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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-09 · 32 (9.8.1907) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Llocb's Mlocdenscvrtn. Seite 587 würden die Kanzel und entwickelte in formvollendeter, einstündiger Rede fein Programm. Er sagte unter anderem, er sei gekommen als ein Bote des Friedens, den er mit allen Kräften in der Gemeinde aufrechterhalten wolle. Die uralte Lehre des Judentums mit den Forderungen der neuen Zeit werde er in harmonischer Weile zu vereinigen suchen; sein Hauptaugenmerk sei auf die religiöse Erziehung der Kinder gerichtet, doch erbitte er sich hiezu die Unterstützung des Elternhauses, ohne welche das Wirken jedes Volkslehrers in Israel nur unfruchtbar wäre. Die Ausführungen des Redners übten auf alle Anwesenden einen nachhaltigen Eindruck aus; die ganze Gemeinde sieht mit froher Zuversicht dem Wirken ihres m ucn Seelsorgers entgegen. Dukla. (Trauung.) Mittwoch den 14. d. M. findet die Trauung des Fräuleins Erna Goldhammer, Tochter des Herrn Magistratsdirektors Moriz Goldhammer, mit Herrn Karl Unter statt. Bernhard Link f A Neutra. Dieser Tage wurde der gewesene Kaufmann, spätere Privatgelehrte, Bernhard Link zu Grabe getragen. Es dürfte vielleicht Wenigen mehr bekannt sein, daß mit ihm einer der eifrigsten Kämpfer der Kongreßzeit dabingegang7n ist. Was in den letzten vierzig Jahren das Judentum in Ungarn bewegte, spiegelte sich in dem Leben dieses Mannes ab. Als Sohn des Nagy-Tapolcsanyer Rabbiners war sein Entwicklungsgang derjenige, den mit ihm und vor ihm hunderte und tausende strebsame Jünglinge zurücklegten. Zwischen Cbeder und Beth- Hamidrasch fällt seine erste Jugendzeit, aus welch' letzterem er als gelehrter Bochur hervorging. Aber der heiße Wissensdurst, der ihn von Frühauf beseelte, begnügte sich nicht mit dem Studium des Talmuds, der Halacha und Responsen, sondern suchte alle Gebiete der jüdischen Wissenschaft zu durchdringen. Seine große Vorliebe für die hebräische Sprache trieb ihn bald zu den Werken des Jbn Ganach, Chajugg, Kimchi und anderer Grammatiker. Diese zeigten ihm den Weg und vermittelten das Verständnis für die jüdisch-arabische Literatur der spanischen Periode. Diese klassischen Vorbilder und der Geist, der ihm hier entgegenwehte, übten einen derartig nachhaltigen Einfluß auf ihn aus, daß er trotz seines orthodoxen Bekenntniffes in das Lager derjenigen gedrängt wurde, die die Notwendigkeit der zeitgemäßen Erziehung der Jugend verfolgten und nachzuweisen versuchten, daß das Judentum mit der Wissenschaft und Zeitkultur sich sehr wohl vereinigen lasse. Als daher seinerzeit Hildesheimer s. A. mit dem Projekte hervortrat, ein Nabbinerseminar auf orthodoxer Basis zu gründen, fand er an ihm einen begeisterten Anhänger. Mit Recht wird in einem der vielen Nachrufe dervorgehoben, daß der Verblichene in seiner Stadt der letzte Repräsentant jenes Tppus jüdischer Privatgelehrter war, die ibr Wissen nicht als Spaten benützten, um damit nach Erwerb zu graben, sondern die Wiffenschaft der Wissenschaft zuliebe betrieben. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. Außer seinen in Berlin, Pilsen und Hohenems wohnenden Kindern waren zahlreiche Freunde und Verehrer erschienen, um den Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. An seiner Bahre sprachen seine beiden Sohne, die Herren Rabbiner Dr. S. W. Link aus Pilsen und Rabbiner Dr. I. Link aus Hohenems. Tätigkeitsbericht des Czernowitzer Kultusvorstandes. Der im Druck erschienene Verwältungsbericht der Czernowitzer Kultusgemeinde umfaßt die Wahlperioden 1901—1904 und 1904—1907. Die finanzielle Gebahrung, die rituellen und religiösen Institutionen, das Schulwesen und der Religionsunterricht, Stiftungen, Legate und Wohltätigkeitsanstalten werden eingehend behandelt und geben ein deutliches Bild des Aufschwunges, den die Czernowitzer Kultusgemeinde unter der zielbewußten und tatkräftigen Führung Dr. Strauchers, der ihr Präsident ist, nimmt. Den jüdischnationalen Geist, der den Kultusvorstand bei allen Aktionen leitet, charakterisiert am besten der Beschluß, „ein eigenes Gemeindehaus und als zentrales Nationalhaus — ein jüdisches Volkshaus — auf Gemeindekosten zu errichten". „Dieses Gemeindehaus soll" — heißt es in dem Aufruf des Kultusrates — „in der Zeit der nationalen Wiedergeburt unseres Volkes ein wahrhaft jüdisches Nationalhaus, ein Pflegestätte jüdischer Kultur, jüdischer Wiffenschaft und Kunst, eine Sammelstätte, woselbst sich das nationale, kulturelle und gesellige Leben der jüdischen Bevölkerung konzentrieren soll, werden." Wie der Bericht mitteilt, ist der Bau schon in Angriff genommen und soll noch im Laufe dieses Jahres seiner Bestimmung zugßführt werden. Agitation gegen die Inden in Beffarabie» Bukarest. Aus Kischenew wird brieflich gemeldet, daß vor einigen Tagen in einem von der Vereinigung wahrer russischer Patrioten gegründeten Warenmagazin sich ein aufsehenerregender VorfaÜ ereignet hat. Mehrere junge Leute drangen in das Lokal, wo sie die an der Kaffe fitzende Dame erschossen. Unter dem Rufe: „Kein Wort, Hände hoch!" raubten sie dann in der Kaffe, was sie konnten, ohne daß die Polizei sichtbar geworden wäre. Im Organ „Drug" beschuldigt Kruschewan die Juden, den Raubmord begangen zu haben und droht mit furchtbarer Volksrache. Zum Direktor des hebräische» Gymnasiums in Jaffa ist Dr. phil. N. T u r o w berufen worden. Turow hat das Wilnaer Lehrinstitut und die Lausanner Universität besucht und ist bereits durch seine schriftstellerischen Arbeiten bekannt. Ihm war eine Zeitlang die Verwaltung mehrerer jüdischer Regierungsschulen unterstellt worden. Feuilleton. Gs kommt. Von Mychajlo Kocjubynskyj (Tschernigow). Die Anzeichen waren böse. Der Stanowoj (Polizeikommiffar eines Landbezirkes) schien unzufrieden mit dem, was er bekommen hatte, und obgleich er versicherte, er werde keinen Pogrom zulaffen, so schenkte man ihm doch nur wenig Glauben. Das Schlimmste war, daß niemand mit Bestimmtheit wußte, ob die Prozession mit dem Christusbild, die morgen nach der Kirchenmesse stattfinden sollte, abgesagt werden würde. Mit Entsetzen sprach man davon im Städtchen, und die Krämer, ihre Kundschaft vergessend, überließen die Läden der Gnade Gottes und sammelten sich in Haufen auf dem Ringplatz an, inmitten des Städtchens. Hier erzählten sie einander, ängstlich um sich spähend, mit gedämpfter, geheimnisvoller Stimme von zweifelhaften fremden Leuten, die unlängst im Städtchen aufgetaucht, von Herren der Schwarzen Scharen, denen ein Pogrom erwünscht käme, und davon, daß die „Prizim" (Herrschaften) unter ihnen — die reicheren Kaufleute — schon in aller Frühe mit Frauen und Kindern aus dem Städtchen zu flüchten begannen. Mitunter ward das Gespräch hitzig, stürmisch, klirrten die Worte wie eisenbeladene Wagen und flimmerten nur so die weißen Krämerhände vor den roten Bärten. Doch wenn auf dem Pflaster plötzlich lautes Rädergeraffel hörbar wurde und ein großer Balagule-Wagen (Mietwagen) vor eines Reicheren Haus hielt, deffen Fenster alle auf den Platz hinaussahen, verstummten die Reden und alle sahen finster und voller Neid zu, wie zum Tor verschiedenes Gerät, Kisten und Kiffen hastig herausgetragen wurden und der Wagen bis an die Ränder mit Frauen und krausköpfigen Kindern sich füllte. Sobald aber der Wagen in einer Wolke grauen Staubes endlich verschwunden war, lebte das Gespräch wieder auf und ging in Lärm über. Der Fuhrwerksbefitzer Joffel, ein starker, großer Mann, in den dicken schwieligen Händen eine Peitsche, tat auf dem Ringplatz sehr geschäftig und rühmte sich, alle seine drei Wagen bereits expediert zu haben. Er versicherte, daß bis Abend kein Fuhrwerk im Städtchen vorhanden sein werde. Die Sonne war noch nicht untergegangen, doch schon wurden die Läden geschlossen, üeberall knarrten eiserne Riegel, klirrten Schlösser und Schlüssel, polterten Türen und verstellten schwarze Oeffnungen — und im Nu spieen die altersgrauen Häuser des Ringplatzes die Menschen aus. Für einen Augenblick belebte sich der Platz und füllte sich mit Menschen. Alte Balabustes, (verheiratete Jüdinnen) räumten von den Auslagetischen die staubbedeckten Bäckereien und Semmeln ein, ihren ganzen armseligen Kram. Sie seufzten, stöhnten und hasteten, unter der Last der schwAcen Körbe sich beugend, nach Hause. Dunkle Haufen gebückter, wogender Menschen liefen vom Ringplatz auseinander, in die engen Gäßchen hinein, und auf dem Platz ward es wieder so öde und still, als hätte sich all das lärmende Leben in grauen Stein verwandelt.

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