Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 608 L)r. Lloco s Mocvenscdrirr. Rr. 31 gegenüber dem Deutschland der Gegenwart wesentlich andere Züge aufwics. Aber nicht nur in Ländern, in denen sich der Antisemitismus geltend gemacht hat, ist eine Enttäuschung bei den Juden eingetreten, sondern diese Enttäuschung geht tiefer, weil gewissermaßen nicht bloß das wirtschaftliche Prinzip des Liberalismus aufgegebcn. sondern Europa, ich möchte sagen die europäische Kultur,?u dem Geständnis ihres Bankerotts gekommen ist. Herbert Spencer hat vor Kurzem bei der Publikation des letzten Bandes seiner Philosophie erklärt, er wisse eigentlich nicht, ob sein Buch noch gelegen komme; als er es angefangen habe, sei eine andere Zeit gewesen, als die jetzige des Krieges Aler gegen Alle. Zu einem ebenso resignierten Urteil gelangt Sir John Lubbock. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich bebaupte, daß Lubbock neben Spencer derjenige ist, welcher in seinen publizistischen Arbeiten am meisten den Individualismus und den Liberalismus betont hat. Lubbock erlangte Alles, was man im Leben wünschen kann, ein an wissenschaftlichen Erfolgen reiches Leben, Adel und großen Reichtum und bis zum Alter war ihm Frische und Gesundheit gegeben. Es war also nicht Impotenz, die ihn auf dem Pariser Sozialistenkougreß von 1895 zu der Erklärung veranloßte: «Ich bin zwar nicht für den Sozialismus, denn ich nehme au, daß er unmöglich ist, aber die jetzigen Zustände halte ich auch für unmöglich." Nun, meine Damen und Herren, eine Umgebung, die in dieser Weise vom Katzenjammer erfaßt ist, ist natürlich nicht geeignet, Propaganda zu treiben. Wo unsere Umgebung nicht an sich glaubt, ist sie nicht geeignet, uns zu veranlassen, so ohueweiters sich ihr und ihren Anschauungen anzubequemen. Enttäuschung und Katzenjammer sind also das Ergebnis, nachdem 2000 Jabre die christli e Kultur in den europäischen Ländern wirken konnte! Indessen nicht nur das negative Moment hat mitgespielt, sondern auch positive Momente haben beigetragen, uns Juden von der Assimilation abzubringen. Nachdem man uns angriff, waren wir genötigt, uns zu verteidigen, und das hat uns dazu geführt, uns genauer mit uns bekannt zu machen, als es bisher der Fall war. Ich kann da auf unseren eigenen Verein als ein sehr erfreuliches Resultat des Antisemitismus Hinweisen. Wir haben früher gegen das Schächten geeifert und gesagt, was soll das eigentlich, es ist Unsinn. Nachdem wir gezwungen waren, zu prüfen, stellte es sich heraus, daß die bedeutendsten Physiologen Deutschlands das Schächten für eine der besten, vielleicht die beste Tötungsart erklärt haben. Es ergab sich die merkwürdige Tatsache. daß die armen Juden, welche nach jüdischen Ritualgesetzen leben, biologisch besser gestellt sind als die reichen Affimilanten. während bei Andersgläubigen umgekehrt die Wohlhabenden langlebiger sind als die Armen. Da nun die meisten Menschen gern lange leben, so war dies gewiß ein mächtiges Argument gegen die Assimilation. Endlich kam man sogar dazu, sich mit dem Talmud zu beschäftigen. Früher hatte man über seinen Geist unzutreffende Vorstellungen gehegt. Es war gebräuchlich, über den Talmud schlecht zu reden; dies geschah namentlich von Leuten, die niemals auch nur ein Wort im Talmud gelesen hatten, die im übrigen Seiten darüber streiten, wenn sie Jemand ein irrtümliches Zitat Nachweisen können. Wo also dieses oder jenes aus dem Talmud gegen uns ins Feld geführt wurde, waren wir genötigt, uns mit ihm zu beschäftigen und die Beschäftigung hat gezeigt, daß er weit besser ist, als sein Ruf. Endlich ergab sich, daß man umgekehrt sogar von uns lernen konnte. Sie wissen, daß man heutzutage dahin gelangt ist, die Sonntagsruhe gesetzlich einzuführen. Damit ist man gewissermaßen einem Beispiel gefolgt, das im jüdischen Staate vor 2000 Jahren gegeben ist. In diesem kleinen Beispiel zeigte sich, daß man mit der „Liebe" allein dock nicht mebr znm Ziele kam und daß es doch nötig war, das „kalte Gesetz" zu Hilfe zu rufen. Sie kennen ja wohl die gedankenlose Phrase, daß im Alten Testament das kalte Gesetz herrscht, im Gegensatz zum Neuen, in welchem die Liebe waltet. Das sind eigentlich keine Gegensätze. Ich möchte saaen, Gesetz und Liebe sind eben so wenig Gegensätze, als ich in Musik und Liebe Gegensätze finden möchte. Eines kann das andere enthalten, es kann es nicht enthalten, aber Gegensätze sind es jedenfalls nicht. Allein ob Gegensatz oder nicht, es zeigte sich, daß 2000 Jahre Liebe nicht genügten, dieser Einrichtung die Durchführung zu sichern. Das Mische Gesetz enthielt konkrete Vorschriften, durch welche sich seine Wirkung dauernd erneuerte, während das Ur-Christentum mit der abstrakteren Darstellung des Sittengcsetzes nur scheinbar die Gemüter beeinflußte Kant sagt in dieser Beziehung:*) „Beides, die Menschenliebe und die Achtung sür's Recht der Menschen ist Pflicht; jene aber nur bedingte, diese dagegen unbedingte, schlechthin gebietende Pflicht, welche nicht übertreten zu haben Derjenige zuerst völlig versichert sein muß, der sich dem süßen Gefühl des Wohltuns überlassen will. Mit der Moral im erstcren Sinne (als Ethik) ist die Politik leicht einverstanden, um das Recht der Menschen ihren Oberen preiszugeben; aber mit der in der zweiten Bedeutung (als Rechtslehre), vor der sie ihr Knie beugen müßte, findet sie es ratsam, sich gar nicht auf einen Vertrag einzulaffen, ihr lieber alle Realität abzustreiten und alle Pflichten auf lauter Wohlwollen auszndeuten." Noch in anderer Richtung hat der Staat von uns gelernt. Nachdem die Physiologen sich dahin ausgesprochen, daß das Schächten eine sachgemäße Tötungsart ist, hat der preußische Staat, trotzdem es sich um einen ursprünglich jüdischen Gebrauch handelt, bei verschiedenen Proviantämtern die Tötung der Schlachttiere durch Halsschnitte eingeführt. Darin sehen Sie, wie nützlich es für den Staat *) Definitiyartikel zum ewigen Frieden, Anhang H, A. E. eigentlich ist, auch Einwohner zu besitzen, welche von früher her andere Gebräuche, andere Meinungen haben. Das Trinken zum Beispiel und andere studentische Künste können die Deutschen auch allein, dazu haben sie uns nicht nötig, das haben sie früher in Deutschland auch gekonnt. Jeder hat das Recht, seiner Meinung zu sein und dannach zu handeln, vorausgesetzt, daß er nicht gegen die Staatsgcsetze fehlt. Danach ist aber die Frage der Assimilation furchtbar einfach zu lösen. Wer von uns seine Gebraucht für besser erachtet, der hält an ihnen fest; wir behalten unsere Gebräuche, wenn wir sie für besser halten und wir benützen dagegen Deutsches, soweit wir dieses für besser halten. Wir nehmen dann aber das Deutsche nicht, weil es deutsch, sondern weil es in concreto besser ist. Und der Fehler der Assimilation besteht eben darin, Alles deswegen für besser zu halten, weil es deutsch ist, ohne zu prüfen, ob es gut ist. Unsere Geschichte warnt uns davor, Alles, was nicht jüdisch ist, für besser zu halten, und wenn man von uns verlangt, Alles, was wir haben, aufzugeben zugunsten dessen, was unsere Umgebung tut, so sehen wir. daß unsere Umgebung selbst nicht nach diesem Grundsatz handelt. Man freut sich iu Deutschland, daß ein Mann, wie Karl Schurz, der in Amerika zu hohen Ehren gekommen und Senator geworden ist, auch im neuen Vaterlande ein Deutscher geblieben ist. Man wünscht, daß der Deutsche im Auttande Deutscher bleibt, während die Leute, die hier wohnen, Deutsche werden sollen. Während man sich über Magyarisierung beschwert, erachtet man die Germanisierung für eine lobenswerte Tat. Ein ethisches Moment kann ich darin nicht entdecken. Auch Lessing hat die Emanzipation dahin verstanden, daß alle Volksteile in ausgesprochener Eigenart nebeneinander leben sollen. In dem berühmten Gespräch Nathans mit dem Tempelherrn läßt er Nathan sagen: „Nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen:" Hätte er für die Assimilation sprechen wollen, so hätte er vielleicht sagen müssen: „nur muß der Brei sich mit dem Mus vertragen." Knorr und Knubben hat ersicherlich nicht als Sinnbild für die Assimilation gewählt." Dichters Tod. So hat denn das Schicksal Morris Nosenfeld erbarmungslos uiedergerungen, immer mit knöcherner Faust an seiner Kehle. Kinder schrieen und das leise Schluchzen einer Frau schlug grausam an das Ohr und das Herz des Blinden, der Flüche murmelte und mit ohnmächtiger Faust dem Himmel . drohte. In einem der himmelhohen Häuser New-Iorks, in welchen die Armen am Zinse ausgelvnchert werden und in denen der häßliche Armeleutegeruch allen Trost und alle Hoffnung verscheucht. Bis endlich der erlösende Tod auf allnmspannenden Armen den Dichter mitten durch die tosende Jagd der Großstadt nach dem Glück hinaustrug, an den Ort des Friedens, die Kunst und Schönheit hinter sich im Trauergeleite. Wie ein Bettler ist Morris Roseufeld gestorben, aber noch im Sterben ein Dichter und ein Held. Nicht dem Gold der Dichtkunst, der goldenen Dichtkunst allein hat er gelebt, blieb ein armer jüdischer Schneider, als er schon ein großer jüdischer Dichter war. Darum mußte er in bitterer Verzweiflung Falstaffs triefende Philisterpbilosophie auf ihre Wahrheit erkennen: Was ist Ehre? Kann man sie essen? Ruhm — was kaufst du dir dafür? Als der Schueidergeselle für den Dichter nicht mehr sorgen konnte, mußte der Dichter verhungern. Und er tat es, ohne daß eine entwürdigende Klage über die Wände seiner Kammer hinauskam. Doppelt elend durch Blindheit und Armut, verschmähte es Rosenfeld, seinen Freunden zur Last zu fallen, .* verkroch sich vor unserer schäbigen Wohltätigkeit, die nach Laune gibt oder abweist, versteckte sich in einer abgelegenen v Straße und starb wie ein verwundeter Löwe. Nun, ihr - Lügner vom Schachergeist und Schnorrertum der Juden, geht hin und verbeugt euch demütig vor dem Helden, der seine Ehre mit dem schrecklichsten Untergang bezahlte! Je höher und größer sich der Dichter über uns erhob, | umso schmachvoller und niedriger stehen wir vor seinem c Schatten da. In Prachtbänden wurden seine Werke in allen ^Sprachen hinausgegeben. Vrchlicky und andere Poeten ver- Hmittelten seine Schönheit ihrem Volke, wiesen auf den ameri- Mkanischen Schneider aus Rußland wie auf einen Meteor Mam Kunsthimmel hin. Wunderbar packende Kraft lag ja in MAhasvers Wanderliedern, die seinem reichen und tiefen Ge- ^mül entsprangen. Das große jüdische Leid, das weitab liegt