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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-02 · 31 (2.8.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 509 Nr. 3i Hr. Mocd's Mocdenscdrm. von der lächerlichen Tränenseligkeit der Russen, das Unglück der edeln Sklaven, die noch heute unter der Knute roher Bedränger Python und Rhamses bauen, aber auch die Poesie jüdischer Feste, jüdischen Familienlebens, aber auch die große jüdische Zukunftshoffnung fanden an ihm einen Sänger, der feine Weichheit und starre Kraft in klingende Verse voll dramatischer Lebendigkeit formte. Von allen Vortragstribünen des jüdischen Publikums sprach Rosenfeld zum Volke, gern zufrieden mit dem Beifall, als seine letzte Anstrengung noch den dürftigsten Unterhalt für ihn und die Seinen am Arbeitstisch erwarb. Wie aber die übermüdeten, vom Gatten und Vater sündhaft in Anspruch genommenen Augen den Dienst versagten, als es notwendig wurde, nicht Beifall zu spenden, sondern Nahrung, da vermochten die Juden den größten ihrer jetzt lebenden Dichter vor dem Hungertode nicht zu bewahren. Dem Volke gebührt dafür kein Vorwurf. Die Armen und der Mittelstand gaben, wie eben Leute geben können, an deren Pfennigen die Sorge klebt, woher morgen der Tisch gedeckt werden soll. Sie gaben gern, einmal, zweimal, aber eine Familie will immer essen und Rosenfeld verdiente nie. Was aber kümmerten sich unsere Reichen, deren Frauen in ihren herrschaftlichen Villen und Stadthäusern Nachdenken müssen, wie sie ihr Geld unter dem möglichst größten Aufsehen ausgeben können — was kümmerte sie das große Trauerspiel in der Hester-Street New-Iorks, dessen Held ein großer jüdischer Dichter war? Sie haben keine Ausrede, nicht die kleinste. Weder die Finanzbarone des Berliner Tiergartenviertels noch der Wiener Cottage noch des Westend von New-Iork. Schon vor Monaten ging ein Hilferuf für den Dicht-r durch die jüdischen Blätter, aber er drang nicht über die Schwelle, die der Geiftlchkeit aller christlichen Konfessionen so weit offen steht. Das berühmte Konto K, auf welchem die Beiträge für Kirchenbauten verzeichnet stehen, weist in vielen jüdischen Häusern große Summen auf. Aber jüdische Kunst und Wissenschaft ist für diese Herrschaften ein schauderhaftes Andenken an jene Zeit, in welchen ihnen noch nicht echte christliche Barone die große Ehre erwiesen, Einladungen zum Souper huldvoll anzunehmen. In diesen Kreisen erstickt man förmlich vor Kunstbegeisterung, aber einen echten jüdischen Dichter ließ man bei lebendigem Leib vermodern. Man stiftet und testiert, um den jüdischen Edelmut zu beweisen, der oft genug eine jüdische Dummheit ist, weil er die Antisemiten zu lachenden Erben macht. Selten aber fällt für geistige jüdische Zwecke von diesen Stiftungen und Testamenten mehr ab, als ein jämmerliches, ungern gegebenes Almosen. Kühl bis ans Herz hinan bleiben unsere Reichen gegen den Sturm, Not und Drang im Leben und Wirken der jüdischen Dichter, des jüdischen Volkes. Carnegie, Morgan und alle die anderen Finanzgrößen der Anglosachsen wetteifern in den Beiträgen, die sie dem Fortschritt ihrer Volksbildung widmen. Unsere jüdischen Größen wetteifern im Gegenteil. Hätte eine große Stiftung bestanden, die berufen war, den Geist großer Männer des jüdischen Geisteslebens von der Sorge zu entlasten, so hätte Rosenfeld seine Todesangst vor dem Bettel nicht mit dem Tode bezahlen müssen. Vielleicht, wir wagen nicht daran zu denken, wird sein Märtyrertod das Leben seiner Frau und seiner Kinder sein. Vielleicht wird man an diesen einen Teil der schweren Sünde wettmachen, die man an Rosenfeld begangen hat. Vielleicht, und das wäre mehr, würde sich das jüdische Gewissen für Rosenfelds Schicksalsgenossen regen, die Männer des jüdischen Geistes, die meistens bis zum Tode gegen den Tod zu kämpfen haben. Mag aus dem Grab des unglücklichen Großen unserer Dichtkunst der jüdische Geist sich erheben zu einem Rundgang durch unsere Häuser und Paläste, die Herzen aufzuwecken zum Gange in das Haus Jehudas! I. U p r i m n y. Moritz Ka;arus' Keberrserrrniernrigerr.*) Bearbeitet von Nah'da Lazarus und Alfred Leicht. Frau Nahida Ruth Lazarus, die treue Gefährtin in den letzten Jahren, die literarische Gehilfin ihres berühmten Gatten, hat durch die Herausgabe dieser Lebenserinnerungen nicht bloß ihm, sondern auch sich selbst ein dauerndes Denkmal gesetzt und sich den Dank all Jener erworben, die den edlen Menschen und großen Denker kannten. Professor Lazarus, der vermöge seines liebenswürdigen Charakters und seiner unvergänglichen, philosophischen und völker-psychologischen Arbeiten sich aus kleinen Anfängen eine hervorragende, soziale Stellung und einen gefeierten Namen erworben, tonnte auf hohe Verbindungen und ein inhaltsreiches Leben zurückblicken, indem er in nahen Beziehungen zu den ersten Koryphäen seiner Zeit stand, die bleibende Spuren im Bereiche der Wiffenschaft. der Literatur und Kunst zurückließen. Die gelehrte Welt kennt die epochalen Werke, durch die Lazarus die Fortdauer seines Namens sicherte. In erster Reihe „Das Leben der Seele" — „Was ist national?" — „Die Ethik des Judentums". Gediegene, geist-und sinnreiche Arbeiten, welche die Zeit überdauern werden. Dabei war er kein weltscheuer, düfterblickender, freudlos grübelnder Gelehrter, der die Genüsse des Lebens mit dem Bahrtuche der Asketik und der Entsagung bedeckt; er war vielmehr ein Mann, der die Geselligkeit gerne suchte und von der Gesellschaft gesucht wurde. Er kam zu Hofe, wo er namentlich die Gunst des damaligen Kronprinzen, späteren Kaisers Friedrich und seiner hohen Gemalin genoß; er wußte immer seinen Arbeiten eine Stunde für seine Freunde und die zahlreichen humanitären Anstalten abzukargen, denen er als dreizehnfacher Präsident Vorstand. Er fand Zeit zu einer sehr ausgedehnten Korrespondenz und zu Aufzeichnungen, aus denen jetzt die Witwe reichlich schöpfen kann und auch reichlich schöpft. Diese Aufzeichnungen find eigentlich keine Memoiren, sondern lose Blätter, die nacheinander und durcheinander in die Tiefe des Schreibtisches flatterten, aus der sie jetzt die geschäftige Hand der literarisch reichbegabten Frau herausholt, um sie der Mit- und Nachwelt zurechtzulegen. Bei aller Anerkennung der Pietät für den Verstorbenen und des wertvollen Materiales, das sie in emsigem Schaffen zutage förderte, kann ich der Herausgeberin nicht zustimmen, daß sie das ihr von ihrem Gatten ausgeführte Monument zu sehr in die Länge und Breite trieb. Es sind zu viel große und kleine Figuren um der Havptgestalt und von jeder Nebenfigur zu viel Biographie und Einzelheiten — zu viel Bäume im Wald. Allerdings werden meist Namen von hellem Klang vorgeführt. Männer der Kunst, der Wiffenschaft und der Poesie, deren Werke ihnen die Unsterblichkeit sichern: Rückert, Reuter, Auerbach, Freitag, Gutzkow, Lasker, Menzel, Paul Heyse und Georg Brandis — man blickt in eine Zeit, die noch nicht ferne liegt und doch von der Gegenwart scharf geschieden ist, wie klassische Werke von ephemeren Erscheinungen, wie sonnige Höhen von dem Dunst und Qualm der Niederungen. Und mitten in dieser Korona die freundliche, durchgeistigte, ehrsurchtgebietende Lichtgestalt des Mannes, der zuerst Bern und dann Berlin zierte, zwei Generationen lehrte, eine neue Wiffenschaft gründete und nun in einem schattigen Winkel des jüdischen Friedhofes in Meran den ewigen Schlaf schläft, im Tode wie früher im Leben viel besucht und viel geehrt. Aus einiger Erfahrung kenne ich den Z ruber, den die Persönlichkeit des liebenswürdigen Philosophen ausübte und kann mich nicht wundern, daß er so viele und so bedeutende Männer in seinen Bannkreis zog. Und diese Ruhe, diese Milde, diesen geistigen Sonnenschein bewahrte Lazarus trotz langen Leidens bis an sein Lebensende. Ich erinnere mich und werde mich lebenslang daran erinnern, wie ich nur wenige Stunden vor seinem jähen Tode ihm gegenüber saß, über sein jüngstes Werk sprach und ihn frug, wie weit der zweite Teil seiner „Ethik *) Diese Besprechung hat sich durch anderweitige Arbeiten und längeres Unwohlsein verzögert.

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