Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 550 Dr. Jöiocd & IXiiocDenscDrm. Nr. 34 als eine Last für ihre Umgebung erscheinen läßt. Dazu kommt noch, daß sie, den übrigen jüdischen Zentren geographisch und ideell völlig entrückt, fast ausschließlich auf das zivilisatorische und materielle Hilfswerk der Pariser Alliance angewiesen sind und auf diesem Wege sich allmälig die bei den Marokkanern so verhaßte französische Kultur aneignen, wodurch sie in deren Augen nur noch verächtlicher und hassenswerter erscheinen.. Der Pogrom von Casablanca hat die Juden von Marokko unserem Herzen wieder — wenn auch nur für kurze Zeit — näher gebracht. Daß dieses Gefühl in uns nur ein vorübergehendes und platonisches ist, ist eine Ungerechtigkeit, die sich mit dem erwachten jüdischen Nationalgefühl kaum vereinbaren läßt und die unser Gesamtvolk auch schwer büßen wird. Diejenigen Faktoren, welche sich die Lösung der Judenfrage in den Golusläudern zur Aufgabe gemacht haben, sollten auch an die Befreiung der marokkanischen Juden — denken, deren Knechtschaft eine drückendere ist, als diejenige der übrigen Juden, denn ihre Bedrücker sind Barbaren, die in dem Juden nicht so sehr den Bekenner eines „fremden" Glaubens, als vielmehr den Pionier der „fremden" modernen Kultur verfolgen. Und unsere marokkanischen Brüder sind nach den Berichten der meisten Reisenden ein trefflicher, bildungsfähiger Schlag, den wir zu erhalten trachten müßten. Das Auswanderungsdepartement der „JMsch-Territorialistischen Organisation" sollte auch diesem Teile unseres Volkskörpers seine Aufmerksamkeit, zuwenden. Zionistischer Kongreß im Haag. lieber den Verlauf des zionistischen Kongresses gehen uns nachstehende offizielle Berichte zu: Eröffnungssitzung, Mittwoch den 14. August (vormittag). Wenige Minuten nach der Oeffnung der Saaltüren um halb 10 Uhr war alles überfüllt. Der gewaltige Saal mit dem dreifachen Kranze von Galerien bot inv seinem bunten, wimmelnden Leben einen prächtigen Anblick. Ueber 400 Delegierte und mehrere tausend Tribünengäste wohnten der Eröffnung bei. Um halb 11 Uhr legte sich auf ein Zeichen der Lärm mit einem Schlage und einen kleinen Augenblick später öffnete sich das kleine Pförtchen an der Tribüne des Aktions-Komitees. Die Führer her zionistischen Bewegung erschienen, geführt von Max' Nordau. Der begeisterte Beifall, der sie aus dem Saale und von der Galerie begrüßte, zeigte zur Genüge, daß sie der alten Anhänglichkeit auch weiter versichert sein können. Unter großer Spannung verlas darauf der Präsident David Wolfffohn die Eröffnungsrede. Er wurde an vielen Stellen von lebhaftem Beifall unterbrochen. Die Rede gab eine Uebersicht über die jetzige Lage des jüdischen Volkes und des Zionismus. Die Institutionen der Bewegung sind im Ausbau begriffenIünd^besonders die Arbeit in Palästina macht rüstige Fortschritte. Darauf begrüßte der Vizepräsident des Hohen Gerichtshofes Herr A. A. de P i n t o im Namen der jüdischen Gemeinden im Haag in wirkungsvoller Ansprache den Kongreß, dessen Bedeutung für die gesamte Judenheit er hervorhob. Im Namen der jüdischen Kolonisten Palästinas begrüßte Dr. Tfchlenow den Kongreß und hob hervor, daß sich das jüdische Menschenmaterial als Baumaterial für ein Gemeinwesen bereits jetzt vorzüglich bewährt habe. Von stürmischen Zurufen begrüßt, sprach dann Dr. Max Nordau (Paris). Er gab eine Uebersicht der Prinzipien des Zionismus, die ttotz der klassischen Formulierung durch Theodor Herzl immer wieder mißverstanden werden. Der Zionismus ist keine Bewegung der Barmherzigkeit. Er. will auch nicht in die Unkultur zurückkehren, sondern die Kutturgrenze Europas bis an den Euphrat vorschieben. Nur von Angebern wird die Vaterlandsliebe der Zionisten in Zweifel gezogen. Wer nicht den Untergang des Judenvolkes will, muß Zionist werden. Die Erfolge des Zionismus in der Organisation, in der Tätigkeit in Palästina sind bedeutend, vor allem aber die moralischen. Den Juden gegenüber werden Bürger- und Menschenrechte verleugnet. Den Widerspruch dagegen darf man am wenigsten im Haag der Friedenskonferenz als platonisch betrachten. Nordau zweifelt nicht daran, daß über kurz oder lang eine diplomatische Konferenz zur Regelung der Judenfrage berufen werden wird. Nach Verlesung eines hebräischen Begrüßungsschreibens der Gemeinde Haag an den Kongreß wurden die Wahlen für die Kongreßleitung vorgenommen. Zu Präsidenten wurden gewählt David Wolffsohn (Köln) und Dr. Max Nordau (Paris) ferner 8 Vizepräsidenten und 7 Beisitzer. Mittwoch den 14. August (nachmittag). Zu Beginn der Nachmittagssitzung erstattete der Legitimationsausschuß Bericht über die Prüfung der Wahlen, die mit einer Ausnahme sämtlich für giltig erklärt wurden. Es haben im Ganzen 435 Wahlen 'zum Kongresse stattgefunden. Im Namen der holländischen Zionisten begrüßte alsdann Herr Kleerekoper den Kongreß, indem er an die harten Kämpfe erinnerte, die Holland für seine Freiheit geführt hat, und der Hoffnung Ausdruck gab, daß die Kämpfe des jüdischen Volkes um seine Freiheit zu einem gleich glücklichen Resultate führen mögen. Hierauf erstattet der Generalsekretär der zionistischen Organisation, Herr N. Sokolow, den Bericht des zionistischen Zentralbureaus. Der Bericht betont die Tatsache, daß man. den Zionismus nicht einschätzen kann, solange er sich nicht durch Zahlen feststellen läßt, denn über Empfindungen kann keine Statistik berichten. Man müsse das Suchen und Sehnen, das in den Tiefen der Volksseele rauscht, nachempfinden, um die Triebkräfte aufdecken zu können, die für den Zionismus arbeiten. Die Ziffern allein beweisen nicht alles. Die Begriffe „Zionistische Bewegung" und „Zionistische Institutionen" müssen auseinandergehalten werden. Die Institutionen müssen natürlich nach nüchternen strengen Gesetzen geleitet und betrachtet werden, die Bewegung hingegen kann ihrer ganzen Natur nach 'nicht lediglich unter diesem Gesichtspunkte beurteilt werden. Hier-gilt es, nicht nur dem Wege zu folgen, wie die Beiträge und die Spenden in die Kaffen fließen, sondern auch wie die geflügelten Worte in das Volk hinausflattern, wie die Gefühle und Stimmungen sich hier langsamer, dort schneller in gewissen Tatsachen zum realen Ausdruck bringen. Der Zionismus bietet nun nach beiden Seiten das Bild einer mächtig fortschreitenden Bewegung. Er ist mehr als je der Träger und Erzeuger des nationalen Lebens geworden. Er hat sich nicht nur erhalten, er ist stark aus seinem Ringen emporgekommen. Der Bericht beschäftigt sich hierauf mit den organisatorischen und administrativen Arbeiten des Zentralbureaus der zionistischen Organisation, das nach dem Vil. Kongresse nach Köln verlegt wurde. Seine Tätigkeit war der Natur der Sache nach hauptsächlich darauf gerichtet, eine Reorganisation der Bewegung einzuleiten. Mit besonderer Genugtuung wird die Errichtung neuer Filialen des palästinensischen Bankinstitutes der Bewegung, der Anglo Palestine Company, verzeichnet. Das Zentralbureau hat bei der Hilfsaktion für die notleidenden Brüder in Rußland eifrig mitgewirkt und im Zusammenhänge damit die Brüsseler. Konferenz einberufen und durchgeführt, die den ersten Versuch darstellt, ein geeintes Arbeiten sämtlicher jüdischer Korporationen herbeizuführen. Die Bewegung ist permanent gewachsen. Trotz der dort herrschenden ungeheuren Schwierigkeiten hat die Organisation in Rußland an Bedeutung und Einfluß zugenommen und hat sich bei dem Wettstreite der verschiedenen Nationen in den konstitutionellen Kämpfen energisch zur Geltung gebracht. Auch in Oesterreich hat die jüdisch-nationale Partei bemerkenswerte Erfolge erzielt und vier Abgeordnete in den Reichsrat entsendet. Der Bericht kommt zum Schluffe, daß das ständige Wachstum der zionistischen Organisation der beste Beweis für die Richtigkeit der zionistischen Idee ist.