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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-23 · 34 (23.8.1907) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 34 Dr■ Bloch’s JahrgangXXI? Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 23. August 1907. Brscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Mien. Et/3, Lerggssse 39. Telegramm-Adresse: JSlocb’s MlocLensebrikt» Mlten. » - - — - —« K. ft. Pofisparftsssrn-Amt Lleartng-VerKebr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: Wir» ix/1» Merggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847 V---* W---- Bejug«j>r*{» fuc Vrstrrreirlt: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Peltlzeile 24 Heller. *-- Inhalt: Leitartikel: Marokko. — Zionistischer Kongreß im Haag. — Ter Streit um die jüdische Kolonialbank. — Korrespondenzen: Das Geburtsta issest Sr. Majestät des Kaisers. Im neuen israelitischen Hospiz zu Karlsbad. Jschler Spaziergänge. Einweihung der Meiselsynagoge. Prag. Triest. — Vermischtes: Wien. Vorträge im Beth-Hamidrasch „Ohel Abraham". Bethaus „Talmud-Thorah", II., Malzgasse 16. 25jähriges Jubiläum eines Knabenpensionats. Dr. Michael Holzmann. Baden. Gänserndorf. Brod a. S. — Feuilleton: Gitel. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Marokko Wenn in Rußland die „Schwarzen Hundertschaften" sich von ihren Massenmorden ausruhen, wenn es in Rumänien soweit ruhig ist, daß die Juden, ohne an ihrem Leben bedroht zu werden, „ungestört" auswandern können, so kann man mit Sicherheit darauf gefaßt sein, daß aus Marokko ein Schreckensrus zu uns dringen werde, der uns die Kunde von Judenabschlachtungen bringt. Man hat sich schon so sehr an diese traurige Trippelallianz jüdischer Leiden, Rußland, Rumänien und Marokko, gewöhnt, daß unsere aus das Gräßlichste trainierten Nerven kaum mehr reagieren, wenn es sich um ein jüdisches Blutbad in einem dieser gottverlassenen Länder handelt. Das Gesetz der Katastrophenserien hat kein Volk so schmerzlich am eigenen Leibe empfunden, wie das jüdische. Sind auch die Leiden, welche unseren bedrückten Brüdern in den obgenannten drei Ländern seit ungezählten Jahren zugefügt werden, dieselben, find auch die Ursachen und Folgen solcher katastrophaler Erschütterungen im russischen, rumänischen oder marokkanischen Ghetto zum großen Teile die gleichen, so kann es andererseits nicht geleugnet werden, daß die marokkanischen Juden sich in einer wesentlich anderen Situation befinden, als ihre verfolgten Stammesbrüder in Rußland und Rumänien. Es besteht ein Unterschied zugunsten und ein solcher zum Nachteile der Juden Marokkos. Es ist schon deßhalb von Interesse auf dieses Moment näher einzugehen, weil dadurch auch eine andere für das Gesamtjudentum wichtige Frage beleuchtet erscheint: die Frage der Intervention der Mächte in Fällen von offiziellen Pogromen an Juden. So oft jüdische Städte und Dörfer in Rußland und Rumänien ausgeplündert und eingeäschert, Juden daselbst gemordet und verstümmelt wurden, da riefen Juden und zivilisierte Nichtjuden vergebens nach einem Einschreiten der Großmächte, vergebens selbst dann, wenn der Massenmord in Rumänien verübt wurde, wo die europäischen Mächte sich auf den Berliner Vertrag berufen konnten, der ihnen das Recht, und wenn man will, sogar die Pflicht auferlegt, Rumänien zur Einhaltung des betreffenden Vertragspunktes zu verhalten. Anders verhält es sich in Marokko. So oft in Marokko ein politisches Gewitter ausbricht, so ist es sicher das jüdische Ghetto, in welches es zunächst und mit elementarster Gewalt einschlägt, aber ebenso sicher ist es, daß der Brand im nächsten Augenblicke auch auf die anderen Fremdenviertel hinübergreift. Und da beginnt sich das internationale Pflichtgefühl zu regen, da werden sofort Kriegsschiffe entsendet, deren Schutz schließlich auch dem jüdischen Viertel zugute kommt. Und dann noch eines: An Marokko hat die freie Republik Frankreich ein eminentes Jntereffe, und Frankreich hat für die Leiden der Juden stets mehr Verständnis und Gefühl besessen, als die Signatarmächte, welche Rumänien den Berliner Vertrag diktierten. Ferner: Die „Alliance Jsraölite Universelle", zu deren wichtigsten Tätigkeitsgebieten die kulturelle und wirtschaftliche Hebung der Juden Marokkos gehört, hat ihren Sitz in Paris, der Hauptstadt des an Marokko meistinter- 'essierten Frankreich. Es ist bekannt, daß die segensreiche Tätigkeit der „Alliance" in Marokko von kompetenter französischer Seite wiederholt anerkannt wurde. Der Einfluß, den sich die „Alliance" durch ihre kulturelle und ökonomische Pazifizieruugsarbeit in Marokko erworben hat, kam den dortigen Juden gar oft schon zu statten. Diesem Einfluffe sowohl, als auch dem bereits gekennzeichneten Umstande, daß die Judenviertel in den marokkanischen Städten die gefährlichsten Wetterwinkel des Reiches bilden, ist es wohl auch zuzufchreiben, daß in den Akten von Algeciras sich auch ein, wenn auch sehr kühl gehaltener Punkt befindet, welcher der marokkanischen Regierung den Schutz der Juden nahelegt. Diese Entschließung der Konferenz von Algeciras war etwas in unseren Tagen so Ungewohntes, daß der Grand Rabbin von Marokko sich veranlaßt sah, an die Urheber dieses Protokollpunktes ein rührseliges Dankschreiben zu richten. Das ist die günstige Seite der Situation, in welcher sich unsere unglücklichen Brüder in Marokko ihren Stammesbrüdern in Rußland und Rumänien gegenüber befinden. Aber schwerwiegender als diese im Großen und Ganzen effektlosen Lichtseiten find die Schattenseiten ihrer Lage. Wie die meisten Juden des Orients, nehmen auch die Juden Marokkos eine sehr untergeordnete, ja in vielen Beziehungen mißachtete Stellung inmitten ihrer Umgebung ein. Die Jahrhunderte alte Erniedrigung und Ausnahmsstellung hat sie in sich gekehrt und weltfremd gemacht. Selbst ihren westlichen Glaubens- und Stammesgenoffen gegenüber find sie scheu, furchtsam und zurückhaltend. Alle diese Umstände haben sie in einem kulturellen und wirtschaftlichen Tiefstand verharren lassen, der sie zum Elend und zur Armut verurteilt und sie

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