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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-23 · 34 (23.8.1907) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 36 <> Dr. Llocb s Mocbenscbrirr. Nr. 34 ein Vorsteher war oder ein Lastträger, ein Gelehrter oder ein Fuhrmann — diese bösen Unterschiede, die ihr einst so viel Weh bereitet hatten, jetzt wurden sie nicht mehr von ihr bemerkt und empfunden. Sie hatte nur noch den Blick für das rein Menschliche, das ein Jeder mehr oder minder geschickt unter zufälligen Süßeren Verhältnissen zu verbergen strebt, und da das Menschliche zumeist Schwäche bedeutet und Mißerfolg, Beschämungen und Niederlagen, so wurde Gitel gar bald sehr gefürchtet, und man wäre ihr wohl aus dem Wege gegangen, hätte mau sich nicht am Ende noch lieber ihre Wahrheiten ins Gesicht sagen lassen, als daß sie einem über die Straße nachgeschrieen wurden. Denn Gitel war, seit man sie aus dem Brunnen geholt, rücksichtslos wie alle, die aus der Tiefe kommen, und es gab vor ihr kein Entrinnen. Wer sie fliehen wollte, den verfolgte sie, und das Einzige war, ihr Stand zu halten und am Hellen Tage von ihren Lippen das zu hören, was sonst nur in tiefer Nacht in den verborgensten Winkeln des Herzens laut wurde und Leben gewann. ttttb fo wäre Gitel glücklich gewesen, wie nur ein Narr es sein kann — wenn sie ein Narr geblieben wäre. Aber es kamen Stunden, in denen ein Fünkchen von dem Licht in ihr erwachte, das wir so stolz Vernunft nennen, und dann erschrack sie vor sich selbst wie vor einem fremden, seltsamen und unheimlichen Wesen. Zu solchen Zeiten verbarg sie sich vor Aller Augen und begann gegen sich selbst zu wüten und zu toben; denn das ist ja der große Unterschied zwischen einem Vernünftigen- und einem Narren, daß ein Vernünftiger sich selbst schadet undweh tut und ein Narr nur den Anderen. Und da diese Vernunftsanfälle immer schlimmer wurden und es oft schien, als könnte es Gitel in einem solchen Anfalle gelingen, aus einer Welt zu flüchten, in der sie nur Schmerzen und Kummer fand, so begann in den Herzen derer, die sie kannten, dasselbe Mitleid zu erwachen, das ihr einst Aron Fuhrmann zum Gatten bestimmte, und diesmal sandte dieses Mitleid Gitel ins Irrenhaus. Seltsamerweise war es wieder in den Sliches-Tagen, daß Gitel die kleine Stadt verließ. Sie hatte sich sehr gewehrt und hatte sehr geweint und hatte gebeten und gefleht, sie nicht wegzusenden, und mußte am Ende doch uachgeben und sich fügen. Und nun saß sie auf einem hohen Leiterwagen und fuhr fort von der Stätte, wo ihr kleines, wertloses Leben gelitten, gezuckt und sich fast verblutet hatte, indeflen auf dem Grabstein Reb Schimmes die Goldkrone der Gelehrsamkeit in ungeschwächtem Glanze erstrahlte. Gitel aber, in der in diesem tiefsten Kummer wieder das Bewußtsein ihrer Herkunft erwacht war, hielt ein großes Gebetbuch auf ihren Knieen, und während der Wagen rasselnd durch die Gaffe fuhr, sang sie mit lauter, alles übertönenden Stimme die ewige« Worte der Psalmen vor sich hin. Ihren letzten Trost und ihre letzte Zuflucht suchte sie wieder im Glauben und nicht im Verleugnen, im Zustimmen und nicht im Verhöhnen, und vielleicht war sie damit weniger von der endlichen Wahrheit entfernt, als es uns in unserer Kurzsichtigkeit scheinen mag. J. T. Literatur. Zwei Vorträge über Unsterblichkeit und Spiritismus, gehalten in der B. B.-Loge Neo-Samuel, Jaffy, von ihrem Ehrenpräsidenten Dr. K. Lippe. 8°. Jassy. 98 S. 1907. Der gelehrte Dr. K. Lippe, geborener Galizianer, ist schon durch seinen Lebensgang eine merkwürdige Person. Im 14. Lebensjahre erst erlernte er von seinem als Bibliographen bekannten Bruder Chajim David Lippe die deutsche und polnische Sprache; erst die Mendelssohn'sche Bibelübersetzung machte ihn vertraut mit dem Deutschen. Im sputeren Jünglingsalter bezog er das Gymnasium in Stauislau, wo er gleichzeitig als Lehrer kümmerlich die Mittel zu seinem Unterhalt verdienen mußte. Durch immense« Fleiß machte er riesige Fortschritte und landete schließlich als' Atzt in Jaffy, wo er bald der beliebteste unter allen Koukurrenteu wurde. 1869 holte er sich den medizinischen Doktorgrad in Erlangen. Er ist 1831 geboren und stammt in gerader Linie von Raschi ab. Wie Raschis Urenkel, R. Sal. Schapiro — so bemerkt der Herausgeber unserer Schrift, Rabbiner Dr. I. Niemirower in Jassy — so darf auch Lippe von sich rühmen: Meawausoi lau poskoh Thauroh ad Baschi. Seine Hauptverdienste liegen auf dem Gebiete des Zionismus. Er rechnet sich selbst zu den ersten Gründern dieser Bewegung, der er stets in Wort in Schrift seine ganze Kraft bis heute gewidmet, und zwar gehört er der Richtung an, welche erst die Kolonisation Palästinas erstrebt (Chobabe Zion) und dann erst die Autonomie, wobei er sich in bewußten Gegensatz zu Herzl stellte. In Galizien hatte er großen Einfluß auf die zionistische Bewegung, in Rumänien war er anerkannter Führer und Ehrenpräsident der zionistischen Landesorganisation. Der erste Zionistenkongreß in Basel wurde durch ihn eröffnet. — Die Idee eines Judenstaates bekämpfte er stets als ein unerreichbares Ziel. — Interessant ist ein Brief von Dr. Rülf, in dem er an L. schreibt, es wäre wohl besser gewesen, man hätte das System der Koloniengründung, wie es vor Th. Herzl mit Erfolg betätigt wurde, nicht verlassen: Der Verteidigung seiner Religion galt auch fast seine ganze bedeutende literarische Tätigkeit, wobei ihm sein tiefes talmudisches Wissen zu statten kam. Anläßlich seiner goldenen Hochzeit (5. Juni d. I.) und der Feier des 50jährigen Doktorjubiläums gaben Rabbiner Doktor Niemirower in Jassy und Lippes Freund Dr. Burstin in dieser Festschrift neben einer Biographie auch einige Proben aus Lippes wissenschaftlicher Tätigkeit. Zunächst einige geistreiche Essays apologetischer Art. Es schließt sich eine große (als Vortrag gehaltene) Abhandlung an: „Zur Lehre von der Fortdauer jenseits des Grabes". Zum Schluß folgt noch in „Nachbemerkungen" eine Abhandlung über das Wesen der Seele, ihre Wirkungen und Kräfte, eine recht beachtenswerte philosophische Untersuchung. S. Pascheles israelitischer illustrierter Bolkskaleuder. Verlag von Samuel W. Pascheles, Prag, Zeltnergasse, ist soeben in seinem 55. Jahrgänge (1807/1908) erschienen. Der reichhaltige Inhalt dieses beliebten Jahrbuches umfaßt außer dem Kalendarium und den vielen kaufmännischen Beigaben sämtliche Jahrmärkte der österreichisch-ungarischen Monarchie, ein Verzeichnis jüdischer Hotels und Restaurants u. s. w. Von den zahlreichen Illustrationen sind hervorzuheben, die Portraits unseres heimischen Dichters Dr. Friedrich Adler, des Vizepräsidenten der Prager israelitischen Kultnsgemeinde Advokaten Dr. Ludwig Bendiener, des Gelehrten Prof. Dr. Mor. Steinschneider, des Schriftstellers Berthold Auerbach, deren Lebensgang in den beigegebenen Biographien in eingehender Weise gewürdigt wird. Eine ernste Erzählung von Bruchsaler und eine heitere von Löwinger bieten unterhaltende Lektüre. So präsentiert sich auch der neue Jahrgang dieses weitverbreiteten Kalenders als ein verläßliches kaufmännisches Handbuch und als eine Quelle der Unterhaltung und Belehrung. Kriefkaste«. Ehrwürden Rabbiner Adler, Luze. Wollen Sie uns einen mit Ihrer Unterschrift versehenen Aufruf senden. Hofrat Theodor Gomperz. Die Bemerkung des Herr K. L. im Briefkasten der letzten Nummer Ihrer gesch. Zeitschrift veranlaßt mich, auf meine Bemerkungen zurückzukommen. Es ist gewiß löblich und anerkennenswert, wenn man sich desjenigen annimmt, den man ungerechterweise angegriffen glaubt. Aber Herr K. L. kämpft gegen Windmühlen. Die Bemerkungen des Herrn Jvri waren für mich bloß dieBeranlassung, hervorzuheben, daß es sehr zweifelhaft sei, ob wir auf den Juden Gomperz stolz zu sein das Recht haben. Ich habe das Urteil als falsch hinstellen müssen, daß Gomperz im „Judentum alt geworden sei". Herr Jvri bezeichnet selber die Taufe als eine Charakterlosigkeit, hebt dann aber hervor, daß Gomperz im I udentum alt geworden sei, so heißt dies doch nicht etwa: „er ist ein alter Jude geworden". Was meine Bemerkung über den „Schacherjuden" betrifft, so habe ich bloß die Frage gestellt, ob es Herrn Hosrat Gomperz leid tut, kein Schacherjude geworden zu sein. Mir ist jeder Fanatismus verhaßt, ich zähle katholische und protestantische Theologen zu meinen

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