Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 34 Br. Vloch!s WouxenschrM. Seite 365 sicht haben, sich an dieser Reise zu beteiligen, werden gut tun, ihre Anmeldungen zur Reise derart einznschicken, daß dieselben in Jerusalem noch vor der Abfahrt des Herrn Grajevsky dort eintreffen, Die Reise nimmt ab Wien und Budapest am 15. Oktober ihren Anfang und dauert 28 Tage, von welchen zwei Tage in Konstantinopel, ein Tag in Smyrna und Rhodas, fünfzehn Tage in Syrien und Palästina, zwei Tage in Egypten und ein Tag im Piräus (Athens zugebracht werden. Prospekte und nähere Auskünfte erteilt das Reisebureau „Tabor", A. Grajewsky u. Komp., Jerusalem, Palästina. Baden. (Trauung.) Sonntag den 1. September I. I., um 7*1 Uhr nachmittags, findet in Baden die Trauung des Herrn Julius Rosenfeld, Beamter der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, mit Fräulein Clara Bermann statt. Gänserndorf. (Neue K u l t u s g e m e i n d e.) In der neukreierten Kultusgemeinde in Gänserndorf wurden am II. August gewählt: Zum Kultusvorsteher Herr Med.-Dr. Max Baß, wohnhaft in Gänserndorf; zum Kultusvorsteher-Steüvertreter Herr Samuel P i s k aus Marchegg, zu Beiräten die Herren Leopold Fleischmann und Ignaz Drill. Vor der Wahl fand die feierliche Enthüllung einer Marmortafel statt, welche die Mitglieder des gewesenen Minjanvereines dem langjährigen Obmanne und Begründer der Kultusgemeinde Herrn Samuel Schiller zum Zeichen ihrer Dankbarkeit gestiftet haben. Brod a. S. Herr Kantor Alexander Divinsky hat hier einen Probevortrag Mit glänzendem Erfolge absolviert und wurde mit Akklamation zum Kantor der hiesigen Gemeinde gewählt. Feuilleton. Git-l. In der kleinen Stadt gab es seltsamerweise viel Verrückte. Vielleicht fielen sie nur mehr auf, da man sie immerfort traf und ihre Krankheit stets vor Augen hatte, aber vielleicht waren sie auch wirklich in ungewöhnlich hoher Zahl vorhanden, weil die Luft der kleinen Stadt ihnen und ihren Absonderlichkeiten günstig war. Wenigstens ein Teil von ihnen wäre in anderer Umgebung sicher nicht wahnsinnig geworden; wenn die Winde des Lebens in diese phantafievollen Köpfe und diese sehnsüchtigen Herzen geweht hätten, dann hätte sich das vielleicht zu einer strahlenden Flamme gewandelt, was jetzt gleich einem rauchenden Feuer trübselig verglimmte; aber da sie nun einmal in der Enge leben mußten und es doch nicht vermochten, so wurden sie das, was man eben verrückt nennt und was wohl im Grunde nichts anderes war, als eine Flucht ihrer wundgequälten Seelen vor der drückenden und unerträglichen Wirklichkeit. Eine der Verrückten war Gitel, die Tochter des Schammes Reb Schimme. Reb Schimme war aber kein gewöhnlicher Schammes. Die goldene Krone der Gelehrsamkeit, die Keszer tauroh, die nach seinem Tode auf seinen Grabstein gemeißelt wurde, die schwebte unsichtbar über seinem Haupte und gab ihm Rang und Würde in der Gemeinde. Nur daß die Krone der Gelehrsamkeit, wie fast alle anderen Kronen auch, den Träger welt- und lebensfremd machte und ihn alles vergessen ließ, was weniger Ausgezeichneten sonst lieb und teuer ist. Reb Schimme vergaß vieles, aber das Schlimmste für Gitel war wohl, daß er einst seine Frau Leie vergaß, die krank lag und Arznei haben sollte, und noch schlimmer war, daß er sich ihrer wieder erinnerte, als dreimal die Zeit verstrichen war, die ihm der Arzt genannt hatte. Denn nun mußte Leie alles Versäumte nachhvlen und die ganze Medizin auf einmal nehmen und sie, die eine gute und geduldige Frau war und die bitteren Schmerzen des Lebens und die oft ebenso bitteren Heiltränklein für diese Schmerzen in kleinen Dosen willig hinuntergeschluckt hatte, sie war diesem Plötzlichen Ansturm nicht, gewachsen und sie drehte sich um und starb. Reb Schimme blieb mit seiner Tochter allein zurück. Aber allmälig wurde auch er des Lebens und seiner stückweisen Gelehrsamkeit müde und begann nach einem anderen Wisien zu verlangen, das nicht mehr von dreier Welt ist, und so geschah es, daß Gitel früh zur Waise wurde, deren einziger Besitz eine leise Erinnerung an die stille Mutter und ein rührender, kindlicher Stolz auf den gelehrten Vater und die Goldkrone auf seinem Grabstein war. Und auch dieser Besitz sollte ihr zerstört und genommen werden. Gute Menschen, denen das einsame Mädchen leid tat, Verwandte vielleicht, die in einer alten Jungfer halb eine Last, halb eine Schande sahen, verfochten Gitel zu vermälen und endlich fanden sie Aron Fuhrmann und der, bekam die Gelehrtentochter zur Frau. Aron Fuhrmann war ein wirklich guter Mann, von der Güte einfacher, unkomplizierter Arbeitsmenschen, doch sein Wissen war nur gering und nach der Krone der Gelehrsamkeit durften seine roten Fuhrmannshände auch nicht im Traume greifen. Gitel war nun seine Frau und nicht mehr Reb Schimme's Tochter. Die goldene Krone auf dem Grabstein des Vaters gab ihrem Leben keinen Glanz mehr, sie fühlte sich ausgestoßen und erniedrigt und Herz und Sinn wurden ihr krank und wirr. Am schlimmsten aber war es, wenn die hohen Feiertage kamen, die Zeit, wo aus jedem Gelehrten ein Priester wird und aus jedem Unwissenden ein Büßender : da fühlte sie mehr als je, daß sie ein Gut verloren und einen Schatz dahingegeben hatte, den ihr nichts und Niemand ersetzen konnte. Reb Schimme's Tochter ertrug es dann kaum, Aron Fuhrmann's Frau zu sein. So waren wieder einmal die Sliches-Tage gekommen, jene düstere Zeit, die so schwer auf allen Gemütern lastet, die erfüllt ist von Selbstprüfung und Selbstanklagen und die ihren Höhepunkt, am Sechor Bens erreicht, wo man schon vor Tagesanbruch zur Synagoge eilt, um zitternd und zagend sich für das Fest vorzubereiten, von dem es heißt : Am Neujahrstage da wird's ausgeschrieben und am Versöhnungstage wird's beschlossen. Und gerade an diesem Tage in grauender Morgenfrühe, als sich alle gedrückt und verängstigt zum Gang in das Gotteshaus rüsteten, klopfte man plötzlich an die Häuser und ries in das unheimliche Dunkel: „Gitel ist in den Brunnen gesprungen." Da vergaß die ganze Gemeinde Sechor Beris und Synagoge und alle eilten, um die unglückliche Frau zu retten. Was sie aber aus dem Brunnen zogen, das war nicht mehr Reb Schimme's Tochter und auch nicht mehr Aron Fuhrmann's Frau, das war Gitel, die Verrückte. Was tat diese Verrückte, was für Seltsamkeiten beging sie, die ihr Bild unauslöschlich in das Gedächtnis derer einprägte, die ihr begegnet find? Ach, sie tat wenig und viel, sie tat das anscheinend Einfachste und doch das Ungeheuerlichste, sie sprach von jenem Tage an die Wahrheit. Jeder, der in ihre Nähe kam, mußte erwarten, die Wahrheit zu hören, ungeschminkt, unverblümt,, wie aus einem tiefen Brunnen kommend, aus dem auch Verborgenstes zu plötzlichem Schrecken wieder aufsteigt. Nur die Dummen fteuten fick, wenn Gitel sprach, und die Klugen erblaßten, nur die Weisen lächelten; denen' mußte es wohl ein wunderbares Schauspiel sein, daß eine Seele, die das Verlangen hatte, sich weltenweit aus der Wirklichkeit zu flüchten, zuletzt bei der absoluten Wahrheit landete, als ob. die das Fremdeste auf unserer Erde sei. Also Gitel ging von jenem Tage ab durch die Gemeinde und sprach die Wahrheit. Den reichen Mann erinnerte sie an den Ursprung seines Geldes und den Frommen mahnte sie an die Stunden der Versuchung, da ihm weder Weisheit noch Frömmigkeit zur Seite standen. Sie kannte keine Furcht und keine Verehrung, keine Bewunderung und keine Scheu; ob einer