Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 620 Dr. Dlocb s Mocbenscbrltt. Nr. 32 „Anathema sit“. Zur Genesis der Intoleranz schreibt uns der gelehrte Herr Dr. Lippe aus Jassy: „Die Sentenz „Anathema sit" soll die Kirche dem Judentum entlehnt haben. Sie findet sich wohl in der Bibel zweimal, einmal in Josua (6, 17), wo es heißt, daß die im zerstörten Jericho Vorgefundenen Gegenstände der Kriegsbeute nicht benützt werden dürfen, und zweitens im Deuteronomium (7, 26), wo verordnet wird, daß die Götzenbilder der unterworfenen, heidnischen Völker vernichtet werden sollen. Diese Intoleranz gegen die Bilderanbetung hat die katholische Kirche vom Judentume nicht geerbt. Das Verbot derselben ist im zweiten Gebot des Dekalogs im Alten Testamente enthalten. Dieses Gebot hat die Kirche aus ihrem Katechismus gestrichen, und um die Zahl 10 zu behalten, das Zehngebot in zwei geteilt. Die Sentenz „Anathema sit" bezieht sich im Alten Testamente auf materiale Gegenstände, auf's geistige Gebiet versetzte sie die Kirche. Im Draetae Aboda sara (40, b et 42, a) wird vom Verbote der Benützung der Götzenbilder gesprochen, wo es heißt: „Die Gelehrten verboten die Benützung jener Götzenbilder, die mit einer Kugel oder mit einer Schüssel in der Hand abgebildet sind. Die Kugel stellt nach Erklärung des Talmud die Erde dar, weil die Erde die K u g e l f o r m hat. Die Kirche, welche noch viel später die Ansicht von der Kugelform der Erde verketzerte, wie Prof. Dr. Oberhummer anführt, hat daher ihre bezügliche Intoleranz nicht von der Synagoge, nicht von Pharisäern geerbt. Eben so wenig ihre hartnäckige Verdammung der Ansicht Kopernikus, daß die Erde sich um die Sonne bewegt. Denn im Draetat kesaehim (94, b) wird erzählt: „Die Gelehrten Israels sagen, bei Tag wandert die Sonne unterhalb der Himmelswölbung; bei Nacht oberhalb derselben. Die Weisen der anderen Nationen sagen, bei Tag wandert die Sonne unterhalb des Himmelsgewölbes, bei Nacht unterhalb der Erde. Die heidnischen Gelehrten lehrten nach Ptolomaeus, daß die Erde feststeht und daß die Sonne sich um die Erde derart bewegt, daß sie bei Tag unterhalb des Himmelsgewölbes und oberhalb der Erde, und bei Nacht unterhalb der Erde zu wandern kommt. Rabbi Jehuda, der Fürst und Gelehrte, neigte der Ansicht der Heiden zu, verketzerte aber die Rabbinen ihrer gegenteiligen Ansicht halber nicht. Mose de Lion, der Herausgeber des kabbalistischen Soharbuches (13. Jahrhundert) beruft sich auf ein altes Werk das Kaw Hamnuna, des Greisen, worin gelehrt wird: die ganze bewohnte Erde bewegt sich kreisförmig in Kugelform, die Einen befinden sich oberhalb, die Anderen unterhalb (Antipoden). Alle diese Geschöpfe verändern ihr Aussehen infolge der Verschiedenheit der Lust (Klimas) je nach dem Orte. Sie behalten ihre aufrechte Stellung gleich den anderen Menschenkindern. Nebstdem geschieht es auf der bewohnten Erde, daß es in dem einen Orte hell und im anderen finster ist. Die einen haben Tag, die anderen haben Nacht. Es gibt einen Ort, wo es beständig Tag und bloß eine kurze Zeit Nacht ist. Nicht der Geist jüdischer Intoleranz hat die Scheiterhaufen Roms angezündet. Rabbi Jost sagte (Succa 5. a): „Nie hat sich der göttliche Gei st h er abgelassen, noch sind Moses und Elias in den Himmel ge st iegen, mit Berufung auf die Stelle des Psalmdichters, welche lautet: DerHimmel ist Gottes, den Menschen gab er die Erde." Die Rabbinen haben den Rabbi weder verketzert noch verbrannt, er blieb nach wie vor in hohem Ansehen. Die Rabbinen (Pharisäer) haben die wissenschaftliche Forschung nie verpönt, weil ihre Resultate dem Wortlaute der heiligen Schrift widersprechen. Sie suchten vielmehr ihre Rechtfertigung in derselben durch Auslegung der betreffenden Bibelstellen selbst, indem sie der Wortbedeutung Gewalt antun mußten. Ich will als Beispiel die vom Verfasser erwähnte Cosmogenie von Kant-Laplace anführen, wonach sich im Urnebel in einem Zeitpunkte infolge gegenseitiger Anziehungskraft der Atome eine verdichtete Maße bildete, wodurch das Gleichgewicht (die Ruhe) des Urnebels (Thohu-Ubohu: Chaos) gestört wurde und eine Kreisbewegung entstand, aus der sich die Himmelskörper bildeten. Aehnlich sagen die Rabbinen (Midrasch Bereschuth): „Im Momente, da Gott.gesagt hat, es werde eine Himmelswölbung mitten im Waffer, verdichtete sich der mittlere Tropfen und es entstanden die unteren Himmel und die oberen Himmel, der Himmel." Das ist eine Cosmogonie mit Anlehnung an einen- Bibelvers, um der l e tz t e r e n die wissenschaftliche Idee anzupaffen. Also kein hartnäckiges Festhalten an dem Bibelworte. Im ähnlichen Sinne lehrt auch der Talmud (Joma 84 b) mit Anlehnung an eine andere Stelle der Bibel (Hiob 38, 38). Auch das Exaemeron erlaubt sich die jüdische Exegese in einem anderen als dem wörtlichen Sinne aufzufassen, um der Wissenschaft gerecht zu werden. Die Rabbinen kennen einen Gottestag von 1000 Jahren, gestützt auf dem Satze des Psalmendichters: Tausend Jahre sind in deinen (Gottes) Augen gleich dem gestrigen vergangenen Tag. Darauf sagt der Talmud: In sechstausend Jahren ist die Welt (Erde) entstanden. Ferner: „Da es in der Schöpfungsgeschichte heißt: „Und Gott sah, daß Alles, was er gemacht, sehr gut ist, so folgt daraus, daß Gott wiederholt Welten schafft und wieder zerstört." Die verhöhnte jüdische Kabbala lehrt, daß die Welt (Erde) schon zum Viertenmal entstanden sei Md daß der Mensch schon zum zweitenmal auf Erden da ist. Erstes wird durch vier Striche auf dem ersten Wort des Pentateuchs, das zweite durch den vergrößert geschriebenen Anfangsbuchstaben dieses Wortes (B <= 2) symbolisiert. Die Meinung, daß die Araber im Mittelalter die Geisteserzeugnisse altgriechischer Kultur weiter gebildet haben, erhält sich bei den europäischen Gelehrten, ohne sich Rechenschaft zu geben, wie das möglich war, da die Araber der Sprache der Griechen nicht kundig waren, während bei den jüdischen Gelehrten diese Sprache nebst der hebräischen — mit Ausschluß der syrischen — seit Jahrhunderten Gelehrtensprache war, in der sie zahlreiche Originalwerke schrieben, von denen sich noch viele erhalten haben. Nicht so die amerikanischen Gelehrten (Dropper, Gerecke), die gründlich nachwiesen, daß die Juden es waren, bei denen sich, nach der Zerstörung der berühmten Bibliothek im Serapeum in Alexandrien, Werke griechischer Kultur iu Kopien und in Uebersetzungen erhalten haben und die sie im Verlaufe des Mittelalters in erster Reihe und in zweiter Reihe die Araber gepflegt haben. Die Juden waren die Lehrer der Araber. Die tausendjährige Kulturbrücke über dem tiefen geistesfinsteren Abgrund des Mittelalters, deren eine Fuß im Altertum und deren anderer in der Renaissance stand, war eine jüdische. Dr. Lippe. Der VIII. Zioniftenkongreß. Die zionistische Weltorganisation wird vom 14. bis 20. d. im Haag ihren achten Kongreß abhalten, nachdem die bisherigen sieben Kongresse in Basel und London stattgefunden haben. Bis jetzt sind gegen 400 Delegierte in allen Teilen der Welt gewählt. Mehr als 30 Delegierte kommen aus Amerika; aus Südafrika wird gleichfalls eine starke Delegation auf dem Kongreß anwesend sein, Sibirien entsendet ebenso seine Vertreter wie Neuseeland, China ebenso wie Argentinien. Aus Rußland kommen mehr als 150 Delegierte zum Kongresse. Die vier Mitglieder des Jüdischen Klubs des österreichischen Reichsrates werden ebenfalls als Delegierte auf dem Kongresse anwesend sein, des Ferneren eine Reihe von ehemaligen Mitgliedern der ersten russischen Duma. Die auf dem Kongreß zu haltenden Referate dürften sich abgesehen von den Eröffnungsreden und den Berichten der Palästinakommission und des Nationalfondsdirektoriums, auf folgende Materien erstrecken: Organisation, Gegenwartsarbeit: 1. Nationale Erziehung a) in Palästina, b) in der Diaspora; 2. Emigration; 3. Jnnerpolitische Tätigkeit — ferner Agitation und Propaganda. Versammlungs- und Sitzungstafel. Konferenz der russischen Landsmannschaft: 9.—13. August. — Sitzung des deutschen Zentralkomitees: Montag 12. August nachmittags 3 Uhr. — Konferenz der deutschen Landsmannschaft: Dienstag 13. August, vormittags 10 Uhr. — Engeres Aktionskomitee: Sonntag 11. August, nachmittags 3 Uhr. — Großes Aktionskomitee: Montag 12. August, vormittags 11 Uhr. — Legitimationsausschuß: Sonntag 11. August, Permanenzausschuß: Dienstag 13. August. Aufsichtsrat der Bank: Montag 11. August, vormittags 10 Uhr. — Foundershares: Montag 12. August, vormittags halb 11 Uhr. Die Organisation „Hapoel Hasair" wird in Gemeinschaft mit den „Zeire Zion" und der „Hatechija" einige Tage vor dem Kongreß eine Konferenz der Delegierten dieser Gruppen veranstalten mit folgendem Programm: 1. Fragen des 8. Kongresses. 2. Schaffung eines einheitlichen Programms und einer interterritorialen Organisation der Jugend. 3. Komitee für Palästina. 4. Arbeiten dieses Komitees. 5. Parteiorgan für Palästina. Der Kongreß wird am 14. August vormittags 10 Uhr im Gebäude für Kunst und Wissenschaften eröffnet werden. Die Delegierten werden gebeten, im Frack oder Gehrock zu erscheinen. An den Bahnhöfen im Haag werden Orientierungstafeln aufgestellt sein. Auch erhält jeder Delegierte auf Wunsch eine Orientierungskarte vom Haag zugesandt. Beim Kongreßbureau Haag, Heerengracht 13, sind Wohnungen in allen Preislagen zu haben. Vorausbestellung ist zu empfehlen. Ebenso ist es angebracht, für Gäste des Kongresses schon jetzt Galeriekarten zu bestellen.