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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-30 · 35 (30.8.1907) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 680 Dr. Mocv s Mocvenscdrrrr. Sir. 35 mußte man in die Kolonie rennen, die drei Werst von der Stadt entfernt lag, hier die gepachtete Milch abnehmen und in den Häusern verteilen; man mußte einige Dörfer durchlaufen und einige Töpfe Butter oder Käse für die Beamtenfrauen aufkaufen; man mußte in den an die Stadt grenzenden Meierhof Petroleum hintragen — und so weiter. In einem kleinen Städtchen, wo jeder alles zuhause hat oder leicht besorgen kann, muß die Vermittlung beim Einkauf sehr beschränkt sein und kann nur bei sehr geringen Ansprüchen betrieben werden. Chawa mußte deswegen vom frühen Morgen bis spät in die Nacht für diese 25 Groschen herumrennen. Die traurige Ursache ihrer Armut war das kleine Einlagskapital, das eine Erweiterung ihres Handels nicht gestattete. Hätte sie fünfzig Rubel zur Verfügung, würde sie zweifellos nach drei Jahren am Sabbat Atlaskleider tragen und empfinge von der Kazmier Aristokratie artige Verbeugungen. Aber sie hatte im Umlauf bloß drei Rubel. Die finanzielle Grundlage ihres Handels zu erweitern, vermöchte sie nur auf eine Weise: durch eine Reihe kühner und glücklicher Operationen. Es fehlten ihr auch nicht hiezu die zwei wichtigsten Eigenschaften: Ambition und Mut. Ununterbrochen träumte sie von Wohlstand und Risiko. Einmal wollte sie sogar, als sie im Dorf einhergelaufen kam, zehn Töpfe Honig verangaben, jedoch die Furcht, sie könnte die ganze Barschaft einbüßen, hielt sie davon zurück. Als sie aber erfuhr, daß ein Bekannter den Honig kaufte und an ihm vier Rubel verdiente, weinte sie bitterlich und faßte den Entschluß, bei der nächsten Gelegenheit einen entscheidenden Schritt zu wagen. Eines Tages lief sie zur Weichsel, um einige Aale zu kaufen. Wie sie sich den Fischern näherte, bemerkte sie unter ihnen eine ungewöhnliche Erregung. Die Ursache dieser Erregung waren vier soeben ausgefischte Störe. In Chawa leuchtete sofort ein kühner Gedanke: wie wär's, wenn man sie kaufte? Mit zitternder Stimme ftagte sie nach dem Preis. „SBeitn Ihr Alles kauft, fünf Groschen für's Pfund," sagte einer der Fischer. „Es wird hundertsünizig Pfund sein." Chawa begann leidenschaftlich zu handeln. „Was gibt's da zu reden," sagte der Fischer, „wir baben seit einem Monat keinen Stör gefangen. Ihr werdet's zu einem (polnischen) Gulden verkaufen. Chawa war von der Hoffnung auf Verdienst so sehr geblendet, daß sie bald Handeleins wurde und „vorläufig" drei Rubel bezahlte. Den Rest hoffte sie durch sofortigen Verkauf zu begleichen. Als sie so mit den Fischern zur Stadt ging, erhitzt von der starken Erregung, die ihr Gesicht rötete, durcheilte sie in Gedanken sämmtliche Familien, wo sie Absatz für ihre Ware zu finden hoffte. Der Unterrichter, der Schreiber, der Notar, der Bürgermeister, der Kassier, der Gärber, fünfzehn Groschen für's Pfund, zwanzig, ein Gulden vielleicht auch. .. Bei diesem Gedanken leuchtete das längst verblaßte Auge Chawa's wieder auf und ein ergötzliches Lächeln huschte an ihren Lippen vorbei. Sie richtete sich die Haube zurecht und begann so schnell zu rennen, daß die mit den Stören beladenen Fischer ihr nicht Nachfolgen konnten. Und wenn Niemand kaufen wird Hundertfünfzig Pfund für den Kazmierz allein, wo sich an Wochentagen kaum dreißig Personen einen solchen Luxus gestatten können. Erschreckt hielt sie inne, der Atem versagte, aber bald ward sie wieder lebendig, sie schob das Tuch vom Kopfe und rannte weiter. „Geht in meine Hütte," sagte sie zu den Fischern, indem sie ihnen einen Fisch abnahm, „und wartet ein wenig, ich komme sofort zurück, ich will nur das Geld wechseln." Und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie durch ein schmales Gäßchen einem anderen Stadtende zu. Chawa war in ihrem Geschäfte zu sehr geübt, als daß sie nicht wüßte, daß sie, um so viele Pfund Fische zu verkaufen, die Honoratioren der StM nach ihrem Rang und Würde besuchen müsse. Deßwegen lief sie nach der entgegengesetzten Seite der Stadt vorerst zur Unterrichterin, trotzdem die Wohnungen anderer Frauen am Wege waren. Sie täuschte sich nicht. Die Frau Unterrichterin kaufte nach verhältnismäßig kurzem Handeln einen ganzen Stör um drei Rubel, das ist um mehr als elf Groschen das Pfund. Trunken von der Hoffnung auf großen Verdienst, anderseits beunruhigt wegen der Fortsetzung des Verkaufes, wechselten in Chawa Gefühle der Trauer und der Freude zugleich. — No, was ist — sprach sie zu sich, gehend — einmal billiger, ein andermal teurer. Einen ganzen genommen, auf einmal bezahlt, nun kann ich die anderen Störe wegschenken und ich hätte doch meine drei Rubel. — Meine drei Rubel — rief sie laut und zerknüllte in der Tasche ein Papierchen. — Fünf Gulden gehören ihnen, also werde ich zuzahlen — zwei Störe, sind sie fünf Gulden nicht wert? Von der Ferne bemerkte sie vor dem Hause ihren Mann in einem Gespräche mit den Fischern und mit einem Stock die Störe wegstoßen; die Kinder schauten von der Ferne in banger Furcht auf die merkwürdigen Tiere. — Ei, ei Fische, auch mir Fische, sagte er verächtlich. Wer ist das? — ein Hungriger; und wer bezahlt das? — ein Dummkopf. Oj, oj eine Spezialität. Hat sie keine Angabe gegeben? — Gegeben — sagte einer von den Fischern, aber mit dem Reste kommt sie nicht zurück. E Gewalt, sie kommt nicht, Hab' ich nicht ein Haus, bin ich kein Hausherr, mein Vermögen nicht fünf Gulden wert? Beim Herannahen seiner Frau erhöhte sich seine Stimme und Würde um einige Töne. — Auf meine Hypothek sitzt kein Groschen, nu so werden zwei Störe noch Platz finden. Chawa wies ihren Mann mit scharfer Stimme zurecht und wandte sich zu den Fischern. — Drei Gulden habe ich zu zahlen . . .? — Fünf! — riefen die Fischer. — Wieso? Cin Rubel sind ein' Gulden das Stück. Es kam zu einem Streite. Chawa wollte aus Gewohnheit und weil sie den ersten Fisch zu billig verkauft zu haben glaubte, etwas aushandeln; ihre Bemühungen blieben jedoch erfolglos. Nachdem die Fischer weggingen, setzte sie sich auf eine Bank vor dem Hause und wischte sich den Schweiß vom Gesichte, das Geschrei der Kinder, die sie nach vier Seiten hinzogen, gar nicht beachtend. Schließlich nahm sie aus der Tasche zwei Birnen, zerbiß sie in Hälften und versperrte mit ihnen die geöffneten Mäuler. — Simcha — rief sie ihrem Manne zu, der mit am Rücken verschränkten Armen auf die bemoosten Schindeln seines Hauses starrte. Trag die Fische ins Zimmer. — Hier ist ihnen nicht kalt — werden schon liegen — antwortete er phlegmatisch und schleuderte hustend der Stadt zu. Chawa erbebte vor Zorn und zwei volle Tränen leuchteten in ihren Augen. Sie haßte ihren Mann wegen seiner Faulheit und Krankheit, so weit sie eben im Joche ihrer schweren Arbeit hassen konnte. Wäre Simcha gesund, hätte sie noch eine gewisse Anhänglichkeit für ihn; würde er aus religiösen Gründen Faulenzer, dann ertrüge sie geduldig die ganze Last der Ernährung ihrer Familie. Aber Simcha mied sogar die geringste Arbeit aus Gewohnheit und infolge einer bei seinem Gesundheitszustand nur ganz begreiflichen Energielosigkeit. Ein kranker Parasit, der sich dazu noch vermehrte — kann es für eine Frau, die eine ganz arme Familie ernähren muß, noch Gräßlicheres geben? Chawa verharrte im Schweigen, beschäftigt mit .den Stören, deren man sich schnell entledigen mußte, damit ihnen die Julihitze nicht schade. Taub gegen das neuerliche Geschrei der Kinder, erhob sie sich schnell und lief in das nahegelegene Haus zu einer ihrer Klientinnen, der Frau Kassierin, die sie im Gärtelein antraf. „Aj, aj, gnädige Frau, was ich für sie habe, niemand weiß noch etwas . . . Frisch schön, ein sehr schöner Stör. . Ein Stör — sagte die Kassierin — ist kein Fisch, das ist kein Fisch. Voriges Jahr marinierte ich zwanzig Pfund und

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