Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-23 · 34 (23.8.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021745--16619-3041450
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 34 Dr Llocb's Moedenscbrttr. Seite 553 flossenen zehn Jahre unserer Arbeit kann nur dazu angetan sein, die. tiefe Wahrheit, die in diesen Worten liegt, zu bestärken. Wohl fühlten wir uns schon, an der Schwelle unserer Tätigkeit stehend, für unser Ideal hoch begeistert und erglüht; doch waren wir schwach und winzig, und mit leeren Händen standen wir da. Den einen waren wir schwärmerische Gestalten, den anderen unbequeme Störenfriede. Man glaubte uns mit einem spöttischen Achselzucken abtun zu können. Doch kümmerten wir uns ebensowenig um die phlegmatische Gefühllosigkeit als um die gegen uns gerichteten Angriffe des Mißverstandes. Die Richtschnur unseres Arbeitsprogrammcs war die Selbsthilfe. Und siehe, in unaufhaltsam fortschreitender Bewegung vollzog sich die Sammlung unserer Kräfte und die Gründung unserer Institutionen. Seit jener ersten Tagung in Basel 1897 haben sich unsere Kongresse einem mächtig anschwellenden Strome gleich gestaltet. Wir können nicht mehr als Utopisten beiseite geschoben werden. Keinerlei Bannflüche sind imstande, uns aus der Welt zu schaffen. Ja, als wir von dem größten Unglück, das eine junge Organisation treffen konnte, heimgesucht worden sind, als unser Führer in unvollendeter Tagesarbeit uns durch den Tod entrissen wurde, da glaubten manche, die Bewegung sei tot. Es war aber nur ein Scheintod. Der Kongreß wird es kundtun, daß der Zionismus sich in der Vollkraft des Schaffens befindet. Die Ungeduldigen und Zweifler, die, einer Pessimistischen Anschauung huldigend, auf dem vorigen Kongreß „Auf Nimmerwiedersehen" riefen, hatten keinen richtigen Einblick in die unverwüstlichen, volkstümlichen Kräfte unserer Idee. Sind wir doch wieder im Zeichen Zions vereint und versammelt und werden uns immer und immer wieder für unser Ideal vereinigen und versammeln. Von diesen Gefühlen bestärkt und gehoben, haben wir uns nun zum achten Zionistenkongreß versammelt, und diesmal im Lande des siegreichen menschlichen Kampfes mit der Natur und der mittelalterlichen Tyrannei, im reichgesegneten Holland. Fürwahr, uns Juden ist Holland kein unbekanntes Land. Eine versunkene Zeit zieht vor uns herauf. War es ja hier, wo viele unserer Volksgenossen, die vor den Furien der Inquisition geflohen, eine Stätte des Friedens gefunden haben. Anderwärts durch Gewissenszwang gequält und durch brutale Gewalt zu Tode gehetzt, wurden sie hier liebevoll ausgenommen. Hier fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne der spanisch, jüdischen Glanzperiode. Denker, Dichter und Künstler unseres Stammes haben nicht wenig zu dem Ruhmeskranze Hollands beigetragen. In den schönen Gauen der Niederlande, unter der milden Herrschaft des ruhmreichen Hauses Oranien, an der Seite des guten, biederen holländischen Volkes zeigten sie, welche schlummernden Kräfte und Talente die Freiheit aus der Seele des jüdischen Volkes herauszuzaubern vermag. Es wurde ihnen nicht nur die zur Existenz nötige Ruhe gegönnt, sondern auch die Möglichkeit gegeben, als schaffende Bahnbrecher und Pioniere auf vielen Gebieten erfolgreich zu wirken. Unter holländischer Flagge segelten sie auch nach anderen Ländern, um neue Zufluchtsstätten für unser Volk zu finden. Es ist dies ein Band rührender Erinnerungen, das sich um dieses Land und die Juden schlingt. Und noch eine Gedankenverbindung drängt sich uns auf. Werden doch hier in dieser schönen Stadt, wo wir uns eben befinden, Anstrengungen gemacht, die zivilisierten Völker einander näher zu bringen, um den Weltfrieden zu fördern. In einem Lande mit solchen Traditionen in der Vergangenheit und mit einer solchen Sendung in der Gegenwart glauben wir mit Recht auf einen Widerhall unserer Bestrebungen hoffen zu dürfen. (Anhaltender Beifall.) Geehrter Kongreß! Zwei Jahre find seit dem siebenten Kongreß verfloffen, und tiefe Spuren haben sie in unserer Leidensgeschichte hinterlassen. Greuel, sind an unserem Volke begangen worden, deren Erinnerung das Blut in den Adern erstarren macht und vor denen die Menschheit beschämt ihr Haupt verhüllen dürfte. Das Jahr 1905 überholte an Gewalttaten manches mittelalterliche Schreckensjahr. Wer würde es unternehmen, der Jeremias der neuen Ruinen und der neuen Gräber zu sein? Wer könnte die Unmasse zählen, die Namenlosen nennen und all die Greuelszenen der Selbstwehr schildern, wo junges, hoffnungsvolles jüdisches Blut in einem heroischen, aber unmöglichen Ringen dahinsank? Wir müffen (die Versammlung erhebt sich), die wir hier find, zu den verklärten Gestalten unserer Brüder und Schwestern, die mit ihrem Tode das Martyrium des Goluth besiegelten, ehrfurchtsvoll aufschauen .... Aber nicht durch Klagen und Seufzen und nicht durch Ausbrüche ohnmächtiger Wut, sondern durch eine unermüdliche Arbeit an unserer Erlösung werden wir ihr Andenken ehren. Natürlich waren wir auch bemüht, die Leiden zu lindern. Die momentane Notstandsaktion nahm auch uns in Anspruch. Das Programm ist bekannt: Aufrufe, Spenden, Petitionen und Proteste. Der redliche Fleiß und die großartige Opferfreudigkeit, die alle jüdischen Organisationen bei dieser schauervollen Gelegenheit an den Tag legten, können nicht genug gerühmt werden. Wir haben auf diesem Gebiete außerdem noch einen kleinen Versuch gemacht, der leider fehlgeschlagen ist. Die gewaltige Flut der Auswanderung, die einen noch nie dagewesenen Höhepunkt erreichte, das unsägliche Elend unserer umherirrenden und umhergetriebenen Bolksmassen, mit denen sich verschiedene Hilfsgesellschaften, jedoch ohne einheitliche Methode befassen, veranlaßten uns, eine Reform in dieser Beziehung anzuregen, um diese Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen. Das war der Zweck der von uns im Jänner 1906 in Brüssel einberufenen Konferenz. Es ist natürlich, daß wir eine Vereinigung jüdischer Kräfte suchten, ist doch von unserem Standpunkt jede jüdische Einigung ein nationaler Wert, der dem zionistischen Empfinden nahestehen muß. Der Versuch scheiterte jedoch an der ablehnenden Haltung der meisten Hilfsgesellschaften. Selbstverständlich find wir Zionisten nicht die letzten, wo immer es sich um Hilfeleistung handelt — und im Goluth kann man nur mit Goluthmitteln helfen. — Aber am Ende müffen wir uns doch sagen: Flickwerk ist es, das nur den dringendsten augenblicklichen Bedürfnissen genügt, Kurpfuscherei, die die nebensächlichen Symptome der Krankheit kuriert, anstatt den Sitz derselben zu bekämpfen. Man braucht, um dies greifbar vor sich zu sehen, nur die Aufwallung und das schnelle Ermüden der leider so oft abgehetzten Philanthropie zu beobachten. Die ersten Schreckensnachrichten rütteln die öffentliche Meinung auf, kaum ist aber die erste Aufregung vorüber, so bleibt alles beim alten und ratlos steht die Philanthropie, von der Sisyphusarbeit ermattet. Auf dem größten Schauplatz des Goluth, in den jüdischen Maffenzentren Osteuropas, find die Gräber kaum verschüttet, und wer kann sagen, daß sich nicht unter den Füßen der Lebenden ein neuer, speiender Krater öffnen wird? Uebrigens handelt es sich doch nicht nur um eine bestimmte Volksgruppe und um eine bestimmte Zeitperiode, es handelt sich doch um unsere Gesamtheit und unsere historischen Schicksale. Bedarf es denn für uns der blitzartigen Beleuchtung unserer Diasporanacht durch „Pogrome"? Lehrreich, wie die letzten Jahre auch sein mögen, find sie doch nur neue und vermehrte Auflagen der alten Chronik. Werfen wir einen flüchtigen Blick auf die Geschichte unseres Volkes. Sie hat große furchtbare Lehren erteilt. Die Mehrheit unseres Volkes war immer in der Diaspora der Verfolgung und dem Drucke ausgesetzt, und die glücklicheren Minderheiten und die helleren Momente verschwinden in den Finsterniffen des Elends. Ein Volk mit solchen Leiden muß sich doch einmal zu einer großzügigen nationalen Selbstrettung aufraffen. Es muß doch einmal mit aller Gewalt sich dagegen aufbäumen, immer das Kanonenfutter für alle möglichen Kämpfe und für alle möglichen Umwälzungen zu sein. Es muß doch einmal dafür sorgen, einen sicheren und würdigeren Platz zu finden, als überall zwischen Hammer und Amboß. (Stürmischer Beifall.) Geehrter Kongreß! Klar und bestimmt liegt unser Programm vor den Augen der Welt: Wir erstreben eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Die Unantastbarkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.