Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Llocb's Mocdenscvrin. Sette 513 der kummervollen Sorge, welche ihre fromme Seele peinigte, ein förmlicher Tränenstrom. Da erblickte ein vorübergehender, reicher Jude die in Tränen aufgelöste, nicht unschöne Frau mit ihren interessanten, mystisches Wesen verratenden Zügen. Was bekümmert denn Deine Seele so sehr, meine Tochter, srug teilnahmsvoll der reiche Jude die weinende Tochter Bescht's, die er sonst nicht kannte. Edel antwortete anmutig: Ja, wenn ich die Frömmigkeit, die Heiligkeit meines Vaters und die ihm innewohnende Wunderkraft schildern oder beschreiben wollte, so würden nicht genug Schreibfedern, würden nicht vollgefüllte Fässer mit Tinte und vollgepfropfte Magazine mit Papier hinreichen, um meiner Aufgabe nur teilweise Nachkommen zu können. Und sehet, dieser fromme Mann, dieses Licht Israels befindet sich in der größten Notlage. Ja, wir sind nicht einmat im Besitze eines Metaliks (türkische Münze), um uns das Notwendigste für das vor der Tür stehende Passahfest anschaffen zu können. Von Mitleid gegen die fromme Tochter Israels ergriffen, von heiliger Ehrfurcht vor der Frömmigkeit und Geistesgröße ihres Vaters erfüllt, erklärte sich der reich? Jude bereit, Vater und Tochter für die Dauer des Passahfestes bei sich aufzunehmen und sie zu bewirten. Er gab ihr die Adresse seiner Wohnung an, sie bittend, daß sie mit ihrem Vater sich bei ihm als seine lieben Gäste ehestens einfinden. Freudigen Gemütes eilte Edel zu ihrem Vater, ihm die frohe Botschaft überbringcnd, daß ein edelgesinnter reicher Stammesbruder sich ihrer anzunehmen bereit erklärte und sie aufforderte, mit ihrem Vater sich zu ihm zu begeben. Als Beseht dieses hörte, leuchtete sein Geist wieder aas und die göttliche Gabe prophetischer Kraft, die ihn infolge des großen Druckes, den das Elend auf sein Wesen ausgeübt hat, eine Weile verlassen hatte, hielt wieder bei ihm ihren Einzug. Er richtete sich empor und dankte Gott mit den Worten: Gepriesen sei E r (Gott), der solche, welche erniedrigt wurden, zu sich wieder erhebt. Am Morgen vor der Feier finden wir Bescht im Hause des reichen Mannes fröhlich, heiter, ja lustig konnte man sagen. Es wurde ihm der feinste Wein, über den der wohltätige Gastgeber verfügte, kredenzt, den Bescht, entgegen dem Brauche, unmittelbar vor den großen Zeremonienabende des Festes keinen Wein zu genießen, mit einer gewissen Lust trank. Während wir nun Bescht im Hause des reichen Juden sehen, fand droben im Himmel eine stürmische Versammlung unter dem Vorsitze Gottes statt. Gegenstand der Verhandlung war der Prügelknabe der Völker, Israel! Es würde über Judas Schicksal hin und her debattiert, es erhoben sich Stimmen pro und contra, endlich siegte Israels Gegenpartei, wie es gar häufig der Fall zu sein pflegt. Israel, hatte im Himmel viel Ankläger, aber blutwenig Verteidiger. Inzwischen nähert sich die Sonne dem Westen, gar bald trafen ihre Strahlen nur noch die schneebedeckten Bergesg'pfel. Ter reiche Jude, der sich glücklich fühlte, den göttlichsten Mann der Welt mit seiner frommen, keuschen Töchter in seinem Hause beherbergen und bewirten zu können, wollte sich angeüchts der heranrückenden Abendstunde in das Gotteshaus zum öffentlichen Abendgottesdienst begeben, aber siehe da, der Baal'chem ist nicht da. Er begab sich daher in das Gemach, das dem Wundermann und Heiligen angewiesen worden war, um ihn in das Gotteshaus -mitzunehmen, und siehe da, welch eigentümlicher rätselhafter Anblick bot sich da dem Gastgeber dar! Der Baalschem liegt auf dem Divan ausgestreckt da, der Körper ist unbeweglich, dagegen gleichen seine Augen einer unversiegbaren Doppelquelle, aus der heißes, ja brühwarmes Wasser unaufhörlich sprudelt. Aus seiner Kehle vernahm man ein fürchterliches Gebrüll, das durch seine unartikulierten Laute dem Anwesenden wahre Schweißtropfen voll Todesangst abrang. Der Gastgeber faßte in dieser Stunde unheimlichen Schreckens Mut und weckte den wunderlichen Mann mit den Worten auf: Es ist Zeit, das Minchagebet zu verrichten. Der Baalschem sprang vom Divan, hüpfte herum wie ein Kind und in ausgelassener kindischer Freude wiederholte er oft singend die Worte des Psalmisten: „Lobpreiset dem Ewigen, dem, der allein große Wundertaten ausführt, denn ewig dauert feine Gnade." Es wurde dann das Minchagebet mit großer Ekstase verrichtet und nach Vollendung der übrigen Gebete wurde der Tisch gedockt, um mir der vorgeschciebenengroßen Zeremonie des ersten Pass'ahabends zu beginnen. Vor Beginn derselben jedoch bemerkte der Baalschem zu seinem splendiden Gastgeber, daß er ihm nach Schluß der ganzen Zeremonie, wie nach eingenommenem Mahle über das Befremdliche Aufklärung geben werde. Die Zeremonie begann: zu beiden Seiten des Baalschem türmten sich zwei leuchtende Feuersäulen empor, geradeso wie zur Zeit des Auszuges der J'raeliten aus Egypten. Endlich vernimmt man die Worte aus dem Munde des Baalschem: Gott sei Dank und Lob, daß die Trauer in Freude, Unheil in Jubel verwandelt wurde! Und nun begann der Mann Gottes seine Erzählung etwa folgendermaßen vorzutragen: Hier in Stambul regierte vor nicht langer Zeit ein Sultan, dem die Juden ans Herz gewachsen waren, er liebte das auserwählte Volk mir allen Fasern seines Herzens und seiner Seele, und zum Beweise dafür, daß seine Liebe und Neigung zum jüdischen Volke nicht wäfferig, sondern echt sei, betraute er einen Juden namens Mose mit dem höchsten Staatsamt. Er erhob ihn nämlich zu seinem Beste r. Dieses erweckte den Neid der muselmännischen Welt; doch solange der Sultan lebte, nützte den Neidern Moses keinerlei Ränkeschmieden. Als aber der welterfahrene, greise und milde und wohlwollend gegen alle seine Untertanen gesinnte Sulran das Zeitliche gesegnet und sein von Paris herbeigernsener Sohn und Thronfolger die Zügel der Regierung ergriffen halte, die er genug stramm anzog. glaubten die Feinde Israels, nun sei die Zeit gekommen, dem auserwählten Volke Gortes den letzten Todesstoß geben zu können. Ein iudenfeindlicher Staatsmann von der bösen und verwerflichen Gesinnung Hamans wußte sich die Gunst des jungen Sultan, der seinem jüdischen Vesier noch immer gewogen blieb, in hohem Maße zu erwerben. Die großen Zeremonienabende des jüdischen Freiheitsfestes waren herangerückr und der erwähnte judenseindliche Staatsmann, der nun ein hohes Amt beim Sultan bekleidete, wußte diesen zu bewegen, daß er in seiner Begleitung und Gesell'chaft allabendlich eine Spazierfahrt durch die Straßen Konstantinopels unternehme, und zwar vornehmlich durch diejenigen Straßen, die zumeist von Juden bewohnt werden. Der Sultan ließ sich dazu überreden. In den von den Juden bewohnten Straßen ging es feierlich zu. Kein Handel und Wandel ward getrieben, galt es doch, den heiligen Zeremonieabend des jüdischen Freiheitsfestes würdevoll zu begehen durch ergreifende Gebete, wie nicht minder durch weihevollen. Herz und Seele zu Gott erhebenden Sang. Man hörte also in den Straßen jenen weinerlich-fröhlichen Sang in den Häusern der Juden ertönen, jenen Verzweiflung verratenden und doch neue Hoffnung atmenden Sang, durch den die echt jüdisch fühlende Seele so recht gekennzeichnet ist. In dieser Stunde sehen wir den Sultan in Begleitung seines judenfeindlichen Würdenträgers die Rundfahrt durch Byzanz' damals reichgezierten Straßen machen. Der besagte Würdenträger ließ diesen von ihm so sehnsuchtsvoll h.rbeigewüuschten und für ihn so günstigen Moment nicht unbenützt vorübergehen. Er lenkte vielmehr mit folgender gehässiger Rede die Aufmerksamkeit seines kaiserlichen Herrn auf die Juden: Siehe. Hub er seine Verleumdungsrede gegen Israel an, wie die Juden gleich Fürsten und Prinzen in Palästen wohnen, mit Gold und Silber das Innere ihrer Häuser schmücken, Festgelage halten, der Freude und dem Genüsse sich hingeben, so daß ihr Gesang auf den Straßen gehört wird, und dabei ganz andern Gesetzen ihre Ehrfurcht entgegenbringen als ben kafferlichen. Ich würde Dir einen Rat geben, der für Dich. siE unser Land und Volk sehr gut wäre. Die Juden unseres Landes sollten einfach verjagt, ihre Güter konfisziert werden, während der Jude Maies, der ungerechtfertigter Weise das höchste Staatsamt bekleidet, zu dem doch nur ein gläubiger Muslem berechtigt und befähigt wäre, durch den Strang hingerichtet werden müßte und sollte. Der junge Sultan, der in solch wichtigen Angelegenheiten nicht einmal es der Mühe für wert fand, sich die Sache genauer zu überlegen, stimmt dem Ratschlag seines otutrünstigen Würdenträgers zu, unterfertigte noch unterwegs das von seinem