Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 670 Dr. Llocb's MocbenscvrtN. Nr. 35 Die Folgen dieser Machtentwicklung der katholischen Volkspartei haben sich allzu rasch eingestellt: die Juden wurden mit unheimlicher Geschwindigkeit vom flachen Lande verdrängt, chre Lage wurde unter den Nationalitäten unhaltbar und sie waren auf diese Weise gezwungen, das städtische Proletariat zu vermehren. Es war nur natürlich, daß sie in der Stadt das führende Element der sozialistischen Bewegung abgaben. Von der einen Seite bedrängt, fanden die Juden bei ihren früheren Bundesgenossen keine Stütze. Die Regierungen, welche nach Kolomau Tisza ans Ruder kamen, haben die hervorragenden Dienste, welche die Juden dem ungarischen Staatsgedanken erwiesen, rasch vergessen, und Koloman v. S z e i I war der Erste, der die Macht der katholischen Volkspartei erkennend, sie richtig einschätzte und in ihren anti-jüdischen Bestrebungen begünstigte. Unter S z e l l wurden die unzähligen Verordnungen gegen die jüdischen Trafikanten, Wirtshausbesitzer rc. erlassen, durch welche Hunderte von jüdischen Familien um ihre Existenz gebracht wurden. Nun ward die kleine, anfangs ganz unbeachtete Gruppe der Volksparteiler zu einem mächtigen, politischen Faktor, dessen Einfluß sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens fühlbar machte. Die Volkspartei brauchte aus ihrer antisemitischen Tendenz keinen Hehl mehr zu zu machen, sie durfte frei und offen ihre Opfer fordern. Daß auch, der willensschwache und unerfahrene Franz K o s s u t h sich ihr in vielen Beziehungen gefügig zeigte, war ein politischer Fehler, der sich schon heute an ihm zu rächen beginnt, kann aber bei der Rolle, die dieser „kleine Sohn seines großen Vaters" seit seiner Repatriierung in Ungarn spielt, weiter nicht verwundern. Heute bildet die katholische Volkspartei eine große Macht in Ungarn und ist im Begriffe, sich als „christlichsoziale Partei" über das ganze Land auszubreiten. Sie dHht die mit vieler Mühe zusammengeschweißte Koalition zu sprengen und dadurch für den politischen Frieden in Ungarn gefahrvoll zu werden. Viel gefahrvoller noch für die "Juden. Der Boden unter ihren Füßen ist stark aufgewühlt. Die antisemitische Presse spricht öffentlich von Pogrommöglichkeiten, ohne konfisziert zu werden. Und wohin die Juden auch ausschauen, nirgends zeigt sich eine hilfreiche Hand. Am allerwenigsten rührt sich die eigene und die . Bruderhand. Es wäre müßig, heute Rekriminationen zu erheben für vergangene Sünden. Wie überall, können auch in Ungarn die Juden nur durch eigene Kraft noch das retten, was noch zu retten ist. Es beginnt, wie unter der Erdrinde, ein Kenn jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühles sich. zu regen. In vielen großen Städten bestehen Jto- Gruppeu als Beweis dafür, daß man in Ungarn beginnt, auch den „polnischen Juden", unter welchen Namen jeder östliche Jude subsumiert wird, als Bruder anzuerkennen. Auch eine kleine Schar Zionisten macht alle Anstrengungen, dem jüdischen Nationalismus die Wege zu bahnen. Aber wie gering sind diese Ansätze gegen die Macht des Feindes, die innere ZerUüftung und chas politische Unverständnis, das bei den führenden, jüdischen Politikern herrscht! Wir stehen vor einer Krisis in Ungarn; wenn nicht bald ein rettender Gedanke sich einstellt, kann sie zu einer Katastrophe werden — zuvörderst für die Juden. Der amerikamschr Jude der Zukunft. Von Jacob H. Schiff in New-Iork. In Amercka existiert eine Mische Gesellschaft, die den Namen „Jewish Chautauqua Society" führt. Chautauqua (lies Tschosokwa) ist der Name einer Stadt, in welcher vor vielen Jahren eine Nichtjüdische Gesellschaft zur Verbreitung moderner Kultur auf dem Lande gegründet wurde, welche sich alsbald über ganz Amerika verbreitete und heute unter den Amerikanern große Popularität genießt. Augeeifert durch den Erfolg dieser Gesellschaft, hat vor ungefähr 15 Jahren eine Anzahl jüdischer Gelehrter und Politiker eine ähnliche Gesellschaft mit ausschließlich jüdischer Tendenz ins Leben gerufen, der sich allmählich alles, was Namen und Ruf unter den Juden Amerikas besitzt, anschloß. Die Gesellschaft hält jährlich im Sommer in einem der vielen fashionablen Seebäder ihre Vortragsversammlung ab, und die Enunziationen, welche von den hervorragenden Referenten ausgehen, finden in Amerika stets allgemeine Beachtung. Dieses Jahr fand die Versammlung in Atlantic City, New-Jersey, statt. Es wurden Referate über Einwanderungsfragen, Erziehungswesen rc. gehalten. Das größte Aufsehen machte jedoch eine Rede des weltbekannten jüdischen Philanthropen und Politikers Jacob H. Schiff aus New-Iork über „Der amerikanische Jude der Zukunft". Mr. Schiff begann seine Rede mit einem Zukunftsbilde: „Vor meinen Augen erscheint ein Bild der Zukunft, ein Traumbild, das mir das zukünftige amerikanische Judentum zeigt, eine Generation, die heute noch nicht geboren ist. Ich sehe vor mir die Kindeskinder jener Tausende von Männern und Frauen, welche in unserer Zeit vor Verfolgung und Unterdrückung sich in unseren gesegneten Hafen geflüchtet haben. Das Bild, das vor meinem geistigen Auge erscheint, zeigt mir ein Volk unseres Glaubens, das die Ketten der Knechtschaft abgeschüttelt; ich sehe ein großes jüdisches Lager vor mir, das im Einklänge steht mit den Verhältnissen, in denen sie leben, ein Judentum, das stolz ist auf seine amerikanische Zugehörigkeit, das die amerikanische Kultur ganz in sich aufgesogen hat und das sich seiner Pflichten dem freien Lande gegenüber bewußt ist. Möglich, daß dies heute noch ein Traum ist, aber es muß bald zur Wahrheit werden. Damit aber die Wirklichkeit dieses Traumbild nicht zu Schanden mache,...ist-es notwendig, daß jedermann, dessen Schicksal es ist, heute em Pilgrim zu sein, also jene Väter und Mütter, welche nach langem Leiden in diesem freiheitlichen Hafen den ersten Atemzug als freie Menschen machen, ihre Pflicht voll und ganz erfüllen. Wir müssen unseren Kindern die Liebe zu unserem Glauben einimpfen, den wir von unseren Vätern übernommen haben. Wir müssen sie einführen in die Schönheit unserer Religion, sie auf jene.moralische Kraft Hinweisen, welche sie ihren Bekennern zu allen Zeiten verliehen hat und auch heute noch zu verleihen vermag. Um das Selbstbewußtsein der Juden in den Vereinigten Staaten zu wecken und zu erhalten, ist es nicht unbedingt notwendig, daß wir unsere Hoffnungen auf die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina setzen, die in dunkler, ferner Zukunft erfolgen soll. Nicht in fernen Ländern, sondern hier unter uns müssen wir Zentren schaffen, von welchen aus die Liebe zu unserer Religion und zu unserem Volke großgezogen werden soll. Ich kann wohl die Ursachen begreifen, welche den Zionismus hervorgerufen haben, und obwohl ich mit dieser Bewegung durchaus nicht sympathisiere, so sympathisiere ich noch weniger mit jenen, welche, den nationalen Bestrebungen im Judentume fernestehend, all' diejenigen angreifen, welche sich dem Zionismus anschließen, weil diese der Anschauung sind, daß die zionistische Bewegung viel rascher und sicherer das jüdische Selbstbewußtsein zu erwecken und zu erhalten vermöge. Aber selbst die ehrlichen Anhänger des Zionismus müssen zugeben, daß der Zionismus ein Ideal ist, dessen Verwirklichung nicht sicher ist. Können wir aber keine Zionisten sein, weil wir nicht glauben, daß dies der Weg ist, durch welchen das Judentum mit Sicherheit erhalten und fortgepflanzt werden kann, so müssen wir unsere ganze Kraft anspannen, um durch eifrige Propaganda unseren Glauben zu erhalten und unseren Nachkommen in seiner ganzen Reinheit zu überliefern und niemals zu vergessen, wie viel unsere Vorfahren für seine Erhaltung gelitten haben.