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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-23 · 34 (23.8.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Llvcd's MocbensebrLff. Sette 557 denkenfreie Gegner die armen, verängstigten Opfer am Zionismus irre zu machen suchten. „Wo war der Zionismus/ hörte man spöttische Stimmen rufen, „als entmenschte Horden im Osten die Juden niedcrmetzelten? Was hat er für die Verfolgten getan? Wie hat er ihnen geholfen? Welchen Schutz hat er ihnen gewährt?" Zur Ehre unserer schwer heimgesuchten Brüder sei es gesagt: Auch in ihrer tiefen Verzweiflung bewahrten sie genug gesunden Menschenverstand, um die Torheit dieser Spottfragen zu erkennen. Unsere Masten sehen sehr wohl ein, daß sie selbst in ruhigen Tagen für den Zionismus nicht genug getan haben, um von ihm erwarten und verlangen zu dürfen, daß er nun in den Tagen der Not für fie Entscheidendes tun werde. (Beifall.) Der Zionismus besitzt gerade nur, was das jüdische Volk ihm gibt. Das jüdische Volk aber hat ihm bisher nicht die Mittel geliefert, für die Volksglieder in Gefahr wirksam eintreten zu können. Seine Würde verbot ihm eitle Kundgebungen und wichtigtuerische Geschäftigkeit. Die Zionisten verschlossen ihre Trauer in ihr Herz und arbeiteten mit zusammengebiffenen Zähnen an ihrer großen Aufgabe weiter, deren künftige Verwirklichung die Gegenwart nach Maßgabe ihrer Kräfte vorbereiten muß. Inzwischen haben unsere Masten bester als bisher begreifen gelernt, daß der Zionismus, wenn er fie heute nicht retten und schützen kann, morgen das Heil ihrer Kinder sein wird. (Beifall.) Die Regierungen, um deren Wohlwollen zu werben ein wichtiger Punkt unseres Programmes ist, haben uns keine nennenswerte Förderung angedeihen lassen. Um die ganze Wahrheit zu sagen: fie haben sich bisher überhaupt kaum um uns gekümmert. Das scheint manchem ein Beweis, daß wir von allem Anfang an einen falschen Weg eingeschlagen haben und daß unsere Politik, die ihre Hoffnung teilweise auf die Regierungen setzte, ein Irrtum war. Das ist jedoch ein Fehlschluß. Regierungen find heutzutage ganz gewiß keine Verächter der Imponderabilien, und fie würden niemals zugeben, daß große Geschichtsgedanken, daß Forderungen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit für fie inhaltslose Begriffe find. Aber Regierungen haben sich vor allem mit konkreten, materiellen Jnteresten zu beschäftigen und fie find gewohnt, amtlich nur von solchen Angelegenheiten Kenntnis zu nehmen, für die ein Machtelement irgendwelcher Art ihre Aufmerksamkeit fordert. So lange die Regierungen im Zionismus nur die verschwommene Sehnsucht eines kleinen Häufleins weltftemder Träumer und Schwärmer vermuten, so lange ihnen unsere Kongreste, unsere Organisation, unsere Propaganda, unsere Pläne, unsere Beschlüsse rein theoretische Geistesspiele zu sein scheinen, haben fie von ihrem Standpunkte aus wirklich keine Veranlaffung, fich mit uns einzulaffen. Das würde mit dem Augenblicke anders werden, wo der Zionismus Millionen oder doch Hunderttausende gegliederter, zielbewußter einiger Anhänger, festgegründete, wirksame Einrichtungen, Geld, Einfluß, zahlreiche geistige Potenzen hinter fich hätte. Die Regierungen als Abwäger von Wirklichkeiten verlangen mit Recht von uns den Beweis, daß wir etwas find, etwas haben, etwas können. (Richtig!) So lange wir ihnen den Beweis schuldig bleiben, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn fie uns vernachläsfigen. Es liegt in unserer Hand, die Regierungen zu einer Aenderung dieser Haltung zu bestimmen. Wir brauchen nur Machtfaktoren zu werden. Damit müssen wir anfangen, dazu durch unabläsfiges Predigen, Lehren, Werben zu gelangen suchen. Ein jüdisches Volk mit einheitlichem Willen, dem Entschluffe und den Mitteln, ihn zu verwirklichen, würde nicht vergeblich bitten, daß die Regierungen amtlich seinen Plänen nähertreten. (Beifall.) Noch find wir nicht entfernt so gerüstet, wie wir sein sollten, wie wir sein müssen, wenn der Zionismus aus dem akademischen ins wellpolitische Stadium treten soll. Eines aber haben wir schon jetzt erreicht: Wir haben die Judenfrage, die von den einen überhaupt geleugnet, von den anderen als unerheblich angesehen wird, mit Nachdruck gestellt. Wir werden dafür sorgen, daß fie nicht wieder aus dem Gefichtskreise der Regierungen und Völker verschwindet, und wir werden nicht ruhen, bis fie in zionistischem Sinne gelöst ist: durch Wiederherstellung des Judenvolkes, das als gleichberechtigtes Mitglied in die Bölkerfamile eintritt. (Anhaltender Beifall.) Die Lösung der Judenftage ist eine Probe auf die ganze menschliche Gesittung. (Sehr richtig.) Die Zivilisation baut fich auf einer Anzahl letzter Grundsätze auf, die nicht erschüttert, nicht umgestürzt werden können, ohne daß der ganze Bau zusammenbricht. Diese ursprünglichsten Grundsätze find: Achtung des Menschenlebens, Ahndung der Verbrechen gegen Person und Eigentum, Gleichheit aller unbescholtenen Bürger vor dem Gesetz, noch kürzer ausgedrückt: Gerechtigkeit. Justitia regnorum fundamentum! Die Juden aber werden in dem einem Lande gemordet und beraubt, in dem anderen Lande beschimpft und zurückgesetzt, überall behandelt man fie, als stünden fie außerhalb des Völkerrechtes, des Gesellschaftsvertrages, der Verfassung, des geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzes. Den Juden gegenüber verleugnet man die einfachsten Grundsätze der Zivilisation und damit die Zivilisation selbst. (Tosende Zustimmung.) Dagegen erheben wir einen Einspruch, den man am allerwenigsten im Haag als einen platonischen ansehen darf. (Lebhafter, stürmischer Beifall.) Im freien Holland tagt gerade jetzt zum zweitenmal die Friedenskonferenz, die alle gefitteten Staaten beider Welten beschickt haben, um das Bestehen einer die ganze Menschheit umspannenden und bindenden Sittlichkeit festzustellen und ihre Regeln in ein Weltgesetzbuch zu faffen. Diese noch nicht kodifizierte. aber von allen Regierungen, den christlichen, mohammedanischen, buddhistischen, fohistischen, freidenkerischen, gleichmäßig anerkannte Sittlichkeit rufen wir an. In ihrem Namen fordern wir für unser Volk von 12 Millionen Gerechtigkeit. (Andauernder, stürmischer Beifall. Die Versammlung erhebt sich.) Man konnte fie uns verweigern, solange Barbarei auf Erden herrschte; man darf fie uns aber nicht länger vorenthalten, nun, da alle organifierten Völker fich wenigstens theoretisch zur Zivilisation bekennen. (Heiterkeit.) Solange es eine Judenfrage gibt, erweist fich die Zivilisation als eine Lüge, und jede diplomatische Konferenz zur Modifizierung der Nächstenliebe und Menschlichkeit als eine Komödie. (Langandauernde Beifalls- und Bravorufe.) In die Judenftage spielen neben den ursprünglichsten Grundsätzen der Zivilisation auch sekundäre Tendenzen hinein, die augenblicklich die Weltpolitik bestimmen. Jedes Volk fordert heutzutage für seinen Handel die offene Tür; jedes nimmt es als ein natürliches Recht für fich in Anspruch, zurückgebliebene Länder in die Weltwirtschaft einzubeziehen, wüste Gebiete zu befiedeln und unter den Pflug zu nehmen, allzugroße Verschiedenheiten der Bevölkerungsdichte durch zweckmäßige Wanderung auszugleichen. Genau dieselben Forderungen erhebt auch der Zionismus. Wir wollen dem dünn bevölkerten Palästina Millionen arbeitsfteudiger Siedler zuführen, die nur dort und sonst nirgendwo gedeihen können. (Lebhafte Bravorufe.) Wir wollen das brach liegende Land, das einst jüdisch war, unter den Pflug nehmen, ihm Wert geben, es zu einer Stätte lebhaften Güteraustausches, blühender Kultur, musterhafter Ordnung machen, dem türkischen Reiche, dem jüdischen Botte, der ganzen Menschheit zum Gewinn. (Lebhafter Beifall.) Und solche Bestrebungen sollten nicht den Beifall und die Unterstützung aller Regierungen finden? Das glaube ich nicht im Haag der Friedenskonferenz. Ich zweifle nicht daran, daß wir die ottomanische Regierung von der Größe und Fruchtbarkeit unseres Vorsatzes überzeugen werden; ja noch mehr, daß wir die Einberufung einer diplomatischen Konferenz nach dem Muster der Haager Zusammenkünfte von 1899 und 1907 zur internationalen Regelung der Judenftage erleben werden. Voraussetzung so großer Entwicklungen ist allerdings, daß wir zunächst das jüdische Volk selbst zur klaren Erkenntnis seiner Lage wecken, und jedem

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