Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Llocv s Mocbenscbrrtt. Sette 515 Bestandteil eine Ethik ist, die, soweit sie auf allgemeine Anerkennung Anspruch machen darf, bereits 1000 Jahre vor Buddha Viel klarer und schöner von Moses verkündet worden ist (S. 74). An der Hand gründlicher juristischer Quellenkunde liefert Justizrat Bernhard Breslauer „Parallelen zwischen jüdischem und deutschem Recht". Gestützt von erstaunlicher Vertrautheit mit beiden Rechtsgebieten, läßt der Autor alle richterlichen Disziplinen vor uns Revue passieren : Strafrecht, Grund-, Befitz- und Mietsrecht, Obligations- und Pfandrecht, Familien- und Eherecht, um schließlich zu dem Ergebnis zu gelangen: „Daß der Inhalt des jüdischen Rechts sich mit demjenigen des späteren und der heutigen Zeit decke, ja, daß gewisse Anordnungen und Vorschriften schon im jüdischen Recht vorhanden waren, deren Aufnahme in das heutige erst nach mühsamen und jahrelangen Anstrengungen von Wissenschaft und Praxis gelungen ist" (S. 96). Den Höhepunkt literarischer Aktualität gewährt der Beitrag: „Religion und Sittlichkeit" vom Geheimen Regierungsrat Professor Hermann Cohen in Marburg. Der Meister der Logik des reinen Erkennens, der Ethik des reinen Willens wägt hier auf der Goldwage haarscharfer Dialektik die Selbständigkeit des Kulturbewußtseins gegenüber dem wahren Wesen der Religion ab. Die glänzende Abhandlung hat die Frage zum Gegenstand: In welcher Wurzel der Kultur ist die Kraft gelegen, aus welcher der Kulturmensch das Recht der Freiheit, seiner Religion gegenüber zu schöpfen vermag? (S. 101). Die Antwort auf diese Frage, gleichzeitig das Ergebnis einer großartigen Gedankenoperation, lautet: Die Arbeit für die hohe Kultur, auch wenn sie in aller Aufrichtigkeit geübt wird, bringt den Einzelnen nur zu leicht in die Gefahr, gleichsam mit dem Gesetz der großen Zahlen, der großen Zeitläufe und der großen Menschengruppen lediglich zu operieren; darüber aber das kleine Maß für die eigene Größe zu vernachlässigen. .. Dagegen bietet die Religion einen Schutz, dessen Nachteile, in Bezug auf die Selbständigkeit der Sittlichkeit, durch diesen wichtigen Vorteil überboten werden dürften ... Es genügt nicht, es ist nicht geziemend, und es verheuchelt die Sache, wie die Person: das allgemeine Menschheitsideal zu verkündigen, wenn nicht zugleich die strenge, gewissenhafte, bescheidene Arbeit an dem eigenen Selb st zur Vorbedingung erhoben wird. Und in der messianischen Religion ist dieser Zusammenhang zwischen der Menschheit und dem Individuum die durchwirkende Grundlage. (S. 164 f.) Dieses Ergebnis wird beleuchtet durch eine Reihe tiefer Kernsprüche, die schon an sich wie fein ziselierte Gedankensplitter hervorglänzen: „Götter und Gott: Die tiefste Kluft, welche in der gesamten Kultur zu erspähen sein dürfte, trennt diese beiden Begriffe von einander (S. 122). .Nicht darf der Blick auf die Linie geheftet bleiben, deren einen Grenzpunkt das Ich und den anderen der Gott bildet; sondern ein anderes, ein ganz anderes Verhältnis muß in die Blicklinie eintreten; das Verhältnis des Ich zum Mitmenschen (S. 123 f). Nicht von &ott rückwärts zu den Menschen, sondern von den Menschen aufwärts zu Gott (S. 124). Die Idee der Menschheit ist die Frucht der Einheit Gottes . . . Nur durch die Einheit Gottes vermochten die Propheten die Einheit des Menschengeschlechtes, den höchsten, den letzten Gedanken der Sittlichkeit zu entdecken (S. 140). Als einer der Wege zur Sittlichkeit ergibt sich — und darin beruht die besondere Aktualität dieser Studie — die Tugend der Treue, der Pietät für die angestammte Religion. Wahrhaft goldene Worte find es denn, die Cohen hier an die „Krankheit des Jahrhunderts", an die Taufsucht, richtet: Ein sittlicher Mensch, ein Kulturmensch bleibt nach dem tiefen G o e t h e'schen Worte „an dem stillen Ort", an dem er zur Welt gekommen ist. Er ist da zugleich in die sittliche Welt eingeboren worden. Denn echte Kulturmenschen beherzigen auch den Vordersatz dieses Goetheffchen Spruches: »Frage nicht, durch welche Pforte du in Gottes Stadt gekommen." (S. 165.) Aber unser Denker geht dem Uebel auf den Grund. Denn, wie schon das Sprichwort lautet, nicht die Maus, sondern das Schlupfloch ist der Dieb. Jene Instanzen find für die Gefinnungskorruption verantwortlich, die in der Taufe liegt, jene Instanzen, welche diese Charakterlosigkeit nobilieren und dekorieren. Nur ein Charakter, der für seine Ueberzeugung schwere Opfer gesellschaftlicher Art zu bringen fähig ist, nur ein Geist, der lieber mit seinem engumfriedeten, aber bedeutsamen Wirkungskreis sich begnügt, um nur nicht seiner Gesinnung untren zu werden, wie es der Schreiber dieses als Hörer des gefeierten Mannes an demselben jahrelang zu beobachten Gelegenheit hatte, nur ein solcher Geist besitzt das Empfinden, Worte wie die folgenden an die Adresse der genannten Instanzen zu richten. Wir bieten diese Apostrophierungen nur in knapper Auswahl: „Wir gründen das Recht für die Fortexistenz der Religion auf die Pietät der Treue. Ihr fällt die zarte, sittliche Aufgabe zu, die Geheimniffe der Religion für die sittlichen Werte auszudeuten (S. 166). Aber die Pietät in der Religion wird in der Achtung und Sympathie für andere Religionen sich berühren. Kann sie das nicht, so widerlegt sie sich selb st und begibt sich somit ihres Anteils an dem geschichtlichen Idealismus, welcher der Religion zusteht (S. 168). Der Glaubenswechsel . . als Bedingung zum Amte versetzt die Wurzel der Amtsehre in Fäulnis. Denn diese liegt auch in der Tugend der Pietät. Wenn daher der patriotische Mitbewerb an den Staatsämtern an offenkundigem Cynismus, an den Glaubenswechsel gebunden wird, so ist es eine dreifache Verfälschung einer sittlichen Pflicht, der man sich schuldig macht: man entehrt die Religion, das Vaterland und den Staat . . . Um es schroff, aber deutlich auszudrücken : Wenn diese Verhöhnung der Religion, wie sie bei uns jetzt Politik ist, fortdauern könnte, so würde man denen Recht geben können, welche an der Möglichkeit einer anständigen Religion überhaupt verzweifeln. (S. 169.) Das ist einmal ein Wort zur rechten Zeit. Es wird vielleicht noch nicht das erhoffte Echo erwecken; aber, wie Heine einmal sagte, in den deutschen Bierstuben wird es noch lange uachhallen. Immerhin dürfen die in gleicher Lage sich befindenden Ueberzeugungsgenoffen des Autors trostreiche Gewähr darin finden, daß eine solche geistige Kapazität seine Auseinandersetzung mit den Worten beschließt: Auf Seiten des modernen Judentums werden die sittlichen Kulturtendenzen immer deutlicher und immer vorwiegender zur Ausprägung gebracht . . . Theoretisch wie praktisch lebt der prophetische Sozialismus in den messianischen Ideen und den festlichen Einrichtungen der Synagoge, wie in der Vollmacht ihrer Armenpflege und ihrer Notwehr gegen die internationalen Vergehungen und Verbrechen an ihren Glaubensgenossen. (S. 170.) Cohens Beitrag (er dürste bereits im Separat-Abdruck erschienen sein) sollte in keiner .üdischen Familie fehlen! * S. Bernfeld entwirft eine lebendige Charakteristik des leidgeprüften Dichterphilosophen M. CH. Luzzatto (1707—1747). Verklärt von dem Glanze einer streng wissenschaftlichen Würdigung, feiert dieser Märtyrer seine Auferstehung zu neuem ehrenvollen Andenken. In der lieblichen Novelle „Mischpoche" entrollt Ulrich F r a n k's Feder ein Bild altpatriarchalischen jüdischen Familienlebens aus halbverklungener Zeit. Tendenz dieses Bildes ist : Gegenseitige Opferwilligkeit und Hingebung der Juden untereinander. Und als abgekürzter Ausdruck dieses Gedankens kann das Wort dienen: Die unserer begehren aus unserem Stamme, weil sie zu schwach waren und find, um allein vorwärts zu kommen, bedürfen so wenig in ihrer Armseligkeit._Die Ausschreitenden, denen muß geholfen werden. Das ist nun einmal das Los und der Sinn der „Mischpoche", und man soll sich seiner nicht entäußern, so lange Juden nur auf Juden angewiesen find. (S. 244.) Auch hinsichtlich der geistigen Förderung, der wissenschaftlichen Opferwilligkeit — sie war ja stets im Judentum erhebend — find alle Mitglieder der großen „Familie" unseres Stammes aufeinander angewiesen. Das Jahrbuch der deutschen Literaturvereine erwarb sich auch diesmal nach dieser Richtung hin ein Verdienst. Mögen Herausgeber und Mitarbeiter hierin eine Genugtuung erblicken! Reutitschein, im Juni 1907. Dr. Simon Mandl.