Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr. Llocb s MocdenscdrM. Seite 555 bedingte Kreislauf des jüdischen Volkes. In diesem Glauben und in dieser Ueberzeugung schöpfen wir den vollen Mut für unsere große und schwere Arbeit. Möge dieser Mut den Kongreß erfüllen und mit Gottes Hilfe Segen von ihm ausströmen über unser Volk und über das Sonnenland unserer Hoffnungen! (Langanhaltender, stürmischer Beifall.) Ansprache Max Nordans. Nachdem Herr Dr. Max Nordau unter dem Beifalle der Versammlung Herrn A. A. de Pinto für die in seiner liebenswürdigen Ansprache geäußerten Gefühle in französischer Sprache gedankt hatte, setzte er in deutscher Rede, wie folgt, fort: Geehrter Kongreß! Ein Jahrzehnt wird in wenigen Tagen vollendet sein, seit der erste Zionistenkongreß in Basel eröffnet worden ist. Unser unvergeßlicher Theodor Herzl, dessen Geist auch heute über unserer Versammlung schwebt, erklärte in seiner Eröffnungsrede die Ursachen, den Sinn und die Ziele des Zionismus mit imperatorisch knappen, wuchtigen Worten, die wie eine in Steintafeln gemeißelte Denkmalinschrift klangen: „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" . . . „Wir denken nicht daran, auch nur einen Fuß breit erworbener Kultur aufzugeben" . . . „Ein Volk kann nur selbst sich helfen; kann es das nicht, dann ist ihm eben nicht zu helfen." ... — „Von einem vollständigen Auszuge der Juden kann wohl nirgends die Rede sein; die sich assimilieren wollen und können, bleiben zurück und werden resorbiert." Dies find einige der Kernsätze, die Herzl damals verkündete und die an Klarheit, sollte man meinen, nicht zu übertreffen sind. Gleichwohl verhinderten sie weder Mißverständnisse noch Verständnislosigkeiten, Verdrehungen und Entstellungen. Ein Mißverständnis war es, daß man im Zionismus eine große Bewegung der Barmherzigkeit sehen wollte. (Bravorufe.) Es gab viele gute, gebildete Juden, besonders in beu freien Ländern des Westens, die anfangs sich zum Zionismus bekannten oder ihm doch Wohlwollen entgegenbrachten, weil sie glaubten, er bedeute eine Anstrengung der Juden, die sich des Glückes eines Vaterlandes, der Rechtssicherheit, des Wohlstandes erfreuen, um die Leiden ihrer Glaubensgenossen in den Ländern der Bedrückung und Verfolgung zu lindern, um ihnen eine Heimstätte und vollständige Arbeitsfreiheit zu verschaffen, um ihnen Leben, Menschenwürde und Eigentum zu gewährleisten. So war es jedoch nicht gemeint. Der Zionismus ist eine Wohltat, er ist keine Wohltätigkeit. (Bravorufe und lebhafter Beifall.) Einem Volke reicht man keine milde Gabe. (Erneuter Beifall.) Ein Land ist kein Almosen. Der Zionismus kann dem jüdischen Volke und will dem einzelnen Juden nichts schenken. Er bemüht sich, die Kraft zu wecken, zu entwickeln, zu schulen, zu sammeln, mit der das jüdische Volk sich aus zweitausendjähriger dumpfer Ergebung aufraffen soll, um sich natürliche Daseinsbedingungen auf eigenem Boden und selbstgeschmiedetes Glück zu schaffen. (Beifall.) Die Zionisten aus Mitleid, die den geringen jährlichen Beitrag zur Bewegung, den Scheckel, darboten, wie man eine kleine Münze in eine flehend ausgestreckte Bettlerhand gleiten läßt, sind denn auch großenteils abgefallen, als sie ihren Irrtum erkannten, und treu blieben nur die, die sich bewußt waren, daß im Zionismus ein zerriffenes Volk um die Wiedervereinigung seiner umhergestreuten Gliedmaßen und um die Wiedergeburt ringt. Verständnislosigkeit war es, daß man den Zionismus als einen Rückfall in religiösen Fanatismus, als 'eine Absage an den Fortschritt, an die Gesittung und Wissenschaft der Neuzeit, an Europa, als Sehnsucht nach Afiatentum und Ghettoabsperrung verklatschte. Von religiösem Fanatismus weiß der Zionismus sich vollkommen frei; zu frei, sagen gewisse jüdische Kritiker und Gegner. Er vereinigt Vertreter der Konservativsten und der Freisinnigsten des Judentums in sich. (Bravorufe.) Das Wort Afiatentum > macht uns keine Angst, denn das Beispiel des japanischen Volkes lehrt (Lebhafter Beifall), daß man sehr wohl Afiate und gleichzeitig höchst fortschrittlich sein kann. (Erneuerter, andauernder Beifall.) Tatsächlich aber sind wir unseres 2000jährigen Europäertmns so sicher, daß wir über die Neckerei, wir wurden in Palästina Asiaten werden, lächeln dürfen. (Sehr richtig!) Wir würden dort so wenig Asiaten im Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit werden, wie die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute (Heiterkeit), in Südafrika Hottentotten und in Australien Papuas geworden find. Wir würden uns bemühen, in Vorderafien zu tun, was die Engländer in Indien getan haben, — ich meine die Kulturarbeit, nicht die Herrschaft; — wir gedenken, nach Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken. (Andauernder lebhafter Beifall.) Ghettoabsperrung? Man verzeihe uns, daß wir über diese kindische Formel die Achsel zucken. Freie Seelen würdigen das Gefühl, aus dem heraus der Brite sein stolzes Wort spricht: „My house is my castle“. Wer Lächerlichkeit nicht fürchtet, der nenne immerhin unser Verlangen nach einem eigenen selbstgebauten Heim Ghettosehnsucht. Wir wiffen, daß die allermodernste völkerpsychokogische und ethnologische Erkenntnis zur Forderung führt, ein jedes Volk solle wie jedes Individuum sich nach seiner organisch begründeten oder geschichtlich gewordenen Eigenart ausleben und es ablehnen, sich durch Druck, Geringschätzung und Feindseligkeit verkümmern zu lassen. (Händeklatschen und Beifall.) Wir find niemals fortschrittlicher, niemals moderner, als wenn wir lieber echt, als noch so vollkommene Nachahmung, lieber harmonisches Original als eine Karrikatur anderer sein wollen. (Bravorufe, lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Verdrehungen und Entstellungen haben jede Tat des Zionismus, jede Aeußerung und Bewegung seiner Führer verzerrt, verdächtigt und verleumdet. Man hat den leitenden Persönkeiten der Bewegung uneingestehbare Beweggründe, Ehrgeiz oder gar nur Eitelkeit, Eigennutz, demagogisches Buhlen um Volksgunst nachgesagt. Der Begründer und bedeutendste Mann der Bewegung, Theodor Herzl, antwortete darauf mit dem Opfer seines Vermögens und seines Lebens, und andere tun es ihm nach, wenn nötig bis zum äußersten. (Beifall.) Man hat das Schlagwort ausgegeben, der Zionismus sei mit der Vaterlandsliebe unvereinbar. Ruhig im Bewußtsein treuer Anhänglichkeit an unser Geburtsland und gewiffenhastester Erfüllung aller unserer Staatsbürgerpflichten dürfen wir diese Beschuldigung verachten. (Sehr richtig!) Den Deutschen in den Vereinigten Staaten hat bisher noch niemand Mangel an amerikanischem Patriotismus nachgesagt, weil sie ihre Sprache, ihre Gesittung, ihre Stammeserinnerungen pflegen und auch drüben fortfahren, am Wohl und Wehe ihrer Volksgenoffen in der alten Heimat regsten Anteil zu nehmen. Gewiß, ergäbe sich ein Gegensatz zwischen den Jntereffen des jüdischen Volkes und denen unserer Landsleute, dann müßten wir in schmerzlicher Wahl uns für die eine oder die andere Seite entscheiden. Glücklicherweise besteht ein solcher Gegensatz nicht und wird nach menschlichem Ermeffen in absehbarer Zeit auch nicht bestehen. Wir dürfen uns also getrost zugleich als gute Zionisten und als gefinnungsftarke Staatsbürger bekennen. Außer jüdischen Denunzianten und bedenkensreien Judenhaffern, denen jede Gelegenheit zur Feindseligkeit gegen uns willkommen ist, hat denn auch bisher niemand an diesem Doppelbekenntnis Anstoß genommen. Weit verbreitet ist die Meinung, der Zionismus sei eine Antwort auf den Antifemitismus, die Antwort des jüdischen Trotzes nach den einen, der jüdischen Verzweiflung nach den anderen. Diese Auffaffung gab manchen unserer Gegner Gelegenheit, sich in Heldenposen zu werfen und Bramarbasreden zu führen. „Ihr Zionisten", prahlten sie, „seid feige Ausreißer, wir dagegen find tapfere Streiter; ihr ergreifet vor dem Feinde die Flucht, wir nehmen den Kampf an, wollen ihn in unserem Geburtslande bestehen und die Rüstung nicht ablegen, ehe wir gesiegt haben." Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen, den einen als Gegenwirkung des anderen zu begreifen, ist überraschend oberflächlich. Der Antt-