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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-30 · 35 (30.8.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Nr. 35 Seite 68g Dr. Jßlocb'ö Mocbenscvrttt. e^stiert aber gar nicht. Die Thora war seit ältester Zeit im Gebrauch, da war es doch unmöglich, nach der zweiten Kanonsammlung den Raum der Verlesung einzuschränken, wie es gar nicht denkbar war, nach der dritten Sammlung die Prophetenlektion zugunsten der Hagiographen zu verkürzen oder gar zu verdrängen (vgl. S. Bloch: Studien zur Geschichte der Sammlung der althebräischen Literatur. Leipzig. Leiner 1875, S. 18 u. p. 44). Der dritte Beweis ist auch nicht stichhältig! Als Supplement zum Gesetze wurde die Schrift nicht angesehen. Das ist richtig, jedoch dem Verfasser ist es mit dem Worte »Gesetz" auch nicht gut ergangen. Was soll man denn unter y6[ioq verstehen? Sehen wir uns doch um ein passendes Wort im Hebräischen um, so werden wir vojiog gar nicht mit min identifizieren dürfen, sondern wie Bloch (Studien rc. p 5 ff) mit Recht behauptet, ein Aequivalent dafür in niLV finden. Die Thora beschränkt sich nü! t auf das Zeremonialgesetz; das Wort Thora bedeutet ja gar nicht Gesetz, sondern Lehre. Die dritte Frage des Buches ist: welche Eigenschaften schreibt die Mischna der heiligen Schrift zu? Wie der Name selbst lehrt in erster Reihe: die Heiligkeit und zweitens die Jrrtumslosigkeit, deshalb bemüht fich die Mischna. scheinbare oder wirkliche Widersprüche der Schrift aus dem Wege zu räumen. Wir hätten hier erwartet, daß Verfasser noch andere Eigenheiten der Schrift in der Beleuchtung der Mischna vorführt, die er erst später in der Schriftauslegung und Schristanwendung einer Prüfung unterzieht. So z. B : Kein Wort der heiligen Schrift ist überflüssig, und u. dgl. mehr. Im zwetten Teile wird die Verwertung der heiligen Schrift in der Mischna besprochen. Verfaffer geht von der Halacha und Haggada aus und umschreibt ihr Verhältnis zur Schrift. Wir hören die längst widerlegten Ansichten, (S. 53) heißt es: „Das Judentum im Jahrhundert vor und nach der Tempelzerstörung hat seinen Schwerpunkt nicht im religiösen Glauben, sondern im gesetzlichen Tun." Die ersten Lehrer and Vertreter dieser Meinung haben längst einsehcn gelernt, obwohl noch nicht zur Genüge, daß ihr Urteil über das Joch des Gesetzes unwahr und unbegründet ist. Wellhausen und Budde hätten nicht feierlicher widerrufen können, als in ihren Aufsätzen in der „Kultur der Gegenwart". Die Nachzügler werden sich beeilen müssen, die Führer zu erreichen. Die falschen Anschauungen vom Judentum hängen teilweise mit der Verkennung der Bedeutung des Wortes vojiog zusammen, zum Teile sind sie die Folge einer tendenziösen Darstellung des vorchristlichen Judentums. Halacha und Haggada enthattcn Schristanwendung und Schristauslegung. Tendenziös sind wohl beide, aber das-Hauptbestreben war doch nicht, die Schattenseiten der israelitischen Geschichte zu verwischen und ihr dafür helle Lichter aufzusetzen, wie der Verfasser es Weber nachschreibt, sondern das Volk Tugend und Gottesfurcht, ehrbare Sitte und wahre Frömmigkeit zu lehren. Die Halacha und die Haggada werden nicht immer durch die Schristanwendung produziert, sondern öfters bestätigt. Wir finden oft gar keine Schristauslegung, sondern die Gedanken werden in die Schrift hineingelegt. In dieser Schristanwendung verlieren einmalige Zustände ihr zeitweiliges Gepräge. Handlungen, die in der Schrift als persönliche erscheinen, werden zu opera ab omnibus facienda. Personen werden zu Typen für gewiffe Institutionen. All diesen Tatsachen liegt die Anschauung zugrunde, daß das Leben und die Lehren der Urväter die Nachwelt erziehen und veredeln müsien. Gegen diese Art der Schristanwendung kann man ja schließlich nichts Vorbringen, aber im Gros der Schriftanwendungen sieht Verfasser die Preisgabe des natürlichen Schristsinnes Md eitle Schaustellung unechter Weite. ES muß ja zugegeben werden, daß die Beweisführung im ersten Augenblicke Mklar ist, einem tieferen Eindringen kann es trotzdem gelingen, wenn wir uns in die Denkweise der Lehrer des Altertums hineinleben Md ihre Regeln uns vor Augen halten, ihre Methode zu erkennen. Verfaffer will die Regel aufstellen: Der einem Satze zugruude liegende Sinn wird außer acht gelaffen. M. Pea VU. 7 wird hiefür als Beispiel zitiert, wo wir eine Kontroverse zwischen Rabbi Eliezer und Rabbi Akiba lesen. Wenn ein Weinberg nur kleine TrMben bringt, so gehören sie nach R. E. dem Eigentümer, nach 9L A. den Armen. R. Eliezer stützt sich auf den Vers Deut. 24. •vatan '2, R. Akiba auf Vev, 19. 10 y?iyn *6 Wenn die Frage Mfgestellt wurde, warum heftet man an den Kopf des Bockes einen karmasiufarbigen Streifen?, so hat man diesen Brauch längst vorgefunden und man suchte dafür ein Erinnerungszeichen in Js. 1.18. Darin kaM man aber schwerlich „eitle Schaustellung unechter Werte" entdecken. Ebenso hat Verfaffer M. Sanh. VIII. 2 mißverstanden. Nur dann kann einer als ein widerspenstiger und ungehorsamer Sohn gelten, wenn er Fleisch gegeffen und Wein getrunken hat. Aus dem ZusammenhMg gerissen, könnte man aus der Mischna lesen, daß jeder, der Fleisch ißt und Wein trinkt, ein Schlemmer und Säufer sei. Dem ist aber nicht so! Vorher zählt die Mischna die riesigen Quantitäten auf, die einen zum Schlemmer und Säufer machen; hierzu bemerkt der Tannatte, diese Maße finden nur bei Wein und Fleisch AnwendMg. Wenn ein Lehrer seinen Schülern, ein Prediger seinen Zuhörern ans Herz legt (Schek. III. 3), vor den Menschen ebenso gerechtferttgt dazustehen, wie vor Gott, darin kann ich keine „eitle Schaustellung unechter Werte" sehen, selbst wenn er die Ausmalung eines Begriffes in der Schrift wörtlich nimmt. Die Lehre der Schammatten (Ber. I. 3), des Abends das Schma liegend, des Morgens stehend zu lesen, hängt mtt der erwähnten Anschauung zusammen, daß jedes Wort seine Bedeutung habe und nicht Lberflüffig sein kann Diese Ansicht vom Werte der Ausdrücke der Schrift hat auch die Folge, daß rein zufällige Ausdrücke bedeutungsvoll werden. Nach dieser Beurteilung waren sie eben nicht zufällig und nicht willkürlich gewählt. Andererseits diente die heilige Schrift den Tannaiten teilweise zur Feststellung neuer Bräuche und zur Einführung neuer Lebenssitten, teilweise lehnten sie bereits bestehende Einrichtungen an dieselbe an. Es ist deshalb nichts Merkwürdiges darin zu sehen, wenn die Tannaiten religiöse Anschauungen, Vorstellungen und Einrichtungen ihrer Zeit in das biblische Zeitalter verlegten. Selbstverständlich mußten sie bei diesem Verfahren einen neuen Sinn in das Schriftwort legen, was einer gesunden Entwicklung gar nicht widerspricht. Der Ausdruck (Deut. 6. 5): „du sollst deinen Gott lieben", wird „Gott preisen" übersetzt (Ber. IX. 5), darin ist nichts Wunderbares zu sehen, der Gottesdienst ist ja die verkörperte Gottesliebe, ebenso wie Wohltun und Barmherzigkeit. Eine wahre und gerechte geschichtliche Darstellung wird immer bestrebt sein, die Menschen und Ereignisse im Rahmen ihrer Zeit zu verstehen. Diese Regel muß auch der Exeget immer vor Augen haben; allerdings ist es nicht leicht, diese Bedingung zu erfüllen, besonders in jener alten Zeit, in welcher man gar nicht versuchte, den Schriftsinn zu erfassen, sondern die herrschenden und landläufigen Anschauungen in die Schriften zu legen. Trotzdem haben gewiß einzelne Worte uud Sätze eine uralte, überlieferte Auslegung gehabt, die man nicht ändern konnte. So z. B. Jes. 60. 21 p# isn1 abiyb, wird immer das Sinnbild für das zukünftige Leben gewesen sein (Sanh. X. 1). Die Mischnalehrer erlaubten sich auch Textänderungen vorzunehmen oder den Text mit einem andern Akzent zu versehen, ein Vorgehen, das. uns befremdend erscheint, jedoch nicht den Alten, weil sie überhaupt keinen konsonantischen Text kannten wie wir, die uns streng nach demselben richten müssen. Die unzähligen npn sind nur aus diese Tatsache zurückzuführen. Verfasser findet ferner, daß die Mischna nicht selten dem Schriftwort einen anderen Sinn unterlegt, als es nach seiner Bedeutung haben sollte. Es sei erlaubt, nur einige Worte als Beispiel herauszugreifen und den Grund dieses Verfahrens zu erklären. Spr. 11. 27. njn Unglück (Pea. VIII. 9), das Wort hat bereits in der Schrift diese Bedeutung. Ex. 32. 12. Amos. 9. 4. 2 Sam. 18. 32. Ebenso verhält es sich mit dem Worte pna Wahrheit. (Pea. VIII. 9.) Man braucht nur in Eremers Tabella (ZAW. XXVII. 80) einen Blick zu werfen, so wird man sich überzeugen, daß an dieser Auffassung gar nichts sonderbares ist. Targum übersetzt das Wort. Jes. 64. 4. 61. 3 mit rrivp Von den Neueren erwähne ich nur Hitzig, Fr. Beck und Kautzsch (Die Derivate des St piL 1881). Nehmen wir noch ein drittes, scheinbar schwierigeres Beispiel: Lev. 16. 6. 11. wa. seine Frau (Joma. I.). Wer nicht weiß, daß den Alten der Satz rnvx li m'2 geläufig war, muß diese Interpretation zumindest ausfällig finden, wer aber den Sprachgebrauch zur Zeit der Mischna einigermaßen kennt, wird daran sicherlich keinen Anstoß nehmen (vergl. auch 2 Sam, 12, 8. -pnu n’a Sanh. II. 2). Mit der oben erwähnten Tatsache hängt es zusammen, daß die lempora und Modi der Verba geändert werden. An letzter Stelle bespricht Verfasser die Schriftbeweise, in welchen die Kongruenz nur bei einem der beiden Bestandteile des Beweises vorhanden ist. Wahrscheinlich dienten diese nur als Erinnerungszeichen, obwohl nicht überall das Mneumonikon “ia*ib nai angegeben ist, Uebrigens steht ja Verfasser selbst ein (s. 103), daß die Alten in der Wertung der Beweise Unterschiede machten. Im dritten Abschnitte wird die Schristauslegung in der Mischna besprochen. Vor allem sind die Wort- und Sachauslegungen zu beachten, dann die logischen Deduttionen und die exegetischen Normen. Die Zusammenstellung der Letzteren ist sehr verdienstvoll und wird sicher zu weiteren Forschungen die Leser anregen. Der Schluß enthält die Geschichte und das Wesen der Deutungsregeln und eine Abhandlung über die Frage, ob der halachische Midrasch der Mischnah vorangegangen ist oder umgekehrt, wobei Verfasser sich für die Wahrscheinlichkeit der erstxren Annahme erklärt. Es wäre zu weitläufig, unsere einzelnen Bemerkungen hier einzureihen, auf die zuletzt erwähnte Frage gedenke ich noch ein anderesmal zurückzukommen. Wir schließen mit dem Wunsche, daß ähnliche Arbeiten über die Wertung der Schrift in der Tosefta, Borajta und in den halachischen Midraschim bald folgen mögen. I a m n i tz, den 6. August 1907. Rabb. Dr. Arthur Marmor st ein. Neue Bücher. Rabbiner Dr. A. Eckstein in Bamberg. Geschichte der Juden imMarkgrafentum (Brandenburg) Bayreuth. Inhalt: I. Die ältesten jüdischen Siedelungen im Markgrafentum. II. Die Judenfrage auf den Landtagen. IH. Die Privilegien und Verordnungen des 18. Jahrhunderts. IV. Die Hofjuden und Landesrabbiner von Baiersdorf. V. Die Kultusgemeinde von Bayreuth. Nebst 8 Beilagen: 1. Ritualmordgeschichten. 2. Geleitbrief für Meyer Juden aus Bamberg. 3. Quittung der Judendeputierten über 150 fl. 4. Fürstliches Ausschreiben zur Ausschaffung der Juden. 5. Das

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