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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-09 · 32 (9.8.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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er». 680 L>r. Jölocv s MlocbenscorlN. Nr. 33 Da spürte Abrum, daß etwas auf ihn herabstürzte und in kleinen Stichen über seinen ganzen Körper sich verbreitete. Das waren die Töne der Glocken, die auf seinen Kopf herabstürzten und dann mit Lust und Lachen die Stadt durchliefen. Vom Ringplatz her stampfte irgend etwas heran, und man hörte einen Lärm: kommt schon!-Es kommt schon!-" Vielleicht ist dort eine Prügelei, vielleicht ist dort Blut. . . Er wußte es nicht. Vielleicht wird dort gemordet, geraubt... Er begriff nur, daß alles um ihn her in Bewegung war und daß er von irgend einer Macht erfaßt wurde; daß er von allen Seiten gestoßen wurde; daß man neben ihm schwer atmete; daß er lief, ringsum großes Füßegetrampel hörte und spürte, wie ihm in der Brust das Herz schlug. Etwas Großes, Hundertsüßiges, Heißes lief zugleich mit ihm, und vor sich sah er nichts als die langen Schöße von irgend wessen Kaftan, die komisch im Winde flatterten. Hinter ihm her trabte irgend etwas. Er eilte durch enge Gaffen dahin, knetete mit den Füßen den tiefen Staub, rannte an Häusern vorbei, bog seitwärts ab — und der Schweiß überschwemmte ihm die Augen. Das dort ist Mojsche Zwejlibcs Haus. . . Das da die Hütte der arme« Chane .. . Wieder irgend eine Gasse . . . Noch ein Haus — aber wessen Haus? .. . Ja, wessen Haus? ... Und weiter dort ist schon Feld... Nur dorthin gelangen, nur dorthin gelangen!... Da ist auch schon die Straße.. . Und Blut auf chr? Zwei lange Bächlein zu beiden Seiten? Ach nein, das find ja Mohnblumen, so schreckhaft rote... wie Menschenblut .. . Wenn man nur bloß dorthin gelangen könnte, fich dort verstecken könnte, um diese Glocken nicht mehr zu hören, diese Glocken, die bis ins Herz hinein schlagen und wie wahnfinnig springen und lachen .. . Das Städtchen verödete. Die konnten, liefen ins Feld hinaus oder in den Wald. Zurückgeblieben war nur die blinde Estherl, die vergessen worden war, und die hungrigen, schlecht genährten Ziegen, die fich mit kläglichem Gewein um fie Herumtrieben. Und in der seltsamen Totenstille des Städtchens führten die Glocken einen Tanz auf. Die großen, mittleren und kleinen. Die Sonne lachte und belegte den Glocken den Weg wie mit Teppichen. Estherl saß auf der Schwelle ihres Hauses, die Hände vors Gesicht geschlagen. Wovor fich alle fürchteten, was sie in Odessa ihrer Söhne beraubt — sie allein würde dem begegnen. Doch fie empfand keine Furcht. Weshalb fich fürchten, da das Schrecklichste bereits durch ihr Herz gezogen und alles darin verbrannt? Nicht Furcht, sondern Haß war es, was in ihrer Brust fich regte, als fie die Glocken hörte. Für Estherl waren es keine Klänge, sondern hundert blutige Hände, die sich vom Glockenturm herab ausstreckten und mit langen Fingern gierig über den Häusern flatterten. Und es trieb sie, mit diesen Händen den Kampf aufzunehmen, um mit ihren eigenen Körper das Unglück von den Menschen abzuwenden. Sie stand vor der Schwelle, streckte vor sich hin die Hände aus, erhob das Gesicht, über das die Tränen aus den erblindeten Augen herunterrannen, und ging den Glockentönen entgegen. Die gebückte Gestalt der Greifin mit den ausgestreckten Händen erschien, hager und entschlossen, gespensterhast mitten in der Menschenleere. Im Gehen nahm fie gierig die Klänge in sich auf, die verwandelten sich in Haß. Plötzlich vernahm Estherl mitten unter den Glocken etwas anderes. Anfangs wie stilles Weinen, dann aber wie Windesheulen. Mit der Zeit wurden diese Töne stärker, krächzten, gingen in Brüllen über. Wie wenn Vieh in den Ständen brüllen würde oder ein Wolkenbruch am Himmel herangerollt käme. Das war die Prozession. Tausende von Füßen stampfen den Boden, Tausende von Leibern machten die Luft schwingen, weit und breit flatterten Hahnen, 'und mit unmenschlichen Stimmen, wie aus einem Faß heraus, brüllten die fetten Popen, während ihre langen Faare, vom Winde auseinander geweht, an die steifen, goldenen Meßgewänder schlugen. Hoch über ihnen verfinsterte sich das gebräunte Gesicht des armen Christus, das kaum hervorragte zwischen dm gehämmerten, zahlreichen Meßgewändern, die schwer und plump waren. Und die Glocken spielten das Lob Gottes, gesungen aber ward es von den vollen Bäuchen der feisten Popen. Estherl begriff anfangs nicht, woher diese Töne kamen. Vielleicht zieht eine Wolke, schwarz und schrecklich, über ihrem Haupt dahin und es regnet? Aber plötzlich, als die Prozession bereits nahe war, vernahm sie den wohlbekannten Sang und begriff. Und da entflammte sie in Zorn: in ihr Herz ergoß sich eine böse Freude. „Aha! Es kommt ... Es kommt! . . verzerrte ein Lächeln ihren Mund, und sogar die Tränen hörten auf, aus den Triefaugen zu fließen. Die Prozession kam immer näher. Als sie bereits vom Atem der Menschenmasse angeweht wurde und die schrecklichen Stimmen vernahm, blieb die blinde Estherl stehen, erhob die Hände, als wollte sie die Scharen aufhalten, und schrie auf. In ihrer Kehle flössen die Worte zu einem undeutlichen Geschrei zusammen. Mit den Händen gestikulierend, stand fie mit offenem Mund da. Die heftige Aufregung, der Zorn hatten ihr die Sprache benommen. Sie schrie etwas Unverständliches hinaus, ihr aber schien es, daß sie sprach und all ihren Schmerz, alles Leid und allen Haß aus sich herausfchleuderte. Und sie gestikulierte mit den Fäusten und schrie in Worten, die ihr in der Kehle stecken blieben. Die Tränen, die aus den erblindeten Augen rannen, füllten der Greisin dunkle Mundhöhle mit den zwei gelben Zahnwurzeln. Und an ihr vorbei stampften Tausende von Füßen, atmeten Tausende von Brüsten, brüllten die Bäffe und tanzten wie wahnsinnig die Glocken. Die großen, mittleren und kleinen. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Ukrainischen von Wil helm Horoschowski.) Literatur. Aphorismen über Judentum und Religion. Jede Zeit hat ihre Modeliteratur, wie ich sie nennen möchte. So liebt es unsere Zeit, Gedanken in möglichst konziser Form zum Ausdruck zu bringen, Gedanken über Politik, Religion, soziale Fragen, wie sie eben unsere Tage bewegen und erregen. Lange Abhandlungen liest man nicht gerne, und wenn jemand etwas zu sagen hat, soll er es kurz und bündig tun. Und E. K a l i s ch e r, Rabiner in Bonn, hat uns sehr viel zu sagen. Das zeigen seine Aphorismen, welche er auch als „Phosphorismen" bezeichnen möchte und die soeben erschienen sind.*) Ein schmächtiges Büchlein, aber voll reichen Inhalts, ein Werkchen ist's, so recht dazu geeignet, im Grün des Waldes gelesen zu werden, wo das Wasser jäh über den Felsen sich stürzt . . . K a l i s ch e r spricht über die verschiedensten Erscheinungen der Gegenwart sein zusammengedrängtes Urteil aus. Wir haben es hier mit den Anschauungen eines gebildeten und erfahrenen Mannes zu tun. Und was er insbesondere über Judentum und Religion sagt, ist nicht nur Belehrung für die Einen, sondern auch ein „Merks" für die Andern, die es angeht . . . Nicht besonders fürs Judentum ist der folgende Satz geschrieben, aber wir wollen ihn uns merken: „Unterdrückung beeinflußt den ästhetischen Sinn ungünstiger als den ethischen." Leiden wir nicht mehr an und von der Halbbildung als der Unbildung? Darum glauben wir dem Verfasser sehr gerne, wenn er spricht: „Eine der gefährlichsten Arten von Halbbildung ist die religiöse." — Wir bestätigen auch mit unserer Unterschrift die Worte: Mancher Unsinn hat sein Leben auf tausend Jahre gebracht." Wir wissen es wohl, daß „das Beste in Kunst, Religion und Wissenschaft nicht gelehrt werden kann." — Man will den folgenden Satz ungerne zugeben, aber wahr ist er doch : „Religion ist Gottesverehrung, Pietät Menschenverehrung." Diesen Worten mögen fich nachfolgende anschließen: „Die Faseleien von der neuen Religion, die aus der modernen Weltanschauung hervorgehen soll, kommen mir vor wie die Versprechungen *) Bonn, C. Georgis Verlag, 1907.

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