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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-09 · 32 (9.8.1907) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Llocb's Mocdenscbrin. Seite 521 Zur Lage der galizischen Juden. Von dem geschätzten SchriftstellerIork-Striner erhält die „Zeit" folgende Zuschrift: „Gestatten Sie, daß ich auf die Rede des Abg. Dr. Löwenstein in der galizischen Wahldebatte zurückkomme, in der dieses jüdische Mitglied des Parlaments sich den jüdischnationalen Abgeordneten gegenüber als Vertreter jener galizischen Juden bezeichnete, die im Lande bleiben und mit den anderen Nationen arbeiten wollen. Gegenüber dieser Bemerkung sei folgendes konstatiert: Jede polnische Jüdin, die sich Mutter fühlt, muß damit rechnen, daß ihr Kind, das fie zur Welt bringen soll, wird auswandern müssen. Galizien kann seine Juden nicht ernähren — es ist kein Raum mehr da, auch nicht für einen einzigen — der Ueberschuß an Geburten ist gezwungen, in der Fremde sein Brot zu suchen. Von der jüdischen Bevölkerung Galiziens wandern jährlich etwa 9000 ab, genau 12 Promille von 750.000 — das ist ziemlich genau der ermittelte Promillesatz des jährlichen Zuwachses. Die wirtschaftliche Stellung der Juden in Galizien ist so schwach, daß nur etwa 8000 bis 10.000 Familien sicher sind, ihre Kinder im eigenen Lande gedeihlich hochbringen zu können; der Rest, also etwa 140.000 Familien, lebt in wirtschaftlich ungefestigter Stellung, er ist zum größtenteil ganz mittellos. Wenn also Dr. Löwenstein sich einen Juden nennt, der treu zu seinem Lande hält, so ist dies sehr löblich, er müßte es aber fertigbringen, daß alle seine Wähler in Galizien ihr Brot finden. Von vielen Seiten wird behauptet, daß die wirtschaftliche Gesetzgebung im Lande, an der die Juden des Polenklubs teilnehmen, darauf hinauslaufe, die Juden auszuschalten. Sicher ist, daß große wirtschaftliche Vereinigungen diesen Zweck offen bekennen, so daß die Juden auch noch durch künstliche Maßregeln zur Auswanderung genötigt werden. Diese Tatsachen beleuchten genugsam die Bemerkung Dr. Löwensteins, auf die leider nicht sofort im Parlament von berufener Seite geantwortet wurde." Hofrat Theodor Gomperz. In einem „Brief aus Oesterreich" (2. August 1907) wird Herr Hofrat Theodor Gomperz von Herrn I w r i in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in dithyrambischer Weise gefeiert und seine Treue zum Judentume besonders hervorgehoben. Nun soll gewiß nicht geleugnet werden, daß Theodor Gomperz eine Koryphäe auf dem Gebiete der griechischen Philosophie ist. Ob wir aber auch Ursache haben, auf den Juden Theodor Gomperz stolz zu sein, scheint mir nach den Worten, die ich „vor Kurzem in seinen Lebenserinnerungen" gelesen, sehr zweifelhaft. Gomperz schreibt daselbst (u. a. O. S. 24): „Mein Verhältnis zum ererbten Glauben war, wie oben bemerkt, nur in der frühen Knabenzeit ein inniges gewesen. Dennoch hielt ich es, wie ich jetzt glaube mit Unrecht, für eine Ehren- und Gewissenssache, der alten Religionsgemeinschaft nicht zu entsagen, und versperrte mir damit für lange Zeit den Weg zu gedeihlicher Wirksamkeit." In meiner Schrift „Zur Erinnerung an den 700 jährigen Todestag des jüdischen Geisteshelden Moses Maimonides" (4. Auflage, 1907) bemerkte ich zum Schluffe : „Wer seine Ueberzeugung um eines Vorteiles willen verkauft, wer statt Opfer zu bringen, seine Religion opfert, wer seinen Glauben des Eigennutzes willen verschachert, der allein verdient den von unseren Feinden so oft verächtlich gebrauchten Namen — man verzeihe das harte Wort — Schacherjude." Tut es wirklich dem Herrn Hofrat leid, kein Schacherjude geworden zu sein? Wie ganz anders schreibt der Geh. Regierungsrat Hermann Cohen, der ebenfalls eine Koryphäe auf dem Gebiete der modernen Philosophie ist, in seiner „Religion und Sittlichkeit: „Der Glaubenswechsel als Bedingung zum Amte versetzt die Wurzel der Amtsehre in Fäulnis. Denn diese liegt auch in der Tugend der Pietät, die dem Staate, wie der angestammten Religion, im Herzen jedes harmonisch gereiften Kulturmenschen gegründet ist. Wenn daher der patriotische Mitbewerb an den Staatsämtern in offenkundigem Cynismus an den Glaubenswechsel gebunden wird, so ist es eine dreifache Verfälschung einer sittlichen Pflicht, der man sich schuldig macht: m a n e n tehrt die Religion, dasVaterlandsgefühlund den Staat." Man vergleiche diese Worte Cohen's zu den oben angegeführten von Th. Gomperz! — Ein weiterer Kommentar ist wohl überflüssig. Brüx. Professor Dr. Bia ch. Elise Orzeßko. (Zu ihrem vierzigjährigen Jubiläum.) Hochgeachtet und von Jung und Alt in der Bürgerstube, in der Werkstätte und auch im Palais gelesen! Eine Dichterin der Bourgeoisie par excellence und doch bei einer aristokratisch angehauchten Nation so populär! Ihre Romane und Erzählungen spielen vorwiegend in den bürgerlichen Kreisen, und so konnte fie auch die Juden, die bekanntlich in polnischen Landen zwar wenig Einfluß haben, an Kopfzahl aber in den Städten eine starke Minorität der Gesamtbevölkerung bilden, nicht links liegen lassen. Der Grundzug ihres literarischen Schaffens ist Humanität und alle ihre Werke haben eine Tendenz im guten Sinne des Wortes. Sie huldigt nicht dem abstrakten Prinzip der reinen Kunst, nach ihr hat auch die Kunst eine Mission, nicht die eines bloß ästhetischen Genusses, sondern die der Veredlung, der Belehrung. Nach ihr ist der Dichter, der Schriftsteller nicht nur Schöngeist, Aesthetiker, sondern auch Prediger, Priester, dessen Feder im Dienste der Menschheit, der Menschlichkeit steht. Man kann akademisch anderer Meinung sein, aber auch ein Gegner des Utilitarismus in der Kunst wird der Jubilarin die Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen, daß fie die „Tendenz" nie im Interesse der Starken, der Machthaber, sondern immer in den Dienst der Schwachen, der Unterdrückten gestellt hat, und daher die Hochachtung, die Popularität, denn Talent allein vermag nicht so die Herzen von Millionen zu erobern und sozusagen ein herzliches, schier familiäres Verhältnis zwischen Dichter und Publikum herzustellen. In allen polnischen Gauen wird Orzeßkos Jubiläum beinahe wie ein Familienfest begangen und es ist auch Pflicht eines jüdischen Organs, ein Scherflein zu diesem Lorbeerkranz beizusteuern. Ist die Dichterin doch auch dem deutschen Lesepublikum gut bekannt, da beinahe alle ihre Werke auch in deutscher Sprache verbreitet find. Speziell der jüdische Leser hatte vor Jahren Gelegenheit, ihre Novellen aus dem jüdischen Leben in jüdischen Journalen zu lesen, und so dürfte es überflüssig sein. Orzeßkos Arbeit jetzt einer Kritik von rein historischem Standpunkte aus zu unterziehen. Anläßlich ihres 25jährigen Jubiläums haben die jüdischen Zeitschriften die Verdienste Orzeßko's mit spezieller Berücksichtigung ihrer Arbeiten aus dem jüdischen Leben gewürdigt und es freut uns, an der Schwelle ihres Greisenalters das Gesagte bestätigen und noch einmal unterstreichen zu können. Die Jahre haben wohl ihren Scheitel grau gemacht, ihr Ruhmeskranz aber ist weiter jung und grün, ja, fie hat ihn durch neue Hervorbringungen noch verjüngt. Der Name EliseOrzeßko gehört der Weltliteratur an und in der Ghetto-Novellistik wird er ebenfalls einen hervorragenden Platz behaupten. Wer sich in die Psyche anders gearteter Menschen so vertiefen kann, wer sich in ein ganz fremdes Milieu, in eine ganz fremde Denkweise so hineinzuleben vermag, daß er selbst groteske Gestalten plastisch herausarbeitet und fie selbst einem von Haus aus voreingenommenen Leser verständlich und sympathisch macht, der ist das, was man einen Dichter von Gottes Gnaden nennt. Daß fie ihre angeborene Sympathie für die „Enterbten" nicht unterdrückt, daß die Tendenz eines guten, weichen, mitfühlenden Herzens auch für Andersgläubige, für fremde Volksgenossen zum Durchbruch kommt, das gereicht nicht nur der Dichterin als solcher, sondern auch dem Menschen, der Bürgerin, zur Ehre.

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