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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-30 · 35 (30.8.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Dr. JBIOCD’Ö Mocvenscvrlrr. Seite 571 Nicht Zionismus, eilte Bewegung, bereit Ziele niemals» verwirklicht werden können, ist zur Erhaltung unseres jüdischen» Selbstbewußtseins notwendig. Wichtiger als das ist die Er-» Haltung und Förderung unserer jüdischen öffentlichen An-» stalten und die Pflege der Zusammengehörigkeit. p Unsere neuankommenden Brüder kommen nicht nur * deshalb in dieses Land, weil sie hier frei leben können, sondern auch weil sie hier auf eine bessere, auskömmlichere Existenz hoffen. In dieser Beziehung sind sie aber auf unseren Rat und unsere Hilfe angewiesen. Und da erwächst uns eine besondere, hervorragende Pflicht nach zwei Richtungen : wir müssen zunächst eine weitere Stauung der Juden in den so sehr überfüllten Großstädten hintanhalten und eine rationelle Verteilung der überschüssigen Juden in die weniger bewohnten Gegenden durchführen, andererseits ganz neue Zentren schaffen, in welche die Neuankömmlinge geleitet werden sollen. Für den letzteren Zweck eignet sich besonders der Westen Amerikas, der alle Vorbedingungen besitzt, welche zur Erreichung der von mir angegebenen Ziele erforderlich sind. (Mr. Schiff meint hier die sogenannte Removal Assoziation und andererseits die von der Jüdisch-territorialistischen Organisation inaugurierte und bereits in Durchführung begriffene jüdische Kolonisation in Texas. Anm. der Redaktion.) Die Rede Schiffs, welche wir hier in ihren Hauptzügen Wiedergaben, hat einen so gewaltigen Eindruck auf die große Versammlung gemacht, daß die „Jüdische Chautauqua-Gesellschaft" den Beschluß faßte, sie in Druck zu legen und in 50.000 Exemplaren unter den Juden zu verteilen. Vom Aabrinarkt des Lebens. Dr. Salomo« Spitzer, der erste jüdische Statthaltereirat. Ueber diese Ernennung schreibt der „Mähr.-schles. Korrespondent" vom 22. August: „Wie wir bereits mitteilten, wurde der Regierungsrat und Landes-Sanitäts-Jnspektor der mährischen Statthallerei, Herr Dr. Spitzer, von Seiner Majestät mit Allerhöchster Entschließung vom 12. August d. I. zum Statthaltereirate und Landes-Sanitätsreferenten in Mähren ernannt. Der neuernannte Chef der staatlichen Sanitätsverwaltung unseres Kronlandes blickt auf eine langjährige verdienstvolle Tätigkeit im öffentlichen Sanitätsdienste zurück. Zu Straßnitz in Mähren geboren und im Jahre 1873 an der Wiener Universität zum Doktor der gesamten Heilkunde Promoviert, trat Statthaltereirat Dr. Spitzer nach mehrjähriger Dienstzeit im k. k. Allgemeinen Krankenhause in Wien, speziell an der Abteilung des berühmten Epidemiologen Hofrates Professor Dräsche, im Jahre 1877 in den staatlichen Sanitätsdienst seines engeren Vaterlandes, und zwar zunächst als k. k. Sanitäts- Assistent im Sanitätsdepartement der mährischen Statthalterei. Im Jahre 1879 zum k. k. Bezirksarzte ernannt, war er vorerst im Großmeseritscher und hierauf im Znaimer Phyfikatbezirke tätig; schon in dieser Dienststellung gelang es ihm alsbald, die Bevölkerung für die von ihm angeregten Fortschritte auf sanitärem Gebiete zu gewinnen. Anläßlich der Cyoleragefahr im Jahre 1892 wurde er als inspizierender Amtsarzt zur mährischen Statthalterei einberufen und für seine Leistungen bei Abwehr dieser Seuche durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Im Jahre 1896 wurde ihm die damals neukreierte Stelle eines Landes-Sanitäts-Jnspektors und bald darauf von Seiner Majestät der Titel eines Regierungsrates verliehen. Unermüdlich auf dem Gebiete der Verbefferung und Umgestaltung des öffentlichen Gesundheitswesens im Lande tätig, ist es ihm durch taktvolle, von überstürzender Ungeduld sich fernhaltende Führung der Verhandlungen und wohlüberdachte Vorschläge im Rahmen der finanzwirtschaftlichen Leistungslfähigkeit der in Betracht kommenden Faktoren gelungen, besondere Erfolge auf dem Gebiete der Wafferversorgung, der Errichtung von Humanitätsanstalten, Nahrungsmittel- und Gewerbehygiene u. s. w. zu erzielen.! Die alljährlich erscheinenden Jahressanitätsberichte über die fortlaufenden Leistungen auf dem Gebiete der Gesundheitspflege illustrieren seine rastlose Tätigkeit. Ueberdies stellte Statthaltereirat Dr. Spitzer seine das gesamte Feld der öffentlichen Gesundheitspflege umfaffenden Kenntnisse auch in den Dienst des k. k. Landes-Sanitäsrates, dem er seit vielen Jahren angehört und in welchem er durch gediegene Referate zur Lösung schwieriger hygienischer Fragen beitrug. Seine eingehende Kenntnis der Berhältniffe, selbst der kleinsten Gemeinden des Landes, sowie sein vielfacher enger Kontakt mit den Gemeindevertretungen bewirkten es, daß seine Anregungen auf fruchtbaren Boden fielen und die gesamten Korporationen vielfach seinen bewährten Rat in Anspruch nahmen, sowie er sich auch des Vertrauens der gesamten Aerzteschast erfreut." Wir haben zu den vorstehenden Mitteilungen Folgendes zu bemerken: Die Ernennung Dr. S p i tz e r's ist eine höchst erfreuliche Etappe in der praktischen Durchführung der Gleichberechtigung der Konfessionen in der Staatsverwaltung und als solche ein Ereignis, das der österreichischen Judenschaft zur Genugtuung, der Regierung des Ministeriums Beck zur Ehre gereicht. Dr. Spitzer ist der erste jüdische Statthaltereirat, der erste Gremiale in einer der hervorragendsten Landesverwaltungen und führt ein Referat, das neben dem Schulwesen das wichtigste des öffentlichen Dienstes bildet. Es ist diese Ernennung für uns und für den Ernannten eine umso ehrenvollere, als Doktor Spitzer aus seinem Judentum kein Hehl machte, er ist Obmann des Kuratoriums des Mährisch-jüdischen LandesmafsafondesM Präsident des mährisch-jüdischen Waisenhilfs-Vereines, Obmann der Schulsektion des israelitischen Kultusvorstandes, war stets ein eifriger Vertreter und Anwalt jüdischer Gemeinde- und Schulintereffen, erzieht seine Kinder im Glauben der Väter, und all das, nebst der erbitterten Opposition der tschechischen Presse und verwandter Kliquen war nicht imstande, seine auf einstimmigen nnls loeo-Vorschlag des Obersten SanitätsrateS erfolgte Ernennung zu hindern oder gar zu Hintertreiben. Es folgt hieraus, daß wahre Tüchtigkeit, hingebender Pflichteifer und Unantastbarkeit des Charakters sich allen Widerständen zum Trotze dennoch durchsetzen und daß vor dem echten Verdienste selbst das Vorurteil und die konfeffionelle Unduldsamkeit sich beugen müffen. Ich schließe mit einem AnSspruche W. v. Humboldts, der sich wie eine Illustration dieser Erinnerung liest: „Es ist eine eigene Sache im Leben, daß man, wenn man gar nicht an Glück oder Unglück denkt, sondern nur an strenge, sich nicht schonende Pflichterfüllung, das Glück sich von selbst, auch bei entbehrender, mühevoller Lebensweise, einstellt." 0. Zum Fall „Hau". Ueber den Fall „Hau" bringt die „Neue Würzburger Zeitung" bemerkenswerte Auslaffungen, die insofern die Leser dieses Blattes interessieren dürften, als darin auch jüdische Rechtsanschauungen erörtert werden. Der Berfaffer findet das Gerichtsverfahren „im alten Judäa" im gegebenen Falle als mustergillig, so daß die Gegenwart etwas davon lernen könnte. Er schreibt: „Wie ein Warnungszeichen, wie eine Mahnung zur äußersten Vorsicht beim Ausbau eines Prozeffes auf Indizien liegt der Prozeß „Hau" hinter uns! — Man fragt sich nicht mit Unrecht, woher mit einemmale die Polemik von Psychologen sowohl, als auch Kriminalisten um einen äs jnrs abgeurteilten Mörder kommt, nachdem zu öfteren Malen vorher Verbrecher auf Grund weit schwächerer Indizien zum Tode verurteilt wurden und diese Urteile auch vollstreckt wurden. Jft's vielleicht darin zu suchen, daß mit dem Fortschritte der Soziologie, der

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