Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021746--16646-3041478- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gelte 579 Vr. Bloch's Wochenschrift. , E^gl^ü. A(8 r < e t\ tt Ü,n ö f e i ir e^r 8 H.r e n- K e. b ü i l l e.) Dem Kantor der israelitischen Kultusgenieiüde in Jglau, Herrn Karl Brunner, wurde die Ehrenmedaille für 40jährige treue Dienste zuerkannt, die ihm durch den hiesigen Bürgermeister V. Jnderka überreicht wurde. .Prag. (Leichenbegängnis.) Unter ganz außerörd^ntlicher Beteiliguttg öon Träüergästett aus allen, Schichten der Gesellschaft fand vom Trauerhause, Wenzelsplatz Nr. ßi aus das Leichenbegängnis des Herrn Simon D e w i d e l s, Handschuhfabrikanten und Hausbesitzers, statt. Die große Zahl der Erschienenen legte Zeugnis ab von der ungewöhnlichen Beliebtheit und Wertschätzung» deren sich der Verblichene infolge seines reichen tnenschenfreündlichen Wirkens und seiner edlen GesiNnüNg übörätl zü etfreileh hatte. Der Sarg ruhte im vierspännigen Leichenwagen. Den Zug eröffnete der Militärveteränenverein Erzherzog Franz Ferdinand mit Fahne und die Zöglinge des MädchenwäisenHauses. Hinter d?sir Sarge schritten zunächst die Hinterbliebenen und nächsten Verwandten, denen sich die übrigen Trauergäste in langem Zuge anschlossen. Im Kondukte sah man Herrn Oberrabbiner Dr. N. E h r e n f e l d, mit den Rabbinern Weiner, Deutsch, Knöpfelmacher, Klotz, Hirsch und Kraus, die Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde mit dem Präses Herrn Dr. Arnold Rosenbacher, den Vorstand des Nächstenliebevereins mit dem Direktor Herrn Dr. Ludwig Be ndiener, die Direktion des Kreuzervereins M Unterstützung ärmer israelitischer Waisenitttidchen mit dein Obmann Herrn kaiserl. Bat Sigmund Hauröwitz, den Vorstand des Vereines zur Unterstützung unbemittelter erwerbsfähiger Individuen ohne Unterschied der Konfession, eine Abordnung des Zinsbeitragsvereins mit dem Obmannstellvertreter Herrn Karl Leisten und des Chanukavereins, sowie Depütationen vieler anderer humanitärer und gemeinüüstiger Vereine, dann kaiserliche Räte, Kommerzialräte, Großindustrielle, Bankdirektoren, Advokaten, Aerzte, Großkaufleute, rc. rc. Der Zug bewegte sich nach dem neuen israelitischen Friedhofe, wo die Beisetzung erfolgte. Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, Dr. Rosenbacher, Dr. Bendiener und Herr L i e b e r s widmeten dem Heimgegangenen warme Worte des Abschieds und des Dankes. In allen Reden wurde die seltene Mildtätigkeit und Menschenliebe des Verblichenen, durch die er sich ein herrliches Denkmal in den Herzen seiner Mitmenschen gesetzt, gepriesen. Bad Ischl. (Konfirmation im „Hotel Sonnenschein".) Samstag den 24. d. M. gab es im provisorischen Bethause des „Hotel Sonnenschein" eine schöne Barmizwahfeier. Unter den Anwesenden bemerkte man Kultusvorsteber Dr. Maxim. Steiner, den Vorsteher der „Israel. Allianz" Herrn Wilh. Pap p e n h e i m. Bethausvorsteher Hertn Alb. Winterberg, Regierungsrat Dr. Schlag, den Tempelvorsteher des XX. Bezirkes Herrn Adolf Schreiber, Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Pick u. a. Konfirmand war der jüngste Sohn Hans des Restaurateurs Sonnenschein, und der Knabe trug Maftir vor in einer Weise, daß ihn sämtliche Anwesenden herzlichst beglückwünschten. Nach dem Gottesdienste folgten die Ehrengäste einer Einladung des Herrn Sonnenschein in den festlich geschmückten Speisesaal. Auch hier hielt der Konfirmand eine mit großem Beifall aufgenümmene Ansprache, die er mit kindlichem Danke an die fürsorglichen Eltern und mit einem besonderen Dank für die freundliche Gunst an jene, welche diese Barmizwahfeier durch ihre Anwesenheit auszeichneten, schloß. Der Familie Sonnenschein sind aus Anlaß dieses Familienfestes vielfache Zeichen der Sympathie zugekommen. Für die hohen Feiertage ist es dem rührigen Lokalkomitee zur Erbauung eines Tempels in Ischl gelungen, den Journalisten und gewesenen Oberkantor in Linz, Herrn Isidor Schwarz, als Vorbeter zu akquirieren. Sch . . . z Berlin. Der bekannte Antisemit Hans v. Mosch sendet dem „Vorwärts" folgende Zuschrift : „Auf Grund des 8 11 des „Gesetzes über die Presse" fordere ich sie hiermit auf, folgende Berichtigung in der nächsten Nummer Ihres Blattes zu bringen: Es ist nicht wahr, daß ich in der Deutschen Hochwacht, G. m. b. H., oder im „Deutschen Volksbunde" irgend welche große oder kleine Unterschlagungen verübt habe; wahr ist dagegen, daß ich mein ganzes Vermögen infolge schmählichen Vertragsbruches sogenannter Antisemiten verloren habe und daß ich durch gemeine Jntriguen sogenannter „Bundesbrüder" aus meiner Stellung hinausgedrängt worden bin." Feuilleton. Chanm Dlultirk. Von Meksander Swientochowski. Ich mache meine geehrten Leser aufmerksam, daß die Personen und Ereignisse, über die ich hier berichten möchte, einer sozialen Schichte cmgehören, die ihre Anwälte nicht bezahlt, daß ich also dieser Beschreibung ürich durchaus uneigennützig unterziehe. Ich erachte diese Einwendüng für notwendig, damit das Tribunal der öffentlichen Meinung, wenn sie über die Motive dieser Schilderung urteilen wird. Nicht auf eines stoße, nämlich, daß ich mich bei den Glaubensgenoffen üreiner Helden verdient machen will. Deswegen möchte ich vor allem feftstelleN, daß der Name Rubin nur bezeichnen könne, was Chawa u«K ihr Mann Simcha sein möchten, nicht aber, was sie in Wirklichkeit wären. Sie waren nämlich so arm, daß sie, ohne ihrem Anstand etwas zü vergeben, sich Sandbürger benennen könnten. Der Urgroßvater Simchäs wollte wenigstens den Namen eines Kleinods besitzen und deffen zauberhaften Klang seiner Nachkommenschaft vererben und benannte sich Rubin. Dies half aber weder ihm, noch seinen Nachkommen. Simcha war ein Kleinod, in auserlesenes Elend eingefaßt. Es fehlte ihm wirklich gar nichts, was für einen Hungerleider notwendig ist. Ein „Chaffid", saß er fortwährend in der Schul; überzeugt, daß er von einer „sehr guten Familie" abstamme, hielt er sich für eine Berühmtheit, die die Welt unterstützen und nicht verhungern laffen wird; im Uebrigen war er seit Jahren brustleidend und zu keiner Händearbeit geeignet. Der Tod seines Vaters hat ihm endgiltig den Garaus gemacht. Er bekam nämlich zur Erbschaft den vierten Teil eines Häuschens am Kazmierz an der Weichsel, ein Vierteil einer einfallenden Ruine, deren untere Fenster bis unter das Niveau des kotigen Gäßchen eingesunken waren und die der Stadtkaffier, als zum Demolieren bestimmt, von den Steuern befreite. Trotzdem war Simcha stolz auf seine Erbschaft, die ihm den Titel eines „Hausherrn" eintrug. Er nahm in sein Zimmer, das sein ganzes Besitztum ausmachte, zwei Mieter auf und seither zankte er entweder mit ihnen oder er versprach ihnen, zum Frühling das Haus aufzufrischen, oder er saß auf einer Bank vor dem Hause und wärmte sich in der Sonne oder er streute den drei Hühnern gekochte Kartoffelschalen aus. Sogar die Synagoge vernachläffigte er. Krankheit, Hunger, Adelsstolz, endlich das Bewußtsein der Hausherrnwürde — all das hat den armen Juden in einen Zustand völliger Unzurechnungsfähigkeit versetzt. Als er des Faulenzens müde wurde, ging er auf den Ringplatz und debattierte mit den Vorübergehenden über die vielen Kaufangebote auf sein Besitztum, nach dem tatsächlich niemand verlangte. Weil ihm auch seine Mieter das Geld schuldig blieben, wirst Du, lieber Leser, wahrscheinlich fragen, von was denn eigentlich Simcha mit seinen vier Kindern lebte? Zur Lösung dieses Rätsels ist uns eben Chawa Rubin notwendig. Ein Künstler, der beschädigte Bilder aufzufrischen befähigt ist, würde sagen, daß die dreißigjährige Chawa ein schönes Weib war. In Wirklichkeit konnte jeder die regelmäßigen Konturen des Gesichtes noch erkennen, eine schöne Nase, ein feuriges schwarzes Auge, ein kleines modelliertes Ohr, ein anziehendes Lächeln, aber all das durch so viele Merkmale des Elends entstellt, daß ich lieber von dem Arbeitseifer Chawas sprechen will, als von ihrer Schönheit. Sie war aber so arbeitssam, wie es nur eine Jüdin sein muß, die einen Mann mit vier Kindern von einem Handel ernährt, in dem die drei Rubel die ganze Summe des Umlaufskapitals ausmachen. Wäre Chawa als Christin zur Welt gekommen, würde sie einige Gulden täglich verdienen und anständig leben können; als Jüdin stieß sie auf viele Arten von Arbeit, mit denen sie sich nicht beschäftigen durfte, und sie mußte sich ausschließlich auf die Vermittlung von unvermeidlichen Lebensartikeln verlegen, die ihr bei gewöhnlichem Verlauf der Dinge täglich 20 bis 25 Groschen Reingewinn eintrugen. Dies bei sehr großer Anstrengung. Früh