Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 33 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 546 , Dr. aßiocb’ö Mocbenscdrrrr. Nr. 33 Wenn er auch auf allen Gebieten viel mehr wußte als die anderen, wenn er auch viel mehr gesehen und erlebt hatte, dieses Zuvielwissen, dieses Zuvielerlebthaben gerade war es, was die an ihre Alltäglichkeit Gewöhnten nicht recht begreifen konnten und was sie schließlich zu einer leisen Geringschätzung retzte. Ein Mensch, dem das Beshamidrasch Heimat, die Ofenbank Wohnung war, der Tag und Nacht und Jahr für Jahr nicht ans seinen Kleidern kam und dabei nicht nur ein „Lamden" war, sondern auch hochdeutsch und französisch und englisch sprach, ein solcher Mensch war eben ein „Ueberstudierter". Und so wurde er bald für alle, was er von nun an bleiben sollte bis zu dem Tage, an dem er wieder ebenso rätselhaft aus der Gemeinde verschwunden war, wie es sein Kommen gewesen — der meschuggene Dowid. Dowid trug diesen Beinamen mit der stillen Heiterkeit innerlich überlegener Menschen. Er wußte sehr wohl, daß er eigentlich an den langen Tisch neben den Szeforimschränken gehöre, an dem alltäglich vor Eintritt der Nacht und bei einer „Jahrzeit" auch Morgens nach dem Gottesdienst die Lomdim der Gemeinde, an ihrer Spitze der Dajan Reb Mosche, gemeinsam „lernten" und an dem so mancher stumm saß und stumpf, lediglich weil ihm irgend ein gutmütiger Rabbi in froher Geberlaune einmal den Titel eines „Morenu" verliehen. Aber der Fluch seines Meisters lastete auf ihm und er mußte sich mit dem Platz auf der Ofenbank begnügen und an Stelle des Disputes um wirkliche oder konstruierte talmudische Verwicklungen blieb chm nichts, als seinen Witz an dem blinden Wolf zu üben und an Jude Kratzer, die seine einzigen Genossen waren. Der blinde Wolf, oder nach der Grammatik der Gasse richtiger: der blinder Wolf, war eigentlich von Beruf ein Klesmer, ein Musikant, dessen Fidel in der Gemeinde überall erklang, wo es galt, ein Fest zu feiern, der vor dem jungen Bräutigam herspielte, wenn man ihn ernst und feierlich unter die Chuppe führte, und die verschüchterte Braut und ihre beiden Unterführerinnen in oft etwas geräuschvolle Rührung versetzte, sobald er mit schmelzenden Tönen den Mi addir zu präludieren begann, den der beliebte, kleine Chasen „s’chasenche" besonders meisterhaft zu singen verstand. Aber leider macht die Spottlust einer wenig beschäftigten kleinen Stadt auch vor der Kunst und chren Vertretern nicht Halt, wenn ein kleines Gebrechen ihre Lachmuskeln reizt. Und so große Mühe Wolf sich auch beim Sprechen geben mochte, der Wohlwollendste selbst konnte es nicht leugnen — er schnaufelte. Nun war es fteilich nicht nötig, daß fast Jeder, der mit chm sprach, gleichfalls zu schnaufeln begann, aber es muß doch leider gesagt werden, daß es als besonders guter und beliebter Witz gatt, mit dem armen blinden Mann nur in schnaufelndem Tone zu sprechen und ihn dadurch in eine gelinde Raserei zu versetzen. Er, dem die Musik das Licht war, das ihm das Dunkel, in dem er leben mußte, erhellte, und dessen feinem Ohr selbst die geringste Verstimmung seiner Fidel wehtat, mußte gerade dieses Gebrechen doppelt schmerzlich empfinden, schmerzlicher selbst, als seine Blindheit, die chm wohl zur Qual wurde, nie aber zur Quälerei. War es nun das Mitleid mit dem schuldlos Gehöhnten, das den feinfühlenden Dowid mit dem blinden Wolf verband, oder auch der ihnen gemeinsame Hang zur Musik, so entsprang die Freundschaft mit Jude Kratzer sicherlich der Neigung Beider zum Philosophieren; denn Jude war entschieden ein Philosoph. Still lächelnd und mit der heiteren Ruhe des Philosophen ertrug er alle die Demütigungen, die sich aus einer vielleicht nicht ganz unberechtigten Gewohnheit ergaben, einer Gewohnheit, der er auch seinen Beinamen zu verdanken hatte. Jude hatte für alle seine Gefühle und Empfindungen nur eine Geste, für Kummer und Leid, wie für Freude und Genuß nur eine Art des Ausdruckes, für alle seine Gebrechen nur ein Heilmittel — er kratzte sich. Er mußte sich kratzen, unaufhörlich und fast ohne Unterbrechung, und wenn man ihm selbst alle Schätze der Eü>e geboten hätte, das Kratzen hätte er nicht lassen können. Ja, selbst um fürstlicher Belohnungen willen, die von einem Silbergroschen bis zu einem polnischen Gulden schwankten — und es war ein beliebter Sport der Gasse geworden, solche Preise zu stiften — vermochte er nicht fünf Minuten sich zu beherrschen und er fand die lächerlichsten und seltsamsten Mittel und Wege, um sowohl den ausgesetzten Preis zu gewinnen, als auch seine Leidenschaft zu befriedigen. Solcher Art waren die beiden Genossen Dowids, die in grenzenloser Verehrung an ihm hingen und denen er bald Schutz wurde und Führer in aller Wirrsal ihres kümmerlichen Lebens. An ihrer Ergebenheit richteten sich die Reste seines Stolzes auf, in ihrer Treue fand er einen kleinen Ersatz für so manche Entbehrung, sie, die unbedingten Werkzeuge seines Willens waren auch zugleich die freudigen Stunden seines Witzes. Denn sein Witz verschonte Niemand und machte nur vor dem greisen Rabbi Halt, dessen stille Würde selbst diesen Spötter verstummen ließ. Und gerade die Angesehensten der Gemeinde waren es sonst, an denen Dowid seinen beißenden Spott mit Vorliebe übte. Was galten ihm Chaim Wasserträger oder Salme Schmuckler oder Meier Ganef, der letzte der ehemals so bedeutenden Zunft der Taschendiebe, arme Geschöpfe, die gleich ihm mühselig ihr Leben fristeten, oder gar Frauen, wie Chawe Weinern oder Zore Kapke oder Gitel Schöps, deren Anblick allein schon zur Heiterkeit stimmen mußte. Sie alle behandelte er mit einer gewissen Milde und Nachsicht. Aber der Dajem Reb Mosche, der nach Dowids bekanntem Ausspruch bei seinen Vorträgen „Faden kaute", da er niemals ein Ende finden konnte, der große Melamed Reb Ahron, der früher einmal ein Milchfuhrwerk kutschierte und seinen alten Gaul mit dem freundlichen Zuspruch: „Nun geh schon, es ist doch heut „Sechor Beris", veranlaßt haben soll, sich auf seiner Morgenfahrt etwas mehr zu eilen, der ehrgeizige Reb Wolf Beer, einer der stummen Teilnehmer an den Zusammenkünften der Lomdim, der am liebsten alle Aemter der Gemeinde auf seine Person vereinigt hätte und den Vorsteher ebenso beneidete wie den Schulklopfer, sie und alle auf ihrer Smfe Stehenden waren es, die Dowid mit nie versagendem Humor in den Kreis seines Witzes zog und offen vor den versammelten Besuchern des Beshamidrasch oder still durch den Mund seiner beiden Getreuen dem Gelächter Aller preisgab. Die Jahre zogen hin wie die Tage im ruhigen Einerlei; Geschlechter gingen und Geschlechter kamen und still, wie sie gelebt, verließen sie einer nach dem andern die Gemeinde, um draußen vor der Stadt auf dem „guten Ort" die oft ersehnte Ruhe zu finden. Auch der blinde Wolf hatte seit langem schon seinen warmen Platz auf der Ofenbank mit einem kühleren unter der Erde vertauschen müssen und seine Seele berauschte sich nun vielleicht, ledig aller Qual, an den Gesängen der himmlischen Chöre. Und jetzt war die Stunde gekommen, wo auch Jude Kratzer, Dowids einziger Genosse, ihn verlassen sollte, sein treuester Gefährte, sein letzter Freund. In der dumpfen Stube des Hekdesch lag er, wie es sich für einen Sterbenden ziemt, bei zwei brennenden Kerzen, in irren Phantasien, und neben seinem armseligen Lager saß Dowid, der aus einem alten verschlissenen Gebetbuch ihm. die Widduj vorsagte, das Sündenbekenntnis: Oschamnu, bogadnu, gosalnu ... langsam, Silbe für Silbe fielen die Worte in das Ohr des Sterbenden.... tuawnu, toinu, titonu. Das Sündenbekenntnis war zu Ende, nun kam das Schma. Laut und eindringlich sprach es Dowid: „Höre, Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig" ... und Echod kam es leise von Judas Mund zurück. Wort für Wort hatte er alles mitgebetet bis zum Schluß; jetzt war er bereit. Was noch für ihn zu tun gewesen, war geschehen, keine Pflicht band ihn mehr ans Leben. Nicht Pflichten gegen die Gemeinde, der er, ein armer Mann, am letzten Ende doch nur eine Last gewesen war, noch Pflichten gegen seine Familie, die er kaum je dem Namen nach gekannt. Nur einen