Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 82 Dt. Biocbö Mc-cdenscdrM. Seite 523 Nichtbedecken in einer hebräisch-deutschen Schule hinderlich sein, wenn z. B. der Lehrer beim deutschen Unterrichte zur Erläuterung auf einen hebräischen Gegenstand und hebräische Bibelstellen einginge und dabei die Kinder sich immer bedecken müßten. Ich kann nicht zusehen, derlei unbefugte Uebergriffe politischer Beamter sich gefallen zu lassen. Mein Rat wäre der: Würden Sie sich bei der Kreisregierung beschweren, der Herr Bezirkshauptmann würde unbezweifelt einen ernsten Verweis erhalten und zur Zurücknahme seiner unbefugten Verfügung verhalten werden. Das tun Sie aber noch nicht. Sondern ich rate, Sie gehen persönlich zum Bezirkshauptmann, stellen ihm gerade und offen das Obige vor, sagen ihm auch, daß wenn es auch nicht mosaisches Gesetz sei, so sei es doch jüdisch-religiöse Sitte im jüdischen Kreise und die hohe Regierung wolle sicherlich hier nicht störend eingreifen, werde überhaupt nur dann Bildung unter den Juden befördern können, wenn sie unsere jüdisch-religiösen Sitten gebührend schont. Mancher fromme Vater wird sein Kind lieber ganz vom deutschen Unterrichte abhalten, wenn sein Kind gezwungen werden soll, das zu tun, was er für unreligiös erachtet, und auf keinen Fall stünde es aber irgend einer politischen Behörde zu, hier irgendwie auf diesem Gebiete einzuwirken oder gar durch Strafverfügung einen Zwang ausüben zu wollen. Sie seien überzeugt, er werde es selbst als übereilig ansehen und kommen daher lieber persönlich zu ihm, als daß Sie Höherenorts Rekurs hätten nehmen wollen. Ich bin überzeugt, wenn der Mann nur Halbswegs vernünftig ist, wird er sein Unrecht einsehen und es wieder gut machen. Freundlichst Hirsch." An den Lokalrabbiner Ehrwürden Moses Nirscher, Ung.-Brod Wie oben berichtet worden, hatte der Bezirkshauptmann den Ukas dem Lehrer diktiert, ohne eine Abschrift mitzunehmen. Nun ließ er durch einen Diener den Akt abholen. Rabbiner Nirscher erblickte hierin eine Zurückziehung der ganzen Aktion. Der Lehrer mit dem Fünf-Gulden-Damoklesschwerte ober seinem Haupte wollte Klarheit und bat in einer Eingabe, den Akt entweder zu retournieren oder die Kopfbedeckung wie bisher „zu belassen und die Schüler samt ihren Köpfen ferner ungeschoren zu lassen" (wörtlich echtes Ung.-Brod). Noch einige Pillen, wie „Mütze auf, Mütze ab", „den Schülern im wahrsten Sinne des Wortes d.n Kopf zurecht zu setzen genötigt", bekam der Herr Bezirkshauptmann zu kosten. Herr Josef Peter ließ sich aber nicht frozzeln, sandte den Akt zurück, bestrafte aber den Lehrer „wegen ungeziemender Sprachweise" mit 1 fl. C.-M. Er hatte aber bemerkt, daß er es nicht mit jüdischen Slovaken, sondern mit slovakischen Juden zu tun habe, und fürchtete den Rekurs. Er richtete deßhalb am 9. März 1851 eine Note an den Gemeindevorstand: „Bevor ich in der dem Gemeindevorstande bekannten Angelegenheit wegen der Kopfbedeckung von Seite der männlichen Schuljugend während des Unterrichtes weitere Schritte veranlasse, wünsche ich zu erfahren, wie es die Gemeinde selbst in dieser Angelegenheit gehalten wissen will, und verordne dem Gemeindevorstande, den Gemeindeausschuß darüber einzuvernehmen und mir das über den diesfalls gefaßten Beschluß aufgenommene Protokoll baldigst vorzulegen." Nun war die Sache im richtigen Geleise. Die Gemeindevertretung erklärte aus eigener Initiative die Sitte des KopfbedeckenS während des Unterrichtes (hebräischer Unterricht ausgenommen) hier aufzuheben. _ Korrespondenzen. Ein Schreiben des totgesagten Dichters Morris Rosenfeld. Aus Budapest wird uns gemeldet: Wie die letzte Nummer der „Nepszava" mitteilt, richtete der totgesagte Dichter Morris R o s e n f e l d an die Redaktion der „Wilnaer Volkszeitung" folgenden, vom 26. Juli aus New-Iork datierten Brief: „In der letzten Zeit hat die auswärtige Presse über mich viele unwahre Nachrichten in die Welt gesetzt. Ist es des Elends und der Leiden nicht genug, die ich wegen meiner Blindheit ertragen muß? Verursacht mir die Armut, wegen der meine sechs Kinder so viel leiden müssen, nicht genügend Pein? Ich hatte Wohltäter und Gesinnungsgenossen, die mich pflegten. Hie und da unterstützen sie mich, ihren bescheidenen Verhältniflen gemäß, auch materiell. Ich kann Rechnung darüber legen, daß ich mich in meinen Ausgaben immer auf das Notwendigste beschränkte. Meine Krankheit hinderte mich jedoch daran, die 800 Dollars, die ich noch auf mein Häuschen schuldete, zu bezahlen. Ich geriet in die Hände von Wucherern, die mir mein Häuschen Wegnahmen und mich samt meiner Familie auf die Straße setzten. Mit meiner Frau und meinen Kindern liefen wir Gefahr, des Hungertodes zu sterben. Des Elends war aber - noch immer nicht genug. Böswillige Falschheit setzte die Nachricht meines Todes in die Welt, damit mir auch meine wenigen Wohltäter ihre Hilfe entziehen. Ich bin gezwungen, zu erklären, daß ich lebe, obwohl der Tod für mich wünschenswerter wäre als mein jetziger Zustand. Ich lebe in ewiger Finsternis, denn ich bin blind. Das Licht des Tages hat mich verlaffen, geblieben ist mir nur das Elend. Die Bourgeoisie wollte in ihren glänzenden Palästen nichts von den Liedern des Proletariers hören, nur meine Gefinnungsgenoflen, zu denen das Echo meines Liedes drang, suchten mich auf, um ihren blinden Sänger zu unterstützen. Wie es scheint, neiden mir die Herren auch diesen Trost. Mit der Zeit haben die Herausgeber meine Gedichte in alle Sprachen übersetzen lassen, obwohl sie mir nie einen Heller dafür bezahlten. Jetzt, als sie die Nachricht meines Todes hörten, senden sie Kränze, um am Grabe des blinden Sängers zu opfern, damit sie, die Wohlhabendeu, sagen können, den Tribut ihrer Wertschätzung entrichtet zu haben. Ich und meine Kinder werden aber auch hinfort nur jenen danken, die sich ihre armseligen Biflen vom Munde entzogen, um mich zu unterstützen." Kruschewan, der Gestnnungs- und Parteigenosse Ernst Bergani s. Aus Petersburg wird der Russischen Korrespondenz gemeldet: Der berüchtigte Führer der „Schwarzen Hundert", Kruschewan, wurde vom Verbände ruffischer Leute ausgeschlossen, weil er 300.000 Rubel unterschlagen hat. * * * Kruschewan ist einer der berüchtigtsten Führer des russischen Volksverbandes, welchen die ruflischen Reaktionäre im Jahre 1905 zur Bekämpfung konstitutioneller Ideen gegründet hatten. Er war der Organisator der Pogroms gewesen und war an den Judenhetzen in Kiew und Kischenew hervorragend beteiligt. In die zweite Duma wurde Kruschewan als Deputierter gewählt. Hier machte er sich schon in den ersten Sitzungen durch sein provokatorisches Benehmen und durch seinen fanatischen Haß der Männer der freiheitlichen Parteien, die er mit den gröbsten Schimpfworten belegte, bemerkbar. Mit dem Vizepräsidenten des „Ruffischen Volksverbandes", Purischkewitsch, bot Kruschewan alle Mittel auf, um durch hetzenden Skandal zu provozieren und so die Auflösung der Duma herbeizuführen. Daß Kruschewan, der unermüdlich sein Losungswort: „Tod den Juden! Nieder mit der Intelligenz!" wiederholte, jetzt wegen Unterschlagung aus dem „Verbände ruffischer Leute" ausgeschloffen wird, vervollständigt das abstoßende Bild seiner Persönlichkeit. Trostlose Zustände aus Böhmen. Der Artikel über den armen jüdischen Dichter Morris Rosenfeld, der in größter Not in New-Iork gestorben, veranlaßt mich, diese Zeilen zu veröffentlichen, um zu bestätigen, daß unsere Neichen kühl bis ans Herz hinan bleiben, wenn es sich darum handelt, Not und Elend ihrer Glaubensgenoffen lindern zu helfen, während sie jederzeit offene Hand haben, wenn es sich darum handelt, Vereine Andersgläubiger aufs Wärmste zu unterstützen oder Stiftungen zu machen, die wohl die Klausel enthalten „ohne Unterschied der Konfeffion", von denen sie aber im Vorhinein wiffen, daß deren Genuß nie einem Juden zufällt. In Böhmen werden jetzt alle möglichen Mittel ersonnen, um Lehrkräfte zu erlangen für den Religionsunterricht, der sehr im Argen liegt, da seit fast 20 Jahren kein Nachwuchs an geprüften jüdischen Lehrern vorhanden ist. Elementen ganz zweifelhaften Rufes wird in den kleineren, zum Teil auch größeren Gemeinden dieser Unterricht in Ermanglung von geprüften Kräften anvertraut; die Folgen sind nicht ausgeblieben, es wächst eine Generation heran, die vom Judentume gar nichts weiß; es gibt nämlich Ortschaften, in denen das jüdische Kind gar keinen jüdischen Religionsunterricht genießt. Das ist wohl der Grund, daß sich seit Jahren kein jüdischer Jüngling diesem Stande mehr widmet, während in den Achtziger-Jahren alle jüdischen Schulen in Böhmen, deren Zahl sich auf 120 belief, geprüfte Lehrkräfte hatten. Als