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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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SeU: 686 Vr. Lunrr's WmtzemchrM Nr. 36 als notwendig ist, um den stets bedrohten Brüdern im Osten unseres Weltteiles ein Asyl zu schaffen. Niemand kann wissen, ob nicht in nächster Zukunft, vielleicht morgen schon, in dem von wilden Leidenschaften und bösen Gierden aufgewühlten Rußland, wo Tag und Nacht Mord und Raub die Judenquartiere umlauern, neue, behördlich konzessionierte Pogroms ausbrechen und neue Hilferufe durch Europa gellen werden. Wasdann? Man wird den Unglücklichen, die gemißhandelt aus tausend Wunden bluten nnd jeden Augenblick neue Schrecken gewärtigen, eine Promesse aufs gelobte Land schicken, das uns noch so wenig gehört, wie eine Landschaft im Mond und wo wir höchstens ganz sachte und unauffällig einige kleine Dörfer mit geringer Einwohnerzahl und vielem Gelde gründen können, während wir Raum für eine große Bevölkerung brauchen. Viel, sehr viel produktiven und unproduktiven Boden, für Behausungen, Fabriken, Straßen, Felder, Wälder, Gärten, Weiden, Teiche nebst Reserveland für die natürliche Vermehrung und weitern Zuzug! Nur sind in Palästina die ergiebigsten Territorien in festen Händen; was käuflich ist, ist teuer und schlecht. Das Land, wo Milch und Honig flößen, muß erst wieder urbar gemacht, die Steine, welche die ehemaligen Gerste- und Maisfelder bedecken, müssen entfernt, die Wasserleitungen hergestellt werden, bevor der Pflug die Furchen gräbt. Tausende Schwierigkeiten stehen der Kolonisation Palästinas entgegen und ihr Eude ist nicht abzusehen. W i r können und dürfen nicht warten. In Rußland darben Hunderttausende zertretener Brüder, ihre Not steigt mit ihrer Vermehrung und der Gesetzlosigkeit, die das Reich zu einem wüsten Kampfplatz macht. Lassen Sie den schönen Traum von Zion auf bessere Tage, wo die Bestie im Menschen, die Feindseligkeit, der leidenschaftliche Haß ausgetobt und der Friede die Menschheit verklärt haben wird. Bahnen Sie jetzt Wege, die offen liegen und zur Erlösung führen: Amerika, Australien, Englisch-Afrika, das Euphratgebiet, Mesopotamien, wo gewaltige Strecken fruchtbarer Erde des Pfluges warten und gastlich Menschen aufnehmen werden, auf deren gebeugten Rücken jetzt die Knute schwirrt und die unter dem schweren Tritt der Tyrannei ihr elendes Dasein verhauchen! „Wer schnell gibt, gibt doppelt." T e p l i tz, 4. September. Leo Herzber g-Fr änkel. Uom VIII. Zionisteukongreß. Aus der Rede des Delegierten Dr. Alexander Marmorek Paris: (Palästina-Debatte). Meine Damen und Herren! Wir sind uns über die letzten Zwecke, die wir verfolgen, vollkommen klar. Wenn wir seit Jahren in der Bewegung stehen, in der wir wenig Ehre und noch viel weniger Freude erlebt haben, dagegen aber das Bewußtsein mit uns getragen haben, stets unsere Pflicht gegenüber unserm Volke getan zu haben, so liegt der Grund darin, daß seit 10 Jahren über uns ein Geist gewesen ist, der Geist Herzls (stürmischer Beifall), und ich muß da fragen, ob wir alle, die den Geist Herzls unter uns fühlen, ob wir alles von diesem Geiste vergessen haben. Ich fürchte sehr, sagen zu müssen: wir haben wenig gelernt und gar viel haben wir vergessen. Was uns von den früheren Zeiten trennt, ist das große Prinzip, das Herzl uns gegeben hat. Es ist gestern und heute ein Wort gefallen: Der verstorbene politische Zionismus. Tieffchmerzlich mußte es einem bewegen, daß dieses Wort nicht einen Schrei der Entrüstung bei allen hervorgerufen hat, daß man nicht wenigstens gesagt hat: Wir find Schüler Herzls, wenn wir auch nicht imstande find, ihm zu gleichen, Schüler Herzls, die ihn begriffen haben (Beifall und Händeklatschen), Schüler Herzls, der uns gezeigt hat, daß wir aufhören sollen mit der kleinen Ghettopolitik, daß wir endlich das werden sollen, was andere Völker schon längst vor uns geworden find: Ein politisch reifes Volk! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Mein verehrter Freund Stand hat früher gesagt: wir find reife Politiker, und ich wage ihm zuzurufen: Nein! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Plötzlich sollen wir Politiker geworden sein! Im Leben find wir — ich darf es wohl sagen — alle kleine Leute, und plötzlich ist über uns der Zwang gekommen, politisch zu denken. Wir müssen uns in einen politischen Mantel hüllen, aber leider sehe ich oft unter diesem politisch schönen Mantel das Unterfutter hervorscheinen. Wir sind, meine sehr verehrten Damen und Herren, plötzlich politische Vertreter eines Teiles des jüdischen Volkes geworden. Wir sind nicht dümmere Vertreter als die Vertreter anderer Völker. Einige von uns sind sogar gescheitere Vertreter, als die anderen Vertreter — von andern meiner Kollegen kann ich dies allerdings bei der größten Hochachtung nicht sagend Aber haben wir schon den Beweis erbracht, daß wir reife Politiker geworden sind? Wir hatten vor zwei Jahren auf dem Kongresse Gelegenheit, zu zeigen, daß wir reife Politiker sind, wenn wir verhindert hätten, daß unsere schwachen Kräfte noch schwächer wurden. (Lebhafter Beifall. — Lebhafter Widerspruch.) Wenn wir Vernunft gehabt hätten, Zangwill in das engere Aktionskomitee zu wählen, dann hätten wir es zu verhindern gewußt, daß die besten Kräfte und einzigen Energien des Judentums aus lauter Liebe von dem Vater. im Arme erdrückt werden (Beifall und Händeklatschen. — Widerspruch, Lärm), dann hätten wir den Beweis erbracht, daß wir ein reifes Volk sind. Und wo sollen wir unsere politische Reife heute zeigen? Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir kämpfen nicht gegen die Details, wir kämpfen nicht gegen die sogenannte praktische Arbeit in Palästina, .wir kämpfen für etwas viel Höheres. Wir kämpfen. gegen den Geist, der unter uns plötzlich zu beherrschen anfängt, von dem Momente an, wo die eiserne Faust Herzls, die auf uns alle drückte, fehlte? Wir bekämpfen den Geist, der es dazu gebracht hat, daß wir auf der schiefen Ebene sicher und langsam abwärts gleiten, und immer schneller, wie es eben auf einer schiefen Ebene zu gehen pflegt, abwärts geraten. Wir halten noch fest an der politischen Flagge — ich spreche von der Gesamtheit, und das ist viel zu hoch, als daß ich heute von Personen sprechen soll, die alle vor der Größe unserer Aufgabe verschwinden — ich spreche von der Gesamtheit und sage: Wir alle segeln noch unter der Flagge des politischen Zionismus Herzls. (Lebhafter Beifall.) Aber ich muß Sie ftagen — greifen Sie sich voll ans Herz — wird unter dieser Flagge nicht schon falsche Ware verschifft? Wird nicht etwas anderes gesagt und etwas anderes gemeint? Wir haben verschiedene Redner gehört, welche uns Vorwürfe machen, daß wir in Palästina nicht die wichtige praktische Arbeit vollführen. Der geehrte Vorredner, der als Arbeiter aus Palästina kommt, hat uns an Beispielen gezeigt, wie wir in Palästina praktisch arbeiten. Er hat gezeigt, daß wir noch nicht politisches Verständnis haben, um dieses Experiment zu machen,- und gestatten Sie mir — ich bin ein ziemlicher Fachmann in Experimenten, und Sie können mir glauben — gestatten Sie mir es zu sagen: nicht alle Experimente führen zu einem guten Resultate, und nicht von allen Experimenten lernt man. Sie können ja lange Experimente machen und — glauben Sie mir wieder, weil ich ein Fachmann bin — wissen am Ende ebensowenig, als Sie am Anfang gewußt haben. (Heiterkeit. Ruf: Sie machen aber doch die Experimente weiter!) Man ruft mir zu:; ich mache noch immer Experimente. Jawohl! Aber das kostet zehntausend Tieren das Leben, bis ich überhaupt vorwärts komme. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Was ist es also, was wir bei Ihnen bekämpfen, wogegen wir uns heute als Opponenten stellen? Das ist der Geist, der Sie beseelt? Gegen diesen Geist müssen wir ankämpfen, weil wir überzeugt sind — und das ist keine Phrase — daß uns der große Herzl ein viel größerer Mann gewesen, als heute viele von Ihnen, begreifen (stürmllcher Beifall und Händeklatschen). Er hat oder wollte wenigstens den Juden das einprägen, was er bis dahin nicht

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