Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 528 Dr. Lwcb's Mocvenscvrm. Nr. 32 Der Abend nahte heran. Die Sonne schwoll, lohte und ließ sich sachte herab. Roter Nebel erhob sich im Westen, und wie blutrünstige Gespenster kroch es von dort gegen die Stadt heran. Zuerst schüchtern, einzeln, dann aber in ganzen Scharen, Als lautlose Prozession zogen sie an den verlassenen Hausern vorbei, heiße rote Spuren am Mauerwerk hinterlassend und in den Fensterscheiben ihre blutigen Gesichter wiederspiegelnd. Die alten Häuser bebten vor Schreck mit allen Falten ihrer Wände, und nur die roten Mohnblumen, die in den Spalten droben wucherten, grüßten die Gäste mit einem Lächeln. Doch als die Sonne untergegangen war und die Nacht wie ein schwarzer Gedanke der Erde hereingebrochen kam, verschwanden die roten Gäste und das Städtchen erstarb vollends . . . Im Hause des Schochets (Schächter) Abrum wurde bei Talgkerzenschein Rat gehalten. Dort hatten sich lauter alte, angesehene Männer versammelt, mit Runzeln der Erfahrung in den bleichen Gesichtern und mit Bärten, weiß wie bei Urahnen. Alle sprachen zu gleicher Zeit, denn sie alle bedrückte ein und dasselbe. Die einen wollten noch Geld für das Stanowoj aufbringen, andere verfielen auf den Gedanken, die Popen zu bitten, für sie einzutreten. Andere hinwieder rieten, in die Synagogen zu gehen und dort die Nacht mit Gebeten zu verbringen. Der große Gott, der Israel aus der Wüste herausgesührt, der es bislang in den - Wellen des Hasses anderer Völker nicht hat ersticken lassen, werde noch einmal die Feindeshand von ihm abwenden. Alles das war sehr schön, vermochte sie aber weder zu einigen noch zu beruhigen. Als gar der Fuhrwerksbesitzer Jossel, der eine kräftigere Brust hatte, schließlich doch alle überschrie und erklärte, die Jugend habe beschloffen, sich zu verteidigen, sie werde schießen — und dabei die Peitsche wie einen Revolver vor sich hinhielt — schloß ihnen allen das Entsetzen den Mund, und wie welk sanken ihnen die weißen Bärte auf die Brust. Dann entstand ein Lärm. Der alte Schochet Abrum, der in seinem Leben Tausenden von Hühnern und Gänsen ruhig die Gurgel durchschnitten, ward ganz weiß und schrie: „Wie! Schießen wollen sie! Diese Unverständigen, diese Wahnsinnigen! Diese „Politischen"! Sie wollen Blut vergießen, auf daß es dann auf unseren Häuptern ausgehe! Sie fordern die Rache heraus — und wie ein Wolf wird die Rache unsere Kinder auffressen, unser ganzes ruhiges Volk! ..." Und alle schrieen sie zugleich mit Abrum: Es schrieen die zahnlosen Münder, es schrieen die Runzeln der Weisheit und Erfahrung, es hüpften die Bärte und die weißen mageren Hände. Und vor Entrüstung und Schreien ward es allen sogar leichter: So hatten sie mit ihrem Geschrei gleichsam den Schreck aus dem Hause vertrieben. Allein diese heftige Entrüstung legte sich bald und das Geschrei hörte auf. Wiederum wurde eine Frage laut — die nämliche wie zu Beginn: Was tun? Die Zeit ging dahin, und jede Minute, die für ewig verstarb, gebar eine andere, diese aber brachte das schreckliche Ungewisse immer näher. Nunmehr erteilte keiner einen Rat. Alle verspürten eine große Mattigkeit. Allein je klarer es wurde, daß es keinen Rat gab, daß es nicht ein Entkommen gab, weil keine Pferde da waren, begannen die Leute an ein Wunder zu glauben. Es werde sich etwas ereignen, das das Elend abwenden würde, die Prozession werde ruhig vorüberziehen und niemanden etwas zuleide tun. Vielleicht ist's doch noch nichts! Vielleicht geschieht doch nichts! Irgendwer verfiel auf den Gedanken: „Was wird die blinde Esther! sagen? Holt Estherl her! . . . Sie wird's erraten . . ." Und alle wollten hören, was Estherl sagen werde. Der Fuhrwerksbesitzer Jossel und Abrums Eidam machten sich auf, die Blinde zu holen. Die schlief noch nicht. Auf der Schwelle des gleich seiner Wirtin blinden Hauses saß sie da, ein dunkler Haufen, und schien zu singen. Leise, wehmütige Töne, wie Kinderweinen, entströmten dem dunklen Haufen, und so seltsam, ja schrecklich war es, diesem Gesang zuzuhören, daß Joffel seinen Begleiter anhielt und keinen Mrlt hatte, die Alte anzusprechen. Er konnte nicht unterscheiden, ob sie sang oder ob sie weinte. Endlich faßte er sich ein Herz und rief leiie: „Babbe! (Großmütterchen) . . . Babbe Estherl! . . ." Am Boden zitterten die nämlichen Töne. „Babbe! . . . Hört, Babbe. . . ." Der Gesang verstummte, und man vernahm ein langes wehmütiges Schnaufen der Nase. Als sie ihr eröffnet hatten, weswegen sie gekommen, erhob sie sich schweigend und streckte die Hände ins Dunkel aus, um nach einer Stütze zu suchen. Sie faßten sie unter die Arme und führten sie hinaus. Die Türe des dunklen Hauses blieb offen. Ueberall, wo sie an erleuchteten Fenstern und offenen Türen vorbeikamen, schlossen sich ihnen die Frauen und Männer an; hinter ihnen her, wie die Küchlein, liefen die Kinder. Sie flüsterten einander zu: die blinde Estherl, die den Tod ihrer Söhne geahnt und sich dann die Augen nach ihnen ausgeweint, werde zum Schochet geführt. In Abrums Stube hatte sich so viel Volk angesammelt, daß man kaum Atem holen konnte. Als das Fenster geöffnet, wurde, um Luft hereinzulassen, fiel das Licht auf ein ganzes Meer gespannter wogender Gesichter, und herein zum Fenster flog der hundertäugige Schrecken. Und alle erblickten Estherl: ihr vom Leid versteinertes Antlitz, ihre roten Augen, aus denen unaufhaltsam die Tränen stoffen. Wie ein Wind wehte es über all die Gesichter hin. Abrum wollte sie niedersetzen, doch setzte sie sich nicht. Sie stützte sich bloß auf die Stuhllehne. Sie fragten sie irgend etwas, sie redeten zu ihr, allein sie hörte nicht darauf. Was auch ging sie das an? Sie, die im Herzen drinnen ein großes Leid trug, das, weil es ihm dort zu eng war, durch die erblindeten Augen herausfloß, sah nur ihre Söhne, sprach nur von ihnen. Sie schilderte alle Einzelheiten, die sie nie gesehen; entwarf ein Bild, das bei ihr gleichsam auf den roten Lidern eingebrannt war, die ihre Augen verdeckten. Und ihre Stimme grollte wie jene der alten Propheten. „Ich sehe Raubtiere . . . überall Raubtiere ... In ihren Augen Feuer, und an ihren Zähnen Blut . . . menschliches, rotes. . . Im Herzen aber haben sie eine Wolfsgier. . . Sie tragen ihren Gott, aber an den Stangen in ihren Händen klebt Blut . . . das Blut meiner armen Söhne." . . . „Weh' uns!" — entrang sich ein leiser Seufzer der Brust von Männern in der Stube und unter dem Fenster. „Und ihre Popen singen und lobpreisen mit ihren schwarzen Lippen Gott den Herrn, aber an ihren Gewändern ist Blut . . . Menschenblut . . . Und es brüllen mit den Popen die blutrünstigen Raubtiere und zerschmettern am Pflaster die Köpfe der kleinen Kindlein. . . . Weh' mir! . . . „Weh' uns " zittert ein Seufzen ringsum, und davon schwellt das Licht in der Stube. „Unter meinen Füßen hier ist Blut . . . schwarzes, geronnenes . . . große, schwarze Lachen . . . Frauen liegen da, weiß wie Kreide, und ihre toten Augen sehen die Männer an ... die Leichname der Kinder . . . Und auf den Kindern springen die besoffenen Raubtiere herum und brüllen: Tod! Tod!" „Weh' uns! — stöhnen die in der Stube und weinen jene draußen. „Feuer und Tod! ... Ich sehe Hände, ich sehe Augen, die um Rettung flehen ... Ich höre Geschrei . . . Wände stürzen ein . . . Sie schießen . . . Die Hölle ... Oh, mir ist schwül ... Oh, mein Herz . . . Und nun hört Jhr's? Sie stürmen die Treppe herauf . .. brechen die Türen ein .. . Und dort sind meine Kinder . . . meine lieben Söhne . . . Weh' mir! . . . Rettet . . . Schlagt nicht . . . Mein Chaim liegt da . . . mein Lejb liegt da, sie, die ihr altes Mütterchen ernährten . . . und werden nicht mehr aufstehen . . . Oh—oh! . . . Und werden nicht mehr aufstehen ..." „Weh' uns! Weh' uns!" ... — erhoben alle ein Lamento und traurig ward es und schrecklich wie am jüngsten Tage.