Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 65b S)u Llocv s tBUocDenscDmi. : Ufr 84 Juden, der nicht das Verschwinden des jüdischen Volkes will, die Ueberzeugung beibringen, sein Fortbestand sei nur durch eine Methode zu sichern: die zionistische. (Bravorufe.) Möge der achte Zionistenkongreß uns diesem großen Ziele näher bringen! (Minutenlang andauernder, stürmischer Beifall; Tücherschwenken im Saale und auf den Galerien.) Der Streit uw die jüdische KotonialdauK. London, Anfang August. Der Tag, an welchem Dr. Theodor H e r z l in einer Audienz beim Sultan die Ueberzeugung gewann, daß Palästina als autonomer Judenstaat für die Juden in absehbarer Zeit nicht zu haben sei, kann füglich als der kritischeste Tag der zionistischen Bewegung angesehen werden. Eine tiefgehende Wandlung vollzog sich in dem Wesen des Mannes, den kaum sechs Jahre vorher eine Laune des Geschickes in den Mittelpunkt einer allmählich die ganze Welt umfassenden Bewegung geschoben hatte. Es mußte ein heroischer seelischer Kampf gewesen sein, der dem Entschlüsse Herzls voranging, dem sechsten Zionistenkongresse in Basel die Sachlage unverhüllt darzulegeu und als vorläufigen Ersatz für den in allzuweite Ferne entschwundenen Judenstaat in Palästina eine autonome Siedelung in Ostafrika vorzuschlagen. Die Wandlungen in den Anschauungen des Führers teilten sich bald der ganzen Organisation mit; ein heißer, leidenschaftlicher Kampf entbrannte, der seinen Höhepunkt auf dem siebenten Kongresse erreichte, auf welchem eine Majorität, deren Legalität vielfach heftig in Zweifel gezogen wurde, das Uganda-Projekt verwarf. Die Folge dieses Beschlusses war ein völliger Bruch zwischen den „Jasagern" und „Neinsagern", welch' Erstere als die Begründer' des organisierten Territorialismus anzusehen sind. Der inzwischen eingetretene Tod des Führers der zionistischen Organisation hat auf die Gemüter der gegnerischen Parteien nicht versöhnend zu wirken vermocht. Jede der beiden Gruppen behauptet, der eigentliche Erbe und berufene Vollstrecker des politischen Testaments Herzls zu sein. Und der Territorialismus etablierte sich unter Führung des berühmten Dichters und Politikers Israel Z a n g w i l l. Sei es nun, daß die Vorgänge am siebenten Kongreß in den derzeitigen Führern Zweifel an einer nurpalästinensischeu Mehrheit im jüdischnationalen Lager wachriefen, sei es der Umstand, daß die territorialistische Bewegung besonders in Rußland und England, also in den beiden zionistischen Zentren, wo sich auch der größte Teil der Aktionäre der jüdischen Kolouialbank befinden, die meisten Anhänger besitzt: Der einflußreichere Teil der Zione-Ziouisten sah sich veranlaßt, nach Abschluß des siebenten Kongresses eine Aktion zum Zwecke einer Aenderung der Bankstatuten einzuleiten, durch welche die ausschließliche Verwendung der Bankgelder für Kolonisationsunternehmungen „in Palästina, Syrien und andere Teile der asiatischen Türkei, der Halbinsel Sinai und der Insel Cypern" gesichert werden sollte. Die „jüdische Kolouialbank" wurde im Jahre 1899 gegründet. Die Bank ist formell ein unabhängiges Finanzinstitut mit eigener Verwaltung, wird jedoch bezüglich der Geschäftsführung vom zionistischen Aktionskomitee, beziehungsweise den zionistischen Kongressen beeinflußt. Dieser Einfluß der zionistischen Parteileitung wurde bei der Gründung der Bank für immer gesichert. Das Kapital der Bankgesellschaft wurde nämlich mit zwei Millionen Shares ä 1 Pfund Sterling nominiert, von denen lO'O Stück Gründer-Aktien und die übrigen gewöhnliche, auf Namen der Inhaber lautende Shares sind. Tatsächlich verkauft wurden jedoch außer den 100 Gründer-Aktien nur 253.265 Stück gewöhnliche Shares, deren Wert voll eingezahlt wurde. Die 100 Stück Gründer-Shares, deren Besitzer das jeweilige zionistische Aktionskomitee ist, besitzen insoferne einen Ausnahmswert, als sie bei jeder Abstimmung in der Generalversammlung der Bankgesellschaft die Hälfte der gesamten Stimmen repräsentieren. Diese Vorsicht war umso mehr am Platze, als auch der jüdischen Kolonialbank jene Eigentümlichkeit aller zionistischen Gründungen anhaftet, daß sie zum größten Teile aus nichtzionistischen Mitteln geschaffen und viele auch erhallen werden. Wie Herr M. S. Uriaschs o h n aus Grodno dem englischen Gerichte gegenüber deponierte, sind über siebzig Perzent der in Rußland wohnenden Aktionäre Personen, die keine Zionisten sind. Dasselbe ist auch in anderen Ländern der Fall. Wenn nun das Aktionskomitee sich nicht in oben geschilderter Weise den entscheidenden Einfluß auf die Bank gesichert hätte, so wären ihm die eben aufgetauchten Schwierigkeiten ■ eventuell auch dann nicht erspart geblieben, wenn der Bruderzwist im zionistischen Lager nicht ausgebrochen wäre. Es scheint, daß man bei Gründung der Bank auf die politische Gesinnung der Aktionäre Rücksicht genommen hat, wenn man nicht geneigt sein will, anzunehmen, daß H e r z l damals schon, oder vielleicht damals noch an die Eventualität dachte, daß eine Massenkolonisation in Palästina sich als undurchführbar erweisen werde und man daher an eine andere Lösung der Frage werde denken müssen. Wie bereits oben erwähnt, hat das Aktionskomitee, gedrängt von einigen russischen Zione-Zionisten und unter dem Eindrücke der Abstimmung über das Ostafrika-Projekt, sich veranlaßt gesehen, eine Aenderung desjenigen Punktes der Baukstatuten, wonach die Bank berechtigt erscheint, jüdische Kolonisationsbestrebungen in allen Ländern zu fördern, anzustrebeu. Nach langwierigen Agitationen und nachdem eine verhältnismäßig schwach besuchte Generalversammlung der Aktionäre mit Majoritätsbeschluß der Statutenänderung zugestimmt hatte, wurde das Abänderungsgesuch am 17. März 1907 bei dem kompetenten Londoner Gerichte eingebracht. Zum Verständnisse der weiteren Entwicklung der Angelegenheit sei hier darauf hingewiesen, daß die englischen Behörden in der löblichen Absicht, die Interessen der Aktionäre zu wahren, allen Vorschlägen auf Aenderung der Statuten von Gesellschaftsinstituten die größten Schmierigkeiten bereiten. Auch ist ein solcher Prozeß mit großen Kosten verbunden. In einer streng durchgeführten Gerichtsverhandlung werden die Zeugen pro und contra in ein Kreuzverhör gezogen, Erkundigungen über das Gebühren der Bank, die Notwendigkeit der angesuchten Statutenänderung eingeholt u. s. w. Besonders strenge verfahren die englischen Gerichte, wenn, wie in dem vorliegenden Falle, gegen die beabsichtigte Statutenänderung von Seite der Aktionäre Protest erhoben wird. Die Verhandlung wurde am 23. Juli d. I. in London vor dem Richter K e k e w i ch durchgeführt. Für die jüdische Kolonialbank waren Mr. C. M. W a r m i n g t o n, königl. Rat und Mr. Clauson erschienen. Die gegnerische Partei war durch Mr. A. H. I e s s e l, königl. Rat und Dr. Judah Israel vertreten. Israel Z a n g w i l l, der Führer der Protestbewegung, war persönlich erschienen. Nach langwieriger Verhandlung sprach der Richter die Ueberzeugung aus, daß die Majorität der Aktionäre nicht in die Lage kommen konnte, zu dem Abänderungsbeschlusse Stellung zu nehmen, und vertagte die Verhandlung auf den 7. April 1908. Was die Verhandlung selbst betrifft, so hat sie besonders zwei interessante Symptome zutage gefördert. Zunächst den auffallenden Umstand, daß die Vertreter der Kolonialbank sich so sehr für das Cypexn-Projekt einsetzen, daß sie seine Besiedlungsmöglichkeit statutarisch sicherzustellen sich bestreben. Wer sich noch der heftigen Gegnerschaft Herzls gegen das Tr i e t s ch'sche Cypern-Projekt erinnert, wird erstaunt sein über die Wandlungen, welche die zionistischen Anschauungen seit Herzl's Tode dürchgemacht haben. Das zweite auffallende Moment bildete die Art der Verteidigung der verschiedenen Standpunkte vor dem Richter. Während die Vertreter des Protestes, besonders Zangwill, wohl vorbereitet, mit dem Eifer der inneren Ueber-