Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 35 Dr. Bloch’s Jahrgang XXIV Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 30. August 1907. - Lrscbelnt jeden ZfreLtag. m Brief-Adresse: MUen» IX/J, Lerggasse 39. Telegramm-Adresse: Llocb's MlocDenscbrikt. Miien. O-S 13. ft. Postfxsrftsffen-Amr (El e a r i n g - D e r ft e b r 1Rr. 810.976. ArLskNon und Administration: wirn IX/1, JBerggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847. ®-* V---- Verugspreis für Vrstrrrrkh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. %-* Inhalt: Leitartikel: Die Lage der Juden in Ungarn. — Der amerikanische Jude der Zukunft. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Dr. Salomon Spitzer, der erste jüdische Statthaltereirat. Zum Fall „Hau". Ein neues Schuljahr. Jüdische Höhlenbewohner. Altjüdische Urkunden. Die Raschi-Kapelle in Worms. — Korrespondenzen: Zionistischer Kongreß im Haag. Gaya. Einweihung der Meiselsynagoge. Ueber Joseph Joachim. Aus der territorialistischen Bewegung. — Vermischtes: Neujahrsgratulationen. Wien. Leopoldstädter Krankenunterstützungsverein „Nächstenliebe". Allgemeiner Kranken- und Unterstützungsverem „Montefiore". Amstetten. Bodenbach. Budapest. Ungarisch-Brod. Bad Ischl. Berlin. Ein Flugblatt der „Schwarzen Hundert". Ein Pogrom bei Kischinew. — Feuilleton: Chawa Rubin. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die Kagr der Inden in Ungarn. Ungarn wurde bisher überall als das Eldorado der Juden betrachtet. Viele Juden, für welche es in ihrem langjährigen Wohnorte keines Bleibens mehr war, nahmen noch bis vor Kurzem gerne ihre Zuflucht in das Land der Freiheit, das der Sänger ein „Kanaan, das von Milch und Honig fließt", nennt. In Wirklichkeit ist Ungarn schon seit mehr als zehn Jahren kein für Juden geeignetes Einwanderungsgebiet mehr, aber die uns Juden eigene Art, uns um die Vorgänge in anderen Ländern nicht zu kümmern, hat uns auch bezüglich Ungarns lange in arger Täuschung leben lassen. Erst als die Schwierigkeiten bekannt wurden, welche einwandernden Juden an der ungarischen Grenze bereitet werden, erst als schon die Spatzen am Dache es pfiffen, daß selbst schon mehrere Jahre in Ungarn lebende „polnische Juden" aus Ungarn ausgewiesen wurden, da nahm die jüdische Presse von den Vorgängen in Ungarn Notiz mit der stereotypen Bemerkung: „So geschehen im liberalen Ungarn." Ungarn ist, praktisch genommen, eigentlich niemals liberal gewesen. Wenigstens was die Juden betrifft, nicht. Den Inden in Ungarn ging es einmal besser, einmal schlechter, aber niemals gut. Wir meinen den Juden als Gemeinschaft, als Volk oder selbst als Religionsgenossenschaft. Sogar unter dem dreißigjährigen Regime des alten Koloman Tisza, das so gerne als die Glanzzeit des ungarischen Liberalismus hingestellt wird, konnte ein Tisza-Eszlar möglich sein und der Kultusminister T r e f o r t eine geradezu herrschende Position einnehmen, derselbe Trefort, der von jedem jüdischen Bewerber nm einen Staatsposten ganz offen den Taufschein gefordert hat. Während der Ministerzeit Treforts haben sich in Ungarn vielleicht mehr Juden taufen lassen, als seit seinem Tode zusammen. Viele von den damaligen Täuflingen sind heute in hervorragenden, öffentlichen Stellungen, so z. B. der gegenwärtige erste Staatssekretär im Handelsministerium, der Rabbinerssohn Szterenyi, ehemals Stern. Aber, wie gesagt, den Juden ging es damals im Allgemeinen leidlich gut. Sie haben von der Verteidigungs- Politik der einflußreichen K a l v i n er gegen die klerikalen Katholiken im Lande viel profitiert. Tisza, der selbst der evangelisch reformierten Kirche angehörte, war klug genug, eine offenkundige Bedrückung der Juden nicht zuzulaffen, weil sich eine solche tolerierte Verfolgung vor allem an den ebenfalls in der Minorität befindlichen Reformierten gerächt haben würde. Tisza sah es gerne, daß die Juden aus dem flachen Lande zum Teile unter den nichtmagyarisiMl Nationalitäten leben und dort die Werbearbeit für den ungarischen Herrschaftsstaat versehen. Es wurde unseres Wissens noch niemals auf die Tatsache hingewiesen, daß es nur in den allerseltensten Fällen einem Kalviner, der sich stolz einen Bekenner der „magyarischen Religion" nennt, eingefallen ist, sein Leben in den unwirtlichen, slovakischen Landstrichen zu fristen und dort das Magyarentum zu predigen, wie es unsere jüdischen Pächter, Lehrer und Wirte getan haben. Wir haben auf diese zwei Momente hingewiesen, weil sie die einzig wahren Ursachen sind jenes Zustandes, der sich allmälig herausgebildet hat und folgerichtig hat herausbilden müssen. Die Interessengemeinschaft, welche zwischen den Protestanten und Juden in Ungarn auf politischem, wie auf kulturellem Gebiete zum Teile bestanden hat und zum Teile künstlich geschaffen und erhalten wurde, hatte zur Folge, daß die Katholiken sich politisch organisierten. Der Zweck dieser Organisation lag von allem Anfang an klar zutage, und es war der größte Fehler der Juden in Ungarn, daß sie die Werbekraft der katholischen Volkspartei lange Zeit unterschätzten und den im ungarischen Volke angeblich lebenden Liberalismus, sowie die Macht und die Opferwilligkeit der Protestanten überschätzten. Die Führer der katholischen Volkspartei sind nicht umsonst zu den Jesuiten in die Schule gegangen. Sie haben ihre Waffenbrüder vor allen Anderen unter denjenigen gesucht und gefunden, welche den meisten Grund hatten, gegen die Bekenner der „magyarischen Religion" und gegen die übereifrig magyarisierenden Juden aufgebracht zu sein: unter den Nationalitäten. War der hohe Klerus auch für eine öffentliche Protegierung dieser reaktionären Bewegung nicht zu haben, so war der niedere Klerus mit dem ganzen Heer von Hetzkaplänen rasch und leider auch sicher und erfolgreich an der Arbeit.