Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 656 Vr. Zöwcv's Mlocvenscbrtrr. Nr. 84 femitismus war höchstens ein Anlaß, er war sicher nicht der Grund des Zionismus. Der Judenhaß hat nur in vielen Juden daS eiugeschlummerte Stammesbewußtsein geweckt und sie ermahnt, sich auf ihre geschichtliche Individualität zu besinnen. Er hat sie genötigt, über ihre Stellung in der Welt, über ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzelmenschen und als Gesamtheit nachzudenken, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit derJudenfeinde,hat sie zu überzeugten, ruhig entschloffenen Zionisten gemacht. Der Zionismus ist wie jede geschichtliche Bewegung aus einem stark empfundenen und klar erkannten Bedürfnis hervorgegaugen, aus dem Bedürfnis nach einem normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen. Er ist die eiserne Schlußfolgerung der jüdischen Logik, dieses Grundvermögens der jüdischen Psyche. Denkende Juden lasten sich nicht darauf ein, sich selbst zu täuschen; sie find gegen sich von der unerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir find empfindlich, wenn man uns in unserem Geburtslande Fremde schilt. Es ist ja auch in der Tat eine Bosheit, uns als fremd auf der Scholle anzusehen, auf der unsere Wiege stand und unter der die Gebeine unserer Väter ruhen. Aber wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit zum Boden, zum Lande, zum Staate leugnen will, müssen wir es doch andererseits verstehen, daß die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde empfinden, da wir es beharrlich ablehnen, uns in ihnen auszulösen. Da richtet sich ein Entweder-oder vor uns auf, vor dem es kein Entrinnen gibt. Entweder, wir wollen ein Volk bleiben oder wir wollen kein Volk bleiben. Wollen wir kein Volk bleiben, dann gehen wir, so rasch wie es die demographischen Verhältniste irgend gestatten, in unserer Volksumgebung auf. Wollen wir aber ein Volk bleiben, wie unsere beharrlich gewahrte Sonderstellung beweist, dann müffen wir auch die nötige Anstrengung zur Ermöglichung eines Volksdaseins machen. (Stürmischer Beifall.) Auf die Dauer aber ist es unmöglich, sich als abgesondertes, stammreines Volk zu . behaupten, wenn man als scheel angesehene Minderheit inmitten einer mindestens unsympathischen, kalten, wenn nicht aggressiv feindseligen Mehrheit lebt. Wofür erhalten wir uns aber als besonderes Volk in der Zerstreuung? Für welche Zukunft? Für welche Geschicke? Was ist der Endzweck, zu dem wir unsere Eigenart pflegen, die von der unserer Umgebung absticht? Was hoffen, was erwarten wir, daß wir alle Widerwärtigkeiten, alle Nachteile einer schmerzlichen Ausnahmestellung geduldig ertragen? Ist es für die nationale Wiedergeburt, dann rüsten wir uns zu ihr auf die einzigmögliche Weise, durch den Zionismus. (Lebhafte Zustimmung.) Erwarten und hoffen wir aber keine nationale Wiedergeburt, dann ist es lediglich stumpfe Gedankenlosigkeit, dann ist es reine Unfähigkeit, den eigenen Standpunkt zu begreifen, wenn mau unter den größten Opfern und mit den schwersten Leiden ziel- und zwecklos in einer Sonderexistenz verharrt, die keinen Sinn mehr hat. Also: Zionismus oder nationale Liquidation. (Beifall.) Alles andere ist Halbheit und beunruhigt die Logik. Vergebens reden Tistler Haarspaltereien und Spitzfindigkeiten um diese unerschütterliche Schlußfolgerung herum. Sie drängt sich dem schlichten Menschenverstände der selbstdenkenden Juden auf und bestimmt häufig ihr Handeln. Wer an die Daseinsberechtigung des jüdischen Volkes glaubt, wer ihm eine Zukunft wünscht, der wird Zionist. Wer diesen Wunsch, wer diesen Glauben nicht hat, der fällt ab. Und das würde noch viel häufiger geschehen, wenn der Abfall vom Judentum, um vollgiltig zu sein, nicht vom formellen Uebertritt zu einem anderen Glauben begleitet sein müßte, zu dem anständige Juden sich denn doch nicht leichten Herzens entschließen. Seit zehn Jahren rufen wir diese Wahrheiten in alle Winde. In großen Seelen haben sie mächtigen Widerhall geweckt; die Menge aber hat sie noch nicht hören oder noch nicht verstchen wollen. Denn wir wollen uns und anderen nichts vormachen. Wir organisierte Zionisten find leider immer noch eine betrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke. Wir lasten u»S das jedoch nicht anfechten. Es ist kein Grund zur Entmutigung für uns. Eine Wahrheit hat ihre eigene Tugend und Würde, die ganz unabhängig davon ist, ob sie von anderen begriffen wird oder nicht (Beifall) und sie muß sich schließlich durchsetzen, denn sie ist unverwüstlich, und die Zeit kann ihr nichts anhaben. Die Geschichte ist überdies da, um uns vor Kleinmütigkeit zu behüten. Sechzig Jahre lang sangen Deutsche: „Was ist des Deutschen Vaterland?" und ließen sich nicht irre machen, obschon die bedeutendsten maßgebendsten Männer, Minister, Würdenträger, einflußreiche Praktiker aller Art die Forderung derdeutschen Einheit als eine Schwärmerei für Schützenfeste und Gesangvereine verspotteten. Ebensolange erklärten bedächtige, nüchterne Diplomaten Italien für einen geographischen Begriff, und an eine italienische Nation glaubten nur einige romantische Verschwörer, die in Italien selbst sieben organisierte, zum Teile mächtige Staaten und außerhalb Italiens ungefähr alle Regierungen gegen sich hatten. Camille Desmoulins sagte nach Verkündigung der französischen Republik: „Im Jahre 1789 hat es in Frankreich keine zehn Republikaner gegeben " Thomas Payne, der treffliche Verfasser von „Common sense“, tat die Aeußerung: „Im Jahre 1778 gab es in ganz Nordamerika nicht einen Republikaner." Michelet schrieb im Jahre 1859 : „Im Jahre 1854 habe ich in ganz Italien nicht einen Italiener angetroffen." Diese Beispiele sind geeignet, uns über die Zukunft des Zionismus zu beruhigen, obschon die Zahl der Zionisten heute noch nicht entfernt so groß ist, wie sie sein sollte. Wir sind gewiß die letzten, uns selbstgefällig die Hände zu reiben und uns zu beglückwünschen, daß wir es doch so herrlich weit gebracht haben. Gewiß: was wir erreicht haben, ist noch blutwenig. Gleichwohl haben wir keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, wenn wir auf das Jahrzehnt seit dem ersten Zionistenkongresse zurückblicken. Selbst unsere materiellen Erfolge, so bescheiden sie scheinen, sind nicht allzu gering einzuschätzen, kurz sind sie schon von Herrn Wolffssohn zusammengefaßt worden: Unsere Kolonialbank, von uns mit bitterer Mühe und schweren Opfern aufgerichtet, hat mit ihrem kleinen Grundstock die Anglo Palestine Company geschaffen, die in Palästina güte Arbeit verrichtet, im dortigen Wirtschaftsleben als ein kräftiger Gährungserreger wirkt und dem jüdischen Namen das Ansehen erwirbt, das in zurückgebliebenen Ländern schöpferische Finanzinitiative begleitet. Dank dieser Anstalt sind die Juden in den Augen der palästinensischen Eingeborenen nicht mehr wie früher verachtete Bettler, sondern Wohltäter, die das Land befruchten und Wohlstand um sich verbreiten. Unser Nationalfonds ist wurzelständig geworden und verspricht, in langsamem Wachstum sich zu einem kräftigen Organismus zu entwickeln. Ansehnlicher, wirklich ansehnlich sind unsere moralischen Erfolge. Daß der Zionismus seinen Bekennern Selbstachtung und Würde gegeben hat, ist eine zum Gemeinplatz gewordene Feststellung. Wir Zionisten tragen unser Judentum wie eine Kokarde (Beifall und Händeklatschen), und das ist uns so selbstverständlich geworden, daß es bereits unser heiteres Staunen erregt, wenn wir sehen, daß andere es wie eine Brandmarke scheu verheimlichen. (Beifall.) In den Ländern mit verschiedenen Nationalitäten haben unsere Gesinnungsgenossen die jüdische Nationalität mit der Forderung gleicher Rücksicht auf ihre Volksbedürfnisse und gleicher Achtung ihrer ethischen Individualität angemeldet. (Beifall.) Unserer Jugend gibt der Zionismus Stolz auf ihre Geschichte, Glauben an sich selbst und den sittlichen Halt eines Ideals. (Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner hofften, der Zionismus werde seinem Begründer ins Grab folgen. Er hat die schwere Erschütterung des Verschwindens ihres ersten Führers ohne Schaden ertragen und damit den Beweis erbracht, daß er von Personen unabhängig, aus eigener Kraft besteht. (Zustimmung.) Schwere Gefahr drohte dem Zionismus von den zahlreichen mörderischen Ueberfällen, die die Juden in den Ländern des Antisemitismus der Tat zu erleiden hatten. Nicht nur, weil unsere unglücklichen Brüder durch Mord, Brand, Schändung, Raub vollständig zugrunde gerichtet wurden, nicht nur, weil ihre Verzweiflung, über das grausame Ende teuerster Angehöriger jeden anderen Gedanken aus ihrem Bewußtsein verdrängte, sondern auch wegen treuloser Hetzreden, durch die he-