Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr. Blocbs MocdenscdrM. Seite 563 Das dritte Stockwerk liegt, wie ich schon oben erwähnte, noch brach, ebenso entbehrt der schön gemalte Betsaal bis jetzt jedweder Einrichtung. Wünschenswert wäre auch die Aufstellung eines großen Zeltes oder einer Laube im Garten, damit die Patienten bei regnerischem Wetter die freie Luft genießen könnten. Wir empfehlen nochmals die gänzliche Vollendung des großen jüdischen Werkes unseren edlen Glaubensgenossen und danken bei dieser Gelegenheit dem äußerst rührigen und erprobten Kultusgemeinde - Sekretär Herrn Sonneberg, der die Agenden des Hospizes mit seltener Gewissenhaftigkeit führt; der größte Dank gebührt aber dem Gesamtvorftande der löblichen Kultusgemeinde Karlsbad mit dem greisen Vorsteher Moser und dem würdigen Rabbiner Dr. Ziegler an der Spitze; die Herren des Ausschusses erscheinen sehr oft in der Anstalt, um sich persönlich von dem Wohle der Patienten zu überzeugen. Der Abschied aus dem Hospiz wird den Leidenden durch das liebenswürdige Zusammenwirken aller Faktoren tatsächlich nicht leicht. Karlsbad, im August 1907. Oberlehrer Alex. Baum, Klattau. Jschler Spaziergänge. August 1907. Wenn ich am Morgen auf der Esplanade saß und die blaue Traun ihr liebliches Lied murmelte, die Berge, die diesen wunderbaren Ort umsäumen, ernst und wlirdig herniederblickten und die Menschen aus aller Herren Länder, in den verschiedenartigsten Sprachen, alle aber mit ernst-heiterer Wichtigtuerei ihre Tagesplane und mannigfaltigen Beschäftigungen, die sie an diesem der Erholung und der Ruhe gewidmeten Orte auszuführen beabsichtigten, einander mit einer Miene mitteilten, als hinge von diesem beschäftigten Müßiggänge die Zukunft unseres Erdteiles ab, da mußte ich still für mich hinlächeln und an die Worte einer älteren Glaubensgenossin denken, die nun längst in der kühlen Erde ruht. Viele Freuden waren ihr nicht zuteil geworden; wenn sie aber am Sabbathe oder Feiertage im fürstlichen Schloßgarten heiter, des Leides der Woche vergessend, sich erging, sprach sie für sich hin: „Hier kann man auch leben." So genugsam war man in jener schon lange verflossenen Zeit; man ist heute anspruchsvoller geworden. Mit einer gewissen Herablaffung genießen die Menschen alle Freuden, die diese Perle des Salzkammergutes in verschwenderischer Fülle darbietet, Freuden der Stadt und Ländlichkeit, aber sie sprechen nicht: hier ist gut zu leben. Sie nehmen diese Herrlichkeiten bin, als ob es nicht anders sein könnte, schimpfen hie und da, heucheln Langeweile, beteuern, niemals wieder diesen „faden" Ort zu besuchen. Wir aber wiffen, sie werden alle wieder kommen, denn diese Leute können ohne Esplanade, Laufener-Weg, Jainzen, Schmalnaner Kaffee, Reinanken. Gstötten, ohne Theater- und Konzertklatsch, ohne Cabarett und Kurpark und hypermoderne Abende nicht leben. Sie werden sich alle wieder in der Pfarrgaffe, in der Konditorei Zauner und in Walthers Kaffeehaus zusammenfinden, werden schimpfen und kaufen. Das ist der Lauf der Welt, die Ischl bedeutet. Es ist in den letzten Tagen viel über Ischl, die Fürsten- Entrevne. die Pseudodirndln, über Land und Leute des Salzkammergutes gesprochen, geschrieben, geplaudert worden. Alle Feuilletonisten Europas rückten aus und brachten mehr oder weniger geistreiche Causerien über Dinge, die längst bekannt sind oder bekannt sein sollten. Der Leibfeuilletonist eines Wiener Weltblattes leistete sich bei dieser Gelegenheit einen Lapsus, der nicht unbesprochen bleiben soll. Auf der Esplanade befindet sich ein Stein, auf welchem es heißt, daß diese Promenade zu Ehren der Mutter des Kaisers Sophie- -Esplanade genannt wurde. Die Worte auf diesem Steine »suh auspicio notic wurden von dem Journalisten falsch ausgelegt, und doch hätte ihm ein Jschler Bürger und sicherlich der Bürgermeister darüber Auskunft erteilen können. Besagter Feuilletonist rämlich meint, hier sei ein Fehler unterlaufe«, den man getreu dem konservativen Sinne der Jschler nicht verbessert hätte; es müsse nämlich heißen: sud auspieio nati, „unter der Heilsverkündigunq des Neugeborenen", dieser aber sei der kaiserliche Sohn, der jetzige Monarch. Gelehrte oder auch Ungelehrte des Ortes hätten aber sicherlich unserem Ui.ter-die-Zeile- Schreiber bedeutet, daß es ganz richtig notus heißen müsse. Es ist dies eben „jener Bekannte", der den Stein znm Andenken gestiftet hat; die Jschler kennen ihn, der gelehrte Feuilletonist freilich nicht. Man sieht, daß wir unsere Spaziergänge nicht ohne Nutzen machten, getreu dem Grundsätze: Man soll von jedem lernen. Und man-.kann in Ischl viel lernen, wenn auch nicht aus Büchern. Die Nationalitäten- und konfessionellen Fragen, die heute die Welt und insbesondere unser liebes Oesterreich beherrschen, scheinen in Ischl vollständig und gottlob in feierlichem Sinne gelöst zu sein. Trans und Eis leben hier in idyllischem Frieden neben- und miteinander. Wir haben außerhalb Ungarns selten so viele magyarische Brüder gesehen und gehört. Die ungarischen Schwestern lieben es, im Dirndlkostüme einherzuparadieren und begrüßten auch den englischen König nicht nur mit hellen Eljenrufen, sondern auch mit unverfälschten »God save the king« - Lauten. Der Chauvinismus ist für einige Wochen bei Seite gelegt worden, und die vielleicht zuhause fanatischen Kinder Arpads bemühen sich sogar, oberösterreichisch radezubrechen. Es ist wirklich eine gebrochene Rede . . Auch die Konfessionen haben die Streitaxt für einige Zeit begraben, über allen Wipfeln Ischls ist konfeffionelle Ruh . . . W'e gut verstehen es doch die Menschen, wenn sie nur. guten Willens sind, Ruhe zu halten. Wäre es nur immer so. Diese als klerikal bezeichnete Bevölkerung OberösterrerchS mutz in der Tat als eine wohlerzogene gerühmt werden. Darum fühlen sich auch unsere Glaubensgenossen in diesem Erdenwinkel, den die Natur so verschwenderisch ausstattete, sehr Wohl. Und sie kommen hieher in Massen, Männlein und Weiblein. Sonnenschein, wir meinen natürlich den Nährvater, sorgt für eine vortreffliche Atzung. In seinem schattigen Garten ist es gut zu weilen und den hungerigen und müden Körper zu stärken. Auch demokratisch kann man hier speisen, wenn man auf die vornehmere Umgebung verzichtet. Denn das Jschler Publikum besteht meist aus Menschen, denen es gut zu gehen scheint, die von des Lebens Leiden und Kümmerniffen wenig wiffen oder wenigstens nichts wissen wollen. Man sieht es hier den Juden kaum am Gesichte an, daß sie einem bedrängten Volke angebören. Sie freuen sich des Waldes, ergötzen sich an den musikalischen Vorträgen, füllen das Theater und den Kurpark. Unwillkürlich fragt man sich: Was wäre Ischl ohne die Juden? Dies scheint auch die heimische Bevölkerung erkannt zu haben, und so kommt sie denn allen mit einer gewissen dankbaren Hochachtung entgegen, die wir an anderen Orten, wohin ebenfalls Juden ihr Geld tragen, oft gar schmerzlich vermißten. Bei Sonnenschein wird aber nicht nur für des Körpers Wohl, sondern auch für das des Herzens Sorge getragen. Dort ist das würdig ausgestattete Betlokal, in dem man, namentlich an Sabbathen, einem Gottesdienste beiwohnen kann, der jedermann zu befriedigen imstande ist. Der Besuch dieses Tempelchens läßt freilich manches zu wünschen übrig, wenn man den Perzentsatz der jüdischen Besucher Ischls iu Erwägung zieht. Ein etwas philosophisch veranlagter Glaubens- und Gesinnungsgenosse meinte allerdings, man komme nicht nach Ischl, um in die Schul' zu gehen. Auch ein Standpunkt, der freilich nicht ganz unsere Billigung finden konnte. Es scheint auch, daß diese Auffassung nicht ganz die Anderer ist. Denn während unseres Aufenthaltes erhielten wir eine Einladung, für die Errichtung eines würdigen Gotteshauses, einer Jubiläumssynagoge, ein kleines Scherflein beizutragen. Zu unserer höchsten Befriedigung haben wir auch wahrgenommen, daß diese Spenden ziemlich reichlich fließen. Und so wird denn wohl bald Ischl auch seine Synagoge oder, wie man lieber sagt, seinen Tempel besitzen. Hoffen wir, daß dieser Tempel besser besucht werden wird, wie das jetzige Betlokal. . . . Vielleicht werden sich auch dann gleichgesinnte Juden mehr und enger zusammenschließen, als es bis jetzt an diesem sonst so schönen Orte geschieht. Denn, was die Geselligkeit anbelangt, läßt Ischl, besonders wenn man es mit anderen Kurorten vergleicht, viel zu wünschen übrig. Dies mag ja vornehm sein oder als vornehm gelten, entspricht aber nicht ganz dem Zuge der Zeit. Geld- und GeburtSaristokratie führen aber hier das große Wort, man schließt sich gegeneinander ab. spaziert im Walde in gesonderten Gruppen und geht, etwas stolz, aneinander vorüber und sieht sich nicht allzu freundlich an. . In einem prächtigen, an Naturschönheiten ebenfalls reichen Orte in den Sudeten, den wir sonst aufzusuchen pflegten, war es in dieser Beziehung anders und, bekennen wir es, besser bestellt. Oder sollte dies an der Natur und dem Betragen einer gewissen Menschenklasse liegend Man geht sicherlich nicht in die Wälder und Berge, an die Seen und die herrliche Natur, um Politik zu treiben. Wir wollen hier ausruhen von den mannigfachen Widerwärtigkeiten, die uns das Leben in allzureicher Fülle zuteil werden läßt. Aber unsere Zeit bringt es doch mit sich, daß wir Juden uns gerne zusammenschließen, um manches auch in den der Ruhe gewidmeten Tagen zu besprechen, was uns drückt und fehlt. Und diesen Zusammenschluß gleichartiger Seelen haben wir hier vermißt. Sollte die Assimilation daran Schuld tragen? Wir wollen darüber nicht weiter Nachdenken und hoffen vielmehr, daß sich auch auf dieiem Gebiete die Verhältnisse unter Ischls Sommergästen. soweit sie Juden sind, bessern werden. Wir wünschten mehr Demokratisierung der Gesellschaft, einen gemütlicheren Ton, der uns erst einen vollen Genuß bieten wird innerhalb der Reize der Natur, die uns hier so reichlich umgeben. Wenn uns unser Weg wieder in diesen schönen Erdwinkel führen wird, dann werden die Menschen vielleicht schon etwas mehr von der Natur gelernt haben, die ihre Gaben allen in gleicher Weise so verschwenderisch spendet. dr. m. g. Prag. Der Obmann der Repräsentanz der Landesjudenschast des Königreiches Böhmen, Herr J.U.Dr. I. S a ch s l, Advokat in Chrudim, vollendet am 27. d. M. das 70. Lebensjahr. Herr Dr. Sachs! gehört seit 40 Jahren ununterbrochen der Landesjudenschaftsrepräsentanz an, zu deren Obmann er nach dem Ableben des Herrn Dr. Moritz Lichtenstern gewählt wurde, nachdem er bis dahin die Stelle des Obmannstellvertreters bekleidet hatte und in welcher er mit seltener Gewissenhaftigkeit und außerordentlichem Eifer in der aufopferndsten und sesibst-