Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36 Seite 589 ^loch s Soürrr:-chrn^ Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Schrrhpockenimpfnng. In der „Neuen Freien Presse" vom 30. August 1907 bespricht der bekannte Kinderarzt Dozent Dr. Karl Hochsinger, Leiter des „Ersten öffentlichen Kinder-Krankeninstitutes" in Wien, in sehr interessanter Weise die Schutzpockenimpfung. Eine höchst übersichtliche und dabei doch ins Detail gehende Darstellung der Entstehungsgeschichte unseres heutigen Jmpfverfahrens zeigt die zahllosen mühsamen Versuche, die seit den ältesten Zeiten angestellt wurden, um der furchtbaren Krankheit, die, überall wo sie auftrat, die Menschen nach Hunderttausenden. dahinraffte, zu begegnen. In Oesterreich wurde durch Maria Theresia die Impfung eingeführt, die den Zweck verfolgte, durch Einpflanzung von Blatternpocken eine milde Krankheit zu erzeugen, welche vor schwerer Infektion schützen sollte. Eduard Jenner zu Berkler in Schottland (1796) hatte als erster die Kuhpockenimpfung in Schwung gebracht, welcher dann bald die frühere Methode, bei der man den Impfstoff dem menschlichen Individuum entnahm, Platz machen mußte. Die eminente Schutzkraft der Jenner'schen Jmpfmethode hat sich seither glänzend bewährt. Ein Nachteil ergab sich nur in der Unmöglichkeit der Gewinnung reinen Impfstoffes von der Bauchhaut des Tieres, (es werden hiezu jetzt Kälber verwendet) da die Pockenpusteln fortwährender Verunreinigung ausgesetzt waren. Seitdem durch den Wiener Arzt Dr. S. Krüger das Epidermin zur Bedeckung der Impfstellen empfohlen wurde, hat die Reingewinnung der Tierlymphe in der Wiener Jmpsstoff-Gewinnungsanstalt einen bedeutenden Fortschritt gemacht. Der Tegminverband des Wiener Jmpsdirektors Dr. Paul beruht auf dem Schutze der Impfpusteln durch einen salbenartigen Ueberzug, das K r ü g e r'sche E p i d e r m i n. Dozent Hochsinger bespricht noch weiter die Notwendigkeit eines Jmpfgesetzes und klärt das Publikum über die nötige Grundlosigkeit aller Bedenken, die gegen die Impfung vorgebracht werden, auf. Damit hat Dr. Hochfinger in der ersprießlichsten und dankenswertesten Weise zur Bekämpfung der Wien drohenden Blatternseuche beigetragen. „Sinai". Am 19. August hat im Haag anläßlich des achten Zionistenköngresses die konstituierende Versammlung der literarischen Gesellschaft „Sinai" zur Förderung des hebräischen Schrifttums stattgefunden. Diese Gesellschaft ist im August 1905 begründet worden und sie fand bei allen Kreisen, die sich für die hebräische Sprache und Literatur interessieren, lebhafte Zustimmung. Kaum aber hatte ihre Tätigkeit begonnen, begannen die schrecklichen Ereignisse in Rußland, welche das jüdische Volk überall mit Trauer und Entsetzen er- Mten. Die Zeit war daher nicht geeignet, an die Pflege der geistigen Schätze des jüdischen Volkes zu denken. Nichtsdestoweniger behielten die Begründer der Gesellschaft „Sinai" die Sache im Auge, und es ist gewiß kein geringes Verdienst, daß sie unter so schwierigen Verhältnissen die Kräfte zu sammeln begannen. Es wurde dabei absichtlich so lange mit jeder Kundgebung nach Außen gewartet, bis man mit einer reifen Schöpfung vor die Oeffentlichkeit treten konnte. Mit dem 1. Oktober beginnt das Erscheinen der hebräischen Quartalschrift „Haatid", dessen erstes Heft (15 Bogen in Großoktav stark) jetzt im Druck vorbereitet wird. Diese ernste Zeitschrift schließt prinzipiell Belletristik und Poesie aus und will sich der wissenschaftlichen und ernst-publizistischen Behandlung aller Probleme des Judentums und des jüdischen Volkes widmen. Die bedeutendsten, jüdischen Gelehrten und Schriftsteller, alle, welche über Juden und Judentum in gediegener Form etwas zu sagen haben, werden als Mitarbeiter des „Haatid" herangezogen werden. Die jüdischen Denker und Forscher, welche nicht hebräisch schreiben, werden Gelegenheit erhalten, ihre Geistesprodukte durch gute Übersetzungen zu veröffentlichen. Die Zeitschrift „Haatid", die in Berlin erscheint, wird das Organ der Gesellschaft „Sinai" sein, die ebenfalls ihren Sitz in der deutschen Hauptstadt hat. Von da aus sollen alle Kräfte im jüdischen Volke zur Pflege der hebräischen Sprache und Literatur organisiert werden. Nach den ersten vorbereitenden Arbeiten zur zweckmäßigen Einrichtung dieser Organisation gedenkt die Leitung der Gesellschaft mit Hilfe der hervorragenden geistig Schaffenden des jüdischen Volkes ein umfassendes Programm zu entwerfen. Es wird beabsichtigt, das bereits Vorhandene, was in der hebräischen Literatur von bleibendem Werte ist, volkstümlich zu machen, und dasjenige, was nicht mehr mit dem Bewußtsein unserer Zeit zu vereinbaren ist, dadurch vom Untergang zu retten, daß sein sprachlicher und kultureller Inhalt in einer geeigneten Form aufbewahrt werde. Außerdem sollen gediegene Schriften zeitgenöffischer Gelehrter und Forscher auf dem Gebiete der Bibelforschung, der Religionsgeschichte, der Religionsphilosophie, der jüdischen Geschichte, des geistigen Lebens des jüdischen Volkes überhaupt mit Hilfe der Gesellschaft publiziert werden. Die Leitung geht von dem Standpunkt aus, daß die Lage unseres Volkes, seine weitgehende Zerstreuung in allen Weltteilen, wohl die Schaffung einer jüdischen Literatur in verschiedenen Sprachen zur Notwendigkeit macht. Diese Literatur bringt gewiß großen Nutzen und wirkt ersprießlich. Aber andererseits liegt die Gefahr vor, daß die Judenheit dadurch kulturell immer mehr zersplittert wird. Ehedem pflegten jüdische Gelehrte und Schriftsteller hebräisch zu schreiben, wodurch die Juden in allen Ländern eine gemeinsame Volkstribüne und eine, wenigstens bezüglich der Behandlung des Judentums, einheitliche Bildungsstätte hatten. Im 19. Jahrhundert kam für die Wiffenschaft des Judentums und für die jüdische Literatur neben der hebräischen auch die deutsche Sprache auf, welche letztere damals fast von allen Juden des Abendlandes verstanden wurde. Seitdem haben sich die Verhältnisse stark geändert. Die deutsche Sprache wird nur noch von einen kleinen Bruchteil der Judenheit verstanden. Wir haben nunmehr eine jüdische Literatur auch in englischer, französischer, italienischer, holländischer, ungarischer und russischer Sprache. Es ist dahin gekommen, daß wir einander nicht mehr verstehen, und was noch schlimmer ist, daß wir Juden unsere Gedankenarbeit zehnmal verrichten und uns darin bis zur Ermüdung wiederholen. Wir müssen zur hebräischen Sprache zurückkehren, sie zum Organ unserer geistigen Einheit, zur Form unseres gemeinsamen Kulturlebens machen. Die hebräische Sprache hat sich im ganzen Verlauf unserer Geschichte als Sprache unseres geistigen Schaffens bewährt. Alle Versuche, das Judentum in einem fremden Gewände zu stabilisieren, haben nur den Charakter des Provisoriums; die fremden jüdischen Literaturen haben nur eine zeitliche und örtliche Wirkung aufzuweisen. Was ist im Laufe der Jahrhunderte aus der inhaltvollen jüdisch-griechischen und jüdisch-arabischen Literatur geworden? Was nicht rechtzeitig ins Hebräische übertragen wurde, ging entweder ganz verloren oder fristet nur ein ephemeres Dasein. Die Gesellschaft „Sinai" gedenkt schon in der nächsten Zeit, ihr Programm zu veröffentlichen, und hofft auf die tätige Mitwirkung aller Freunde der hebräischen Sprache und aller, die an die Zukunft des Judentums glauben. Sie ist keineswegs etwa ein zionistisches Unternehmen, sondern will dem ganzen jüdischen Volk angehören, allen Juden des Morgen- und des Abendlandes. Sie steht allen religiösen und politischen Kämpfen fern und will nicht trennen, sondern vereinigen. Ein neues Schuljahr. III. Das Elternhaus. Die Eltern widmen der Erziehung und dem Unterrichte ihrer Kinder, von geringen Ausnahmen abgesehen, nur wenig Sorgfalt und Förderung. Insbesondere dem Religionsunterrichte steben die sogenannten defferen Familien gleichgiltig, wenn nicht aar feindlich gegenüber. Dem gesetzlichen Zwange sich fügend, laffen sie ihre Kinder „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Tiebe" am Religionsunterrichte teilnehmen, sehen aber in demselben nur eine Bürde. Sie stellen sich unter diesem Lehrstoff zumeist einen gedankenlosen mechanischen Drill