Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Gelte M 2>u JbiocD s Mocdenscbrltl. Nr sß bandes würdiges Bestreben. Soll er doch, wo es irgend angeht, das Interesse sür die Wahrheit des Judentums fördern, und wo es nicht vorhanden ist, erwecken. Nur so kann er den Hoffnungen, die in ihn gesetzt wurden, gerecht werden. Dies Bestreben bewegt sich aber seit jeher in unseren Kreisen im Rahmen dreier Ziele (freilich andere nicht ausgeschlvffen). Und nach der Richtung dieser zu bezeichnenden Ziele ging eben mein Antrag. 1. Das geschichtliche Moment. Es liegt in der Psyche des jüdischen Volkes, sich über seine Vergangenheit, seine Geschichte zu orientieren. Es hat zuviel für diese Vergangenheit geduldet, als daß es den Berichten über dieselbe gleichgiltig gegenüberstehen könnte. Der Schreiber dieser Zeilen behandelt mit Erfolg die biographischen und geschichtlichen Kapitel an der Hand von Kohut's, Katz', Friedländer's und Grätz' einschlägigen Werken; und zwar zunächst für Mittelschüler. Unsere Gymnasial- und Realschüler atmen eine eigene geistige Atmosphäre, ihre Phantasie ist jedem äußeren Einflüsse leicht zugänglich. Je nach dem Eindruck, den sie heute von jüdischem Wesen und Wissen gewonnen, werden sie einst im Leben über dasselbe urteilen. Es läge darum im Sinne des Statuts des Verbandes, „die Pflege der Wissenschaft des Judentums" dadurch zu fördern, indem der Verband von Zeit zu Zeit mit der fraglichen Literatur sich befassen und einen Plan feststellen würde, der dem Rabbiner zunächst im eigenen Wirkungskreise bei seinem Erziehungswerke als Leitfaden dienen sollte. Herz und Gemüt unserer nach Belehrung über das Judentum begierigen Jugend durch planmäßige biographische und historische Musterstücke zu gewinnen, das wäre eine des Verbandes würdige Aufgabe. 2. Ein unabweisliches Bedürfnis jedes gebildeten Juden ist die Verständigung darüber, wie das Judentum den s o z i a l e n Fragen gegenübersteht. Was ist Wahres an den ewigen Anwürfen gegen angeblichen Betrug, Schacher und Wucher des jüdischen Kaufmannes, gegen seine Arbeitsscheu, seine Handelsliebe u. dgl.? Die lichtvollenVorträge über diesen Punkt wie sie Dr. Grunwaldin Wien seit einigen Jahren so belehrend und orientierend darbietet, können nach dieser Richtung als mustergilti gdienen. Vor der Einseitigkeit von Wandervorträgen würden schon die unerschöpflichen Jnvektiven gegen jüdisches Gebühren schützen, denen man eben unermüdlich auf Schritt und Tritt ihr Unrecht Nachweisen muß. Diese Fragen sozialer Natur, die an den Geist und Verstand gereifter Männer sich wenden, sie wären bei der Auswahl der den Mitgliedern „vom Ausschuß zugewiesenen Referate" zu berücksichtigen. 3. Endlich, aber nicht zuletzt das apologetische Moment. Ich denke hier zunächst an Bücher wie etwa Chamberlains „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts". Die Schlagworte gegen uns, die in demselben angehäuft sind, dringen nicht nur in das Ohr unserer Gegner, sondern, was weit schlimmer ist, in das Gemüt der Uns rigen. Wie würden sie mitleidig über dieselben lächeln, wenn man ihnen Gelegenheit bieten würde, sich ein klares, von der Gehäffigkeit ungetrübtes Bild über jüdische Dinge zu schaffen! Oder sollte etwa das Bild, wie es Stielgebauer im „Börsenkönig" vom jüdischen Familienleben entwirft, unberichtigt in der Phantasie jüdischer Leser und Leserinnen hasten bleiben? Sollen Beleidigungen unserer Theologie und Ethik, unserer Moral- und Rechtsbegriffe, wie: der „abstrakte Götze", „der Gott der Rache und Lieblosigkeit", „die versteinerte Moral", „der heuchlerische Pharisäismus" unerwidert bleiben? Erst vor Wochenfrist trat ja der Wiener Oberrabbiner Herr Dr. Güdemann in öffentlichen Blättern mit dem Rüstzeuge objektiv-wissenschaftlicher Belege den Zumutungen Profeffor Oberhumers und der „Arbeiter-Zeitung" betreffs einer angeblichen jüdischen Bildungsfeindschaft entgegen. Die „Arbeiter-Zeitung", wohlgemerkt die Redaktion selbst, verfiel endliche in einen rüden, persönlichen Ton. Nach demselben zu urteilen, mußte ja der Rabbinismus ein Ausbund von Geistes¬ und Gewiffensknechtung gewesen sein, aber angenommen, wenn auch nicht zugegeben, daß die Maßregelung Spinoza's lediglich der Initiative der Rabbinen entsprang, was bedeutet sie, was bedeutet selbst „der Bann" an und für sich, der, wie ich in der gleichnamigen Schrift (Brünn 1898) nachzuweisen versuchte, bloß erziehlichen Motiven zur Wahrung der Thora seinen Ursprung verdankte und niemals an das Menschenleben selbst sich heranwagte, was bedeuten sie. alle gegen die rauchenden Scheiterhaufen, die durch Jahrhunderte in Spanien über unschuldige Menschenopfer emporstiegen? Es wäre ja besser, über diese Dinge, vor welchen der Genius der Menschheit trauernd sein Haupt verhüllt, den Schleier der Vergessenheit zu breiten. Aber so lange es gewissen Kreisen beliebt,' von einem „Geist" der Verketzerungssucht im Judentum zu sprechen, ist es ratsam, auch in jüdischen Gemeinden diese Dinge unter dem Lichte historischer Quellen zu illustrieren. Die von dem Verbände angestrebte „Wahrung der Ehre des Judentums gegenüber Verunglimpfungen und Angriffen auf dessen Lehrinhalt" hätte nach dieser Richtung hin ein dankbares Gebiet der Tätigkeit. In öffentlichen, Jedermann zugänglichen Referaten über Literaturerscheinungen, die las Judentum behandeln, sowie in wachsamer, strenger Kritik gehässiger Pamphlete hätte sie ihr Ziel zu erblicken. Man könnte einwenden, dies alles sei ja Sache des Religionsunterrichtes. Doch Probleme wie die hier angeführten gehen weit über seine Jngerenz hinaus. Und indem der Verband denselben zu den seinigen machen würde, hätte er das Verdienst, ergänzend und helfend dort einzugreifen, wohin die Wirksamkeit der Schule nicht mehr reicht. Ein solches Wirken läge auch im Interesse des Kultusvorstandes, der leider so oft dem überhandnehmenden Glaubensabfall ratlos gegenübersteht*), seine Sympathie aber einem Unternehmen entgegenbringen würde, welches bestrebt wäre, diesem Uebel abzuhelfen. Wir glauben eben nicht an den Grundsatz, daß ein Vortrag noch Niemanden bekehrt habe. Was in Deutschland in so großem Maßstab gelungen, das dürfte doch hierzulande in kleinem gelingen: Herz und Gemüt unserer Jugend, Geist und Ueberzeugung unserer Erwachsenen, Seele und Treue unserer Frauen zu gewinnen. Weit entfernt also von Wandervorttägen mit ihrer Einseitigkeit und Ueberredungsabsicht, sollen diese „belehrenden Vorträge" vielmehr die Hebung des historischen, wirtschaftlichen und ethischen Selbstbewußtseins unserer Kreise verfolgen. Deren Realisierung stelle ich mir vor, indem der Verband an die p. t. Kultusgemeinden mittelst einer Umfrage herantritt. Ist die Geneigtheit desselben, die ja schon durch deren Beckritt zum Verband dokumentiert und von deren bewährten Sinn für alles Gute und Wahre vorauszusetzen ist, eingetroffen, dann erhalten dieselben eine Redner- und Themenliste. Jedes zum Vortrag designierte Mitglied hält denselben außer in seiner noch in der vom Verband zu bestimmenden Gemeinde, und — ich bin . überzeugt, alles Andere, wie z. B. die Finanzierung, ist dann cura posterior. Es sind jetzt bald 300 Jahre, da achtbare und gelehrte Männer in Mähren sich behufs Fortsetzung der rmpn K'». zusammenfanden. An der Spitze der 311 Satzungen (Wien 1880, Alfred Holder), deren Original im Besitze des mährischen Landesrabbinates in Brünn sich befindet, glänzen 17 Parographe, „die Saul (Säule) der Lehre betreffend". Auch damals handelte es sich also darum, dem geistigen Verfall wirksam zu begegnen. Derselbe droht auch heute noch' in besorgniserregender Weise. Seine Spuren treten uns in der bleichen, lendenlahmen, weil ihres eigenen Wertes sich unbewußten Indolenz entgegen. Wo geistiger Verfall herrscht, dort nimmt äußerer Abfall überhand. Möge der verehrliche Ausschuß des Rabbinerverbandes nach dieser Richtung hin heute die Initiative ergreifen. Die. kommende Wintersaison bietet Gelegenheit hiezu. Und des Dankes all Derer, denen das Wohl unserer Jugend am Herzen liegt, darf er sicher sein. Neutitschein rat August 1907. Dr. Simon Mandl. *) Anmerkung der Redaktion: Gegen den Abfall enthält „B e r u r i a" ein recht wirksames Kapitel: Stimmen hervorragender Denker aller Völker gegen den Abfall vom Judentum,