Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 522 Vr. Llocv s Mlocvensevrtrr. Die großangelegten Romane aus der indischen Gesellschaft : „Meier Ezofowicz" und „Eli Makower" (deutsch unter dem Titel: „Der Kampf um die Scholle") find Kompositionen im großen Stile; obwol Orzeßko ihre Stoffe nur aus der Gegenwart nimmt, hat fie einmal bei einem Roman aus dem jüdischen Leben ins Altertum gegriffen; wir meinen das Buch „Mirtala", das in Rom gleich nach der Einnahme Jerusalems durch Titus innerhalb der dortigen, iüdischen Kolonie spielt, wahrend die jüdische Seele noch vor Schmerz zuckt und am politischen Horizont die Flammen des zerstörten Tempels beinahe noch verglimmen und Judas Söhne wie das Wild gehetzt werden. Die Novelle der „Starke Simson" ist eine märchenhafte, meisterhafte Seelenanalyse eines weltabgewandten, eines mystischen Talmudisten und schwärmerischen Asketen. Die Erzählung „Gedalie" schildert einen ambulanten Krämer nach altem Schlage, und „Kettenglieder" wollen e i n Band, das Band der Freundschaft, um die Menschheit schlingen, und so möge es der Jubilarin vergönnt sein, bis an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens auf ihrer Ruhmesbahn fortzuschreiten. 8. 8. Eine ungewöhnliche Karriere. Ein Krakauer Maler Direktor der Schule der schönen Künste in Palästina. Die Krakauer Malerwelt hatte in den letzten Tagen eine kleine Sensation. Eines ihrer Mitglieder, der bekannte und geschätzte Schöpfer des „Schwarzen Banners". Herr Samuel Hirschenberg,*) wurde auf den Posten eines Direktors der Akademie der schönen Künste in Jerusalem berufen. Die Sache wurde ungewöhnlich rasch erledigt. Kaum vor einigen Wochen wurde dem Künstler der Antrag gestellt, vom Weichselnach dem Jordanland zu übersiedeln und schon befindet er sich auf der Reise nach seiner neuen Wohnstätte. Bon Krakau, das er vor einigen Tagen verließ, begibt er sich noch zum Smnmeraufenthalt nach der Bretagne, und von dort anfangs September über Marseille direkt nach dem heiligen Lande. Einen Tag vor seiner Abreise aus Krakau hatte ich Gelegenheit, den Künstler zu sprechen. Die Akademie — sagte Herr Hirschenberg — existiert in Jerusalem seit zwei Jahren. Sie heißt genau: „Bezalel, Schule für Kunst und angewandte Kunst". Der Gründungsgedanke ist in Europa aufgetaucht. Auf Initiative des Professors Schatz, eines Kunstbildhauers in Sophia und heute Profeffor der erwähnten Schule, bildete sich vor Jahren unter dem Vorsitze des UniverfitätsprofefforsMarburg in Berlin ein internationaler Verein, der sich zur Aufgabe stellte, die künstlerische Hausindustrie in Palästina zu pflegen und auszubilden. Mit der Zeit soll sich über das ganze Land ein Netz kunstgewerblicher Schulen ausbreiten. Teils behufs Heranbildung von Lehrern für diese Schulen, teils behufs Pflege der reinen Kunst wurde eben vor zwei Jahren — eine höhere Schule — die Akademie in Jerusalem gegründet. — Und die Schule gedeiht? Hat sie Schüler? — Sie gedeiht. Sie besitzt Kurse für Zeichnen, Malerei, Bildhauerei, wie alle Akademien. Nebstdem besitzt fie eine Reihe von Werkstätten für angewandte Kunst, vor allem für orientalische Weberei. Und sie hat Schüler aus der ganzen Welt. Vorwiegend, aber nicht ausschließlich sind es Juden. Aus Rußland, Rumänien, der Bucharei, der Türkei. Selbst ein Krakauer ist darunter. Neben der Schule existiert ein Museum oder richtiger vorderhand eine Gallerie von Bildern und Skulpturen, die von verschiedenen Künstlern aus Europa eingesendet werden. Es sind auch Gaben aus Polen. Es ist Glizensteins „Meffias" darunter, ich habe meinen „Ewigen Juden" gespendet. . . . — Und was für Zukunft hat die Akademie? Was für Zwecke haben diese Schulen, denen sie Lehrkräfte liefern soll? *) Die Frau des Künstlers ist französisch-christlicher Abstammung. A. d. R. — Die Akademie mitsamt einem Komplex von Museen, — so hoffen die Initiatoren — wird mit der Zeit ein Mittelpunkt der jüdischen Kunst und Archäologie werden. Später sollen sich noch andere kulturelle Institutionen höherer Art herausbilden: eine große Bibliothek, eine Universität. Es sind weitreichende Pläne und man hat begonnen, sie zu realisieren. Aus der Akademie können, wie erwähnt, nicht nur Lehrer, sondern auch freie Künstler hervorgehen. Palästina mit seinen schönen gebirgigen Partien liefert viel kostbares Material für die Landschastsmalerei. Schon jetzt üben sich die Schüler darin während der häufigen Ausflüge mit den Professoren. Und die kunstgewerblichen Schulen werden nebst dem ökonomischen Zwecke auch eine ernste künstlerische Bedeutung haben. Sie werden die .reichen einheimischen Motive, vor allem die althebräischen, die teils in Ausgrabungen konserviert, teils als Ueberbleibsel vorhanden sind, verwenden. Es sind Ausgrabungen und Altertümlichkeiten im allgemeinen genügend vorhanden; es ist doch im Louvre eine separate interessante Abteilung für jüdische Kunst. Mit der Zeit kann sich ein jüdischer Stil herausbilden... Herr Hirschenberg wird an der Verwirklichung dieser Pläne Mitwirken. ■ Vorläufig begibt er sich nach Jerusalem für den Zeitraum von zwei Jahren, dann wird er entweder weiter bleiben oder nach Polen zurückkehren. Das kann er jetzt nicht voraussehen. — Werden Sie während dieser Zeit Ihre Arbeiten zu uns schicken? — Nein, aber nach Verlauf von zwei Jahren hoffe, ich mit einer Kollektiv-Ausstellung meiner Arbeiten,, die auf dem neuen Boden entstehen werden, auftreten zu können. Wir wollen noch in Erinnerung bringen, daß Herr Hirschenberg aus Lodz in Ruffisch-Polen stammt. In Krakau wirkte er einige Jahre, wohin er nach längerem Aufenthalt in Deutschland kam. _ Clarus im „Swiat". Lan-esrabbiner Samson Raphael Hirsch gegen einen reaktionären k. E Bezirkshaüptrnänn. Aus dem Schularchiv von L. R i e s e n f e l d, Oberlehrer i. R. Am 30. Dezember 1850 erschien in der jüdischen Volksschule der Ung.-Broder k. k. Bezirkshauptmann Josef Peter in Begleitung des Moritz Jellinek, eines Bruders des seeligen Predigers Dr. Adolf Jellinek. (Die Nachkommen dieses Moriz Jellinek wurden vor einigen Jahren in den ungarischen Adelsstand erhoben.) Die Schuljugend saß beim obligaten Unterrichte mit bedecktem Haupte. Der k. k. Bezirkshauptmann, hierüber indigniert, diktierte dem Lehrer A. Dattelbaum sofort folgenden Ukas: „Von der k. k. Bezirkshauptmannschaft. In der hiesigen israelitischen Schule habe ich die unliebsame Wahrnehmung gemacht, daß die Schüler des männlichen Geschlechtes mit bedecktem Haupte dem Unterrichte beiwohnen. Ich wünsche, daß diese unanständige und den Unterricht hinderliche Sitte, welche im mosaischen Gesetze nicht begründet ist, sogleich und für immer beseitigt werde. Sollte ich bei meinem unerwarteten Besuche in der Schule diese Unsitte noch antreffen, so wird der Herr Lehrer für diese fahrlässige Handhabung der Schuldisziplin bei jeder Betretung mit 5 Gulden unnachsichtlich gestraft. U n g. B r o d, am 30. Dezember 1850. Josef Peter, k. k. Bezirkshauptmann." Mit diesem Schritte hatte der Bezirkshauptmann in ein Wespennest gestochen. Die Ung.-Broder Juden zeichneten sich von jeher durch demokratische, soziälistilche Gesinnung aus. Der Rabbiner Moses Nirscher wendete sich zunächst um Instruktion an das mährische Landesrabbinat in Nikolsburg. Rabbi Samson Raphael Hirsch antwortete am 10. Jänner 1851: „Der Herr Bezirkshauptmann hat vierfach Unrecht. 1. Daß er, da ihm der Lehrer gesagt, es geschehe auf Ihre (Rabbiners) Anordnung, nicht zuvor mit Ihnen darüber gesprochen und somit alles außer Augen gelassen, was der Autorität und dem Ansehen des Rabbiners gebührt. 2. Daß er sich befugt glauben konnte, zu beurteilen und auszusprechen, was im mosaischen Gesetze erlaubt sei oder nicht. 3. Daß er eben das von Ihnen zitierte Gesetz (Traktat Kiduschim, Fol. 31, More Nebochim, 3. Teil, Kap. 52) übersehen und 4. daß er die Sitte unanständig und als den Unterricht hinderlich bezeichnet. Unanständig ist nichts, was in dem Kreise, wo es geschieht, Sitte ist. In' einer jüdischen Schule ist daher das Kopfbedecken nicht 'unanständig, weil dasselbe jüdisch-religiöse Sitte ist. Wie es den Unterricht hindern soll, ist nicht einzusehen, vielmehr könnte das