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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-30 · 35 (30.8.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 672' Dr. Llocb's "Gmocbenscbrttt Nr 86 Menschenrechte heute das Menschenleben höher bewertet wird, oder vielleicht darin, oaß das feministische Element, im letzten Akt des Dramas erscheinend, das Urteil, vielmehr die Kritik desselben etwas verwirrt hat? Jedenfalls ist es a priori als vorzügliches Zeichen dafür zu deuten, daß der Sinn für Gerechtigkeit sich in aufsteigender Linie befindet, daß diese Vorgänge den Anfang eines Kampfes gegen das Indizium, gegen aus Indizien geschöpfte Urteile darstellen, denen man mit demselben Rechte zugunsten des Angeklagten die Sphäre der unbegrenzten Möglichkeiten gegenüberstellen kann! Wie gut hierauf anwendbar sagt doch der Dichter: Seltsam klingt des Dichters Lied, doppelt seltsam was geschieht! Alle Justizmorde, die seit einem Jahrhundert bekannt wurden und denen man die Bezeichnung „Justizirrtum" als Mäntelchen umzuhängen suchte, sind natürlich auf Indizienbeweise zurückzuführen, und das bekannte Wort Macchiavellis „bring mir eine geschriebene Zeile irgend eines Menschen und ich bring ihn an den Galgen," birgt gewiß in sich die schärfste Verurteilung so manchen Urteils auf Indizien. Nicht zu allen Zeiten lebt ein Jean Jacques Rousseau, der sein Leben lang und endlich mit vollem Erfolg für die allerdings nachträgliche Rehabilitierung eines unschuldig mit dem Schwerte Gerichteten kämpfte. Muß es nicht das allergrößte Bedenken erregen, wenn ein Staatsanwalt repliziert: „Bejahen Sie ohne Bedenken die auf Mord gerichtete Frage, geköpft wird er doch nicht!" Ist dann die Garantie des Staatsanwalts so zweifelsohne, ganz allgemein gesprochen, namentlich in dem Falle, wenn der gnadenspendende Regent oder auch Präsident selbst ein enragierter Anhänger der Todesstrafe ist, sein Urteil selbständig macht und den betreffenden Referenten einfach negiert! —. Bedeutet die — wenn auch nur theoretisch verhängte Todesstrafe mit Straffolgen nicht auch gleichzeitig den völlig moralischen Tod des Ange- WMigten?-— Sollte es dem menschlichen Geiste denn nicht möglich werden, hier angemessene Reformen zu schaffen? — Man beachte nur das Gerichtsverfahren im alten Judäa! Nur auf Grund zweier Tatzeugen konnte ein Angeklagter gerichtet und zum Tode verurteilt werden. (Pent. Deut. V.) Und wesentlich sicherer wurde das Urteil noch gemacht durch die prozessuale Vorschrift über Qualität der Zeugen. Ganze Berufsstände wurden beispielsweise nicht zur Zeugenschaft zugelassen. (Talmud Sanhedrin.) Im Volksmund wurde ein Besdin (Gerichtshof), der innerhalb von sieben Jahren zwei Todesurteile fällte, für mörderisch gehalten! (Sanhedrin 240.) Da weiters im Gesetz weder Ankläger noch Verteidiger vorgesehen, so war — so paradox es etwa klingen mag — sofern der Schuldspruch einstimmig erfolgte, der Beschuldigte von der Schuld sreizusprechen! Motiviert wird dieses Paradoxon durch den Endzweck der Beseitigung jeglicher Voreingenommenheit und Oberflächlichkeit, so daß in jedem Gerichtshof dem todeswürdigen Verbrecher per natura ein Verteidiger entstehen mußte! Es ist diese Rechtspraxis umsomehr anzuerkennen, als doch bekanntermaßen die Vergeltungstheorie als Richtschnur für die Praxis in scharfer Weise oft vorgezeichnet war: Aug um Aug usw."-— — Soweit der Verfasser, der allerdings mit seinem letzten Satz von der „Vergeltungstheorie" entgleist. Denn jeder christliche Theologewird bestätigen, was schon zum so und so vielten Male gesagt wurde, daß hier nur an den „Schadenersatz" gedacht ist. Im übrigen könnte man noch vieles für die Trefflichkeit des jüdischen Gerichtsverfahrens anführen, wie die Kostenlosigkeit desselben, den Mangel der eigentlichen Gefängnisstrafen mit all dem Elend für Weib und Kind des Delinquenten, den Mangel eines Begnadigungsrechtes, die Fürsorgeerziehung Straffälliger u. s. f. Alles Dinge, die noch für die Gegenwart Probleme bilden. Doch das war nicht des Verfassers Aufgabe. Uns genugt's, wenn man jüdische Rechtsanschauungen heute noch als mustergiltig zitiert. Ein neues Schuljahr. II. Schülermaterial. Wie die Menschen überhaupt, so sind natürlich auch bfc Kinder ungleich in der Art, Begabung, Auffassung und Empfindung, je nach der Erziehung, die sie genießen. Zn Beginn des Schulbesuches sind sie zumeist noch unverdorben, ungekneteter Teig. Mit dem zunehmenden Wachstum treten auch die Eigenschaften des Kindes, die guten und die schlechten, nach und nach zu Tage. So lange die Kinder klein sind, wiegt bei den meisten, das sind die körperlich gesunden, die Eßlust vor. 5lut bei einzelnen, zumeist sind es „Muttersöhnchen" oder „Wunderkinder", ist die Lernlust eine geradezu fieberhafte. Aufgeregt, jedes Wort, jede Bewegung des Lehrers und der Mitschüler beachtend, nimmt ein solches Kind die Schule mit nach Hause, sie ist sein einziger Gedanke, sie bildet den Inhalt seiner Träume. Was wird einst aus dem Jungen werden? Ein solches Kind bedarf besonderer Pflege und Beobachtung, denn dieser Zustand des Kindes ist krankhaft und zerrüttet den Körper. Mit Sanftmut, Zerstreunng durch kindliches Spiel, Verkehr mit jüngeren Kindern, häufigen Aufenthalt in freier Luft kann der aufgeregte Zustand des Kindes nach und nach behoben werden. Freilich gehört hiezu Niel, sehr viel Geduld, allein, es lohnt sich der Mühe, und wer ein Menschenleben rettet, hat eine ganze Welt gerettet. Knaben geben sich meist ungebunden, herrisch, auch roh, Mädchen sind mehr verspielt und achten zumeist auf Aeußerlichkeiten. Buben sind offenherzig. Mädchen mehr verschlagen und verschmitzt. Die Knaben sind anfangs in der Sprache unbeholfener als Mädchen. Mit dem zunehmenden Alter jedoch ändert sich das Verhältnis, die Mädchen werden einsilbig und verlegen, die Knaben freier und schlagfertig. Falschheit ist, von Duckmäusern abgesehen, bei Knaben seltener. Bei Mädchen ist die Person des Lehrers immer das Ziel ihrer Beobachtung. Vielen Kindern, Knaben und Mädchen, fehlt es an Reinlichkeitsgefühl. Vernachlässigte Kleidung, körperliche Unremlichkeit vom Fuß bis zum Kopf sind keine Seltenheiten. Es gibt Kinder, die regelmäßig zu spät in die Schule kommen, das sind die Langschläfer, die nicht aus dem Bett zu bringen und selbst während des Unterrichtes traumbefangen sind. Sie werden eben nicht angehalten, mit den Hühnern schlafen zu gehen. Und noch ärgere Dinge gibt es, die nur durch besondere Aufmerksamkeit der Eltern und des Lehrers entdeckt und behoben werden können. Das sind Jugendsünden, die ansteckend wirken und großes Unheil stiften, das ist Selbstbefleckung bei Knaben und Mädchen. Bedenkt man, daß ein sechsjähriges Kind, bisher gewohnt, sich in jeder Weise frei zu bewegen, nunmehr stundenlang auf einem immerhin beengten Platze sitzen muß. Es fühlt Notdurft, fürchtet aus falschem Schamgefühl „hinaus" zu verlangen, und wenn nicht schon früher eine Katastrophe eintritt, das Kind hält sich gewaltsam zurück, unterstützt diese Zurückhaltung mit den Händen und weckt so ahnungslos, den sechsten Sinn und die Folgen machen sich sehr bald bemerkbar. Eingefallene Augen, stierer Blick und zeitweilige Geistesabwesenheit. Solche Kinder müssen besonders beobachtet werden, denn sie verstehen es, oft in der raffiniertesten Weise Eltern und Lehrer zu täuschen. Außer den oben bezeichneten Merkmalen legen solche Kinder gewöhnlich ein stilles, fast musterhaftes Betragen an den Tag, halten zumeist die Hände in dem zerrissenen Sack und — nässen ins Bett. Es kann darum nicht oft und eindringlich genug gesagt werden, wie notwendig es ist, Kinder frühzeitig und ständig zu beobachten. Wird das Kind zur Arbeit angehalten und in ihm Arbeitslust geweckt, Wahrheitsliebe und Offenheit gepflegt und auch beim Spiele das Neinlichkeitsgefühl gefördert, dann wird es unbewußt echtes Pflichtgefühl besitzen und gewiß, das Schülermaterial kann dann nur ein gutes sein. In jeder Klasse gibt cs besonders gut veranlagte, körperlich und geistig entwickelte Kinder, die den sogenannten „Stock" der Klasse bilden. Diese sind es, die den anderen als Muster und Vorbild dienen und das Niveau der Klasse heben. Es gilt dies insbesondere für den Religions-Unterricht. Sie sind, wie bei einem Bau, die Vorarbeiter und erleichtern dem Lehrer die Arbeit. Kinder sind von Natur aus „religiös", will sagen für „Religion" sehr empfänglich und wißbegierig. Gar oft wenden sie sich an den Lehrer mit Fragen, die mitunter gar nicht leicht zu beantworten sind und die, soll das Kind nicht Zweifel hegen, sofort und sicher beantwortet werden müssen. Das ist dann freilich Sache des Lehrers und mag ihm Beweis sein, daß und wie Kinder denken. Jedes Kind besitzt einen größeren oder geringeren Grad von Ehrgeiz Dieser muß in richtige Bahnen gelenkt werden. Es gibt Buben, die sich auf ihre Körperkraft was einbilden und auch diesbezüglich von ihren Mitschülern gefürchtet sind. Ebenso gibt es Kinder, die den Ehrgeiz besitzen, in „Religion" immer die besten zu sein, und auf diese kann sich der Lehrer sicher verlassen, sie sind immer „vorbereitet". Solche Schüler und Schülerinnen bilden den Stolz und die Freude des Lehrers, und unter solchen Umständen, wo Lehrer und Schüler das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung ihr eigen nennen, wird auch der Erfolg das glänzende Zeugnis bilden. Baden, im August 1907. Adolf Notter. (Schluß folgt.)

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