Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-30 · 35 (30.8.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021746--16640-3041472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 35 Dr. Llocvs Mocdenscdrttl. Seite 573 Jüdische Höhlenbewohner. Der Bericht der „Alliance Jsraelite Universelle" für das Jahr 1906 (Paris, La Bryere 45), der wie gewöhnlich eingehende Mitteilungen über die Lage der Juden in Rußland, Rumänien, Persien und der Türkei, sowie über die segensreiche Tätigkeit der Alliance und der mit ihr verbundenen deutschen Konserenzgemeinschaft macht, enthält diesmal sehr interessante Notizen über die jüdischen Höhlenbewohner von Gharian in Tripolis, im Gebiete des alten Libyen. Es heißt dort: „Ein seltsamer Anblick, diese fruchtbaren Hügel und Täler, in denen, abgesehen von einigen Ruinen und Moscheen, sich keine Spur menschlicher Wohnungen über den Erdboden erhebt, wo die Toten über der Erde liegen, die Lebenden in Höhlen sich aufhalten, die das Auge kaum zu entdecken vermag! Gharian, von Troglodyten bewohnt, hat eine große Zahl muselmännischer Dörfer, wenn man diesen Namen den nackten Anhöhungen von roter Erde geben kann, bei denen nichts auf die Anwesenheit menschlicher Wesen deutet. Von Zeit zu Zeit entdeckt das geübte Auge zwischen Oliven- und Feigenbäumen, zur Seite einer Moschee oder neben Ruinen am Abhang eines Hügels Löcher, die durch ihre Gestalt meist an Kellertüren erinnern. Eine kleine hölzerne Pforte öffnet sich vor dem Reisenden, und er ist in einer Art dunkler Galerie, die abwärts führt nnd die man erst durch Gewöhnung ungefährdet durchschreiten lernt. In einem Abstand von etwa 15 bis 20 Metern stößt man auf einen Hof, der durch von oben einfallende Lichtstrahlen schwach erhellt ist. Dieser Raum geht dem Zentralhof vorauf und dient zuweilen den. israelitischen Schmieden als Werkstatt. Man steigt immer weiter hinab und gelangt auf einen viereckigen unterirdischen Hof, der vergleichsweise hell ist, weil durch ein Stück Himmel, das man durch einen Ausschnitt von 10 bis 12 Metern Durchmesser sehen kann, Licht hereinfällt. Dieser Hof, ein förmlicher Abgrund, ist der Zentralsitz, zugleich Küche und Fabrik. Die einzelnen Gemächer sind in Umfassungsmauern gegrabene Aushöhlungen, die ihr Licht vom Hof aus erhalten. Man erstickt dort gerade nicht, aber der Reisende fühlt sich unbehaglich, während die Eingeborenen der Meinung sind, daß das unterirdische Leben naturgemäß und sogar bequem sei. Die Synagoge des Dorfes Beni-Abbas ist gleichfalls unterirdisch angelegt, doch ist der Zugang offen und leicht, das Dach überragt sogar um etwas den Erdboden. In Tigrena hat man eben einen Synagogenbau beendet, der sich ganz über die Erde erhebt. So habe ich zwei vollständig jüdische Dörfer und zwei unterirdische Niederlassungsgruppen unserer Glaubensgenossen gefunden. Das eine Dorf, unter den Namen Iehud-Abbas bekannt, liegt der Wüste, die nach Tripolis führt, am nächsten. Das Dorf zählt in sechs unterirdischen Höfen 240 Einwohner und hat eine Synagoge, deren Dach kaum über den Erdboden ragt. Die Bewohner sind die letzten Ueberlebenden einer vormals zahlreichem durch Pest aufgeriebenen Bevölkerung. Männer und Frauen stellen einen schönen Typ dar, den die Höhlenluft nicht verderbt hat. In den Höhlen arbeiten alle Juden. In der Jahreszeit, die der Feldarbeit vorausgeht, sind sie Schmiede, dann find sie Feldarbeiter und während der Brachzeit wandernde Kaufleute, die das ganze Land durchziehen. Viele von ihnen fabrizieren einen Dattelschnaps, die Frauen weben für die Eingeborenen, arbeiten in den Feldern und an den Fruchtbäumen. Manche Juden von Gharian beschäftigen fich überdies mit der Fabrikation von Holzschuhen. Bei der allgemeinen Unwissenheit hat man nur wenige örtliche Ueberlieferungen bewahrt. Die Schochtim und die Talmud- Thora-Lehrer find von tiefer Unbildung. Inder Talmud-Thora von Beni-Abbas sind 16 Schüler, in der von Tigrena 40. Bemerkenswert ist, daß man in der Synagoge „Piutim" fingt, die anderwärts unbekannt sind und deren Verfasser aus dem Troglodytenlande stammen. Als Nahrung dienen den Höhlenbewohnern Gerstenbrot, Feigen und Datteln. Aus letzteren bereiten sie einen Schnaps, dem sie auch selbst nur allzusehr zusprechen. Ihre Lieblingsspeise ist ein aus Gerste und Oel hergestelltes Gemisch, das sie mit den Fingern, ohne Gabel oder Löffel, zum Munde führen. Drei und eine halbe Stunde von Beni Abbas liegt malerisch das Dorf Tigrena, das in etwa 20 Höhlen 650 jüdische Einwohner hat. Die wirtschaftlichen Verhältniffe find hier die nämlichen, aber die Beziehungen zu den Eingeborenen scheinen mir in Tigrena erträglicher. Das Dorf hat zwei Synagogen, deren eine unter der Erde liegt, und eine Talmud-Thora-Schule, in der die Kinder fast nichts lernen. Der einzige des Hebräischen kundige Mann ist hier der Chacham Baschi der troglodytischen Judenschast, Rabbi Kalisa Hadschai. Gleich den Rabbinen des Mittelalters und einer Reihe von Vorfahren übt der Chacham die ärztliche Kunst aus. Kalisa ist ein schöner Mann, der ausgezeichnet hebräisch spricht. Er gab mir eine handschriftliche Sammlung von „Piutim", von denen er einen Teil selbst verfaßt hat. Er ist der wahrhafte Sproß des jüdisch-arabischen Mittelalters. Die wirtschaftliche Lage der Juden im Troglodytengebiet ist überaus unsicher. Die ganze Existenz der Juden hängt von dem guten Willen der arabischen Kundschaft ab. Die Bezahlung der Schmiede und anderen Handwerker besteht in dem geldarmen Lande fast ausschließlich in Naturalien: so und so viel Maß Gerste, Feigen oder Oliven, nach dem Ausfall der Ernte. Selbst Ackerbauer, sieht der Jude, ohne Einspruch zu wagen, wie die arabischen Nachbarn sich der Erstlinge seiner Olivenbäume, des Ertrages seiner Aecker bemächtigen, die in der weiten Ausdehnung der muselmännischen Felder fich verlieren. Ein unternehmender Hausierer, der bis nach Fezzan vordringt, ist allen Nachstellungen und Demütigungen ausgesetzt, welche die Phantasie des muselmännischen Mittelalters hat ersinnen können. Als türkischer Untertan hat er die Wehrsteuer selbst da zu entrichten, wo die Muselmannen Militärdienste nicht zu leisten brauchen, und von den Vorteilen der ottomanischen Justiz und der ottomanischen Gesetze hat er keine Nutznießung. Eine Tagereise trennt Djebel Gharian von Djebel Jffron. Dieses zählt noch drei israelitische Dörfer: El Ksir, El Meanien und Diffir mit einer Gesamtbevölkerung von 2000 Seelen. Wenn die Juden der erstgenannten Provinz Höhlen bewohnen, so suchen die der anderen Provinz auf Bergabhängen Schutz, wo ihre Wohnungen an die versteckten und schwer zugänglichen Dörfer der Berber erinnern. Diese inieressante jüdische Bevölkerung hat ihre Sitten nnd Ueberlieferungen und sogar eine seltsame Art hebräischen Dialekts bewahrt. Die letzten Ueberlebenden einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung, deren zahllosen Spuren man durch das ganze weite Gebiet des Djebel Nefusfi begegnet, stellen die Juden von Jffron einen der schönsten, stattlichsten Menschentypen dar, die zu sehen mir je vergönnt gewesen. Die Frauen besonders, in eine Art gefältelten bunten Tuchs gekleidet, fallen durch die Weiße der Haut, die Schlankheit des Wuchses, die Regelmäßigkeit der Züge auf. Ihre soziale Lage gleicht fast der der Männer. Wenn die Frau, gleich der Tochter des alten Juda, Leinen nnd Gürtel webt und Korn mahlt, so hat sie dafür auch das Recht, an der Seite des Mannes zu speisen und fich in die Gesellschaft der Männer zu mischen. Die Ehen werden in der Nähe des Brunnen abgeschlossen, dort wo die jungen Mädchen Waffer schöpfen. Ich habe manche anmutige Rebekka von Djebel gesehen, dicht am Brunnen, von den jungen Burschen des Dorfes umgeben." Altjüdische Urkunden. Berlin. In der letzten Gesamtfitzung der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften berichtete Profeffor Dr. Sachau über drei aramäische Papyrusurkunden des königlichen Museums in Berlin und legte dieselben in hebräischer Umschrift, Uebersetzung und Kommentar vor. Die Haupturkunde, die in zwei Exemplaren vorhanden, ist ein Schreiben der Vertreter der jüdischen Gemeinde in Elephantine an den Statthalter von Judäa, datiert vom Jahre 407 vor Ehr. Geb. Die Schreiber ersuchen den Adressaten um seine Hilfe zur Erlangung der Erlaubnis für den Wieder-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.