Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-09 · 32 (9.8.1907) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021743--16593-3041422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 32 Vr. Bwch's Wochenschrift. Seite 529 Babbe Estherl aber sprach noch immer, und aus ihren blinden Augen flössen ohne Unterlaß die Tränen. Die geborstene Greisenstimme klang mitunter wie die Stimme eines Propheten, und dann ward es still ringsherum. Die Leute hielten den Atem an, und wie ein schweres Leid versenkten sie jedes Wort der Alten in ihres Herzens Grund. Vielleicht sprach das gar nicht Estherl, sondern ihr eigenes Schicksal, und jener Nebel, der jetzt über ihnen lagerte, wird schon morgen zur Wirklichkeit. Vielleicht werden diese Kinder, die jetzt ihre warmen Gesichter an der Mütter Knie schmiegen, schon morgen tot in den Gassen umherliegen, getreten von den schweren Stiefeln des besoffenen Mobs . . . „Weh' uns!" Die Menge drängte sich ans Fenster heran und ward immer zahlreicher. Irgend ein zerzaustes, bloß mit einem Hemd angetanes Weib zwängte sich mitten durch die Menge hindurch, in die Stube herein; an den Busen preßte sie einen krummen siebenarmigen Leuchter aus altem Silber, wohl das einzige kostbare Familienstück. An ihren Händen die großen Adern schimmerten blau im Licht. Die erschreckten Kinder fingen an zu jammern, die Frauen beschwichtigten sie und wischten ihnen mit den Händen die Tränen fort. Die Umstehenden seufzten; all das Leid aber und all die Tränen las die blaue Nacht auf und sammelte sie in jene Wolke dort, die am nächtlichen Horizont bereits die Stirn erhoben hatte. Als Estherl stillschwieg und, unter die Arme genommen, gebeugt und gebrochen aus der Stube geführt wurde, trat das Volk flüsternd auseinander und folgte ihr dann bis vor ihre Wohnung. Die Angst für die Nacht mit sich forttragend, gingen auch des Schochets Gäste auseinander. Eine unruhige Nacht war es, die das Städtchen vor dem christlichen Feiertage verbrachte. Bis frühmorgens brannte Licht in den Häusern, und die Leute trieben sich herum, in Bereitschaft wie bei einer Feuersbrunst. Man machte Bündel und versteckte darin alles, was versteckt werden konnte. Und überall Gewein und Gestöhn. Und als die Sonne aufging, lächelte sie bloß die roten Mohnblumen in den Mauerspalten am Ringplatz an und die mohnbewachsenen Wege, die, von den Häusern des Städtchens auslaufend, sich wie blutige Bäche mitten durch das grüne Getreide dahinschlängelten. Die Gebäude waren düster, alle in Schatten, und Schatten lagerten sich auch unter die Augen der Menschen. Die alte Moschee, heute so dicht mit Getreidekörnern gefüllt wie einstens zur Zeit der Türkenherrschaft mit Rechtgläubigen, war schwarz von den schwarzen Erinnerungen an die blutigen Taten, die für ewig entschwunden schienen, und düster lag der graue Ringplatz da, ganz in Falten wie ein Greis, der bereits alles gesehen und die Hoffnung verloren hat. Das Städtchen war menschenleer. In den verlassenen Gassen irrten nur Ziegen umher. Als die Sonne hoch stand, ertönte vom Glockenturm herab eine Glocke, die erschütterte die Luft und fuhr wie mit einem Messer durchs Herz. Menschen tauchten auf. Zuerst selten, ebenso vereinzelt wie die Glocken. Als jedoch die Glocken — die großen, mittleren und die kleinen — zugleich in der Luft schwingend, einen Wirbeltanz anhuben, strömten von überallher Leute zusammen, gleichsam von den Glocken angezogen. Und ihren Spuren folgten durch die Fensterscheiben Hunderte erschreckter Augen . . . Der bleiche, übermüdete Schochet Abrum hörte diese Glocken noch, als sie bereits längst verstummt waren. Er zitterte am ganzen Körper und wunderte sich selbst, daß seine Kiefer so aneinander schlugen, daß ihm Arme und Beine so schlotterten. Denn noch wisse man ja nicht, ob die Prozession gehen werde oder nicht, ob sich was ereignen werde oder nicht. Ja, aber er ist eine angesehene, geistliche Person und darf nicht bloß Zeuge des Unglücks seines Volkes werden. Endlich faßte er sich ein Herz und trat über die Schwelle seiner Behausung. Mit kleinen, unsicheren Schritten, um sich spähend und jeden, dem er begegnete, musternd, als begegnete er ihm zum erstenmal, ging er zunächst durch eine jetzt menschenleere Seitengasse; weiter aber bog er ab, wie gegen den Ringplatz zu. Aus Fenstern und Türen blickten ihn seine Glaubensgenossen an und er nickte ihnen grüßend mit dem Kopf zu, die bleichen Lippen zu einem Lächeln verzerrend. Er versuchte sogar, etwas zu sagen, mit heiserer und erstickter Stimme, hielt jedoch jedesmal inne, so wunderlich und seltsam erschien ihm seine eigene Stimme. Ihm kam es überhaupt vor, daß nicht er da ging, sondern irgendwer Fremder, daß da ein Unbekannter mit so seltsam schlotternden Beinen auf seltsamen, gleichsam leichtem Boden auftrat. Ja, er sah ihn sogar gehen, diesen „Fremdling". Unterwegs begegneten ihm junge Leute, die kamen vom Ringplatz hergelaufen, von der Kirche. Ihm schien es, daß er sie ausfragte, allein er stand nur da und blickte ihnen schweigend in die Augen. Und sie erzählten ihm. Im Vorbeigehen, in der Eile, kurz, abgerissen. Viel Volk. . . . Aus den Dörfern. . . . Und aus der Umgegend. . . . Sie gehen in die Kirche, sammeln aber Steine ... tun sie in den Busen. . . . Irgendwer hat ein Beil erblickt . . . unter einem Rockschoß. . . . Und sie liefen weiter. In einer Gasse, wo die Leute in Angst aus den Häusern getreten waren, sah er, wie irgendein krausköpfiges Mädchen mit rundlichem Antlitz sich mit einem Iltispelz unter die Menge stürzte und jedermann anflehte, ihn zu verstecken. Man begegnete ihr mit schmerzlichem Lächeln und weigerte sich, aber mit ihren flehenden, schier wahnsinnigen Augen säete sie Schrecken. Abrum ging weiter. An ihm vorbei fuhr der Stanowoj, sich leicht im bequemen Federnwagen wiegend. Abrum erhob die Hand und schrie ihm etwas zu, um ihn aufzuhalten. Er aber sah sich nicht einmal um. Er erglänzte in der Sonne mit seiner weißen Uniform und den goldenen Streifen und entschwand. Und auf einmal verspürte der Schochet einen brennenden Zorn im Herzen. Es beutelte ihn geradezu. Jetzt ermannte er sich und konnte sprechen. Er hielt die Vorbeikommenden an und schrie ihnen zu, daß das so nicht sein dürfe. . . Verteidigen müsse man sich! . . . Man müsse mit Revolvern schießen und alle auseinandertreiben... Mit Holzscheitern schlagen, mit Stangen prügeln, mit Messern stechen .. . Er schlug fürchterlichen Lärm. Die erschreckten Leute kamen aus den Häusern herbeigeeilt und baten ihn, zu schweigen. „Still! Rebb Abrum, seid still!" Doch er vermochte nicht an sich zu halten. Bleich, schäumend, mit gräßlichen Augen, schrie er über die ganze Gasse, als wollte er mit dem Lärm seine eigene Angst betäuben. „Warum schweigen? Und wie lange schweigen? Wir haben immer geschwiegen..." „Rebb Abrum ... so seid doch still . . . Rebb Abrum ..." Die nicht wüßten, woher der Lärm entstanden, glaubten, es habe bereits begonnen. Und sie liefen aus den Häusern, in Bereitschaft, mit Frauen, Kindern, die Bündel in den Händen und flohen zu den Hinterpforten hinaus, durch die Gärten, feldeinwärts, in den hohen Weizen. Um Abrum sammelte sich Volk an. Ihm wurden Hände entgegen gestreckt, ihn umgaben bleiche, vergilbte Gesichter und Augen, rot wie bei den Eulen. Und sie alle flehten: „Still . . . Rufe das Unglück nicht herbei..." Abrum wurde ruhig. Und mitten in dieser Stille ward es ihm schrecklich zumute. Hier in diesem Städtchen, wo er geboren und aufgewachsen war, wo er so viele Jahre, bis ins Greisenalter hinein, in Arbeit für sich und andere verbracht, stand er nun da, wie mitten im Meer auf einem Schiff, das jetzt untergeht, während ringsum die Wogen schlagen und in den schwarzen Lüften der Wind tobt. Und von nirgendsher Rettung. Abrum ließ über alle hin die Augen schweifen. Diese unruhigen, blitzenden Augen, denen er begegnete, sagten das nämliche: keine Rettung — — Sein ganzer Körper wurde seltsam straff, und mit seinem Herzen fühlte er den Verzweiflungsschrei, der, tief im Herzen seines Volkes verborgen, sich von dort nicht einmal loszureißen getraute. Schrecklich ward ihm zumute — —. Schrecklicher hier unter Menschen als in seiner Wohnnng — —.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.