, wenn das Kind schlechte „Noten" nach Hause bringt. Natürlich ist dann nur der Lehrer schuld. Es wird wohl noch niemals vorgekommen sein, daß Eltern sich beklagt oder auch nur gefragt hätten, warum das Kind lauter „Einser" nach Hause bringe. Alio auf Anerkennung von dieser Seite darf der Lehrer niemals zählen. Sollen nun Lehrer und Schule ihre große Aufgabe in pädagogisch-didaktischer Beziehung voll und ganz erfüllen, so muß auch die materielle Stellung des Lehrers eine solche sein, daß der Lehrer in Wahrheit und im weitesten Sinne eine sorgenfreie Existenz besitze. Hier heißt es, mit vollen Händen geben. Der Beruf des Lehrers verlangt einen idealen Menschen. Allein, vom Idealismus allein kann man nicht leben, noch weniger eine Familie erhalten. Und was man dem Lehrer gibt, gibt man den Kindern. Ist einmal der Lehrer im Besitze einer sorgenfreien Existenz, dann wird er auch nicht bemüßigt sein, nach Nebenbeschäftigungen zu haschen und dadurch Geist und Körper frühzeitig auftureiben. Ist doch die Tätigkeit des Lehrers, wie bei keinem anderen Berufe, an Kräfteverbrauch geradezu unersättlich und darum muß dafür gesorgt sein, daß der Lehrer sich ganz und ausschließlich der Schule widmen könne. Dann kann und wird auch der Erfolg nicht ausbleiben, dann wird Aufwand und Erfolg in gleichem Verhältnisse zu einander stehen. Unsere Jugend wird körperlich und geistig Kraft und Fähigkeit besitzen und den späteren Kampf ums Dasein mit Lebensmut und Lebensfreude aufnehmen und diesen Kampf auch siegreich bestehen. « Baden im August 1907. AdolfRotter. Ein Zeitdokuwent. Mitgeteilt von Dr. Max G r ü n f e l d. Bei der Durchblätterung einer mährischen Zeitung aus dem Jahre 1863, zum Zwecke der Zusamenstellung wichtiger Ereignisse ans den letzten 60 Jahren, fiel uns eine Notiz aus der „Bohemia" auf, die über eine polemische Schrift gegen die Nationalitätsbestrebungen handelt und wert ist, heute, wo so viel über Volk, Nation, Menschheit, Rasse gesprochen und geschrieben wird, reproduziert zu werden, schon um zu zeigen, daß diese Begriffe durchaus nicht unserer Zeit angehören, sondern schon vor 44 Jahren die Geister beschäftigten. Die polemische Schrift führt den etwas anrüchigen Titel: „Die Völkerfäulnis, Sendschreiben eines Jüngers- Christi an die Nationen". Die Schrift selbst ist im Bibelton gehalten, eingeteilt nach Versen und Kapiteln. Jeder Vers enthält ein Bibelzitat. „Wo ist", lautet Vers 8 bis 10 des ersten Kapitels, „der mannhafte Prophet, der trotz des Terrorismus des Zeitgeistes Gottes Wort bis zu diesem Tage nicht für gebunden hält und darum die nackte, heilige Wahrheit verkündet vor Hoch und Niedrig, vor Geistlich und Weltlich, ohne zu fürchten, was ihm tut der Mensch? Wo ist der treue Turmwart am Hause des Herrn, der im Angefichte des im mitternächtlichen Schwarz daherfliegenden bösen Wettergeistes in mächtigen Zügen die christliche Wetterglocke läutet, unbekümmert um die losen Zungen und die geballten Fäuste aus ihrem Schlafe geweckter pharisäischer Träumer und sadducäischer Schläfer?"..-, Er trete kühn auf", heißt es weiter — „so lange es noch Tag ist, und die bessere Menschheit wird ihn loben." Als dieser „die Wetterglocke läutende Turmwart" tritt nun der Verfasser der Broschüre auf und zieht zu Felde gegen „das hitzige Fieber des Nationalismus" und das „Faulfieber des Materialismus", gegen die nur ein Mittel sei: Der Christianismus. Er adoptiert den Unterschied, den die heilige Schrift macht zwischen „V o l k" und „N a t i o n". (Denkt er an die hebräischen Bezeichnungen „Am" und „Gau"?) Das „Volk" ist die Menschheit, die Nation" die Raffe; erst die sittliche Kultur macht wie aus dem Nationalen einen „Menschen", so aus der Nation ein Volk. Und jetzt kommt das, was uns Juden an der Schrift wohl besonders interessieren dürfte. Der „Turmwart" sagt nämlich weiter: „Jegliche Nation machte ihren Gott und stellte ihn in den Tempel, eine jegliche Nation in der Stadt, darin sie wohnte". „Nur Jehova, d e r G o t t Israel s, war 1 e i n -R a s se n g o t Sehr richtig. „Aus allen Nationen hat der Herr die einzige Nation Jsraelaus erwählet, hat sich ihr geoffenbart, hat ihr das Sittengesetz gegeben und sie in Zucht gehalten, um sie heranzuziehen zum Volke. Aber im Verlaufe der Zeit versuchte auch in Juda jene Partei, welche die religiöse Stimmung des Volkes in Pacht genommen hatte, nämlich die nationale Partei der Pharisäer, Jehova zum Abklatsch der Nation, zum Rassengotte zu machen. Und wirklich nationalisierte oder heidnisierte (sie!) sie den geoffenbarten Gott aller Menschen, nationalisierte auch Abraham, Moses und die Propheten. Es benötigten nämlich die Pharisäer — welche, wie es aller Welt bekannt ist, eine politische Partei waren" — für ihre nationale Partei auch eine nationale Kirche. Erst Johannes mußte kommen, um „den nationalen Götzen zu beseitigen und den wahren Gott wiederherzustellen", und Christus vollendete das Werk, indem er den „Weizen des guten, gläubigen Volkes, von der Spreu einer „Nation" absonderte". „Es war nur eine Konsequenz von den jüdischen Nationalen, daß sie das Ganze umkehrten und sich selbst als den guten Weizen hinstellten, indem sie die eigentlichen Volksfreunde Christum und Johannes für Männer des Teufels ausgaben" (wo ist dies geschehen?) „und das gute, herzensgläubige Volk, das Christo nachging, einen verfluchten Pöbel schalten". Die Kinder des Volkes Israel riefen: „Hosianna dem Sohne Davids! Hochgelobt, der da kommt in Namen des Herrn". Die Söhne der jüdischen Nation schrien: „Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn!" Als Titelbild enthielt die auch in böhmischer Sprache erschienene Schrift einen Holzschnitt, mit einer symbolischen Darstellung des Christianismus, des Nationalismus und des Materialismus. Wieder ein Beweis dafür, daß nichts Neues unter der Sonne ist. Jedenfalls war der Verfasser des Sendschreibens ein „sonderbarer Schwärmer", der uns ziemlich modern anmutet. Er hat viele neuere Nachtreter aufzuweisen, die ihm an Phantasie nicht nachstehen. Vielleicht hatte er auch die Schrift

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